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AMIRA im Multicam-Betrieb

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AMIRA im Multicam-Betrieb

Ein neuer Trend in der Bildgestaltung von Studio- und Live-Produktionen geht Richtung kinematographischen Look. Eingesetzt werden hier Großsensor-Kameras. Beispiel dafür ist die Produktion von Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ für ZDFneo. Die Kölner Bild und Ton Fabrik (BTF) setzt dabei fünf ARRI AMIRA-Kameras im Multicam-Betrieb ein. Bereitgestellt werden sie zusammen mit ERECA-Glasfaser-Übertragungssystemen vom Typ CAM Racer vom Ludwig Kameraverleih.

Die Bild und Ton Fabrik (BTF) im Kölner Kreativviertel Ehrenfeld ist ein junges Unternehmen. 2012 von Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann gegründet, hat es heute 90 Mitarbeiter, darunter auch viele Studenten der Kunsthochschule für Medien in Köln. Bekannt ist BTF durch sein großes Kreativpotential, ebenso wie durch die Produktion der ZDFneo-Sendung „Neo Magazin Royale“, eine von Jan Böhmermann moderierte satirische Late-Night-Show. Die hier eingesetzte Produktionstechnik ist sehr innovativ. Statt Standard-EB-Studio-Kameras werden fünf ARRI ALEXA-Kameras, bei Specials sogar bis zu sieben, eingesetzt. Um sie zu kompletten Kamerazügen zu machen, werden sie mit dem ERECA-Glasfasersystem CAM Racer kombiniert. ARRI kooperiert dabei eng mit bpm, dem exklusiven ERECA-Vertriebspartner in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Der CAM Racer ist eine andockbare Glasfaser-Übertragungseinheit mit zwei 12G-SDI Kanälen plus zwei 3G-SDI Kanälen für HD, 3G, 4K und 8K-Kameras. Verbunden wird das System mit einer 1HE-Basisstation. Der CAM Racer kann zudem bis zu 140 Watt Spannung über eine Strecke von 450 Metern über ein Standard-SMPTE-Kabel an die Kamera liefern (100 Watt bei 600 Metern). Zusätzliche Akkus oder Netzteile fallen weg.

Signalkontrolle und Setup lassen sich über einen internen Webserver regeln. Der Signalstatus wird auf einem LED Display an jeder Einheit angezeigt. Das OLED-Display auf der Basistation zeigt die ankommenden Level und die Server-IP-Adresse an.  Ein interner Audiomischer erlaubt es, zwischen Talkback, Programm Inputs und lokalen Audio-Kanälen für ENG- und Reporter-Kopfhörer hin- und her zu schalten. Der Kamera-Kontrollkanal unterstützt Ethernet, RS422 Serial und Canon RC-V100 Protokoll.

Christian Bokemüller Vertriebsingenieur und ERECA-Produktmanager DACH, berichtet: „Das Produkt gibt es schon länger. Zuerst wurde es nur mit Panasonic-Kameras kombiniert, heute ist es jedoch für Produktionen mit beliebigen Kameratypen geeignet. Das Interessante dabei ist aber, dass man mit Hilfe von ERECA auch Großsensor-Kameras in Studioproduktionen verwenden und mit der klassischen Remote- und Blendensteuerung von der Regie aus steuern kann. All die Signale, die die Kamera liefert oder bekommt, laufen über diese Glasfaserstrecke mit klassischem SMPTE-Kabel und lassen sich bi-direktional hin und her übertragen.“ Die Kamerasignale werden dabei via Glasfaserkabel zur Basisstation geschickt und von dort aus im Ü-Wagen oder im Studio weiter verteilt. Umgekehrt laufen Kommando-, Return-Video-, Tally- und Remote-Steuerungs-Signale, zum Beispiel für Blende und Weißabgleich, vom Studio in die Kamera. „Einzige Einschränkung ist, dass die Kamera SDI verarbeiten muss. Das SDI-Signal kann SD, HD 1080i, 3G SDI, 12G SDI, Quad SDI, et cetera sein“, sagt Bokemüller. Am häufigsten eingesetzt würde ERECA heute zusammen mit ARRI AMIRA-Kameras, aber auch mit der PMW F55 von Sony und der PDW 700 von Panasonic. 

