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Auf Augenhöhe

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Auf Augenhöhe

Die Fußball-WM der Frauen 2019 in Frankreich erhielt produktionstechnisch ein Upgrade. Mit dem erstmaligen Einsatz eines International Broadcasting Centers (IBC) bei einer Frauen-Fußball-WM, mit mehr Kameras, mehr Feeds und mehr Content wurde das TV-Event qualitativ dem Level von Männer-Fußball-WMs angepasst. Die FIFA TV Services stellte den 62 Lizenznehmern, neben allen Livespielen, 2.000 Programmstunden bereit und bot linear und digital Fußball total. ARD und ZDF setzten auf crossmediale Synergieeffekte und dezentrale Strukturen, wobei die Signaldistribution und Leitungsplanung sowie die Koordination diverser Produktionsinseln an unterschiedlichen Orten ein technischer Balanceakt war.

 

Frauenfußball boomt. Das US-Team um Superstar Megan Rapinoe hat bei der Fußball-WM der Frauen vom 7.6. bis zum 7.7.2019 in Frankreich nicht nur den Titel verteidigt – sondern für einen Meilenstein bei den Zuschauern gesorgt. Laut FIFA (Fédération Internationale de Football Association) haben eine Milliarde Menschen weltweit die „Tour de France“ mit 52 Spielen in neun Stadien von Nizza bis Paris vor den Bildschirmen verfolgt. Im Vergleich: Bei der WM 2015 in Kanada waren es noch 764 Millionen Menschen. In ihrer 28-jährigen Historie ist die Fußball-WM der Frauen vom Mauerblümchen zum strahlenden Sportmodel mutiert. Beeindruckend: 24,57 Millionen Zuschauer – also 32 Prozent aller potenziellen Zuschauer – haben 2019 mindestens eine der Spielübertragungen der Fußball-WM der Frauen in ARD und ZDF gesehen. Seit der Heim-WM 2011 in Deutschland geht es mit den Fußballerinnen kontinuierlich aufwärts, wenn sie auch in punkto Popularität und Bezahlung (noch) im Schatten von männlichen Ikonen stehen. Im Kampf um Gleichstellung haben Rapinoe, Marta, Marozsán & Co. jetzt Rückenwind bekommen: Senator Joe Manchin aus West Virginia hat einen Gesetzesentwurf eingereicht, demzufolge der nationale Fußballverband USSF (United States Soccer Federation) die Mitglieder seiner Frauen- und Männerteams gleich bezahlen soll.

 

Ambitionierter Kameraplan

 

