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Es gibt keine Cloud im Himmel

Mit der digitalen Kinoauswertung ist das Versprechen verbunden, dass die Kosten für die Filmdistribution erheblich sinken. Doch der von Hollywood implementierte DCI-Standard erfordert eine digitale Produktionskette mit DCPs (Digital Cinema Package), KDMs (Key Delivery Message) und DKDMs (Distribution KDM), bei deren Herstellung oft kräftig abkassiert wird. Auch eine sichere und nachhaltige Archivierung der digitalen Filmkopien ist noch nicht gewährleistet.

Um den Kinos digitale Filmdateien liefern zu können, sind die Verleiher gefordert, ein DCP (Digital Cinema Package) von dem entsprechenden Film herzustellen. Da die Speichermedien immer billiger und größer werden, kostet eine Festplatte im Einkauf inzwischen nur noch 40 oder 50 Dollar. Die Überspielung eines Films über eine USB-Schnittstelle auf eine Festplatte dauert allerdings zwei bis drei Stunden. Um diesen Vorgang zu beschleunigen, ist ein CTR Einschub mit Move Dock entwickelt worden, der es erlaubt, die Daten eines Films über SATA oder eSATA in 20 Minuten zu übertragen. Neben den 40 Dollar für die Festplatte und den circa 120 Dollar für den CTR Einschub mit Move Dock werden für die Überspielung der Daten rund 150 Dollar kalkuliert. „Wenn diese Festplatte günstig an die Verleiher verkauft wird, liegt der Preis dafür bei 250 Euro“, weiß Cyril Thurston, Geschäftsführer des Schweizer Verleihs Xenix Filmdistribution. „Oft werden dafür aber 450 Euro oder gar bis zu 700 Euro oder mehr verlangt, obwohl das Herzstück, die eigentliche Festplatte nur 40 Euro kostet.“ Einige Firmen seien deshalb dazu übergegangen, die DCPs auf die mobilen Festplatten zu kopieren, die sie günstig im Elektronikmarkt erhalten. Da diese Festplatten nur über eine USB 2-Schnittstelle verfügten, dauere es zwar länger, damit einen Film im Kino auf den Server zu kopieren, aber es funktioniere. Um zu vermeiden, dass jeder Anwender einen Film kopieren kann, ist dafür der Linux-Standard gewählt worden.

Wird die Festplatte an einen PC oder MAC angeschlossen, erscheint sie gar nicht erst, weil dafür Linux-Spezialtreiber erforderlich wären. Allerdings: Jeder Anwender kann im Prinzip eine DCP kopieren. Sie ist nicht kopiergeschützt, weil sie sonst auch nicht auf den Server kopiert werden könnte. Um die digitalen Filmdateien vor unautorisierten Zugriffen zu schützen, ist als Kopierschutz ein digitaler Schlüssel entwickelt worden, der aus dem Schlüssel des DCPs und dem Schlüssel des Kinos besteht. Dieser Schlüssel ermöglicht es, einen bestimmten Film für eine gewisse Dauer abzuspielen. „Der Schlüssel für das Kino erlaubt nur, etwas für dieses Kino zu produzieren und muss deshalb nicht geheim gehalten werden. Der heiklere Schlüssel ist der DKDM (Distribution KDM), denn die DCP kann nur mit diesem speziellen, vom Ursprungslabor produzierten Schlüssel von einem dritten Labor geöffnet werden“, erläutert Thurston. „Wir verschicken den Code des Labors sogar per Email, weil damit keine Gefahr verbunden ist und lassen uns auch den DKDM auf diesem Wege schicken. Erst wenn das DKDM zusammen mit der im Labor verwendeten Software vorliegt, kann das DCP geöffnet und die Codes entfernt werden.“ Die dafür erforderliche Software wird in Deutschland zum Beispiel für 6.000 oder 8.000 Euro vom Fraunhofer Institut verkauft und namentlich registriert. Mit dieser Software werden Schlüssel generiert, die einen Identitätsschlüssel des Labors darstellen, genau wie das Kino einen Identitätsschlüssel für seinen Server und Projektor besitzt.

