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Abläufe müssen in einer Hand zusammengeführt werden

Jede Art der Filmproduktion braucht eine individuelle, programmunterstützte Art der Organisation. Visual Effects Firmen und Animationsproduktionen brauchen darüber hinaus eine spezielle Organisation des Workflows. Ihrer effizienten und kostensparenden Konfiguration kommt dabei eine Schlüsselfunktion zu, wie sie die dänische Firma Hobsoft über mehrere Jahre entwickelt und verfeinert hat.

Die Produktion von Animationsfilmen in Europa wird aus Finanzierungsgründen meist auf mehrere Studios gestemmt. So lassen sich die Kosten auf mehrere Schultern, insbesondere die von Förderern, verteilen. Einfache Arbeiten werden zudem in Niedriglohnländer ausgelagert, um weitere Einsparungen zu erzielen. Ironischerweise verursacht die Aufsplittung der Arbeiten aber auch Kosten, denn ein erheblicher Teil der Produktionskosten europäischer Animationsfilme wird allein durch die Koproduktionskonstruktion verursacht. Brian Turner Ottosen, Geschäftsführer von Hobsoft, beziffert den Anteil auf 30 bis 40 Prozent des Budgets. Durch eine effiziente, automatisierte Infrastruktur lässt sich ein Gutteil dieser und anderer Kosten jedoch vermeiden. Die Infrastruktur muss dafür sämtliche Arbeiten an Szenen, Sequenzen, Charakteren, Hintergründen und so weiter berücksichtigen, damit sie für Regisseur und Produzenten jederzeit kontrollierbar sind. Gleichzeitig müssen Workflow und Kommunikation zwischen den einzelnen Abteilungen reibungslos und möglichst in Echtzeit erfolgen sowie nicht übermäßig viel kosten.

Auf den ersten Blick sollte man denken, dass es nicht so kompliziert sein dürfte, ein effizientes Kommunikations- und Abstimmungssystem zu errichten, doch schon der Zweite enthüllt die Problematik, denn jedes Studio hat seine eigene Organisation des Workflows, die nicht unbedingt kompatibel mit der eines anderen Studios ist. Entwicklungschef Hans Christian Jehg und Brian Turner Ottosen, die Hobsoft gemeinsam gegründet haben, wissen aus der Erfahrung an Filmen wie „Terkel in Trouble“, „Asterix und die Wikinger“, dem Oscar-nominierten „Brendan and the Secret of Kells“, Fernando Truebas „Chico & Rita“, der für den Europäischen Filmpreis 2011 nominiert ist und zuletzt die Luc Besson-Produktion „Ein Monster in Paris“, dass die Strukturen, die eine reibungslose Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Produktionsstandorten und der Produktionsspitze garantieren, vor Produktionsbeginn stehen müssen. „Wir versuchen zu verdeutlichen, dass es verschiedene Arten von Verantwortlichkeiten in jeder Abteilung gibt, denen man sich widmen muss. Und so wie es Abteilungen für Charakter-Animation oder Hintergründe gibt, muss es eine Abteilung für die Infrastruktur geben.

Aber die Kosten dafür sind nicht wirklich im Budget verankert“, erklären sie. Bisher haben nur große Produktionen eine solche Abteilung. „Die Kleinen glauben, sie bräuchten es nicht, weil sie zu klein sind, aber auch sie brauchen sie unbedingt“, weiß Turner Ottosen. „Die Abläufe einer Animationsproduktion müssen in einer Hand zusammengeführt werden. Man kann es nicht jedem Studio selbst zu überlassen, wie es die Arbeit organisiert, denn dann gibt es im Austausch mit den anderen Partnern nur Kompatibilitätsprobleme, die Zeit und Geld verschlingen.“

