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News: Medienpolitik

Noch nicht den Stecker ziehen

Reiner Müller, Technischer Leiter der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM), fordert eine konzertierte Aktion aller Marktkräfte bei der Einführung digitaler terrestrischer Übertragungsverfahren. Digitalradio DABplus ist seiner Meinung nach auch heute noch ohne Alternative. Im großen MEDIEN BULLETIN-Interview erklärt er warum.

Was verbinden sie mit dem derzeit viel gebrauchten Begriff „Digitale Dividende“? Eher Bedrohung oder neue Chancen für den terrestrischen Rundfunk?

Der Rundfunk braucht in der digitalen Welt nicht mehr soviel Übertragungsspektrum wie in der analogen. Deshalb halte ich es auch volkswirtschaftlich für richtig, dass er sich mit weniger begnügt und die Kanäle 61 bis 69 im oberen UHF-Frequenzband, wie geplant, frei gibt. Es muss nur gewährleistet sein, dass die Telekos als neue Nutzer, mit ihren mobilen Breitband-Services auf Basis des UMTS-Nachfolgers LTE nicht die Nutzung des terrestrischen Fernsehens DVB-T unterhalb dieses Frequenzbereiches stören. Und das ist, was alle wissenschaftlichen Untersuchungen europaweit auch bestätigen, gegenwärtig nicht gewährleistet. Die Politik ignoriert das allerdings. Insofern habe ich schon einige Befürchtungen.

Sie zeichnen seit genau 20 Jahren als Technischer Leiter der BLM verantwortlich. In dieser Zeit haben sie sich für die Digitalisierung des terrestrischen Rundfunks engagiert. Wie sieht ihre persönliche Bilanz aus?

Die Technologien für den digitalen terrestrischen Rundfunk mit dem DVB-System für das Fernsehen und mit dem DAB-System für den Hörfunk wurden zwar schon Anfang der 90er Jahre entwickelt sind aber heute noch state-of-the-art. Dennoch tut man sich mit der Einführung schwer, insbesondere beim digitalen Hörfunk. Das liegt zum Teil daran, dass wir sowohl auf Veranstalterseite als auch der Länderseite keine einheitliche Position in Deutschland finden.
Auch beim Kabel ist der Digitalisierungsprozess extrem schwer ist und wir werden ihn wahrscheinlich erst ab 2012 in Verbindung mit der kompletten Abschaltung der analogen Verbreitung über Satellit angehen können. Beim Rundfunksatelliten-Empfang ist die Digitalisierung mit rund 70 Prozent digitalen TV-Haushalten weit fortgeschritten und in der Terrestrik ist die Digitalisierung vollständig erfolgt.

Die Digitalisierung stellt die Landesmedienanstalten also weiter vor große Herausforderungen. Was sind die wichtigsten Aufgaben?

Bei der Digitalisierung geht es neben dem Aufbau der Distributionswege auch darum, für den Empfang der digitalen Signale eine Endgerätereichweite aufzubauen. Das war in einzelnen Marktsegmenten wie bei DVB-T leichter, bei anderen wie im Satelliten- und Kabelbereich des Fernsehens ist es schwerer und beim Hörfunk mit seinen 250 bis 300 Millionen UKW-Empfängern im Markt extrem schwer. Das heißt, Rundfunkanbieter wie Landesmedienanstalten müssen erkennen, dass die Einführung der digitalen Rundfunktechnologien sehr stark von der Verbraucher-Akzeptanz abhängt und hier gemeinsame Endgerätestrategien finden.

Welche Bedeutung hat das digitale terrestrische Fernsehen für sie?

Die Funkanalyse in Bayern und auch die Zahlen der MA haben gezeigt, dass das terrestrische Fernsehen nach der Digitalisierung wieder größeren Zuspruch findet.
Die Entscheidung, mehr Programme auf digitalem terrestrischen Weg zu verbreiten, als dies beim analogen Fernsehen möglich war, hat sich bezahlt gemacht. Heute gibt es bundesweit im Durchschnitt wieder rund zehn Prozent terrestrische TV-Haushalte. Der Verbreitungsweg DVB-T hat sich also wieder etabliert. Umso mehr müssen wir von der Rundfunkseite darauf achten, dass der Wunsch nach digitaler Dividende nicht größer wird und sich auch die Terrestrik als wesentliches Element der Fernsehen- und Rundfunkversorgung weiter entwickeln kann.

