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Wir müssen uns verändern

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Wir müssen uns verändern

Schwerpunktthema des diesjährigen Presseforum der Produktions- und Technik-Kommission von ARD und ZDF (PTKO) war die „Produktion 4.0“. Damit wurde bewusst an „Industrie 4.0“ angedockt, gibt es doch Entwicklungsparallelen zwischen Industrie 4.0 und der Medienindustrie – insbesondere der Broadcastproduktion, da beide Branchen nachhaltig von der Verschmelzung von IT- und Produktionstechnologien geprägt sind.

„Produktion 4.0 ist das Thema der Zukunft und nicht zu unterschätzen“, stellte Patricia Schlesinger, Intendantin des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) gleich zu Beginn klar. In ihrer Keynote nahm sie engagiert Stellung zu den Herausforderungen und den damit einhergehenden Veränderungen für die öffentlich-rechtlichen Sender durch die Produktion 4.0. „Fernsehen braucht viel Kraft, Einsatz, Nerven, Personal und viel Geld. Die Konsequenz davon lautet: Wir müssen uns verändern!“, so Schlesinger und schließt dabei Änderungen bei den Tarifverträgen mit ein. Der Grund liegt in der Veränderung der Technik, die sich nirgendwo so bemerkbar macht wie in der Produktion, weil sie stetig kleiner, billiger und besser handhabbarer wird.

„Gigantismus in der Produktion ist vorbei“, so Schlesinger, was gleichzeitig heißt, dass Bewegtbildproduktion von jedermann gemacht werden kann, vorausgesetzt, er ist rechtzeitig vor Ort. „Für uns bedeutet das: Wir sind mitten in einem nachhaltigen Veränderungsprozess für Produktion und Programmerstellung“, so Schlesinger weiter. „Wir müssen unsere Strukturen verändern, im Großen, wie im Kleinen. Diese Veränderungsprozesse – und das möchte ich auch im Namen der ARD-Kolleginnen und -Kollegen sagen – sind von existentieller Bedeutung.“ Den Verlust ihres Quasi-Monopols wurmt die öffentlich-rechtlichen Sender, die bislang aufgrund der Technik ein Alleinstellungsmerkmal und damit auch die Deutungshoheit hatten. „Wir können es nicht hinnehmen, dass kommerzielle Anbieter und Passanten Material auf YouTube stellen oder Periscope streamen, bevor wir nur ansatzweise vor Ort sein können“, verteidigt die rbb-Intendantin klar den Anspruch des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf allumfassende Berichterstattung bei Unglücken, Katastrophen oder Anschlägen, die aber eben nur mit entsprechenden Mitteln und Schnelligkeit zu haben ist. Gleichzeitig verweist sie mit Blick auf die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang darauf, auf die sich ARD und ZDF binnen sechs Monaten vorbereiten müssen statt zwei Jahren wie bisher, dass die Zeit der langen Planungsabläufe ohnehin vorbei sei. Grund sei die Verschmelzung von Produktionsmittel und IT, wodurch die Arbeitsteilung beim Fernsehen aus dem vorigen technischen Zeitalter stammt. Dies bedeutet, „dass wir heute alles aus einer Hand brauchen“, so Schlesinger, aber auch dass sich Jobbeschreibungen verändern, Zuständigkeitsbereiche, Kompetenzen und nicht zuletzt der arbeitsrechtliche Rahmen, denn so starr wie er zur Zeit angelegt ist, lässt sich damit dynamische Arbeit nicht einteilen. 