Infrastruktur-Aufbau in nur drei Monaten

Aufgrund der langjährigen Erfahrung ist Hobsoft in der Lage in etwa drei Monate eine individuell auf das jeweilige Projekt angepasste Infrastruktur zu installieren. Für die Umsetzung reicht Jehg und Turner Ottosen ein Treffen, bei dem die Anforderungen und Wünsche der Produktion besprochen werden.
Bei der Organisation des Workflows greifen sie auf ihre Erfahrungen und bereits geschaffene Strukturen zurück, was Zeit und Geld spart, um ein komplett neues System zu kreiieren. „Realistischer Weise dauert es drei Produktionen, um ein Infrastruktursystem zu entwickeln – und es muss immer jemand abgestellt sein, der sich nur darum kümmert“, sagt Turner Ottosen und Jehg fügt hinzu: „Wenn man eine Infrastruktur schaffen will, muss man sich darauf konzentrieren und kann gleichzeitig nicht auch noch einen Film machen.“ Dabei lohnt sich der Einsatz von Hobsoft, denn die Struktur der europäischen Animationsbranche ist sehr kleinteilig und dadurch sehr ineffizient. „Unterm Strich werden Prozesse beschleunigt sowie Personal und Geld gespart“, sagt Brian Turner Ottosen.

Ohne Hobsoft müsste jedes Studio einen Systemadministrator und einen Assistenten einstellen. Die Zeitverluste, die entstehen, weil jeder Artist seine Arbeit erst einmal irgendwo hoch- oder einladen müsste, nicht mitgerechnet. „Wir kennen Beispiele, wo die Line-Producer und ein Assistent den ganzen Freitag damit verbracht haben jedes Studio zu kontaktieren und Statusreports anzufordern“, sagen Jehg und Ottosen. „Das entspricht pro Produktion nicht nur rund 150 Arbeitstagen, die bezahlt werden müssen, die Produktion hat bei dieser Methode auch nur ein Status-Update pro Woche anstatt zu dem Zeitpunkt, zu dem es benötigt wird.“ Mit Hobsoft werden die Prozesse so automatisiert, dass zu jeder gewünschten Zeit der tatsächliche, aktuelle Stand der Arbeiten abrufbar ist. Hier kommt zum Tragen, dass Hobsoft den Film auch fertig stellt.
Dadurch liegen die Szenen und Sequenzen in dem Moment geschnitten und farbkorrigiert vor, in dem die Arbeiten an ihnen beendet sind. Nebenbei werden so Postproduktionskosten eingespart, die sonst mit 500 bis 1.000 Euro pro Stunde zu Buche schlagen. Zudem entfallen zeit- und kostenintensive Reisen. „Unser Honorar lässt sich allein schon aus dem finanzieren, was eingespart wird, weil Reisen durch unser System überflüssig werden“, sagt Ottosen.
An der Produktion von „Chico & Rita“ waren elf Studios beteiligt, darunter je eines in Brasilien und auf den Philippinen. Die Einzigen, die zwischen den Studios hin und her reisten, waren Jehg und Turner Ottosen, um die Infrastruktur einzurichten. Selbst Regisseur Fernando Trueba reiste nicht und koordinierte den Herstellungsprozess von Barcelona aus, wo der Hauptproduzent Estudio Mariscal seinen Sitz hat.

Begonnen hat Hobsoft damit Wege zu finden, um eine verlässliche File-Struktur zu generieren, mit der es möglich wurde das finale Master eines Animationsfilms automatisch zusammen zu führen. Erst danach wurden Strukturen entwickelt wie Szenen während der Produktion automatisch in Ordner gespeichert und von dort automatisch zusammen gefügt werden können. Jedes Studio arbeitet dabei nach demselben Prinzip und ist über eine Datenleitung mit dem zentralen Server verbunden, auf den man je nach Zugriffsrechten direkt zugreifen kann. Der Regisseur kann sich jederzeit den Stand der Dinge ansehen und Szenen und Sequenzen kontrollieren und abnehmen. Der Infrastrukturaufbau erlaubt es auch ohne weiteres ein weiteres Studio hinzuzufügen. „Innerhalb des Hobsoft-Systems können die Szenen und was an ihnen getan werden muss, genau definiert und delegiert werden“, sagt Jehg.