Zum Beispiel in Richtung MPEG 4 oder DVB-T 2. Was passiert eigentlich mit den aktuell 17 Millionen DVB-T Empfängern In Deutschland wenn auf neue DVB-T-Technologie umgestellt wird?

Sendertechnik und Empfangstechnik müssen dann komplett ausgetauscht werden. Das ist für den Zuschauer also mit einem harten Umstieg verbunden. Ähnlich ist es ja auch bei der Einführung von HD-Fernsehen. Die Verbraucher müssen sicherlich auch lernen, ihre Unterhaltungselektronikgeräte, die auf dem Markt sind, von Zeit zu Zeit zu erneuern, um den Technologiesprüngen folgen zu können. Wenn MPEG 4 für DVB-T eingeführt wird, muss leider auch eine neue Set-Top-Box her.
Im Unterhaltungselektronik-Markt sind Konsumenten noch nicht gewohnt, sich in kurzen Zeitabständen neue Geräte zu kaufen, so wie das im Mobilfunk- und im Computermarkt gang und gäbe ist. Das müssen sie hier erst noch lernen.

Gibt es Neuigkeiten in der DVB-H Entwicklung? Sind neue Investoren für Mobile TV in Sicht?

DVB-H ist ja zumindest mal vom Spektrum her geplant. Wir haben eine komplette DVB-H-Bedeckung für mobiles Fernsehen in ganz Deutschland. Überall sind Frequenzen dafür reserviert. Es gibt also das ernsthafte Bestreben, das mobile Fernsehen in Deutschland einzuführen. Bislang gibt es jedoch keine Interessenten auf Anbieterseite. Auch die Deutsche Telekom setzt weiter auf UMTS zur mobilen Übertragung ihres Liga total!-Programms und will nicht, wie es sich wegen der UMTS-Übertragungsprobleme andeutete, auf das Broadcast-Netzt DVB-H umschwenken.
Dabei ist klar, dass Individualkommunikationsnetze wie UMTS nur eine gewisse Datenkapazität pro Zelle bereitstellen, die bei hochdatenratiger Nutzung von 20 bis 30 Nutzern ausgeschöpft ist. Das heißt Liga total!-Nutzung in Ballungsräumen kann man über UMTS-Netze schnell vergessen, dafür bräuchte man Broadcast-Netze.
Infolge dessen ist DVB-H wieder ins Gespräch gekommen. Aber wirklich ernsthaft ist das Thema nie geäußert worden. Wir glauben deshalb nicht, dass DVB-H in derzeitiger Form zu einem Genehmigungsergebnis geführt werden kann. Wenn es überhaupt wieder auflebt, dann müsste man es sowieso nach den Regeln des jetzt geltenden Rundfunkänderungsstaatsvertrages neu ausschreiben. Wir denken aber auch daran, dass wir die DVB-H-Kapazität einsetzen könnten, um in mittelfristiger Sicht zum Beispiel den Switch-over von DVB-T hin zu DVB-T2 vollziehen zu können. Und deswegen kann man die DVB-H- und DVB-T-Zukunft nicht getrennt betrachten.

Da wittern andere Anbieter von Mobile-TV-Technik wie Qualcomm mit MediaFlo Morgenluft. Haben die Vorteile gegenüber DVB-H?

Ob man jetzt die DVB-H-Technologie, die ja von der EU-Kommission als das erste europäische System für mobiles Fernsehen bezeichnet wurde, implementiert oder MediaFlo von Qualcomm implementiert ist völlig egal. Die Frage ist vielmehr, ob mobiles Fernsehen in Deutschland ein tragbares Geschäftsmodell bietet. Dann wird es auch eingeführt. Ich gehe davon aus, dass DVB-H, wenn es jetzt nicht kommt, in 1 ½ Jahren kein Thema mehr ist.

Gibt es kein Zeitfenster für die Einführung?

Nein. Der Zeitfaktor spielt derzeit keine Rolle. Bei DVB-H existiert derzeit ein laufendes Verfahren, wann das geschlossen wird und ob dann ein neues eröffnet wird, muss in der ZAK und DLM erst neu beraten werden. Auf Dauer kann die Kapazität aber nicht reserviert werden.

Weigert sich Netzbetreiber Media Broadcast weiterhin in finanzielle Vorleistung zu gehen?

