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Auf alle Optionen der Zukunft eingestellt

Man hätte die riesige, nahezu 360-Grad-chromakeyfähige Greenbox natürlich auch „grünes Paradies“ nennen können. Jedoch reden ZDF-Mitarbeiter respektvoll von der „grünen Hölle.“ Die sollte in Verbindung mit neuestem 3D-fähigen virtuellen Set-System, zwei Roboter-Kameras und einer riesigen Batterie an Scheinwerfern und Aufnahmeleuchten schon Ende letzten Jahres als neues Nachrichtenstudio in Betrieb genommen werden. Doch man hat den Start vorsichtigerweise verschoben. Jetzt aber, so sagt Elmar Theveßen, stellvertretender Chefredakteur beim ZDF, sei man „optimistisch“ und fühle sich „sicher.“ Rückblickend erläutert er: „Wenn man sich auf neue Technik einlässt – und das auch noch auf Forschung- und Entwicklungsbasis – dann ist immer ein Risiko dabei, zum Beispiel, dass in der Software irgendwo ein kleiner Fehler liegt.“

Technisch gesehen habe man vieles ganz neu entwickelt und dafür auch Patente angemeldet. Man gehe davon aus, dass die neue Technik nicht nur für Europa, sondern auch für den amerikanischen und südostasiatischen Markt neu sei. Es handele sich nicht nur einfach um ein „virtuelles Studio“, in dem auf Knopfdruck neue Kulissen zweidimensional erzeugt werden. Vielmehr sei man in der Lage, dreidimensional animierte Bewegtbilder in die Greenbox zu projizieren. Das gehe eine Stufe über das virtuelle Studio hinaus.
Um die Fehlerfalle im laufenden Betrieb zu vermeiden, wurden auf den verschiedensten Ebenen immer wieder neue Tests, Checks und Schulungen durchgeführt. Auch die Resonanz von Zuschauern auf das neue On-Air-Design wurde abgefragt: „Wir wissen“, so sagt Theveßen. „dass die Zuschauer quer durch alle Altersgruppen positiv reagieren.“ „Hui, das hätten wir dem ZDF gar nicht zugetraut“, hätten die einen gesagt. Die anderen hätten den „Vorteil der besseren Verständlichkeit der Nachrichten erkannt.“ „Und da liegt für uns der Schlüssel“, betont Theveßen: „Wir wollen nicht einfach nur cool sein, damit die Leute uns gucken. Wir wollen bei den Jungen wie bei den Älteren mit besserer Verständlichkeit punkten.“

Genau dieses Ziel, nämlich in einer immer komplexeren Welt politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge besser zu erklären, hatte ZDF-Intendant Markus Schächter schon bei der Grundsteinlegung des Neubaus am 3. Mai 2007 propagiert. Das moderne Gebäude mit terrassierter Dachlandschaft über 18 Ebenen, das Besuchern als Blickpunkt „eine Gartenskulptur mit grandioser Freitreppe“ bietet, wie die Architektin Annette Axthelm schwärmt, hat rund 30 Millionen Euro Investitionen verschlungen. Von der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens ist das große ZDF-Logo auf der Dachfläche gut zu erkennen: „ein Werbeträger für das gesamte Unternehmen und Signifikanz für ‚heute‛ als Basis für morgen“, betont die stolze Architektin etwas kryptisch.
Dabei habe die Umstellung der Nachrichten auf virtuelle Visualisierung zu ganz neuen Anforderungsprofilen für die benötigten Räume geführt: „Raumabfolge, Raumkubator, Raumausbildung, Raumakustik, Raumhöhe, versorgungstechnische Ausstattung, Oberflächen, Materialien und Farben.“ Neben dem Studio N mit 690 Quadratmetern ist auf der Grundfläche von 3.445 Quadratmetern auch Platz für ein zweites kleineres Studio geblieben. Zusammen beanspruchen die Studios 1.030 Quadratmeter mit einer Raumhöhe von 6,5 Meter. „Ein begehbarer Installationsboden unter der gesamten Studiofläche, der entlang aller Umfassungswände zu öffnen ist, garantiere die Anpassung an jede neue technische Entwicklung.“ Wie ZDF-Produktionsdirektor Andreas Bereczky schon 2007 sagte: „Wir mussten auch die Medienkonvergenz auf der Zuschauerseite berücksichtigen: Multikanalfähigkeit, Konvergenz des Fernsehens und Internet (Mediathek), Ausspielen von Sendungen für Handy-Formate.“ All das werde zusätzlich zur neuen Möglichkeit der virtuellen 3D-Produktionsweise in das technische Konzept für das Nachrichtenstudio eingearbeitet. Und es ist natürlich bereits auf HD eingestellt, auch wenn die Produktion zunächst noch im SD-Standard erfolgt.
Während das alte ZDF-Nachrichtenstudio mit realen Kulissen, Holzpanelen und Sitzmöglichkeiten den „Heute journal“-Moderatoren Claus Kleber und Marietta Slomka noch ein wenig Wohnzimmeratmosphäre vermittelte, müssen sie nun mit für sie weitgehend unsichtbaren computergenerierten Welten im Stehen interagieren. Als realer Bezugspunkt für sie ist nur noch ein 11,70 Meter langer Moderationstisch geblieben. Ansonsten sind sie von der Farbe grün umgeben. Diese grüne Fläche wird vom ZDF als ein „Erklärraum“ definiert. Dahinein, so erläutert Robert Sarter, Leiter der Nachrichtenstudioentwicklung, könne „man bestimmte Elemente hineinlegen“. Der Raum sei „definiert von der 3D-Grafik, die ihre Objekte dort hinein projiziert, und die der Moderator beschreiben oder auch begehen kann“.