Mit der Popularität wachsen die Ansprüche. Die Fußball-WM der Frauen ist ein Hochglanz-Produkt, das die FIFA TV Services als Sahnestück präsentiert. Gemeinsam mit Host Broadcast Services (HBS), der von der FIFA lizensierte Host Broadcaster mit Sitz in Paris, wird ein Produktionsplan mit allen relevanten Operationen erstellt. Der technische und distributorische Level ist mit dem bei der Fußball-WM der Männer 2018 in Russland vergleichbar: Sechs Host-Production-Teams, die mit Sendeverbindungen außerhalb des Stadions arbeiteten, sorgten mit acht Feeds für eine multiple Auswahl an Bildern und O-Tönen. Rund 1.000 Mitarbeiter waren in neun Stadien und im IBC tätig. Allein im 5.000 Quadratmeter großen IBC auf der Messe Paris agierten 230 Techniker. Auch der Kameraplan war ambitioniert: 24 Kameras waren bei jedem Spiel installiert, bei Eröffnungspartie, Halbfinalen und Endspiel zusätzlich eine Cable-Cam, zwei Super-Slowmotion-Kameras und je eine Ultra-Motion-Polecam hinter den Toren. Für die Vor- und Nachberichterstattung standen drei weitere Handkameras zur Verfügung. Produziert wurde jedes Spiel in 16:9 aus einem Mix aus 1080p und UHD-Kameras. Das Weltbild wurde in der 1080i-Variante angeboten, der Ton in Dolby Digital 5.1 produziert. „Mit der qualitativ hochwertigen Übertragung aller 52 Spiele wollen wir zeigen: die FIFA Fußball-WM der Frauen ist ein Premium-Produkt“, erklärte Florin Mitu, Head of Host Broadcast Production bei der FIFA. „Alle Fußballfans auf der Welt wollen bei einer Fußball-WM die spektakulärsten Bilder, die wir mit der bestmöglichen UHD-Technik liefern. Erstmals bei einer Fußball-WM der Frauen gibt es für alle 24 teilnehmenden Teams eigene FIFA-Filmteams, die umfassend über jedes Training, jede Pressekonferenz, jede Spielerin berichten. Unseren Kameras entgeht kein Wimpernschlag. Alle Lizenznehmer können auf individuell zugeschnittene Online-Inhalte zurückgreifen, wie etwa 360-Grad-Videos, Streams, Liveticker, Livetabellen oder Infografiken.“ Neu war: Per mit künstlicher Intelligenz gesteuerten Algorithmen wurden den Sendern favorisierte Beiträge für TV und Online offeriert, Fans konnten per Video-Widget eigene WM-Highlights kreieren. Insgesamt produzierte FIFA TV bei der Fußball-WM der Frauen 2019 – neben den Livespielen – 2.000 Programmstunden für TV, Radio und Multimedia. Doppelt so viel wie vier Jahre zuvor. „Die Tatsache, dass es diesmal 62 Lizenznehmer sind, spricht für ein gesundes, organisches Wachstum des Turniers“, freute sich Mitu. „Um allen Sendern alle Optionen mit einem 24/7-Zugang zu allen aufgezeichneten Medien zu ermöglichen, war bei der Fußball-WM der Frauen, wie bei der Fußball-WM der Männer üblich, erstmals ein IBC im Einsatz.“ Zu den sieben Rechteinhabern im IBC zählten neben TF1, Canal+, BBC, CCTV, FOX Sports US, Telemundo auch ARD und ZDF.

 

Produktions-Sharing

 

Bei ARD und ZDF hieß es: WM total. Alle 52 Spiele waren entweder im Stream oder im TV live zu sehen. Allein das ZDF bot rund 70 Stunden Livefußball, verzichtete aber auf ein festes WM-Studio. Die Präsentation erfolgte aus den Stadien mit wechselnden Gästen für die Analyse. „Der Moderator und sein Gast stehen von Beginn an im Zentrum des Geschehens und können den Zuschauern die Atmosphäre im Stadion ungefiltert vermitteln“, beschreibt Andreas Lauterbach, WM-Programmchef des ZDF, das Erfolgskonzept. Wer ein Livespiel verpasste, fand die Zusammenfassung aller WM-Spiele auf Abruf in der Mediathek. Beim Ersten wurden die insgesamt 15 live im linearen TV übertragenen WM-Partien aus dem Sportschau-Studio in Köln von Moderator Claus Lufen und der festen Expertin Nia Künzer präsentiert, die Übertragungen wurden aus der Regie der Sportschau gesteuert. Die komplette Postproduktion fand auf dem Sportcampus beim WDR statt. Kommentiert wurden die Spiele im linearen Fernsehen von Stephanie Baczyk und Bernd Schmelzer direkt vom Ort des Geschehens. Den heißen Draht zur deutschen Mannschaft hielt Valeska Homburg, die sich fast täglich mit News aus dem deutschen Quartier meldete und im Anschluss an die deutschen Spiele Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg im Mini-Studio am Stadion interviewte.