Genau so ist es. Wie zuvor bei der DVB-T-Umschaltung erleben wir dieses Verhalten von Media Broadcast auch in der DVB-H- und DAB-Diskussion. Seitdem das Unternehmen zur französischen TDF-Gruppe gehört, ist es nicht mehr bereit, Investitionsvorleistungen in dreifacher Millionenhöhe zu tätigen und dann zu hoffen, dass irgendwann ein Nutzer kommt. Dies ist aus betriebswirtschaftlichen Gründen auch durchaus verständlich. Im Ausschreibungsverfahren der Bundesnetzagentur kommt Media Broadcast jetzt zwar auch den Zuschlag für den Betrieb eines bundesweiten DABplus-Sendenetzes, aber auch da brauchen wir erst die Anbieter. Diese müssen dann mit der Media Broadcast einen Vertrag abschließen und dann fängt Media Broadcast das Bauen an. Und das ist bei DVB-H genauso.

Es ist immer noch die Rede vom DABplus Neustart 2010. Wie realistisch ist das?

Die Länder haben für die Ministerpräsidentenkonferenz Endes September einen entsprechenden Beschluss vorbereitet. Der wird wohl auch durchgehen. Das heißt, die Zuordnung der bundesweiten DABplus-Kapazität, zwei Drittel an privaten Hörfunk, ein Drittel an Deutschlandradio für ein bundesweites DABplus-Netz wird erfolgen. Und nach dieser Zuordnung nach Rundfunkstaatsvertrag § 51 können die Landesmedienanstalten ausschreiben. Die Landesmedienanstalten haben Mitte September in München einen Ausschreibungstext formuliert, sodass man zügig in eine Ausschreibungsphase gehen kann. Was dann diese Ausschreibung ergibt, ob sich jemand darauf bewirbt, wird sich zeigen. Die Landesmedienanstalten jedenfalls haben immer gefordert, bei DABplus nicht den Stecker zu ziehen, bevor wir nicht ausgeschrieben haben.

Fortsetzung: Teil 2

Bei einem Call of interest haben die Landesmedienanstalten 23 Interessenten für die bundesweiten DABplus-Kapazitäten registriert.

Ein solcher Call for Interest ist natürlich weder wirtschaftlich noch inhaltlich verbindlich. Ob die Interessenten am Ende die Netzkosten finanzieren können ist eine ganz andere Frage. Erst wenn Media Broadcast offiziell den Netzbetrieb übertragen bekommt, wissen wir, was die Nutzung des DABplus-Netzes die Programmanbieter wirklich kostet. Heute gehen wir davon aus, dass bei ungefähr 50 Prozent Reichweite in Deutschland pro Programm 500.000 Euro im Jahr fällig sind. Das ist im Vergleich zu den UKW-Netzkosten nicht viel Geld.

Thomas Wächter von MEDIE BROADCAST nennt drei Millionen Euro Kosten im Jahr.

Im Endausbau bei bundesweiter Komplettabdeckung! Media Broadcast startet aber erst einmal den Netzausbau in 42 Städten. Danach sollen diese Empfangsinseln erweitert werden. Für den Anfang fallen Netzkosten in Höhe von 6 bis 8 Mio. Euro im Jahr an. Geteilt durch 12 bis 14 Anbieter macht das dann 400.000 bis 500.000 Euro im Jahr.

Wie liegen die bundesweiten Netzkosten bei DABplus im Vergleich zu UKW?

Sie betragen nur noch ein Viertel bis ein Sechstel der UKW-Netzkosten. Das hängt ein bisschen von der Topographie ab. Wir haben in Bayern ein DAB-Netz flächendeckend zur Verfügung. Das kostet pro Programmslot bei MPEG-2 derzeit 700.000 Euro. Und bei MPEG-4 wird es ungefähr 400.000 Euro – bayernweit bei 100prozentiger Flächenversorgung - kosten. Für ein bayernweites UKW-Netz muss ein Sender wie Antenne Bayern demgegenüber heute rund 2,5 – 3,0 Mio. Euro, also gut fünf Mal soviel ausgeben.

Ist das für die Hörfunkveranstalter kein Anreiz auf Digitalradio zu wechseln?

Ja und Nein. Ja, weil die digitale Verbreitung mittel- und langfristig erheblich die Distributionskosten reduziert. Nein, weil sie in der Übergangsphase wegen der nötigen Analog-/Digital-Parallelausstrahlung mit zusätzlichen Kosten verbunden ist.
Das bedeutet aber letztlich auch, dass alle, die auf die digitale Distribution setzen, das Interesse haben sollten, möglichst schnell einen großen digitalen Endgerätemarkt aufzubauen, um die analoge Verbreitung abschalten zu können.
Bei allen bisherigen Einführungsszenarien beim digitalem Fernsehen und Hörfunk wurde immer vergessen, dass man als Programmanbieter auch an die Endgeräteseite denken muss. Unsere Rundfunkanbieter hier in Deutschland haben das nie gelernt. Sie haben sich immer auf eine gemähte Wiese gesetzt und gesagt, die Endgeräte sind schon da. Für Mobilfunk- oder IT-Unternehmen war das hingegen nie selbstverständlich.