Die Frage sei, ob der Weltvertrieb einen DKDM für das entsprechende Labor für diese Software ausstelle. „Ich lasse in meine Verträge hinein schreiben, dass ich diesen Zugang bekomme“, verrät der Schweizer Verleihchef. „Das Ausgangsmaterial ist die DCP mit dem DKDM; und zwar dem DKDM für die Labore meiner Wahl. Ich benötige sie nicht, um ein DCP zu erstellen, sondern um die Untertitel hinzuzufügen. Im Moment arbeiten wir mit zwei, drei Laboren zusammen. Dafür ist ein Bestätigungsschreiben an das jeweilige Labor wie Eclair oder LTC in Frankreich erforderlich, das daraufhin einen DKDM kreiert, der von diesem Labor als Schlüssel für die spezielle DCP hergestellt wird.“ Darauf folgt die physische Lieferung des DCP, das der Projektor nur zeigen, aber nicht bearbeiten kann. „Das bedeutet, die DCP kann geöffnet und die Dateien mit den Untertitel eingefügt werden und lässt sich auch völlig de/encoden. Im Audiobereich entspricht dies der Umwandlung einer MP3-Datei in ein Standard WAV- oder AIFF-Format.“

Die Schlüssel sind als eine Art Referenz in jedes einzelne Bild hereingebrannt und werden wie Metadaten jedes Mal zusammen überprüft. Die Software besitzt aber auch die Fähigkeit, die Schlüssel aus dem DCP herauszulöschen. „Das erlaubt es, einen eigenen Katalog, ein eigenes Listing und seine eigenen Schlüssel zu erstellen. Mit dieser Umwandlung der DCP bin ich der Herr der Dinge.“
Die Weltvertriebe halten es jedoch für gefährlich, ohne jegliche Schlüssel zu arbeiten, weil das DCP dann weltweit eingesetzt werden kann. Daher hätte es sich angeboten, dafür einen Ländercode wie bei der DVD-Auswertung zu entwickeln, so dass ein DCP zum Beispiel nur in der Schweiz gespielt werden kann. Diese Codes wiesen eine sehr hohe Bit-Zahl auf, so dass es sehr aufwändig sei, sie zu knacken. Doch bisher habe die Technik gezeigt, dass es dafür immer einen Weg gäbe.

„Ich habe Verständnis dafür, dass ein bestimmtes Misstrauen besteht, weil die Vorführer im Kino eine unverschlüsselte DCP leicht kopieren könnten. Daher ist es sinnvoll, die Schlüssel herzustellen“, betont Thurston. „Für uns als Verleiher ist es jedoch essentiell, dass wir wie bisher bei der 35mm-Auswertung der Herr unserer Lizenz bleiben. Das bedeutet, das wir bei der Kinoauswertung nicht von Laboren, Weltvertrieben oder nachträglichen Abklärungen abhängig sind, sondern während unserer Lizenzzeit bestimmen können, wer unseren Film wann wie zu welchen Konditionen in unserem Lizenzgebiet einsetzt. Dazu müssen wir Herr dieser Lizenz sein.“
Da dieses System von den in der Digital Cinema Initiatives (DCI) zusammen geschlossenen Studiovertretern entwickelt worden ist, sei nicht an die Independents gedacht werden. „Technisch wäre es durchaus machbar gewesen, dafür einen Verleihercode zu entwickeln“, erläutert Thurston. „Das ist jetzt nicht mehr möglich, weil die digitalen Projektoren und die Software dafür anders konzipiert sind. Für die Hollywoodstudios war es eine logische Konsequenz ein System zu entwickeln, bei dem alles zentral in einem großen Labor produziert wird.“ Nach seiner Einschätzung wäre auch ein weniger komplexes System denkbar gewesen, das plural auf die Independentszene zugeschnitten ist. „Mit der Lizenz hätte ein Schlüssel zur Auswertung des Films für eine bestimmte Dauer in einem Gebiet verbunden sein können.“ Doch dafür seien die Projektoren jetzt nicht ausgerüstet. Sie funktionieren nur mit einem Schlüssel, der genau auf dem DCI-Standard basiert. Das System gibt die DCP erst frei, wenn mit dem Schlüssel grünes Licht gegeben worden ist.