Allerdings sieht der Modertor die Animation nicht direkt. Damit er dennoch eine Orientierung hat, wie er bei den Zuschauern in Erscheinung tritt, und ob er beispielsweise mit der Händesprache mit der richtigen Stelle einer Animation interagiert, wird ihm auf die grüne Fläche das Fernsehbild projiziert.
Theveßen verneint, dass die Nachrichtenmodertoren auf diese Weise zu Schauspielern mutieren würden. Vielmehr sei seine Aufgabe, die inhaltliche Aussage einer Grafik zu unterstreichen. Entsprechend würden die Moderatoren gecoached. Verbunden damit ist auch ein neues Styling-Programm. Weil die Modertoren nun auch Ganzkörperauftritte haben, kann Marietta Slomka ín Zukunft nicht mehr schummeln und im Sommer zur schicken Fernsehbluse an den Füßen Flipflops tragen – meint sie jedenfalls.
Da sich auch die Farben des Designs in einem verhaltenen Grau-Blau-Orange-Gemisch abkühlen werden, müssen sich die Modertoren ohnehin auf einen neuen Stil ihrer Garderobe einstellen.

Viel Vorarbeit
Für die Umsetzung des Ziels, mit 3D-Animationen im „Erklärraum“ komplexe Zusammenhänge zu veranschaulichen, habe das ZDF schon seit geraumer Zeit „viel Vorarbeit geleistet“, sagt Theveßen: Der Prozess habe deutlich gemacht, „dass es nicht nur um technische neue Möglichkeiten“ gehe, sondern vielmehr „um ein anderes Denken“.
Früher habe es eine klare Grenze gegeben zwischen Inhalt und Grafik, Redakteur und Grafiker. Nun aber habe sich beim ZDF mit dem „Grafikredakteur“ ein neues Berufsbild heraus kristallisiert. Um die neue 3D-Animationssoftware optimal einsetzen zu können, sei die „Kombination einer journalistischen Ausbildung gepaart mit einem tiefen grafischen Wissen“ erforderlich.
„In unserer Hauptabteilung „Aktuelles“ arbeiten jetzt fünf Grafikredakteure als eine neue Berufsgruppe, die bereits in den redaktionellen Planungsphasen das grafische Element mit hinein bringen.“ Deren Aufgabe sei es beispielsweise, so Theveßen, den Unterschied zwischen einer „bad bank“ und einer normalen Bank, den Unterschied zwischen einer Geschäftbank und einer Privatbank deutlich zu machen. Oder: das UN-Mandat in Darfur so anschaulich zu erklären, dass die Rahmenbedingungen für den Einsatz von westlichen Soldaten auch für politische Laien schnell nachvollziehbar würden. Diese Aufgabe sei vergleichbar mit der Erstellung eines Zeichentrickfilms, der mit Hilfe eines Story-Boards entsteht. „Alle Sachverhalte, die sich in abstrakten Bereichen abspielten“, seien „schwierig darzustellen.“ „Das muss man durchdenken, und da arbeiten wir dran“, betont Theveßen.