„Der öffentlich-rechtliche Rundfunk“, erklärt Schlesinger. „ist kein 9-to-5-Job und kein kommerzielles Unternehmen. Unser Anspruch ist eine effiziente Produktion!“ Und die ist nur mit einem Maximum an Flexibilität zu bekommen, die die Sender aus tarifrechtlichen Gründen jedoch nicht haben. Daher werden mit der KEF Benchmarks entwickelt, die die Veränderungen spiegeln sollen, und im ARD-Senderverbund wurde ein Maßnahmenkatalog erstellt, der den Ländern noch im September vorgelegt werden sollte. Darin sind die aus Sicht der ARD notwendigen, nachhaltigen Anpassungen und Optimierungen in Technik, Struktur, Verwaltung und Programmerstellung dargestellt. Dabei geht es um die Harmonisierung der IT, die Schaffung gemeinsamer Plattformen für digitale Produkte, die Vereinheitlichung von Produktionsprozessen und wie neue, kostengünstigere Produktionsformen eingesetzt werden können. Bei der Produktion an sich geht es dann um Rucksackproduktionen, Ein-Personen-Teams sowie App-basierte Produktionen. Aber auch die teuren Außen- und Studioproduktionen sind von den Veränderungen betroffen, die die Produktion 4.0 mit sich bringt: Regieautomation, fertig gesteuerte Ton- und Bildmischung, Licht, Grafik. „Unsere Produktionsmittel und die IT verschmelzen miteinander und das immer mehr“, führt Schlesinger aus. „Folgerichtig gibt es neue Berufsbilder, und denen müssen wir uns stellen.“ Gleichzeitig, und dies ist ein Prozess, der schon vor einiger Zeit begonnen hat, wachsen die Redaktionen zusammen, um den trimedialen Anspruch der ARD (besser) bedienen zu können. So verändern sich Redaktionen und die Produktion mit ihnen. „Die Gewerke strikt zu trennen – strukturell und personell – können wir uns nicht nur nicht mehr leisten, es ist nicht mehr zeitgemäß“, betont Schlesinger. 

„Heute brauchen wir kombinierte Prozesse, ganz nah am Programm, aus einer Hand.“ Dies bedeute natürlich auch, dass der arbeitsrechtliche Rahmen moderner werden müsse. Hier gibt sich Schlesinger keinerlei Illusionen hin, dass dies rasch über die Bühne geht. Aber sie ist bereit die unabänderlichen Veränderungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk fördern, alleine schon deshalb, um so die Kontrolle über die Art und Geschwindigkeit der Veränderungen zu behalten, die von Beitragszahlern und Politik gefordert werden, damit ARD und ZDF – auch mit Hilfe moderner Technik – effizienter, schlanker und sparsamer werden. 

Im Anschluss an die Grundsatzrede, wurden drei Produktionstools vorgestellt. Franck Neckel vom SWR stellte die SWR-Produktions-App vor. Mit ihr lassen sich intuitiv per Wischen kurze Beiträge aus zuvor mit dem Smartphone aufgenommenem Material schneiden, einsprechen und mit den jeweiligen zum Sender gehörenden Logos und Bauchbinden ausstatten. Gedacht ist das Produktionstool, das sich zur Zeit in der Erprobung befindet, für die Bewegtbilderstellung für Online, entweder pur oder als Ergänzung auf der Seite einer Radiostation. Die Beiträge haben auch Sendequalität etwa für die Tagesschau, was gerade dann sehr attraktiv ist, wenn anderes Material nicht vorliegt. Guido Baumhauer, Direktor Distribution und Technik der Deutschen Welle, präsentierte die Arbeit der Redaktion, die Social Media-Feeds mit der Software Scribble Live beobachtet und sortiert.

Werden Themen als relevant eingestuft oder Feeds zu einem aktuellen Thema identifiziert, werden sie auf Glaubwürdigkeit geprüft und vorgeschlagen. Die Themen werden dann in einer Live-Schalte von einer Moderatorin eingeordnet und erläutert. Die Themen richten sich danach in welcher Weltgegend gerade Primetime ist. Im Grunde gibt es zwei grobe Fokus-Punkte: je einen auf Nordamerika und Asien. Präsentiert werden die Feeds im Selbstfahrerbetrieb mit semiprofessioneller Technik. Zugeschaltet wird aus dem gleichen Raum, in dem auch die Redaktion sitzt. Der Arbeitsplatz besteht aus einem Bildschirm mit Berührungsfunktion, um schnell zwischen den Inhalten hin und her schalten zu können. Aufbereitet werden diese mit Engage. Die eingesetzten Kameras sind zwei fix verbaute, ferngesteuerte Panasonic AW-HE130 Full-HD-Kameras mit integrierter Schwenk-Neigefunktion, zwischen denen die Moderation mit einem Fußschalter hin und her schalten kann. Wichtig dabei ist, dass der User Generated Content nicht nur einfach eingebunden wird, sondern der gesamte Workflow von Redaktion, Produktion und Technik aus einer Hand kommt.