Die Anschaffung des ERECA-Glasfaser-Konverters mache viel Sinn für Rental-Firmen, weil sie es unabhängig von der Kamera einsetzen könnten. „Selbst Blackmagic-Kameras mit 12G-Anschlüssen laufen damit, weil das System zwei 12G Anschlüsse in der höchsten Ausbaustufe zur Verfügung stellt“, meint Bokemüller. 

Von ERECA wird als klassische Stagebox auch der Stage Racer angeboten, ebenfalls als 1HE 19“-Einheit. Er verarbeitet bi-direktional zwölf SDI-Wege und 16 Audiokanäle. Als Prototyp existiert bereits der Stage Racer 2. Er soll kaskadierbar sein für Sternkonfiguration und Netzwerkverteilung, bei der alle Signale überall hingeschickt werden können. Dieses System wurde auch auf der Studio Hamburg MCI-Hausmesse Hamburg Open 2018 am 18. Januar vorgestellt.

Die ERECA-Kooperation mit ARRI ist für bpm laut Bokemüller etwas ganz Besonderes, weil die Einbindung von Großsensorkameras in Studioproduktionen derzeit stark gefragt sei und ARRI ein ganz neues Betätigungsfeld eröffne. „ARRI will mit seiner AMIRA nicht nur in die szenische Produktion, sondern auch in die Live-Produktion und braucht hierfür natürlich die Anbindung an die Studioregie. Ideal dafür ist die Glasfaseranbindung. Auch Live-Sport-Produktionen sind mit Großsensorkameras möglich“, betont Bokemüller. Hauptargument für den neuen Trend hin zu Großsensorkameras seien der szenische Look in Live-Produktionen und die Möglichkeit Hochglanzproduktionen zu realisieren. Selbst einfache Interviews könnten damit aufgepeppt werden. „Es werden ja auch kaum noch EB-Kameras mit 1/2 oder 2/3 Zoll verkauft. Die Großsensorkameras haben einen großen Sprung gemacht, letztlich auch, weil sie auch gleich für 4K-Produktionen eingesetzt werden können“, erklärt der bpm-Experte. Das gelte auch für die ARD-Anstalten. So habe der Hessische Rundfunk (hr) bereits mehrere AMIRA-Kameras mit ERECA-Systemen gekauft, um damit zum Beispiel klassische Konzerte aufzuzeichnen. Dabei wollte man sich dort nicht auf einen bestimmten Kameratypen festlegen, wie das früher bei klassischen Studiokameras der Fall gewesen sei. Im Verleih sei die Kombi ARRI-ERECA derzeit nur beim Kameraverleih Ludwig. Allerdings biete bpm auch einen eigenen Verleih an, der wiederum hauptsächlich andere Rental-Häuser bediene. „Die Vermieter kaufen die Systeme erst, wenn die Nachfrage da ist. Unsere Aufgabe ist es, das in diesem Jahr voran zu bringen“, meint Bokemüller. Die Böhmermann-Produktion sei dafür ein wichtiger Startschuß.