Hauptlieferant für die 3D-Software ist die norwegische Firma VIZRT. Sie hat sich – aus dem Grafikbereich kommend – auf Echtzeit-3D-Lösungen für die Fernsehproduktion spezialisiert, insbesondere darauf, eine große Menge von Grafikelementen in Echtzeit in Live-Daten zu integrieren. Speziell für relativ einfache Anwendungen – zum Beispiel Chronologien oder visuelle Aufbereitungen von statistischem Datenmaterial – steht den ZDF-Grafikredakteuren auf dieser Set-Software-Basis eine Werkzeugkiste mit einer standardisierten Tool-Bar zur Verfügung. Die sei bereits, wie Sarter erklärt, „durch etliche Eigenentwicklungen ergänzt worden, teilweise nach Vorlage von Modellen, die es schon im Internet gibt“.
Die im Studio eingesetzten zwei Roboterkameras wurden von der Münchner Firma RTLeaders speziell für das ZDF entwickelt. Auch dazu habe man Patente angemeldet. Die Arme der Roboter, an denen normale Kameras befestigt sind, stammen aus den Fertigungsstraßen der Autoindustrie. Sie wurden „so für uns nutzbar gemacht, dass die Roboter bei ihren Fahrten sehr präzise die gewünschten Punkte anfahren können“, sagt Sarter. Dadurch ist es möglich, „dieselben Bewegungen immer und immer wieder zu reproduzieren“, so wie sie einmal einprogrammiert wurde. Denn selbst ein sehr guter Kameramann, so erläutert Theveßen, wird immer Millimeter-Abweichungen haben. „Die hat der Kamera-Roboter nicht. Und diese Verlässlichkeit brauchen wir, weil der Moderator damit interagieren muss.“
Beispiel vierzigjähriges Jubiläum der Mondlandung von Apollo 11 am 20. Juli: Dafür, so Theveßen, habe man „bereits ein Modul für die Grafik entwickelt, mit der wir die Mondfähre im Studio landen lassen und der Moderator Claus Kleber steht daneben und erklärt, was damals geschah und was sich verändert hat“. Da würden die Größenverhältnisse anschaulich gemacht zwischen einem kleinen Roboter, der heute auf dem Mond landen kann und der damaligen Mondfähre. Auch die Fehler, die zum ICE-Achsen-Problem im letzten Jahr führten, ließen sich auf ähnliche Weise anschaulich machen, indem der Moderator an dem virtuellen 3D-Modell im Studio genau erklären könne, was passierte und wo der Fehler lag. Weiteres Beispiel sei der Brand an Bord des russischen U-Bootes, bei dem mehrere Menschen aufgrund des Gasaustritts gestorben waren. Auch der Ursachen-Hintergrund dafür ließe in Interaktion zwischen Moderator und das für die Zuschauer ins Bild gebeamte 3D-Modell bestens verständlich machen. Mit Hilfe des virtuellen „Zeitstrahls“ wiederum ließe sich ganz gut erklären, „wie ein junger Mensch ein Terrorist geworden ist.“ Last but not least könne man ein Stabhochsprungkissen ins Studio beamen, so dass der Sportmoderator an diesem Modell zeigen kann, wie die Größenverhältnisse bei einem Stabhochsprung sind.

Vorbeugend, um nicht missverstanden zu werden, betont Theveßen, das sei „kein Firlefanz, um Effekthascherei zu betreiben“. Er räumt auch ein, dass nicht in jeder Nachrichtensendung solche spektakulären 3D-Modelle vorkommen würden. Einerseits hänge es jeweils mit der Nachrichtenlage zusammen, was man aus der Tool-Bar der neuen Werkzeugkiste auch tatsächlich einsetzen werde. Andererseits seien – wie erwähnt – bestimmte abstrakte Zusammenhänge nicht adhoc als 3D-Modell im Computer zu erstellen. Man braucht eine gewisse Entwicklungszeit, die bei den aktuellen Nachrichten nicht unbedingt zur Verfügung steht.

