Mebucom / News / Events / Tools für mehr Workflow-Effizienz
Tools für mehr Workflow-Effizienz

News: Events

Tools für mehr Workflow-Effizienz

MEDIEN BULLETIN veranstaltete am 9. Oktober 2019 in München ein Executive Roundtable-Gespräch zum Thema „Tools für mehr Workflow-Effizienz“. Vertreten waren Technik-Verantwortliche aus Sendern und Produktionshäusern. Unterstützt wurde die Veranstaltung von Dalet und Quantum.

TV-Sender und Produktionshäuser sind heute mit Herausforderungen der digitalen Transformation konfrontiert. Um im härter werdenden Wettbewerb bestehen zu können, sind effizientere Workflows gefragt. Technische Infrastrukturen und Arbeitsprozesse müssen den Erfordernissen der sich wandelnden Medienwelt angepasst werden. Dabei spielen Faktoren wie Multiplattform-Distribution, Multisite-Kollaboration, Cloud- und Remote-Produktion, IT- und IP-basierte Prozesse, Automation, Künstliche Intelligenz (KI), Machine Learning (ML), Virtualisierung, Skalierbarkeit und Metadatenmanagement eine wichtige Rolle.

Im Kern geht es um die optimierte Wertschöpfung bei Inhalten. Diese müssen für die Produktion einfacher und schneller zugänglich gemacht werden, um sie dann, möglichst mit Zusatznutzen versehen, passgenau und flexibel an immer heterogener werdende Zielgruppen liefern zu können. Dazu braucht es neue, intelligente Tools. Welche können das sein? Welchen Mehrwert bieten sie an welcher Stelle? Was bedeutet das am Ende für Arbeitsprozesse und Mitarbeiter in Sendern und Produktionshäusern? Welche Lösungen haben sich bereits erfolgreich etabliert? Und welche technischen Erfordernisse erwarten uns noch in der neuen Total-Video-Welt? Solche und ähnliche Fragen wurden beim Executive Roundtable 2019 von MEDIEN BULLETIN diskutiert. Unterstützung erhielt die Veranstaltung von Quantum und Dalet. Beide Unternehmen sind mit Workflow optimierenden Technologien und Lösungen auf dem Markt aktiv und boten Einblick in Kundenprojekte und Installationen.

Zum Einstieg in die Roundtable-Diskussion referierten Rudolf Gottsberger, Geschäftsführer Filmproduktion von studioROT (Thema: „Produktion im Wandel: Was sind die wichtigsten Trends? Wie verändern sie das Medienbusiness“), Christian Plitt, Account Manager Medien & Entertainment bei Quantum (Thema: „Kollaboration und Automation: Intelligente Storage-Lösungen für effizientere Content-Produktion“) und Michael Meisel, Area Sales Manager bei Dalet (Thema: „Optimiertes Workflow-Management mit AI- und Cloud-basierten Tools“). 

 

Gottsberger, seit über 20 Jahren im Medienbusiness tätig, arbeitete unter anderem zehn Jahre lang beim ProSiebenSat.1-Sender Puls4 in Wien und war dort an der Ausschreibung eines großen MAM-Projekts beteiligt. Er berichtete darüber, wie sich die ändernde Mediennutzung hin zu On-Demand-, OTT-, Streaming- und Mobile-Angeboten auf die Content-Produktion auswirkt.

 

Modernes, dynamisches Storytelling

 

„Wir müssen den Content viel stärker an Alter und Sehgewohnheiten der Nutzer anpassen – weg vom traditionellen hin zu einem modernen, dynamischen Storytelling. Gute Geschichten finden immer ihr Publikum und werden immer belohnt“, betonte er. Die Verbindung zur Community, Vertrauenswürdigkeit, gute Recherche und Fakten würden deshalb immer wichtiger. Das bestätige auch eine Studie der Northeastern University in Boston, USA. Sie habe die Akzeptanz von Original-News mit der von Remix-Versionen verglichen und dabei einen Anstieg der Mediennutzer im TV und Online festgestellt. Die Remix-Versionen seien dabei mit einer neuen Bildersprache, durch den Einsatz von Animationen und Daten, neuen Audioelementen und einem anderem Gesprächsstil versehen worden. Die hierbei gewonnenen Erkenntnisse zur höheren emotionalen Bindung von Zuschauern sind auch bei der Konzeption der crossmedialen Rechercheplattform Addendum der Wiener Quo Vadis Veritas Redaktions GmbH (QVV) eingeflossen. Dahinter verbirgt sich eine Privatstiftung von Dietrich Mateschitz, Chef des Red Bull-Konzerns. Gottsberger arbeitet für QVV als Content Solution Designer und Projektmanager. Ziel von QVV ist nach eigenem Bekunden „die Wiederherstellung einer gemeinsamen Faktenbasis für eine qualifizierte politische Debatte“. „Das versucht man durch einen frischen, datengetriebenen, rekonstruktiven Journalismus zu erreichen“, betonte Gottsberger. Die technische Infrastruktur dafür mit skalierbaren MAM-, Archiv-, Speicher- und Ingest-Systemen, das die Anforderungen von HD bis 4K erfüllt, stammt in wesentlichen Teilen von Dalet und Quantum und wurde vom Systemhaus dve cross media aus München-Dornach (Geschäftsführer Michael Stein) installiert.