Individuelle Konfiguration

Hobsoft hat einen breit angelegten Kern, um den herum die Konfigurationen für den Workflow entstehen. „Da keine Produktion wie die andere ist und jede Produktion seine eigenen, spezifischen Automatisierungstools erfordert, die entwickelt werden müssen, muss mit den Technikern erst einmal geklärt werden, was notwendig ist“, erklärt Jehg das Procedere. „Das wird dann dokumentiert und strukturiert.“
Im Grunde ist Hobsoft daher eine Analyse des Produktionsablaufs und seiner Konfiguration, die sich mit jeder Art von Animation – auch in Stereo-3D – durchführen lässt. „Hobsoft ist ein integriertes Produktions- und Asset-Management-System“, definieren es Jehg und Ottosen. Das heißt, dass das Asset-Management und die Automatisierung sehr eng an die Produktionsdatenbank angeknüpft sind.
Andere Systeme haben eine externe Managementdatenbank, an welche die Mitarbeiter ihre Berichte schicken müssen. Das funktioniert aber nur solange es die Mitarbeiter nicht vergessen. In Hobsoft wird das Reporting automatisch mitgemacht. „Bei uns gibt es keine E-mails, da man alle Notizen in den Aufgaben selbst anbringen beziehungsweise mit ihnen verknüpfen kann“, erklärt Turner Ottosen das System, das ein hundertprozentig akkurates Tracking erlaubt. „So sind Kommentare des Regisseurs und alle weiteren Informationen immer für alle zugänglich und es ist auch später noch nachvollziehbar aus welchen Gründen eine Entscheidung wie getroffen wurde.“

Das System ermöglicht es visuelle Notizen zu machen, also direkt auf den Bildern zu zeichnen oder Kommentare anzubringen. Dies ist auch während einer Konferenz möglich, noch aber nicht in Echtzeit, weshalb die Dokumente neu geladen werden müssen, damit die Änderungen auf der anderen Seite zu sehen sind.
„Die Software ist genau das, was jeder will und braucht, aber es gibt Finanzierungsschwierigkeiten aufgrund der Förder- und Finanzierungssituation in Europa“, sagt Turner Ottosen. „Es ist sehr frustrierend zu hören, dass man sich unsere Software nicht leisten kann, selbst wenn sie Einsparungen in Höhe einer halben Millionen Euro bewirkt. Aber das Geld, um diese Einsparungen zu erzeugen, ist nicht vorhanden.“ Grund seien die europäischen Fördersysteme, die Mittel meist nur zur Schaffung von Arbeitsplätzen in ihrer Region bereitstellen würden. Hobsoft werde deshalb nur aus einem dänischen Anteil finanziert. Dabei hätten dänische Firmen nicht genug Eigenmittel, um sich an großen europäischen Produktionen zu beteiligen. Hobsoft habe deshalb eine Niederlassung in Lyon gegründet. Immerhin sei Frankreich neben Spanien der größte Produzent von Animationsfilmen. Und je größer eine Produktion sei, je mehr lasse sich sparen, so Turner Ottosen und Jehg.

„Wir würden gerne in einem Umfeld arbeiten, wo 2 + 2 = 4 ist und nicht inmitten eines merkwürdigen, durch Fördersysteme eingeschränktem Umfeld“, sagt Turner Ottosen und beantwortet gleich eine weitere Frage: „Ja, wir sind in der Lage auch US-Produktionen zu stemmen und wir suchen aktiv nach Produktionen in solchen oder ähnlichen Größenordnungen.“
Auf seiner Website (www.hobsoft.dk) beschreibt Hobsoft detailreich sein Angebot, angereichert durch eine extensive Fallstudie von „Chico & Rita“.
Thomas Steiger
(MB 02/12)

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