 

„ARD und ZDF betrieben gemeinsam einen Schaltraum im IBC in Paris, von wo aus sämtliche von HBS produzierten Spiel- sowie Kommentatoren-Signale aus den Stadien über Glasfaserleitungen zum WDR nach Köln übertragen wurden“, erklärte Felix Ruhberg, Technischer Leiter für Außenübertragung Fernsehen beim Norddeutschen Rundfunk. „Zur Unterstützung bei Spielen mit deutscher Beteiligung stand ein von ARD und ZDF zusammen genutzter Ü-Wagen des NDR (Ü2) am Stadion und lieferte die deutsche Perspektive“. Das heißt: Extra-Aufsager, Spielerbeobachtungen und Interviews. Insgesamt standen ARD und ZDF mit dem Ü2, dem ZDF Ü-Wagen, MP4 und MP5 bis zu vier Ü-Wagen zur Verfügung. Vor Ort begleitete ein Miniteam die deutsche Mannschaft, das mit Hilfe eines EB-Teams, eines mobilen Schnittplatzes und einer LiveU tagesaktuelle Beiträge für sämtliche Ausspielungswege (Radio, TV, Online, Social Media) aus dem DFB-Quartier lieferte. Speziell für die Radiowellen erfolgte von dort ein Großteil der täglichen Zulieferung. Dagegen wurden Audio-Deskription und Archivierung beim NDR in Hamburg realisiert, wo auch der Online-Auftritt der Fußball-WM der Frauen auf sportschau.de entstand.

 

Produktionsinseln

 

Angesichts teurer Sport-Übertragungsrechte sind Synergieeffekte und die Nutzung bestehender Infrastrukturen essentiell. So kooperierten ARD und ZDF bei der Nutzung ihrer gemeinsam betriebenen Mobilen Produktionseinheit (MPE) im IBC in Paris. „Dort fand die Annahme, Weiterverarbeitung und Verteilung aller durch HBS bereitgestellten Signale statt, also der Feeds sämtlicher Spiele, sowie Kommentar- und Kommando-Leitungen in den jeweiligen Stadien“, sagte Ruhberg. Der Vorteil: „Es entfällt der hohe produktionstechnische und reiselogistische Aufwand vor Ort im Land.“ Die Kehrseite der Medaille: „Dem Gegenüber stand ein nicht zu unterschätzender Aufwand an Signaldistribution und Leitungsplanung zwischen Paris und Köln, sowie die Koordination der vielen verschiedenen Produktionsinseln an unterschiedlichen Orten. Dazu zählten Kommentatoren-Teams an den Stadien, Ü-Wagen bei deutschen Spielen, das Reporter-Team am DFB-Quartier, der Schaltraum im IBC in Paris, Sendeteam und Postproduktion in Köln, Archivierung, Audio-Deskription und Online-Redaktion/Produktion in Hamburg und der damit verbundene Aufwand beim Materialaustausch und bei den Workflows.“ 

 

Bei der Fußball-WM der Männer 2018 in Russland haben viele Sender moniert, unabhängiger sein zu wollen und alle Bilder in ihren Hauptquartieren von zu Hause aus abrufen zu können, so als wären sie im IBC vor Ort. „In der Regie in Köln hatten wir Zugriff auf alle von der FIFA produzierten Feeds und nutzten diese auch für unsere Sendungen, zum Beispiel im Vor- und Nachlauf, bei der Nachberichterstattung, bei Highlights oder der Bespielung der LED-Wände. Während des Spiels übernahmen wir ausschließlich das sogenannte Weltbild, alles andere war schon aus vertraglichen Gründen nicht möglich“, sagte Ruhberg. „Im IBC wurden die Signale der Spiele übernommen und für ARD und ZDF, je nach Spiel und Sendetag, nach Köln beziehungsweise Mainz geschaltet“, erklärte WM-Programmchef Lauterbach. „Ebenso wurden die Audiosignale der Kommentarstellen geroutet. Auch die Kommunikation zu den verschiedenen Stellen (Ü-Wagen, LiveU, Köln, Mainz, Stadien) wurde hier gehandelt.“ Die Regieführung des Weltbildes unterlag der FIFA, bei den Spielen der deutschen Mannschaft waren sowohl die ARD, als auch das ZDF mit eigenen Kameras vertreten. „Moderation, Analyse und teilweise Beobachtung von Spielerinnen oder Trainerin wurden mit eigenen Kameras realisiert“, berichtete Vitino Zoiro, Senior Technical Manager beim ZDF. „Es bestand jederzeit die Möglichkeit mit eigenen Bildern redaktionell in das HBS-Angebot einzugreifen.“ 