 

„Als IT-Anbieter mit hoher Spezialisierung im Medienbereich bieten wir sehr individuelle Lösungen für den Produktionsbereich“, erklärte Christian Plitt von Quatum. Gerade dort, wo sehr viele Redakteure gleichzeitig am verfügbaren Material arbeiten würden, sei es wichtig, verteilte Architekturen zu bauen, die jeden Workflow mit einer speziell dafür angelegten Performance-Klasse unterstützten. Entsprechende Quantum-Technologien seien unter anderem bei der Deutschen Welle (DW) und bei CBC in großen Newsroom-Installationen zu finden. „Ein Archiv muss wachsen können, ohne dass es viel Geld kostet, und es muss aktiv nutzbar sein zur besseren Content-Monetarisierung, zur Kollaboration und zum Datasharing“, betonte Plitt. Quantum folge hierbei nicht dem in der Storage-Industrie weit verbreiteten Paradigma, dass Speicherplatz und Kosten nur proportional skalieren könnten. Vielmehr setze man mit einem offenen System für verteilte Infrastrukturen und einer engen Integration mit vielen Partnern auf einen flexibleren, kostensensitiven Ansatz.

 

Michael Meisel von Dalet stellte das umfangreiche Tool-Set seines Unternehmens für die Broadcast Branche vor. Dazu gehören insbesondere die MAM-Lösungen Galaxy 5, die für produktionsintensive Workflows gedacht ist, und die nach der Ooyala-Übernahme neu hinzugekommene Flex Media Plattform, die als native Cloud-Entwicklung mehr auf die OTT-Content- Distribution zielt. Auf der IBC 2019 gut angekommen ist laut Meisel die Dalet Remote Editing Plattform, die getrennt arbeitende Editing-Teams verbindet. Weitere Dalet-Tools sind die App Dalet on the go, Dalet One Play, die komplett neu überarbeitete Brainstorm Grafik Engine Dalet Cube und der Social Median Harvester, der Social Media und Newsroom zusammenbringt. Dazu kommt mit Dalet Media Cortex, ein Framework für Media mit AI-Lösungen (siehe auch IBC-Report in dieser Ausgabe).

 

Der Schatz des Deutschen Fußballs

 

Das Dalet MAM-System Galaxy 5 wird von Sportcast, der 2006 gegründeten Produktionstochter der Deutschen Fußball Liga (DFL) im Deutschen Fußball-Archiv in Köln eingesetzt. „Das ist für uns ein wichtiges Tool, um den Schatz des Deutschen Fußballs zu bewahren und den Lizenz-Nehmern und Archiv-Nutzern zugänglich zu machen“, erklärte Sportcast-Geschäftsführer Alexander Günther. Er berichtete beim MEDIEN BULLETIN Roundtable wie es der DFL in den vergangenen zwölf Jahren gelungen sei, sich medientechnisch sehr gut zu positionieren und zwar mit Blick auf die Erstellung des Basissignals aller Bundesligaspiele, der Distribution und der Archivierung. 

 

Beim Aufbau des Archivs hatte die DFL 2007 mit 40.000 Stunden historischem Film- und Videomaterial begonnen, das aus den Archivbeständen öffentlich-rechtlicher und privater Sender zusammengetragen, digitalisiert und mit Metadaten versehen wurde. Im Juli 2011 hat die Deutsche Fußball Archiv GmbH (DFA) als 100-prozentige DFL-Tochter das operative Geschäft aufgenommen. Heute ist das Archiv mit über 157.000 Stunden Bewegtbild-Material das größte Fußballarchiv der Welt. Es beinhaltet auch alle Spieldaten der 1. und 2. Bundesliga. Darum kümmert sich seit der Bundesliga-Spielzeit 2017/18 die Sportec Solutions, ein von der DFL und deltatre gegründetes Joint Venture. Die Bundesliga-Datenbank bietet heute alle Daten seit Beginn der Bundesliga – jedes Tor, jeder Wechsel, jede Verwarnung – seit 1963/64 sowie eine einzigartige Datentiefe mit jedem Zweikampf und so weiter seit Anfang der Neunzigerjahre. 