 

Mehr Effizienz durch Remote-Produktionen

Johannes Claes, Geschäftsbereichsleiter Informations- und Systemtechnologie des ZDF, sprach über die Erfahrungen, die das ZDF mit den Pilot-Remoteproduktionen vom diesjährigen Confed-Cup in Russland und von der Fußball-U21-EM in Polen gemacht hat und wie diese Erfahrungen in die Remote- oder auch Centralized Production genannte Produktionsform der Fußball-WM im kommenden Jahr aus Russland einfließen sollen. Ziel der Remote-Produktion ist es, den technischen und personellen Aufwand am Veranstaltungsort zu reduzieren indem wesentliche Produktionseinrichtungen nach Deutschland ‚verlagert‘ – oder, präziser ausgedrückt, in Deutschland belassen werden. Herzstück der Produktionseinrichtungen ist das gemeinsame Präsentationsstudio von ARD und ZDF in Baden-Baden. Dort befanden sich während des Confed-Cups je vier Schnittplätze für die beiden Sender, der LiveU-Server sowie die Teams für Highlights, Analyse und Grafik. An das International Broadcast Coordination Centre (IBCC) in St. Petersburg angebunden, war das Studio via einer 10-Gbit-Leitung, die redundant über Schweden als auch über die Ukraine lief. Das war auch bitter nötig, da die Hauptleitung einmal drei und ein weiteres Mal 17 Stunden ausfiel. „Der Schlüssel zu dieser Art von Produktion, ist die Leitungsanbindung“, betonte Claes daher noch einmal. Über die Leitung liefen elf von 14 Host-Signalen, drei Rückleitungen, der Hörfunk, der Filetransfer sowie die Audio- und Daten-Services. In St. Petersburg selbst befanden sich der Master Control Room (MCR) für Fernsehen und Hörfunk, die Signalübernahme vom Host und die Abgabe nach Baden-Baden und ein Offline-Schnittplatz für das ZDF. In dem Stadion in Sotschi gab es eine MPE-Container-Regie (MPE = Mobile Produktions-Einheit) und drei Ü-Wagen des SWR, da von hier mehr Spiele übertragen wurden. Im DFB Quartier kamen fünf mobil/stationäre LiveU plus Laptop-Schnittsysteme zum Einsatz. Bei der U21-EM aus Polen wurde das Weltsignal durch zwei LiveU-Systeme und Bookable Positions ergänzt. Die MPE, die auch für Centralized Productions als gemeinsame technische Basis eingesetzt werden kann, befand sich hier komplett in Baden-Baden. Bei einer Centralized Production werden der MCR-Event, die Studio- und Sende-Regien, die Server, Büros, der Großteil des Schnitts, GFX und Analyse, der Hörfunk und das Studio vom Veranstaltungsort nach Deutschland verlagert. Im IBCC verbleiben lediglich der MCR, eine Schnittmöglichkeit sowie ein Büro. Die bisher benötigte Fläche im IBC von 2.500 bis 3.000 qm reduziert sich so auf 300 qm bei Remote-Produktionen. „Die Ersparnisse sind signifikant“, sagt Claes dazu. Wie hoch sie genau sind, wird zur Zeit noch errechnet. Im Vergleich zu einer Fußball-Weltmeisterschaft, ist ein Confed-Cup ziemlich klein, wird für die WM doch die fünffache Anzahl an Signalen benötigt, die zudem alle zeitgleich in Deutschland vorliegen müssen, damit die Redaktionskonzepte umgesetzt werden können, weshalb Claes für die Fußball-WM 2018 einen deutlich höheren Aufwand erwartet.

 

Wandel durch mobile Endgeräte

Der zweite Veranstaltungsteil der PTKO-Konferenz startete mit einem Impulsreferat von Prof. Dr. Key Pousttchi, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik und Digitalisierung an der Universität Potsdam. Er forscht hier unter anderem an der Verschmelzung der virtuellen und realen Welt durch das Smartphone und andere digitale Medien. In seinem PTKO-Vortrag beschrieb er die grundlegenden Veränderungsprozesse und Trends industrieller Organisationsgestaltung („Digitale Transformation“). „Ein Smartphone wird in erster Linie mit Spaß in Verbindung gebracht. Nur deshalb betrachtet es der Konsument auch als nützlich“, stellt Prof. Pousttchi nüchtern fest. „Im Kopf des Nutzers ist dies der Unterschied zwischen mobilen Geräten und stationärem Internet.“ Alle praktischen, zeitsparenden, effizienten Anwendungen sind für den Nutzer nicht signifikant. Signifikant ist vielmehr, dass das Gerät hilft Langeweile und Leerlauf zu überbrücken und sei es nur durch das permanente Abrufen der Mails. Prof. Pousttchi begründet dies mit unseren Urinstinkten. Wer vor ein paar tausend Jahren mit der Sippe unterwegs war, war darauf angewiesen ständig mit ihr in Kontakt zu bleiben, um zu überleben. Man vergewisserte sich so, dass der andere noch da war beziehungsweise erhielt umgekehrt die Bestätigung, dass da jemand war, der sich um einen kümmerte. Nichts anderes biete der permanente Kontakt via Smartphone. „Damals haben wir gelernt, dass wenn du nicht ständig in Verbindung mit deinem Stamm bist, du nicht auf dem Laufenden bist, man tot ist“, bringt es Prof. Pousttchi auf den Punkt. „Und das ist so tief in unserem Hirn, dass es sich der modernen Lebenswirklichkeit noch nicht angepasst hat.“