Der Entscheidung für den AMIRA-Einsatz gingen bei BTF einige Test voraus. Die ARRI-Kamera stand dabei mit der Sony F55 und Red-Kameras im Wettbewerb. Bei der BTF wurden anfangs Sony F3-Kameras eingesetzt; danach die ARRI AMIRA. „Das Problem bei der F3 war, dass sie keinen Genlock-Input hat. Das ist für eine Live Sendung sehr nachteilig und deshalb sind wir Mitte 2017 zu den AMIRA-Kameras gewechselt, auch weil sie als Multikamera gut einsetzbar sind“, berichtet Joachim Richerzhagen, technischer Leiter bei BTF. „Die Glasfaseranbindung der Kamera über das ERECA-System erleichtere BTF die Arbeit. Darüber können wir gleichzeitig das Programm, Time Codes, Genlock, Prompter- und Netzwerk-Signale leiten“, sagt er. Vorher nutzte BTF verschiedene XLR- sowie BMT-Kabel als Leitung für die Signale. „Das war ein großer Aufwand, die Kabel wieder an- und abzuschließen“, erinnert sich Richerzhagen. „Pro Kamera hat das zehn bis 15 Minuten gedauert“, sagt er. Zudem gab es im Studio zuweilen Probleme mit Erdpotential. Dieses Problem wurde durch den Umstieg auf Glasfaser komplett beseitigt. Auch die Kamerasteuerung würde dadurch deutlich leichter. „Ich sehe in der Regie auf meinem Laptop von den fünf AMIRA-Kameras das Sucherbild, kann dann Einstellungen vornehmen, oder sie aus der Ferne starten“, berichtet Richerzhagen. Er verweist darauf, dass beim Einspielen von Slomos in der Kamera Sequenzen mit 200 Frames im Pre-Record-Mode aufgenommen werden können: „Und wenn der Moment stattgefunden hat, betätige ich in der Regie entweder ‚record‘ oder ‚stopp‘ und spiele die Slomo aus der Kamera direkt zu. Der Operator muss also die Aufgabe, das Bild zu starten, nicht übernehmen, sondern konzentriert sich eigentlich nur auf das Bild. Und alles andere steuern wir dann aus der Regie.“ Kamera Fünf beispielsweise wird zudem regelmäßig für Aufnahmen außerhalb des Studios genutzt, weil mit ihr auch Einspieler produziert werden. Für das Team ist die Einstellung der Kamera am Rechner deutlich unkomplizierter und praktischer als an der Kamera selbst.

Was den Filmlook angeht, weist Richerzhagen schließlich auf die erweiterten Möglichkeiten bei der Lichtgestaltung hin: „Wir haben eine viel höhere Dynamik, was sich im Bild definitiv bemerkbar macht. Und seitdem das Studio komplett auf LEDs umgerüstet wurde, mit denen auch farbiges Licht machbar ist, sieht das in den Kameras schon hervorragend aus, ohne dass wir noch viel Look drauflegen müssen.“ Der Umgang mit dem speziellen Look fällt den Mitgliedern des BTF-Teams nicht schwer, weil der Großteil der Mitarbeiter Wurzeln im szenischen Fernsehbereich hat. 

Auch bei ARRI selbst sieht man großes Potenzial der 2014 eingeführten AMIRA Kamera in der Multicam-Live-Produktion. „Broadcast-Produktionen profitieren von der außerordentlichen Bildqualität des ALEV-III-Sensors von ARRI. Der konkurrenzlos große Dynamikbereich, die geringe Tiefenschärfe und die natürliche Farbwiedergabe ermöglichen einen cineastischen Look auch bei schnellen Live-Produktionen mit mehreren Kameras“, betont ARRI Sales Manager Thomas Stoschek. Grundsätzlich sei die AMIRA-Kamera so entwickelt worden, dass sie sich in der Fernsehwelt etablieren könne. Die Formgebung, Bedienbarkeit, technische Features und alle weiteren Parameter seien so angelegt, dass TV-Kameraleute damit leicht zurecht kämen. Multicamproduktionen mit der AMIRA würden deshalb im In- und Ausland immer beliebter. Beispiele für solche Produktionen seien „The Who: Teenage Cancer Trust’s 100th show“ in der Royal Albert Hall oder „Z`am Rocken“ beim BR.

Die ARRI AMIRA kann im Multicam-Studiobetrieb nicht nur mit  dem ERECA-Glasfaser-Übertragungssystem eingesetzt werden. Auch das Zusammenspiel mit einem ähnlichen System des britischen Herstellers DTS mit Basisstation und Kameraadapter ist möglich. Das wird von ARRI selbst vertrieben, ist allerdings noch nicht so lange wie ERECAS CAM Racer auf dem Markt und daher auch noch nicht so stark verbreitet. Vorgestellt wurde die Kombination AMIRA/DTS von ARRI Sales Manager Stoschek bei der Hamburg Open 2018.

Wilfried Urbe, Eckhard Eckstein

© ZDF / BEN KNABE

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