Mebucom / News / Produktion / App als Produktionsmittel
App als Produktionsmittel

News: Produktion

App als Produktionsmittel

Der Wettbewerb auf dem Nachrichten-Markt wird immer härter. In einem Überangebot an Informationen sucht der öffentlich-rechtliche Rundfunk nach Möglichkeiten, um Schritt zu halten. Dazu gehört, schnell und akkurat Bewegtbild zu erzeugen und zu distribuieren. Der SWR nutzt dafür eine Smartphone-App. MEDIEN BULLETIN sprach mit Frank Neckel und Holger Höbermann, im Multimedia-Management des SWR mitverantwortlich für die Weiterentwicklung der App.

Warum haben Sie eine App als Produktionsmittel gestartet?

Frank Neckel (FN): Die großen Sendeanstalten sind zunehmend auch auf Drittplattformen wie Facebook und YouTube vertreten, wodurch ein hoher Mehrbedarf an bewegten Bildern entsteht, der mit vertretbarem Aufwand nicht hergestellt werden kann. Wir haben ein großes Netzwerk an Hörfunkreportern, denen eine App als Produktionsmittel somit wunderbar die Möglichkeit eröffnet, mit kleinem Besteck großartige Bewegtbilder selbst zu produzieren, zu bearbeiten und gegebenenfalls sogar zu distribuieren. Somit können sie Beiträge um Videos ergänzen. Damit entsteht Bewegtbild, das ansonsten nicht entstanden wäre, weil kein Sender dafür ein teures Kamerateam losschicken würde. Die App ersetzt also nichts, sie erlaubt uns aber, zusätzliche Bewegtbildinhalte zu erzeugen. 

Holger Höbermann (HH): Und man kann Geschichten einfacher erzählen. Bei Facebook werden Texte nicht gelesen, Audio-Beiträge nicht angehört. Ein Video hingegen wird fast immer gesehen, allein schon aufgrund der Autoplay-Funktion. Damit nun jeder ohne großen Aufwand ein Video herstellen kann, wollten wir eine einfach, schnell und intuitiv zu bedienende App einsetzen, die niemanden überfordert. Gleichzeitig sollte sie alles bieten: vom Drehen, Schneiden, Untertitel hinzufügen über das Synchronisieren bis hin zur Verpackung – also dem Branding mit Senderlogos und Bauchbinden.

 

Wie stark wird die App bereits genutzt?

FN: Wir sind in der Testphase. Im April hatten wir im SWR 110 Lizenzen ausgegeben. Die Auswertungsphase lief von Anfang September bis Mitte Oktober. Wir werden die gemachten Erfahrungen auswerten, die Anzahl der Beiträge, die Reaktionen darauf, den qualitativen Nutzen, die Art der Inhalte und wo diese verbreitet wurden: auf Facebook, YouTube, auf den eigenen Webseiten oder gar im linearen Fernsehen. Der Bericht eines Kollegen von der gamescom in Köln lief sogar in der Tagesschau. Hier muss man allerdings hinzufügen, dass der Kollege technisch sehr affin ist und den Beitrag von Anfang an so geplant hatte – was thematisch ja auch passte.

 

Im Augenblick ist die App für die Erstellung von Beiträgen gedacht. Ist sie auch für Live-Übertragungen einsetzbar?

HH: Für Live-Übertagungen in die Sendezentralen setzen wir auf eine weitere App, die ARD-weit eingesetzt wird. Außerdem werden für Livestreams zu Drittplattformen zum Beispiel Facebook Live auch die Anwendungen der Anbieter selbst verwendet. Hier wollen wir die App auch für Live-Übertragungen fit machen, weil wir unsere Beiträge branden möchten und das geht mit Facebook Live nicht. 

 

Die App ist iPhone-basiert. Warum?

HH: Der SWR hatte sich vor einiger Zeit aus Gründen der IT-Sicherheit und eines reduzierten Wartungsaufwands entschieden, bei den Diensthandys auf iOS zu setzen. ZDF Digital, das die grundlegende Technik der App entwickelt hat, arbeitet gerade auch an Versionen für Android und Windows Mobile.

FN: Die App befindet sich auf Diensthandys. Insofern kann jeder mit einem solchen Gerät die App benutzen. 

 

Ein Smartphone kann trotz allem nicht die Bildqualität liefern, die die öffentlich-rechtlichen Sender eigentlich wünschen. Oder?

HH: 4K-Videos sind kein Problem, das ist inzwischen Standard. Einschränkungen gibt es bei der Optik. Es gibt keinen optischen Zoom. Uns ist wichtig, dass die Videos, die wir produzieren, Fernsehqualität haben, dass sie in der Tagesschau laufen können – das kann das Smartphone bereits. Und vor allem haben wir mehr Möglichkeiten, schneller an Bilder, an exklusive(re) Bilder zu kommen, weil die Kolleginnen und Kollegen vor Ort schnell selbst produzieren können. Kamerateams müssen immer erst angefordert werden. Das kostet Zeit. Aber eines ist auch klar: Smartphones ersetzen keine Kamerateams.

 

Die App ist eine Entwicklung von ZDF Digital, die Sie für die SWR-Bedürfnisse angepasst haben. Was wurde verändert?

HH: Wir haben einige Kamerafunktionen optimiert und die Designpakete für unsere TV- und Radiomarken hinzugefügt. Da wir die App nicht überfrachten wollten, ist fast alles automatisiert. Die App soll schnell und einfach zu bedienen sein, um damit ohne großen Aufwand Beiträge bis zu 60 Sekunden zu erstellen. Man darf nicht vergessen, dass die Bewegtbildproduktion zusätzlich zum eigentlichen Job erfolgt und diesen nicht beeinträchtigen darf. Der Reporter soll Reporter bleiben und nicht zum Techniker werden. Allerdings muss sich der Reporter vorab Gedanken über den Aufbau des Beitrags machen, weil man die einzelnen Bestandteile in der App nicht so gut hin- und herschieben kann, wie man es von professionellen Schnittsystemen gewohnt ist.

 

Was ist der Hauptanspruch der App?

FN: Sie muss intuitiv bleiben, weil sie für Nicht-Techniker entwickelt wurde. Die App ist ein Produktionsmittel für Programmschaffende. Wenn man damit an seine Grenzen kommt, weil es bestimmte Dinge nicht kann, dann ist es das falsche Produktionsmittel und man sollte auf eine handelsübliche Kamera plus Schnittsystem zurückgreifen.

 

Wie reagieren die anderen Sendeanstalten auf die App? 

FN: Überall, wo wir sie vorstellen, finden wir großen Anklang. Alle Häuser befinden sich an dem Punkt, an dem ihre Reporter genau solch ein Tool brauchen. 

Thomas Steiger

MB 1/2018

Zurück