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Der Sender für Schwule „Timm“

Zwar sind Homosexuelle längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Doch ein gewisser voyeuristischer Blickwinkel auf sie ist offensichtlich noch nicht ganz ausgemerzt. So konfrontierte Spiegel Online den Chef des ersten deutschen TV-Senders für Schwule, Frank Lukas, mit der Frage: „Warum verzichten Sie bewusst auf Schlüpfriges?“ Gerade aber so eine „schlüpfrige“ Erwartung will der Berliner Sender „Timm“ (Motto: „Wir lieben Männer“), der am 1. November dieses Jahres startete, auf keinen Fall bedienen. Lukas betont gegenüber MEDIEN BULLETIN, dass man „kein Sender von Berufsschwulen für Berufsschwule“ sein wolle, Schwulsein auch „nicht erklären“ werde. Es stehe kein spezieller Sex oder spezifische Erotik im Mittelpunkt des Programms. Ziel sei es vielmehr ein „sexy Programm“ auf die Beine zu stellen, womit Lukas nicht mehr und nicht weniger als ein attraktives professionell gemachtes Fernsehprogramm meint. Weil sich der Berliner Sender „Timm“ künftig über Werbung finanzieren will, muss er wie alle anderen Sender im Wettbewerb um jeden einzelnen Zuschauer kämpfen, um aus der technischen Reichweite – über Astra Digital und Kabelnetze sowie Streaming und Mediathek im Internet – auch eine qualitative Kontaktgröße für die Werbewirtschaft zu machen.
Primär wendet sich „Timm“ an die Zielgruppe der 3,63 Millionen Schwulen in Deutschland. Das seien die „rund neun Prozent“ an Homosexuellen, die es nach verschiedensten statistischen Untersuchungen heute im Allgemeinen in der Gesellschaft gibt, weiß Lukas. Vor allem das werktägliche Abendmagazin „TIMM TODAY“, das am 17. November gestartet wurde, soll der Zielgruppe „viel Service“ bieten. Beispielsweise, so Lukas, gehe es um Themen wie „Schwule in den Schulen“, welche rechtliche Grundlagen Schwule bei Reisen erwartet oder um praktische Tipps zu Beziehungen unter Schwulen wie zum Beispiel „Wie sage ich es ihm?“. Querbeet aus den Bereichen Politik, Gesellschaft, Kultur und Szene sollen entsprechende Themen gefiltert und – auch – unterhaltsam aufbereitet werden.
„Zu rund 20 bis 30 Prozent“ bestehe das täglich rund achtstündige „Timm“-Programm aus Eigenproduktionen, sagt Lukas. Der größere Rest wird mit eingekaufter Lizenzware bestückt, die speziell für die Zielgruppe selektiert worden sei: Internationale Kultserien beispielsweise, meist in deutscher Erstausstrahlung, wie „Footballers’ Wives“, „Noah´s Arc“, „Mile High“ und „Queer as Folk“ wechseln sich ab mit Spielfilmen wie „Beautiful Boxer“, „The Line of Beauty“, „Mein Leben in Rosarot“ und „Prêt-à-Porter“. Weil Barbara Schöneberger laut Lukas für Schwule „eine Ikone ist“ gibt es ihre Sendung „Blondes Gift“ nun auf „Timm“ zu sehen.
Vor der Gründung von „Timm“ war Frank Lukas (39) viele Jahre als Redakteur und Moderator verschiedenster Fernsehsender aktiv. Ab 1999 war er als Chef der von ihm gegründeten TV-Produktionsfirma „south&browse GmbH“ aktiv, die 80 Mitarbeiter an den Standorten Berlin und München beschäftigt und unterschiedliche Formate für TV-Sender wie RTL, RTL 2, SAT 1, ZDF und ProSieben entwickelt und produziert. Unter anderem hatte Lukas für RTL das nächtlich ausgestrahlte Schwulenmagazin „andersTrend“ realisiert und dabei erkannt, dass ein großer ans Massenpublikum gerichtete Sender wie RTL nicht die Zielgruppe „Schwule“ bedienen kann.
Zwar gehört die Produktionsfirma „south&browse“ mit zu den Gesellschaftern und Investoren von TIMM, agiert aber weiterhin an ihrem eigenen Standort in Berlin völlig unabhängig von TIMM, und Lukas lässt, wie er sagt, seine Tätigkeit für „south&browse“ erst einmal ruhen.
Betreiberin von TIMM mit 60 Mitarbeitern ist laut Sendermitteilung die Anfang 2007 in Berlin gegründete DFW Deutsche Fernsehwerke GmbH, die sich „auf den Vertrieb von digitalen Inhalten über Satellit, Kabel, Internet, mobile Endgeräte und VoD“ konzentriere. Neben „south&browse“ gehören zu den Investoren der DFW die VGM Verlagsgesellschaft Madsack GmbH & Co KG und die IBB Beteiligungsgesellschaft mbH, die den VC Fonds Kreativwirtschaft Berlin GmbH verwaltet.
TIMM will sich crossmedial nicht nur über TV, sondern ebenso via Internet, Radio und Print zur direkten Ansprache homosexueller Männer verbreiten und mit dieser Vernetzung seiner Zielgruppe neben einem „Vollprogramm“ eine neuartige „Informations- und Kommunikationsplattformen“ bieten.
Erika Butzek (MB 12/08)

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