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Ästhetisches Feuerwerk

Tier- und Naturfilme erfreuen sich beim Fernsehpublikum großer Beliebtheit. Die Macher dieses Genres trafen sich Anfang September auf dem Internationalen Naturfilmfestival „Green Screen“ in Eckernförde, um ihre neuesten Produktionen zu zeigen. MEDIEN BULLETIN sprach dort mit Jan Haft, Geschäftsführer und Inhaber von Nautilusfilm, über das Filmen mit der Weisscam Digital Highspeed Kamera. Ohne solche Kamerasysteme wären viele Aufnahmen aus dem Tier- und Pflanzenreich nicht möglich.

Der Prototyp der Weisscam wurde 2005 von Director of Photography Stephan Weiss in Zusammenarbeit mit P&S Technik entwickelt. Inzwischen gibt es die Weisscam HS-2. Zur Kamera gehört der zwei Terrabyte große Speicher DIGIMAG DM-2 sowie ein abnehmbares Kontrollpanel, mit dem man die Kamera auch per Funk bedienen kann. Der Speicher zeichnet in 12 Bit unkomprimierten RAW-Daten oder in 10 Bit YCC 4:2:2 beziehungsweise RGB 4:4:4 auf, um Workflows sowohl in HD als auch RAW zu ermöglichen. Mit dem aufrüstbaren 2-TB-Speicher können im 2K/25fps-Modus eine Stunde, zwölf Minuten Material aufgezeichnet werden. So ist ein Highend-Workflow fast ohne Verlust für alle Auswertungsformen inklusive Kino garantiert.

Die Weisscam HS-2 kann im HD-1080p Modus bis zu 2.000 Bilder die Sekunde aufnehmen, in niedriger auflösenden Einstellungen (720p) sogar bis zu 4.000 fps. „Im Gegensatz zum Konkurrenzprodukt Phantom Highspeed Kamera hat die Weisscam eine höhere Lichtstärke“, sagt Jan Haft. Das sei letztlich der entscheidende Grund dafür gewesen, warum er für Nautilusfilm eine HS-2 angeschafft hat. „Mit einer Highspeed-Kamera werden ganz gezielt Einzelsituationen aufgenommen, um bestimmte Details sichtbar machen oder eine für die Erzähldramaturgie eines Films wichtige Ästhetik erzielen zu können“, erklärt Haft. Dies sei bei seiner Arbeit zum Beispiel bei Aufnahmen von Adlern nötig gewesen, die mit hoher Geschwindigkeit auf die Wasseroberfläche zuschießen, stark abbremsen, das Beutetier ergreifen, um dann mit großer Kraft das Tier nach oben zu ziehen und schnell wieder an Höhe zu gewinnen. „Das ist ein unglaubliches Zusammenspiel aus Kraft, Muskeln, Steuerung der Federn und Action“, sagt er. Gemacht wurden diese Aufnahmen für „Wildes Skandinavien – Norwegen“ mit 1.000 Bilder pro Sekunde. „Erst die extreme Verlangsamung von Aktionen wie die der Adler-Jagd macht die Details eines solchen Vorgangs für das menschliche Auge sichtbar“, meint der Naturfilmer. Manchmal aber reiche es auch, Aufnahmen mit 500 fps oder weniger zu machen, um Details von bestimmten Ereignissen zu verdeutlichen. Das hänge von der Geschwindigkeit ab, mit der sich das Objekt bewege.

Ring-Speicher-Einsatz

Zur Aufzeichnung von extrem schnellen Aktionen setzt Nautilusfilm einen Ring-Speicher ein. Er kann etwa 12.000 Bilder speichern, bei 1.000 fps also rund zwölf Sekunden. Beim Ring-Speicher wird das jeweils älteste Bild durch das neuste ersetzt. Die Kamera ist so aufgestellt, dass sie den Ort des möglichen Geschehens permanent filmt, denn wenn ein schnelles Ereignis wahrgenommen wird, ist es auch schon vorbei. Passiert die Aktion, die man filmen möchte, drückt man auf den Auslöser und stoppt dadurch die Aufzeichnung. Die Sequenzen, die Nautilusfilm behalten möchte, werden vom Ringspeicher auf den DIGIMAG DM-2 von Weisscam überspielt. Dabei handelt es sich um einen sehr kompakten HD-SDI Single- und Dual-Link-Digitalrecorder.

