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News: Medienpolitik

Mehrwert ohne Mehraufwand

Digitalisierung ARD und ZDF haben auf dem Presseforum der Produktions- und Technik-Kommission (PTKO) anlässlich der IFA 2008 ihre Roadmap zur HDTV-Einführung vorgestellt. Dabei wandte man sich gegen die zunehmende Kritik an der öffentlich-rechtlichen Entscheidung, die HD-Programme künftig im Format 720p/50 auszustrahlen. ARD und DLR warben in Berlin für einen Neustart bei der Digitalisierung des Hörfunks. Der soll Ende 2009 nun in einer konzertierten Aktion zum Erfolg gebracht werden.

Das Internet wird in der digitalen Welt neben den bisherigen Verbreitungswegen Kabel, Satellit und Terrestrik auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Das machte ARD-Vorsitzender Fritz Raff, der auch Vorsitzender des Digitalausschusses von ARD und ZDF ist, auf dem Presseforum der Produktions- und Technik-Kommission (PTKO) von ARD und ZDF auf der IFA 2008 deutlich. „Wir wollen dem Nutzer einen zeitgemäßen Mehrwert ohne großen Mehraufwand bieten“, betonte er. „Der Mehrwert, der sich durch die intelligente Vernetzung bewährter Programmangebote schaffen lässt, die zeitsouveräne und mobile Nutzung vorhandener Inhalte benötigen leistungsfähige digitale Verbreitungswege“. Er hoffe, dass der zur Verabschiedung anstehende 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrags den öffentlich-rechtlichen Sendern „die Möglichkeit zur angemessenen Entfaltung“ in der digitalen Welt eröffne.

Die digitale Dividende, das durch die Umstellung von analog auf digital freiwerdende Frequenzspektrum, müsse weiterhin für Rundfunkangebote genutzt werden, sagte Raff. Mit Sorge betrachte er Vorstöße großer Telekommunikations- und Mobilfunkunternehmen, Teile davon für rundfunkfremde Dienste zu beanspruchen. Die angebliche Versorgung des ländlichen Raums mit breitbandigem Internet diene dabei nur als Vorwand. Die Bundesnetzagentur müsse genauer prüfen, welche Ressourcen, beispielsweise auch bei UMTS, hier brach lägen und wofür freiwerdende Frequenzen störungsfrei genutzt werden könnten.

Raff sprach sich für einen beschleunigten Analog-Digital-Umstieg aus und schlug vor, dass öffentlich-rechtliche und private Sender das zeitnahe gemeinsame Vorgehen dabei an einem „Runden Tisch“ besprechen sollten. „Beim Satelliten erscheint ein marktgetriebener Umstieg bis Ende 2010 möglich zu sein. Im Kabel ist die Situation angesichts eines Digitalisierungsgrades von erst 20 Prozent und der unterschiedlichen Geschäftsmodelle der Marktteilnehmer sehr viel schwieriger. Hier wird es noch große Anstrengungen geben müssen, wenn das anvisierte Ziel 2012 erreicht werden soll, “ meinte er.
Der ARD-Vorsitzende machte klar, dass die Umstellung auf den Regelbetrieb in HDTV im das Jahr 2010 für ARD und ZDF beschlossene Sache ist und die Sender ihre technische Infrastruktur und Produktionsabläufe mit Hochdruck darauf einstellen.