Werkzeugkasten erweitert
Sowieso: „Die journalistischen Grundprinzipien ändern sich durch die neue Technologie nicht“, sagt Theveßen: „Aber wir erweitern unseren Werkzeugkasten. Wir haben neue Instrumente zur Verfügung, mit der wir die immer komplexer werdende Welt besser erklären können. Die müssen wir jetzt auch richtig benutzen.“ Mit den neuen 3DGrafiken ließe sich allein „die Anmoderation interessanter gestalten: kein stehendes Bild mehr, sondern eines, das in Bewegung ist“.
Wird die neue virtuelle robotergesteuerte Technik aber nicht doch zu einem viel zu kalten Rahmen für die Glaubwürdigkeit der Nachrichten führen? Man wolle, so antwortet Theveßen, „Glaubwürdigkeit mit Verständlichkeit kombinieren.“ Ihm schwebt ein „Dreisprung“ vor: Erstens müssten „die Moderatoren als Menschen weiterhin Glaubwürdigkeit vermitteln. Zweitens müssten „die technischen Möglichkeiten genutzt werden, um das ganze optimal in Szene zu setzen“. Und drittens wolle man, „da, wo es Sinn macht“, die 3D-Modelle einsetzen. Theveßen ist überzeugt, „dass wir eine optimale Kombination gefunden haben“. Man sei selber auch am Anfang „skeptisch gewesen“, ob die ganze Technik nicht doch der Glaubwürdigkeit des Moderators schade. Mittlerweile habe sich aber herausgestellt, dass das „asketische Hintergrundbild“ dazu führe, dass sich die Augen der Zuschauer mehr als zuvor auf den Moderator konzentrieren würden.

Beim Planungsstand 2007 für das neue Nachrichtenstudio ging ZDF-Produktionsdirektor Bereczky noch davon aus, das neue Studio könne „bei gleicher Anzahl der Sendungen mit bis zu einem Fünftel weniger Personal“ betrieben werden. Tatsächlich entfallen nun spezifische Arbeitsplätze wie die von Kulissenschiebern und Kameramännern. Gleichzeitig sind neue Berufsbilder wie die Grafikredakteure entstanden, und für die gesamte Set-Steuerung wird neues Computer-Know-how gebraucht. Laut Theveßen „hat sich am Gesamtvolumen der Hauptredaktion Aktuelles mit ihren 250 Mitarbeitern nichts geändert“. Zwar seien zunächst die fünf Grafikredakteure hinzugekommen. Diese Arbeitsplätze werde man aber nach einer Weile durch Umschulungen und Neuverteilung der Aufgaben wieder einsparen.
Auch bei Das Erste und RTL stehen ähnliche technologische Neuorientierungen wie beim ZDF für die Nachrichtenstudios an. Theveßen geht davon aus, dass das ZDF mit dem neuen Studio N „einen Vorsprung von vielleicht zwei oder drei Jahre“ in der Fernsehlandschaft habe. Den wolle man nun auch nutzen. Zum Beispiel, so deutet er an, wolle man ein neues „interaktives Element für die Nachrichten entwickeln“, das zwar nicht bei den Hauptnachrichten eingesetzt werde, aber für den ZDF-Internet-Auftritt und den ZDFInfokanal eine Rolle spiele.
Anhand der Testsendungen mit der neuen Technik für „Heute“ und „Heute Journal“, die im Vorfeld des Realbetriebs ab dem 17. Juli schon einmal aus der Testphase Ende Mai vorgestellt wurden, ist zu erkennen, dass man für die Zuschauer und das, was man auf dem Bildschirm sieht, eher eine sanfte Revolution plant. Zwar geht definitiv ein neues, moderneres Design On-Air. Doch treten die Moderatoren weiterhin mehr oder weniger mit ihrem Oberkörper und ihren Köpfen auf. Nur manchmal wird vordergründig etwas aus der Trick-Kiste der neuen virtuellen 3D-Technologie ausgepackt. Die Modertoren müssen sich sicherlich noch an die neue virtuelle Welt gewöhnen, wenn sie sich Ganzkörper-mäßig in der grünen Hölle bewegen – und so mit echten oder virtuell eingespielten Gästen oder Modellen wie der Mondfähre „interagieren.“ Die Einspielfilme der Nachrichten sind genau so wie sie immer waren: reale Berichte. Auch im neuen ZDF-Nachrichtenstudio findet die tatsächliche technische Revolution hinter den Kulissen statt: im Workflow und als voll digitalisierte Technologie, die – aus der aktuellen Warte heraus – auf alle medialen Optionen der Zukunft ausgerichtet ist. (MB 07/09)
Erika Butzek

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