Kritik wird auch daran geübt, dass sich die analoge Hörfunklandschaft nicht 1:1 in der digitalen Welt abbilden lässt. Gibt es dazu Lösungen?

Natürlich kann man die heutige analoge UKW-Hörfunklandschaft mit den Frequenzen, die für den digitalen Rundfunk zur Verfügung stehen, nicht 1:1 abbilden, gerade im lokalen-regionalen Bereich nicht. Dennoch haben wir in Bayern, obwohl wir eine so kleinzellige UKW-Lokalstruktur haben, nur zwei bis drei neue Sendegebietszuschnitte, die neu definiert werden müssen. Kleine Strukturveränderungen im lokalen Bereich muss man akzeptieren! Das ist aber auch schon mit allen Betroffenen besprochen. Da gibt es bereits Lösungsmodelle.

Die KEF hat die Finanzmittelfreigabe für DABplus verweigert. Das dürfte die digitale Zurückhaltung der Hörfunksender doch wohl weiter bestärken?

... vielleicht bei denen, die ohnehin nicht davon überzeugt sind. ARD und Deutschlandradio hätten auch so das Geld, um DABplus in Angriff zu nehmen. Die Frage ist nur, ob sie das jetzt noch dürfen. Nach Ansicht der Medienanstalten ist die KEF bei ihrer Entscheidung zu weit gegangen. Sie genehmigt nicht nur Mittel, sondern sagt auch noch für welche Technologie sie verwendet werden sollen. Das tangiert sehr stark das Selbstbestimmungsrecht des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks. Bei programmlichen Fragen würde der sich das verbieten.

Innerhalb der ARD vertritt man aber auch nicht gerade eine Linie bei DABplus.

Auch das stimmt. BR und MDR gehören zu den DABplus-Befürwortern. Sie werden beim Digitalradio weitermachen. Wahrscheinlich auch der HR. Aber es gibt auch Rundfunkanstalten wie der WDR, die eher nichts machen. Deutschlandradio möchte gerne mehr machen, hat aber auch keine Mittelfreigabe durch die KEF. Durch diese Spruchkultur der KEF ist ein Vakuum entstanden, das ein gemeinsames Vorgehen der Öffentlich-Rechtlichen leider verhindert.
Die Medienanstalten sind der Ansicht, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit öffentlichen Geldern bei der Technologieentwicklung vorangehen soll. Er müsste auch die Endgerätereichweite beim digitalen Rundfunk aufbauen so wie das hierzulande seit 1950 auch bei UKW passiert ist. Das private Engagement kommt danach. In Deutschland existiert in dieser Frage jedoch kein Konsens, der politisch sicherlich notwendig wäre.

Um DABplus voran zu bringen wurde wieder das alte Thema Digitalisierungsfonds ins Spiel gebracht. Was sagen sie dazu?

In Bayern gewähren wir DAB-Programmen Distributionskostenzuschüsse von bis zu 45 Prozent bei landesweiter und von bis zu 80 Prozent bei lokaler Verbreitung. Als Landesmedienanstalt sind wir der Ansicht, dass wir die infrastrukturellen Voraussetzungen schaffen müssen, damit auch private Veranstalter ähnlich wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk in den DAB-Markt einsteigen können.
Genau darauf zielt auch der von ihnen angesprochene Vorschlag von Eberhard Sinner, dem medienpolitischer Sprecher der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag, ab. Er ist der Ansicht, dass die Infrastruktur zumindest für die Übergangszeit, wo simulcast analog und digital gesendet wird, die öffentliche Hand die Infrastruktur auch für den privaten Rundfunk mit unterstützt oder gar finanziert. Ich selbst bin der Meinung, sie soll zumindest mal für zehn Jahre komplett finanziert werden. Und danach, wenn die analoge Verbreitung abschaltet wird, müssen die Sender für den digitalen Distributionsweg bezahlen. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk zahlen wir die digitale Verbreitung mit unseren Gebührengeldern ja auch alle. Und der private Rundfunk soll plötzlich aus seinen Erlösen, nur damit er mit der technologischen Entwicklung Schritt halten kann, zwei Übertragungswege bezahlen. Wen wundert es da, wenn die Reaktion eines privatwirtschaftlichen Unternehmens da eher zurückhaltend ausfällt. Infolgedessen ist diese Forderung nach einem Infrastrukturfonds, der die Privaten zumindest was die Distribution ihrer Produkte angeht auf Augenhöhe mit den Öffentlich-Rechtlichen bringt, für eine Übergangszeit sicherlich richtig und sinnvoll.
Auch eine Liberalisierung und Harmonisierung der Landesmediengesetze für ein bundeseinheitliches Vorgehen sollten wir angehen. Hier sind die Rundfunkreferenten der Länder gefragt. Wir sind in Deutschland aufgrund des Föderalismus einfach auch sehr schlecht organisiert und leider höchst unterschiedlich aufgestellt, so dass wir bundesweit einheitliche Strategien nur sehr schwer umsetzen können.