HDTV-Roadmap
Die beschlossene Roadmap zur HDTV-Einführung erläuterte auf dem PTKO-Presseforum Andreas Bereczky, Produktionsdirektor des ZDF. Sie sieht zunächst für 2009 drei HDTV-Showcases bei Das Erste und dem ZDF zur Leichtathletik-WM, zur IFA und zu Weihnachten vor. Als Startpunkt der HDTV-Regelausstrahlung sind dann die Olympischen Winterspiele in Vancouver im Februar 2010 vorgesehen. „Ab dann werden alle Programme, die nativ nicht auf HDTV vorliegen, auf HD hochkonvertiert ausgestrahlt“, erklärte Bereczky.
Vorwürfe aus Industrie und Handel, die öffentlich-rechtlichen Sender agierten bei HDTV als Bremser, wies Bereczky entschieden zurück. Zwar seien bereits im Mai 2008 rund ein Viertel der deutschen TV-Haushalte mit HD-ready-Flachdisplay ausgestattet gewesen, der Marktanteil der HDTV-fähigen Empfangsgeräten (Set-Top-Boxen oder IDTVs) liege aber mit rund einer halben Million Geräte noch unter zwei Prozent. Ein überhasteter und dadurch teurer HDTV-Einstieg mache vor diesem Hintergrund weder Sinn, noch sei dies gegenüber dem Gebührenzahler zu verantworten. „Trotz allem gehört HDTV die Zukunft“, so Bereczky. Mittelfristig werde HDTV zum Standard werden, da Zuschauer und Werbekunden eine schlechtere Qualität nicht mehr akzeptieren würden: „HDTV ist die nächste Stufe in der Entwicklung des Fernsehens“, sagte der ZDF-Produktionsdirektor in Berlin. Er räumte ein, dass der Druck auf die TV-Sender wachse, HDTV einzuführen. Dazu würden nicht zuletzt auch die neueste HDTV-fähige Endgerätegeneration mit Spielekonsolen, Camcordern und Blu-Ray-Disk-Playern beitragen.

HDTV ab 2010
Im Anschluss an die HDTV-Übertragung aus Vancouver 2010 planen die Öffentlich-rechtlichen die weitere HDTV-Ausstrahlung zunächst via Satellit auf gemeinsamen Transpondern von ARD HD, ZDF HD und Arte HD. Auch im Kabel sei ein HD-Engagement der Öffentlich-rechtlichen nicht ausgeschlossen. Dies hänge jedoch in erster Linie von den Netzbetreibern ab. Die Verbreitung von HD-Programmen via IPTV beziehungsweise von HD-Programmen über die ZDF-Mediathek hält Bereczky ab 2010 ebenfalls für grundsätzlich möglich. Voraussetzung dafür sei allerdings eine ausreichende Verbreitung von breitbandigen VDSL-/ADSL2+ Anschlüssen.
In der ersten Phase der Umstellung auf HDTV ist laut Bereczky noch ein Simulcast-Betrieb von HDTV, SDTV und Analog-TV vorgesehen. „Daraus resultiert für uns ein großes Problem bei der Finanzierung“, sagte Bereczky. „Wir sind deshalb sehr dafür, dass wir die Analog-Ausstrahlung möglichst schnell einstellen können.“ Er geht davon aus, dass zumindest analoge Satelliten-Ausstrahlungen Ende 2010 beendet und die frei die dann werdenden Kapazitäten und finanziellen Ressourcen für die HD-Ausstrahlung genutzt werden können.
Mittelfristig zu klären sei zudem, wie die Ausweitung der HDTV-Übertragung im Kabel aussehen könnte. Der ZDF- Produktionsdirektor kündigte an, dass der Anteil nativer HDTV-Programme an den öffentlich-rechtlichen Sendungen ab 2010 sukzessive erhöht werden soll. Angestrebt sei ein „nahezu hundertprozentiges natives HDTV-Programm ohne upkonvertierte Anteile“.
Langfristig, im Zeitrahmen von zehn bis 15 Jahren, sei schließlich das Ende des SDTV/HDTV-Simulcastbetriebs in Angriff zu nehmen und der Einsatz innovativer Technologien zu klären. Dazu gehöre die Frage, ob HDTV auch terrestrisch via DVB-T2 und MPEG4 H.264 verbreitet werden kann.