Somit verändern mobile Endgeräte nicht nur das Leben des Nutzers, sondern auch von Unternehmen, Branchen, großen Teilen der Gesellschaft, gar ganze Volkswirtschaften. Dies hebt die Endgeräte auf die strategisch bedeutende Ebene von Big Data. Big Data interessiert sich nicht für Kausalzusammenhänge, sondern nur für Korrelationen. „Wenn der Zusammenhang statistisch gemessen da ist“, erläutert Prof. Pousttchi, „dann lassen sich damit Voraussagen treffen, ob es einen inhaltlichen Zusammenhang gibt oder nicht.“ Wie wirken sich diese Effekte nun wirtschaftlich aus (und damit auch auf Medienkonsum – und Angebot)? Mastercard kann aufgrund erstaunlich weniger Daten recht gut voraussagen, wer sich höchstwahrscheinlich scheiden lässt, so Prof. Pousttchi. Das geschieht indem eine große Menge an Vergangenheitsdaten angesehen wird. Was am häufigsten vorkommt, wird als Zukunftsdaten genommen. „Fertig aus“, unterstreicht Prof. Pousttchi die Einfachheit des Systems. Was kann man also mit sehr viel mehr Daten machen? Man kann neue, digitale Geschäftsmodelle entwickeln und die bestehenden Wettbewerber aushebeln. Für die Unterhaltungsbranche wird es sehr ungemütlich werden, prophezeit  Prof. Pousttchi, wenn der Algorithmus und nicht die künstlerische Qualität darüber bestimmt wie eine Geschichte erzählt, eine Sendung gestaltet wird. Das betrifft genauso den Journalismus und die Live-Sport-Berichterstattung. „Digitalisierung ist harte Arbeit und es hat ganz wenig mit Technik zu tun“, überraschte Prof. Pousttchi in seinem Schlusswort. „Die muss man anfangen und nicht einfach passieren lassen, denn nur wenn wir es schaffen in Deutschland wieder vorne mitzuspielen, und das tun wir im Augenblick nicht, dann können wir auch den Anspruch erheben die Regeln mitzubestimmen.“

 

Proaktive Mediathek

In der anschließenden Diskussion ging es dann aber doch wieder um die Technik, auch wenn rbb-Programmdirektor Dr. Jan Schulte-Kellinghaus explizit erwähnte, dass es bei der Digitalisierung nicht nur um Technologie gehe, sondern auch die Mitarbeiter im Fokus stünden. „Da ist noch viel zu tun – auch auf Führungsebene“, folgte er seiner Intendantin. Letztendlich sieht er die Digitalisierung jedoch als Mittel für mehr Effizienz und Schnelligkeit und vor allem als Chance der öffentlich-rechtlichen Sender bei der Distribution von Inhalten. „Weshalb es gut wäre einen Streamingdienst zu haben“, so Schulte-Kellinghaus. „Denn das wäre eigentlich der Auftrag, um alle zu erreichen, aber wir sind durch die Regulierung ja daran gehindert worden mit dem Ergebnis, dass jetzt Amazon und Netflix den Markt beherrschen.“ Für eine proaktive Mediathek, wie sie Schulte-Kellinghaus vorschwebt, wären allerdings auch – analog zu Netflix und Amazon – die Erhebung von Nutzerdaten notwendig, wie er selbst einräumt. Dass die Vision des Programmdirektors kein Wunschtraum bleiben muss, deutete Prof. Birgit Spanner-Ulmer, Produktions- und Technikdirektorin des Bayerischen Rundfunks (BR), an: „Als ARD sind wir dabei eine moderne Mediathek aufzusetzen“, erlaubte sie einen Blick hinter die Kulissen.                               

Thomas Steiger

MB 4/2017

© rbb/Oliver Ziebe

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