 

Die FIFA bot eine Vielzahl buchbarer Posten im Stadion an, von unterschiedlich ausgerüsteten Kommentatorenplätzen bis hin zu Aufsager- und Interview-Positionen. So hatte die ARD über einen Remote-Zugang in Köln Zugriff auf weiteren Content, der von der FIFA über einen Server bereitgestellt wurde. Auch der bei der Fußball-WM der Männer 2018 eingeführte Video Assistant Referee (VAR) funktionierte für Ruhberg meist gut. „Das System war schnell! Viel schneller als in der Bundesliga. Das erhöhte die Planungssicherheit in Bezug auf die Sendelängen. Wenn beispielsweise die ’Tagesschau’ aufgrund eines Videobeweises nicht pünktlich um 20:00 Uhr beginnen kann, ist das angesichts der vielen Millionen Zuschauer, die sich nicht für Sport interessieren, natürlich nicht so toll.“

Webexklusive Spiele, kuriose Posts

 

Auch digital haben ARD und ZDF aufgerüstet. Die zeitweise parallel zur Fußball-WM der Frauen laufende Fußball-U21-EM der Männer in Italien wurde in die lineare und digitale Berichterstattung integriert, einige Spiele beider Wettbewerbe liefen webexklusiv im Livestream. Auf Kanälen wie Facebook, YouTube & Co. durfte getwittert und gezittert werden. „Resultierend aus der zusätzlichen digitalen Verbreitung entsteht ein gewisser technischer und personeller Mehraufwand. Aber durch unsere crossmediale Strategie sind alle Ressorts eng miteinander verbunden und nutzen gemeinsame Ressourcen“, betonte Ruhberg. „Eine Spielzusammenfassung, die ein Autor schneidet, findet selbstverständlich auch den Weg auf unsere Internetseiten und sozialen Netzwerke. Andersherum bekommen Fundstücke der Online-Kollegen, wie kuriose Posts oder WhatsApp-Videos, ihren Platz in unseren Live-Sendungen im Ersten.“ 

 

Eine Vielzahl von Werkzeugen mußte technisch ineinandergreifen. „Fernsehbeiträge entstanden in Frankreich und in Köln, das Encoding der Livestreams (für HbbTV zusätzlich auch im MPEG-TS) und die Produktion der VoDs wurde hingegen in Hamburg abgewickelt“, berichtete Ruhberg mit Blick auf die neuralgischen Punkte. „Daher mußten fertige TV-Beiträge ebenso wie Social-Media-Clips und Videofiles für die Website auf dem Leitungsweg oder per File-Transfer zwischen Hamburg und Köln ausgetauscht werden. Die Videos wurden genau wie alle Artikel im Content-Management-System des NDR verwaltet und via XML in der gesamten ARD verteilt. Auf diesem Weg wurde auch die HbbTV-Anwendung zur Fußball-WM der Frauen, die in München gehostet wird, mit Metadaten für die Livestreams, Programnmdaten, VoDs und Ergebnisdaten versorgt.“ 

 

Viel Zeit zum Ausruhen bleibt nicht. Direkt nach der Fußball-WM der Frauen ging es für Lauterbach weiter zur Schwimm-WM nach Gwangju/ Südkorea – mit mehr als 70 Stunden Live-Berichterstattung in der ZDFmediathek. Und die Fußball-EM der Männer 2020 wirft ihre Schatten voraus – mit zwölf europäischen und einer asiatischen Stadt als Spielorte eine logistisch-technische Herausforderung. Ruhberg freut sich darauf. „Es ist jedes Mal schön zu sehen, wie das Team senderübergreifend und ortsunabhängig an einem Strang zieht, um Sport-Events in bestmöglicher Qualität unserem Publikum zu präsentieren.“                               

Wolfgang Scheidt

MB 3/2019

© feelphoto / Shutterstock.com

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