HDTV-Ausstrahlung in 720p/50
Für lebhafte Diskussionen sorgte in Berlin die Entscheidung von ARD und ZDF, ihre HDTV-Programme in 720p/50 auszustrahlen. „Das ist das Ergebnis einer langen Diskussion“, sagte Bereczky. Man sei „ziemlich fassungslos“ über die Pressemitteilungen des Bundesverbandes Technik des Einzelhandels (BVT), die ARD und ZDF vorwerfen, „in einem altmodischen Signal“ ausstrahlen zu wollen. Bereczky: „Alternativ zu 720p/50 wäre das Interlaced-Format 1080i/50, also ein Halbbildverfahren, gewesen. Wir haben uns für 720p/50 entschieden, weil wir der Meinung sind, dass in der digitalen Welt keine Interlaced-Signale mehr ausgestrahlt werden sollen.“ Mit Einführung des progressiven HD-Standards 720p/50 würde das größte Relikt der analogen TV-Welt, die rund 80 Jahre alte Interlaced-Technik, bei ARD und ZDF abgelöst. Der bildqualitätsverschlechternde Prozess des Deinterlacings im heimischen Flachdisplay entfalle. Aufgrund der besseren Kompressionseigenschaften des 720p/50-Videostandards profitiere der Zuschauer unmittelbar von einer sehr hohen Bildqualität und dem geringeren Speicherplatzbedarf heimischer HDTV-Aufzeichungsgeräte (HD-PVR).

„Der neue Verbreitungsweg ‚Internet‛ und das Endgerät ‚PC‛ verwenden, wie auch das digitale Kino, schon seit jeher ausschließlich progressive Videoformate“, meinte Bereczky. Der Übergang zwischen verschiedenen Medien und Endgeräten wie Set-Top-Box und PC innerhalb moderner Heimnetzwerke würde durch eine durchgehende Verwendung progressiver Standards vereinfacht. Bereczky: „Bei hoher Bild-Dynamik ist progressiv klar besser. Auch die Computerwelt kennt kein interlaced.“ Er wies darauf hin, dass ARD und ZDF mit ihrer 720p/50-Entscheidung in Europa nicht alleine seien.
In 720p/50 senden bereits SVT in Schweden (seit Sommer 2006), SRG in der Schweiz (seit Dezember 2007), ORF HD in Österreich (seit Mai 2008) und Arte in Deutschland (1. Juli 2008). Weitere europäische Sender, die in 720p/50 an den Start gehen wollen sind VRT in Belgien, TVP in Polen, NRK in Norwegen, DR in Dänemark und andere.
Kritisiert wurde dennoch, dass von den Öffentlich-rechtlichen bislang mit keinem Wort in Erwägung gezogen worden sei, in nächster Zeit auf 1080p/50 umsteigt, ein Format, das die Qualitätsmerkmale von HDTV letztlich am besten auf den heimischen HDTV-Displays zur Geltung bringe.
Der ZDF-Produktionsdirektor hielt dem entgegen: „Bei 720p hat man 900.000 Pixel, bei 1080p sind es zwei Millionen. Das heißt für uns, dass mehr als die doppelte Datenrate zu übertragen ist. Deshalb haben sich die öffentlich-rechtlichen Sender für einen vernünftigen Kompromiss entschieden. Erstens wollen wir kein interlaced mehr übertragen, und zweitens halten wir mit 720p die Bandbreitenkosten bei der Übertragung noch einigermaßen für vertretbar.“
Vertreter von Satellitenbetreibern hingegen sehen dieses Argument als Nebelkerze. Damit wollten die Öffentlich-rechtlichen nur von anderen Problemen ablenken.
Gerhard Schaas, Vorstand der Loewe AG und Vorstandsvorsitzender der deutschen TV-Plattform, vermutete auf dem PTKO-Presseforum: „Wenn die öffentlich-rechtlichen in 1080p/50 ausstrahlen wollen, müssten sie auch durchgängig in 1080p/50 produzieren. Von den Kosten der Aufnahme- und Studiotechnik her ist das für sie aber nicht leistbar.“ Schaas schlug vor, aber zumindest darüber zu diskutieren, ob nicht wenigstens in 1080p vorliegende Spielfilme auch im gleichen Format übertragen werden könnten. Bereczky machte zum möglichen 1080p/50-Einsatz keine Angaben.

