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News: Medienpolitik

Wartestellung in Sachen Digital

Medienpolitik und „Digitalisierung“: Hier ist nicht von der Digitalisierung im Produktions- und Sendebetrieb-Equipment die Rede. Die ist mit Chips und nervenaufreibenden Computer-Menus, die der Rationalisierung dienen sollen, längst in der IT-Welt angekommen. Um aber „Trimedialität“, „Interaktivität“ und last but not least High-Definition-Bild- und Tonqualität mittels einer modernen Broadcast-Technologie auch konsumentengerecht umsetzen zu können, wird noch eine übersichtliche digitale Distributionsinfrastruktur gebraucht. Wann genau der Switch-Over von analog auf digital stattfinden wird, ist in Deutschland im Gegensatz zu anderen Industrienationen in der Welt noch nicht geklärt. Da klemmt es bislang wegen der föderalen Medienverantwortung hierzulande.
Selbst der ominöse „12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag“, der festschreiben soll, was ARD und ZDF mit ihren Gebührengeldern in der digitalen Welt machen dürfen, ist immer noch nicht unter Dach und Fach. Da müssen noch die Parlamente der Bundesländer ratifizieren. Was die Lobbyisten der einschlägigen nationalen Interessensgruppen wie die aus der EU noch einmal zu beeinflussen suchen.
Eine hübsche Posse haben sich hiesigen Medienpolitiker auch beim Handy-TV geleistet. Da wurden derart komplizierte Regulierungen und Verfahren für das DVB-H-Projekt Mobile 3.0 vorgegeben, so dass es schließlich wie eine Seifenblase platzte.
Chaotische Zustände und Umbrüche im Medienmarkt 2008 allenthalben: So hat sich das Bundeskartellamts in das Geschäft der Werbezeitenvermarkter von ProSiebenSat.1 und RTL eingemischt, ihnen hohe Strafgelder aufgebrummt, die wiederum zwecks der hoch gesteckten Renditeziele bei Programm und Personal eingespart werden mussten. Strafrechtlich ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Aus dem Kreise der Mediaagenturen indessen, die die Sender mit Werbegelder versorgen, sitzt schon seit Monaten einer in Untersuchungshaft wegen des Verdachts, dass er Gelder in sein eigenes Portemonnaie umlenkte. Das einstige Georg-Kofler-Pay-TV-Imperium „Premiere“ ist mittlerweile in sich zusammengebrochen und in die Hände des Murdoch-Management geraten. Kofler war zum richtigen Zeitpunkt von der Börse abgesprungen und macht jetzt auf „effiziente Energie“. Bei den TV- und Filmproduzenten gab es großes Gezerre, um sich als „Allianz“ für die neuen Geschäfte der digitalen Welt zu rüsten. Springer hat sich Anfang 2008 ganz aus der ProSieben Sat.1 AG zurückgezogen, die einfach keinen neuen Vorstand findet, obwohl Guillaume de Posch schon seit Monaten seinen Rückzug angekündigt hat. Hier hat es mit der Finanzkrise einen Perspektivwechsel auf ganz hohem Management-Niveau gegeben: Keiner will mehr Heuschrecke sein, zumindest nicht öffentlich!
Am besten der Konsument nimmt seine Medienwelt selbst in die Hand. Doch war Anfang des Jahres noch „Consumer Generated Content“ der große Renner, hat sich die Sache mittlerweile als ein vorübergehender Spuk entpuppt. Auch die „Social Communitys“ im Internet, von denen man sich offenbar irrwitzige Renditen versprach, sind mittlerweile in Gefahr. Beispielsweise ist der Holtzbrinck-Verlag von seinem Engagement bei „StudiVZ – Bist du schon drin?“ gar nicht mehr begeistert, aus wirtschaftlichen Gründen, versteht sich. Was im Internet allerdings bleibt, sind die bewegten Bilder, wobei sich allerdings nicht Wenige zu fragen beginnen, wer die Produktion dafür bezahlt.
Egal wie und nach welchen Geschäftsmodellen: Immer mehr Web-TV und Spartensender sprießen auf dem digitalen Boden. Passend zu unserer Zeit hat die Gewerkschaft ein „Streik-TV“ ins Netz gestellt,während sich Bundeskanzlerin Merkel konsequent sparsam mit einem wöchentlichen Podcast begnügt. Nun ja, schließlich wird viel Steuergeld für Banken und Automobilindustrie gebraucht.
Indessen könnte man bei den großen TV-Senderketten ARD, ZDF, RTL und ProSiebenSat.1 eine Selbstkannibalisierung konstatieren, da sie viele neue digitale Angebote ins Netz und in den digitalen Satellitenhimmel setzen und damit neue Wettbewerber züchten. Das sehen die TV-Sender aber aus der umgekehrten Perspektive. Weil es eine „Fragmentierung in der Medienlandschaft“ gibt, so kann man dazu beispielsweise lesen, müsse man ihr mit Senderfamilien begegnen. Nur durch „Bündelung des Hauptsenders der ersten Generation mit komplementären Kanälen der zweiten Generation, Zielgruppen- oder Nischenkanälen und Kanälen auf neuen Plattformen“ könne man seine angestammten Marktanteile erhalten. Schöner kann man es kaum sagen. Jetzt wird aber auch Methode zur Messung der Einschaltquote gebraucht.
Gretchenfrage zum Schluss: Wie wird sich der Medienmarkt im nächsten Jahr entwickeln? Man darf sich bloß nicht verunsichern lassen. Bekanntlich kann man auch ein Glas Wasser immer aus zwei verschiedenen Perspektiven betrachten: halb voll oder halb leer. Halb voll ist besser. So verfällt man nicht in Hektik und nimmt neue Chancen – auch für solide Geschäfte – wahr. Als der Ex-Außenminister und Ex-Revoluzzer Joschka Fischer in einem überfüllten Audimax an der Joschka Fischer Humboldt-Universität den Studenten die Welt von morgen mit oder ohne Barack Obama erklärte, hatte er sogar etwas Gutes an der aktuellen Finanzkrise im Vergleich mit der von 1929 entdeckt: Weil die globalisierte Welt rein auf Geld fixiert sei, mache der Einsatz von kriegerischen Waffen keinen Sinn mehr. Weltkriege würden eher virtuell rund um den Mammon ausgetragen. Schöne Botschaft. Schönes neues Jahr!
Erika Butzek (12/08)

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