In welchen Ländern ist die Infrastrukturförderung möglich?

Von 14 Landesmedienanstalten können grundsätzlich 11 fördern und drei nicht. Aber so intensiv wie Bayern fördert derzeit kein anderes Bundesland. In den anderen Ländern gibt es landesgesetzliche Regelungen, die letztendlich die Handlungsfreiheit der Landesmedienanstalten bei der Förderung von solchen Infrastruktur- oder Innovationsprojekten stark einschränken. Auch deshalb macht der Digitalisierungsfonds-Vorschlag Sinn.

Der VPRT hat sich wegen fehlender Refinanzierungsmöglichkeiten ebenfalls gegen DABplus ausgesprochen. Wie bewerten sie das?

Wir müssen einfach konstatieren, dass die derzeitig beim VPRT organisierten Hörfunkunternehmen durch die Bank sehr reich sind und durch UKW in den letzten 20 Jahren sehr viel Geld verdient haben. Diese ganzen Gewinne wurden durch die Gesellschafter in der Regel abgeschöpft. Unternehmen wie FFH und Antenne Bayern gehören nachweislich zu den reichsten Unternehmen im Hörfunkbereich, die pro Jahr zweistellige Millionenbeträge an Gewinnen ausschütten konnten. Und wenn die sich hinstellen und sagen, wir können uns DAB nicht leisten, dann ist das nicht besonders glaubwürdig.
Ich meine, dass diese Argumentation ausschließlich darauf abzielt, ein UKW-Monopol im landesweiten Bereich zu schützen. Eine neue Technologie könnte diese Monopolstellung gefährden.

Manche Radiostationen setzen bei der digitalen Verbreitung lieber auf das Internet als auf DAB. Ist das eine Lösung?

99 Prozent der Hörfunknutzung basiert heute auf der Terrestrik. Sie ist und bleibt ganz klar der Hauptverbreitungsweg. Wer in die digitale Verbreitung einsteigen will, muss die Terrestik multimedial machen und sie in der Vielfalt erweitern.
Für Internet-Radio hingegen, das bestätigen auch viele Untersuchungen, gibt es heute in auf absehbare Zeit keine Refinanzierungsmöglichkeiten. Pay-Radio oder gebührenpflichtige Downloads haben keine Zukunft. Das möchte ich erst mal sehen, dass jemand für solche Radioangebote einen Cent in die Hand nimmt. Radio ist doch ein Medium, das in hundertfacher Form unentgeltlich da ist.
Wir hatten übrigens kürzlich eine Anhörung in Frankfurt, wo Rainer Hüther, Geschäftsführer von Radio Sunshine, anwesend war. Der verzeichnet mit seinen Internetangeboten monatlich zwei Millionen Minuten Streamings und hat dennoch erklärt, dass er damit leider kaum Erlöse generieren kann. Der Grund: Die Marken gehen im Internet verloren, weil die Nutzer hier nur nach Genres suchen.
Bei Radio über Mobilfunk ist das Mobilfunknetz ja nur die Last Mile vom Internet. Es wird immer übersehen, dass eigentlich die ganzen Mobilfunksysteme nicht in sich selbst Hörfunkprogramme tragen, sondern sie routen sich ja nur über das Internet die Programme heran. Und diese Last Mile ist sehr teuer, weil die Mobilfunkbetreiber ein anderes Geschäftsmodell haben als die Hörfunkprogrammbetreiber. Deswegen wird auch das Internet mit all seinen hochdatenartigen Verbindungen niemals flächendeckend so billig sein wie ein Broadcast-Netz.

Vorgeschlagen wird auch immer wieder, Radio über DVB-T zu verbreiten...