Insgesamt steht das das Deutsche Fußball Archiv für eine völlig neue Dimension der Datenspeicherung und -archivierung. „Aus ehemals ‚unintelligenten Hochregal-Lagern‘ ist ein smartes, KI-getriebenes Zentralarchiv mit hohem Nutzwert geworden“, sagte Günther. Damit habe man die Voraus-setzung für das neue Storytelling im Sportjournalismus geschaffen. Heute könnte man mit Hilfe von KI-Tools Sequenzen und Informationen aus dem Archiv ziehen und neue Geschichte damit erzählen. Das Archiv wachse jährlich um 2.000 Stunden Material. „Und in diesem Jahr werden wir die 10.000 Live-Produktion fertig stellen“, erzählte er.

 

Mehrwert durch Kollaboration

 

Alessandro Reitano, Vice President Sport Produktion von Sky Deutschland, lobte „das von Sportcast exzellent produzierte Basissignal“ der Bundesligaspiele, das immer höheren Anforderungen gerecht werden müsse und in Europa seinesgleichen suche. 

„Für Sky ist die Live-Übertragung zunächst einmal das Wichtigste. Uns interessiert aber auch, was Sportcast noch on-top liefern kann“, meinte er. Wegen des hohen Kostendrucks könne sein Sender nicht einfach eigene Wertschöpfungsketten für neues Storytelling aufbauen und müsse Arbeit verlagern, insbesondere wenn es dafür woanders bereits funktionierende Infrastrukturen gäbe. Bei der wichtigen Generierung von redaktionellem Mehrwert unter Nutzung des Fußball-Archiv-Assets verlasse man sich daher auf die enge Kollaboration mit Sportcast/DFL. Der Aufbau einer neuen Systemarchitektur mit KI-basierten Tools sei sinnvoll, um besser von der originären Kompetenz der Sky Sport-Redaktion, eigene Geschichten in unterschiedlichen Derivaten für Multicontent-Verbreitung zu erzählen, profitieren zu können. Smarte Lösungen dafür müssten noch gemeinsam erarbeitet werden. 

 

Keine Standardlösungen für Broadcast

 

„Wir sind ja nicht ganz so frei in der Ausgestaltung unseres Portfolios wie kommerzielle Sender und haben auch andere Interessenslagen als Sportcast oder Sky Deutschland. Wir haben einen gesetzlichen Auftrag der uns bindet, auch bei den veränderten Rahmen- und Nutzungsbedingungen, die sich ergeben haben“, erklärte Wolfgang Wagner, Direktor Produktion und Technik, WDR. Für den Austausch von Informationen und Signalen habe man innerhalb der ARD zwar Rahmenbedingungen und Schnittstellen definiert, sehr komplex würde es aber dennoch, wenn man versuche, IT- und Management Systeme miteinander zu koppeln. „Als die IT Einzug in unser Business gehalten hat, haben wir es nicht geschafft, Schnittstellen zu entwickeln, um unsere Systeme leichter miteinander koppeln zu können. Dazu müssen wir uns ganz schön anstrengen“, sagte er.

 

Wagner ist seit 33 Jahren im Broadcast-Geschäft und hat in der Zeit als CIO beim ZDF unmittelbar mit IT-Fragen zu tun gehabt. „Die Agilität der IT-Welt war für mich anfangs beängstigend“, räumte er ein. „Heute weiß ich jedoch, dass eine Live-Produktion viel agiler ist. Als Broadcaster brauchen wir uns deshalb nicht vor IT-Szenarien zu fürchten, die man uns schon seit den 2000er Jahren überzustülpen versucht“, meinte Wagner. Allerdings sei klar, dass auch öffentlich-rechtliche Sender vor dem Hintergrund der Medientransformation mit sich schnell wechselnden technologischen Anforderungen agiler werden müssten. Wagner: „Wir werden uns wohl damit abfinden müssen, allein aus Budgetgründen, kleinere Brötchen bei unseren Projekten zu backen, die auf kürzere Zeiträume ausgelegt sind und effektiv genutzt werden können, damit man nach fünf Jahren kein schlechtes Gewissen haben braucht, wenn man sie abschreiben muss. Das ist eine der großen Herausforderungen, die ich auch in aktuellen WDR-Ausschreibungen und Projekten feststelle. Alle Projekte, die länger als drei Jahre laufen, überholen sich selbst durch die Anforderungen, die nachher gar nicht mehr vergleichbar sind mit denen, die man am Anfang des Projektes noch hatte.“ Gerade die Realisierung crossmedialer Arbeitsweisen in großen Newsroom-Umgebungen sei sehr kompliziert. Hierbei gehe es schließlich darum, alle Systeme, die zuvor für unterschiedlichste Produktionsarten – im TV, im Hörfunk und Online – separat genutzt wurden, zu kombinieren. Dafür gebe es keine Standardlösungen. Jeder Sender habe andere Anforderungen und benötige andere Tools. Oft könne man sie nicht an die eigenen Workflows anpassen, sondern müsse die Workflows an die Tools anpassen oder die nötige Software gleich schreiben lassen. „Meine Erfahrung zeigt, dass sich unser Business, insbesondere wenn es um Aktualität geht, nur schwer standardisieren lässt“, betonte  Wagner.