„Ich halte es für utopisch“, sagt der Verleiher, „die Kinos davon überzeugen zu können, ein Drittsystem einzuführen, das nicht mehr dem DCI-Standard entspricht“. Zudem lasse sich ein solches Vorhaben nicht umsetzen, weil viele Kinos nicht nur Independent-Filme, sondern auch Crossover-Produkte und Mainstream Filme einsetzen. „Da diese Chance nicht besteht, brauchen wir eine Software, die nicht so teuer wie eine Encoding-Software ist und es uns erlaubt, zusammen mit dem DKDM und den Schlüssel der einzelnen Kinos selbst unsere Schlüssel herzustellen.“ Eine derartige Software sollte nicht viel mehr als 2.000 oder 3.000 Euro kosten und es beim Booking erlauben, die DCP zu öffnen, den Schlüssel zu lesen und einen neuen Schlüssel zu generieren, für den nur noch die Dauer eingegeben werden muss. Diese Dateien könnten die Verleiher selbst produzieren und per Email verschicken.
„Ich möchte sicherstellen, dass ich während meiner Lizenzzeit Zugriff auf meine Filme habe, denn auch die Labore kochen nur mit Wasser“, betont Thurston, der auch die Archivierung der digitalen Filmkopien kritisch beäugt. „Das Labor erstellt nur ein Back-Up auf einer externen Hard Disk, das dort abgelegt wird. Da dort tausende von Filmen aufgehoben werden, kann es in fünf Jahren passieren, dass die Daten gelöscht werden mussten oder die Festplatte nicht mehr funktioniert.“
Um während seiner gesamten Lizenzzeit seine Unabhängigkeit zu behalten, stellt der Verleiher Backups auf einem RAID her, das aus mehreren Festplatten besteht. „Wenn eine Festplatte versagt, sind die Daten immer noch gesichert und ich muss nur eine Hard Disk ersetzen. Ich verfüge zu diesem Zweck über Festplatten mit einer Kapazität von insgesamt zwölf Terabyte (4x3 Terabyte). Da die Größe eines DCP zwischen 50 und 300 Gigabyte beträgt, ist ein Terabyte für etwa fünf Filme ausreichend. Ein solches RAID kostet 800 Euro. Damit habe ich meine Filme für drei, vier Jahre gespeichert.“ Weitere Kosten fielen nur an, wenn eine Festplatte kaputt gehe. „In dem Fall kaufe ich für 200 Euro eine neue Festplatte und schiebe sie in das System, damit sie sich auflädt.“

Auch die Auslagerung der Filme per Cloud-Computing hält er noch nicht für eine geeignete Lösung. „Es gibt keine Cloud im Himmel, denn irgendwo steht immer ein Server, auf dem sich die Daten befinden“, sagt Thurston. Technisch sei schon jetzt der Zugriff auf schnelle Glasfaserleitungen möglich, deren Nutzung allerdings noch zu teuer sei. Einen Film mit einem Datenvolumen von 200 Gigabyte mit einer schnellen ADSL-Leitung zu kopieren, dauere zwei, drei Tage. Während dieser Zeit könne es zu Schwankungen im Netz kommen, so dass die Übertragung nicht erfolgreich sei.
Aus diesem Grunde bietet der Verleiher den Kinos über das Netz bisher nur Trailer mit 2 bis 5 Gigabyte an, deren Übertragung bei den langsamen ADSL-Leitungen bis zu einer Stunde dauern kann. Anstatt Sticks zu verschicken, können sich die Kinos den DCP-Trailer vom FTP-Server herunterladen. „Bei einem Film ist derzeit der Aufwand kleiner, ihn auf eine Festplatte zu kopieren und dem Kino zu schicken“, resümiert der Filmverleiher. „Das wird sich erst ändern, wenn die Telekommunikationsunternehmen die schnellen Leitungen wesentlich günstiger anbieten.“
Birgit Heidsiek
(MB 02/12)

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