„Bei Aufnahmen, bei denen man genau weiß, wo sie sich abspielen, wie bei Dreizehen-Spechten an der Nisthöhle, Ameisenlöwen, die Ameisen mit Sand bewerfen – aus ihrer Perspektive sind das dann Steine – oder Fliegen auf dem nordischem Dungmoos, ist die Einrichtung der Kamera relativ einfach. Bei Adlern auf Beutezug kann man nicht so genau sagen, wo sie zuschlagen werden“, erzählt der Geschäftsführer. Um hier eine beeindruckende Aufnahme zu bekommen, müsse man schon ein wenig Geschick und Glück aufweisen. „Der Adler wird möglichst früh im Objektiv erfasst. Während eines rasanten Mitschwenks wird versucht die Schärfe zu ziehen, den Horizont im Wasser zu halten und auf die Quadrierung zu achten. Was insbesondere dann eine Herausforderung darstellt, wenn man von einem sich bewegenden Boot aus filmt“, berichtet er.

Besondere Gestaltungsmöglichkeiten

Dadurch, dass Nautilusfilm eine Weisscam besitzt, kommt sie auch häufiger zum Einsatz, als wenn sie nur für bestimmte Drehs angemietet würde. „Wir setzen sie daher auch gezielt für die Erzähldramaturgie unserer Filme ein“, sagt Haft. „Wenn es regnet, können wir den Regen in Zeitlupe einführen. Unterlegt mit Musik ergibt das eine wunderbare Atmosphäre.“ Schließlich biete die Zeitlupe neben einem Erkenntnisgewinn durch die Sichtbarmachung von ansonsten Unsichtbarem hervorragende Möglichkeiten zur ästhetischen Gestaltung von Filmen. „Wenn man sehr schnell mit der Kamera in der Hand durch ein Feld oder eine Blumewiese saust, ergibt das in der Zeitlupe einen sanften Flug, bei dem Insekten und Blütenstaub durch das Bild schweben“, schwärmt Haft von den Möglichkeiten des Mediums und gerade von den Bildern, die eine Highspeed-Kamera als Handkamera erzeugt.

Bei der Weisscam eingesetzt wird gelegentlich auch eine Schnorcheloptik (HD Probe) von Innovision Optics aus USA. Mit diesem Linsen-System dreht Nautilusfilm vor allem Insekten.
Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zu filmen, ist Haft zufolge mit großem Aufwand verbunden. „Die Ausrüstung hat ihr Gewicht und wenn man einige Tage unterwegs ist, muss noch Verpflegung und Unterkunft mitgenommen werden. Ist ein Zelt dabei und die Highspeed-Kamera, dann gehen wir schon mit drei Mann los“, sagt er.

Mit seinem Team habe er zum Beispiel drei Jahre lang immer wieder nach Dungmoos gesucht. Es wächst auf dem Dung von Elchen, ist sehr selten, „blüht“ nur wenige Wochen und entwickelt zehn bis 15 Zentimeter große Schirme, aus denen die Sporen quellen. Diese riechen wie der Dung und locken so Fliegen an, die die Sporen aufnehmen und weitertragen. Wie die Fliegen auf die quittengelben Schirme zufliegen und die Moossporen auf sie übertragen werden, hat Haft mit 2.000 fps gefilmt. „Das ist Biologie, wie sie noch nie gezeigt wurde und zugleich ein ästhetisches Feuerwerk“, erzählt er nicht ohne Stolz über die gelungenen Aufnahmen.

Nautilusfilm produziert Sendungen für den NDR, BR, SWR, WDR arte und den ORF, der dann meist als Koproduzent eines deutschen Senders dabei ist, aber auch direkt für National Geographic USA. Von Nautilusfilm stammt unter anderem „Mythos Wald“. Der Zweiteiler hatte in der ARD-Reihe „Erlebnis Erde“ die höchste Quote des Jahres 2009, erhielt beim Naturfilmfestival in Jackson Hole in den USA als erster deutscher Beitrag den Hauptpreis für die Kameraarbeit, und es gibt konkrete Überlegungen den Film ins Kino zu bringen. Dafür würde er etwas umgeschnitten und „entschleunigt“ werden. Jan Haft denkt auch daran, direkt für das Kino zu produzieren, doch da hapert es noch mit der Finanzierung.
(MB 10/10)
Thomas Steiger

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