Digitalisierung des Hörfunks
Das zweite Schwerpunktthema auf dem PTKO-Presseforum befasste sich mit der Einführung des Digitalen Radios. Hier tritt man seit Jahren auf der Stelle; großzügig geschätzt sind vielleicht 500.000 DAB-Empfänger heute im deutschen Markt. Die KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs des öffentlich-rechtlichen Rundfunks) hat ARD und DLR für die Gebührenperiode 2009 bis 2012 die Mittel für DAB gekürzt, gleichzeitig aber das Fenster für einen Neustart zur Digitalisierung des terrestrischen Hörfunks geöffnet. ARD- und DLR-Verantwortlichen haben ein entsprechendes Entwicklungsprojekt für den Neustart der Hörfunk-Digitalisierung erarbeitet. „Trotz aller Kontroversen ist unter allen Marktteilnehmern unstrittig, dass es ein digitales terrestrisches Übertragungssystem für Hörfunk geben muss, wenn sich das Radio als eigenständiges Medium weiter entwickeln will“, betonte ARD-Intendant Raff. „Es darf nicht dazu kommen, dass sich Deutschland beim Digitalen Radio vom übrigen Europa isoliert. Deshalb müssen wir alle an einem Strang ziehen.“

Auf keinen Fall dürfe das Radio in der analogen Welt zurückbleiben, betonte auch der Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks, Johannes Grotzky, beim PTKO-Presseforum: „ARD, DLR und der private Rundfunk müssen zusammenarbeiten, damit dieses nach wie vor intensiv genutzte Medium einen eigenen digitalen Verbreitungsweg erhält“. Dazu sollen sowohl innovative Programmangebote als auch zukunftsträchtige Geräte entwickelt werden, die einen Mehrwert zum linearen Radio bieten, wie zum Beispiel zeitsouveräne Nutzung, visuelle Zusatzdienste oder individualisierbare Programme. Auf Jahrzehnte hinaus biete sich jetzt die letzte Chance, frei werdende digitale Frequenzen für das Radio zu erhalten, so Grotzky in Berlin. Andernfalls würden diese von Telekommunikationsanbietern für kommerzielle Angebote genutzt.
ARD und DLR würden einen Projektentwurf verabschieden, der die von der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) geforderte neue Strategie zur Umsetzung des digitalen Radios kurzfristig möglich mache.

Herbert Tillmann, Vorsitzender der Produktions- und Technikkommission von ARD und ZDF, beurteilt die digitalen Perspektiven der Öffentlich-rechtlichen in Hörfunk wie Fernsehen positiv: „HDTV ist für uns auch ein Mittel, um die technische Qualität des Fernsehens auf hohem Niveau zu halten und im Vergleich mit anderen hochwertigen digitalen Medien wettbewerbsfähig zu bleiben“, erklärte er bei der PTKO-Veranstaltung in Berlin. „Auch Radio wird eine digitale Zukunft haben, wobei die Terrestrik weiterhin eine wichtige Rolle spielen wird. Wir brauchen genügend konzeptionellen Spielraum, um uns nicht starr auf eine einzige Richtung festlegen zu müssen; das wird hoffentlich auch die KEF erkennen. Wir müssen uns die in den letzten Jahren völlig veränderten Mediennutzungsszenarien vor Augen halten und diesem Umstand bei der Konzeption des digitalen Radios Rechnung zu tragen.“

Start von DAB+ Ende 2009?
Bei ihrem Treffen vom 22. bis 24. Oktober 2008 werden die Ministerpräsidenten der Länder voraussichtlich beschließen, die Bedarfsanmeldung für bundesweite Multiplexe zum Betrieb von Digital Radio umgehend an die Bundesnetzagentur zu leiten. Das kündigte Dr. Harald Hammann, Rundfunkreferent in der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei, auf dem Forum „Digital Radio: Wettbewerb beim Netzbetrieb“ im Mitte September in Berlin an. Der geplante Start von Digital Radio Plus (DAB+) sei damit bis Ende 2009 möglich.

Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring, Präsident der bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM), bezeichnete es als untragbar, dass die Programmanbieter allein das finanzielle Risiko bei Digital Radio tragen sollten. Auch Sendernetzbetreiber müssten hier stärker einbezogen werden. Helmut Egenbauer, Geschäftsführer von Netzbetreiber Media Broadcast, kündigte in Berlin „eine Optimierung der Netzkosten“ an.
Eckhard Eckstein (MB 10/08)




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