 

Herausforderung Change Management

 

Christoph Augenstein, Produktions- und Betriebsdirektor bei rbb, stimmte ihm da zu. Auch er wies darauf hin, dass sich die ursprünglich im Leistungskatalog definierten Anforderungsprofile im Laufe einer Projektumsetzung permanent ändern würden. Das bewirke nicht nur zeitliche Verzögerungen, sondern auch höhere Kosten bei Sendern und Dienstleistern. Agiles Anforderungsmanagement helfe heute bei der Priorisierung der Ziele und zu einem neuen Diskurs zwischen den beteiligten Projekt-Partnern. „Das Clusterdenken, hier ist der Anforderer, da ist der Erfüller, funktioniert heute nicht mehr“, betonte er und wies zugleich darauf hin, dass für ihn das Change Management mit Blick auf das Personal eine viel größere Herausforderung für die öffentlich-rechtlichen Sender darstelle als die neue Technik. 

 

Das bestätigte auch Stefan Hennecke, Hauptabteilungsleiter Produktionstechnik beim Bayerischen Rundfunk (BR), der ebenfalls dabei ist, sich trimedial aufzustellen. Parallel dazu müssen innerhalb von zehn Jahren 450 Stellen abgebaut werden. „Wir werden 2020 nur noch zwei Programmdirektionen haben. Eine für Information und Aktuelles und die andere für Kultur, Wissen und Unterhaltung. Und da gibt es auch kein Denken mehr in Verbreitungswege. Dann gibt es keine Hörfunk- und Fernsehdirektion mehr. Sondern die Aufteilung erfolgt nach Ressorts. 2023/2024 werden wir dann auch den Neubau in Freimann beziehen und die neue Workflow-Struktur dann auch räumlich abbilden können“, berichtete er. Ebenso wie Wolfgang Wagner konstatierte Hennecke, dass beim trimedialen Umbau fehlende Schnittstellen zwischen den einzelnen Systemen, zum Beispiel zwischen Redaktions-, Dispositions- und MAM-Systemen ein großes Manko sind. Sie zu entwickeln sei mit einem Riesenaufwand verbunden. Dabei sei die menschliche Komponente noch komplexer als die technische. Es gehe darum, künftig mit weniger Personal neue Aufgabenbereiche zu bedienen. Und dabei seien eher Generalisten als Spezialisten gefragt.

 

Mit ganz ähnlichen Problemen konfrontiert ist man auch beim RTL-Tochterunternehmen CBC. „Eine heile Welt gibt es auch bei uns nicht“, meinte Jürgen Mölders, CBC-Ressortleiter Produktion und Postproduktion. Auch CBC müsse sich den Change-Prozessen stellen. Man profitiere hier aber davon, dass man nicht nur für die RTL Mediengruppe, sondern auch für externe Unternehmen als Dienstleister arbeite. „Das hält uns am Markt frisch“, sagte er.

CBC unterstützt beispielsweise Sportcast beim Deutschen Fußballarchiv und bei der Produktion und Distribution der internationalen Berichterstattung der Fußball-Bundesliga. Und mit dem Schwesterunternehmen Arvato Systems hat man gemeinsam ein AI-gestütztes Redaktionsportal entwickelt. „Das dient bei RTL aber nicht dem Personalabbau, sondern der Unterstützung der Journalisten bei ihrer plattformübergreifenden, crossmedialen Arbeit“, betonte er. „Alle von uns eingesetzten KI-Tools helfen unseren Mitarbeitern im Change Prozess.“                

Eckhard Eckstein

MB 4/2019

Zurück