In Berlin funktioniert das ja auch. Seit acht Jahren wird dort über DVB-T Radio abgestrahlt. Und gibt es dafür Radiogeräte? Wir müssen uns erst einmal darüber unterhalten, wie die in den Markt kommen sollen. DVB-T Radio macht vielleicht im Stadtgebiet Berlin Sinn. Mit der DVB-T Struktur in Bayern können Sie allerdings keinen lokalen oder landesweiten Hörfunk abwickeln. Da gilt ganz Südbayern als ein Sendegebiet.
Außerdem: Ein Multiplex trägt zunächst einmal vier Fernsehprogramme. Wenn kein weiterer Platz mehr vorhanden ist, findet Hörfunk da gar nicht statt. Und deswegen sagen wir ja von der Expertenseite her auch: jedes Medium braucht seine eigenen Distributionswege, um dann vielleicht im Endgerät zusammen zu wachsen. Wenn im Endgerät - auf dem Handy, auf dem Autoradio - zwei, drei Empfangswege nutzbar sind, dann kann es dem Verbraucher im Grunde egal sein, über welchen die Programme und Dienste zu ihm gelangen. In der Distribution ist deshalb gar nicht erforderlich, alles über ein Netz zu machen.
DVB-T Radio würde die vorhandenen Hörfunkstrukturen in Deutschland jedenfalls komplett auf den Kopf stellen. Die in den Bundesländern einheitlichen DVB-T Multiplexe erlauben nun mal nicht die Abbildung der länderspezifischen Strukturen. Der DVB-T Einsatz beim Hörfunk ist mit völlig anderen Zuführungs- und Versorgungsstrukturen verbunden und würde die ökonomische Situation der Sender grundlegend verändern.

Es gibt aber auch andere Betrachtungsweisen und Bewertungen in dieser Frage zum Beispiel durch die DVB-Lobby. Könnte die Einführung der DVB-Weiterentwicklung DVB-T2 nicht die Situation verändern?

Nein. Selbst Prof. Dr. Ulrich Reimers meint, dass DVB-T 2 nicht für den Hörfunk entwickelt wurde und auch nicht für den Hörfunk bzw. für die Abbildung des Hörfunks, so wie wir sie heute kennen, geeignet ist. Dass jedes digitale terrestrische System aufgrund seiner digitalen Datenkapazität auch ein Audiosignal mit transportieren kann, ist keine Frage. Dem Bit ist es ja egal ob der Erstbestandteil eines Bildes, eines Tones oder eines Textes ist. Aber die Frage ist doch immer, sind diese Netze, diese Frequenzen, diese Kosten in diesen Netzen auch für ein anderes Medium geeignet. Daran scheiden sich die Geister. Auch die Frage, ob zur Einführung neuer Rundfunktechnologien genügend Endgeräte für den mobilen, flächendeckenden In- und Outdoor-Empfang auf dem Markt sind, ist von zentraler Bedeutung.

Aber sie kämpfen dennoch seit Jahren für DAB. Warum?

Mir geht es überhaupt nicht in erster Linie um DAB, sondern vielmehr um die Frage, ob die Zukunft des Hörfunks im digitalen Zeitalter in der terrestrischen Übertragung liegt. Alle technischen Leiter der Landesmedienanstalt sind hier der Meinung, dass es für den Hörfunk keine Alternative zur digitalen terrestrischen Übertragung gibt.
Wir brauchen auch beim Hörfunk eine grenzüberschreitende Versorgung. Bei UKW ist das heute gewährleistet. Unsere Nachbarländer wie Frankreich, Schweiz, Holland, Dänemark, Schweden und Großbritannien setzen auf DAB. Wenn wir jetzt in Deutschland etwas anderes machen würden, wäre das fatal. Und es kann auch nicht sein, dass Niedersachsen etwas anderes macht als Schleswig-Holstein und Bayern als Baden-Württemberg. Wer dann mit dem Auto durch die Republik fährt müsste ein Radiogerät mit vielleicht vier, fünf verschiedene Empfangsmodule haben, um überall das mit verschiedenen Techniken ausstrahlte Radio hören zu können. Das kann es doch wohl nicht sein! Weder die Länder noch die ganze Bundesrepublik sind in Sachen Hörfunktechnologie auf einer Insel. Wir müssen uns auch an den europäischen Märkten orientieren. Ich sehe weltweit keine andere Technologie, die für das digitale terrestrische Radio eine Alternative ist.

Eckhard Eckstein

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