Mebucom / News / Produktion / Aufstand der Produzenten

News: Produktion

Aufstand der Produzenten

„Content is King!“ Dieser Schlachtruf hat von Anfang an den Aufbruch in die digitale und globalisierte Medienwelt begleitet. Aber erst neuerdings haben sich deutsche Film- und Fernsehproduzenten als Contententwickler in der Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen zusammengeschlossen, um „mit einer gemeinsamen Stimme“ für die Verwertungsrechte an den von ihnen entwickelten Inhalten zu kämpfen: gegen die Fernsehsender.

Ob im internationalen TV-Programmhandel, im Kinoweltvertrieb, im Home-Entertainmentbereich der DVD-Vermarktung, im Pay-TV- und Video-on-Demand-Geschäft oder bei den Programmlizenzen für IPTV und Handy-TV: Auf all diesen Märkten kann man heute oder morgen mit einmal entwickelten Inhalten mehrfach Geld verdienen. Wie stark das Geschäft bei der totalen Digitalisierung anwachsen wird, die für 2010 oder 2012 ansteht, weiß man zwar noch nicht. Allein die zuvor unerwarteten gigantischen neuen Geldeinnahmen mit der DVD, die in den letzten Jahren weltweit teils die Einkünfte an der Kinokasse überflügelten, lassen perspektivisch rosige Geschäftszeiten erwarten, zum Beispiel für Video-on-Demand. Das Geschäft rund um Rechte und Lizenzen ist allerdings recht kompliziert und wird vor allem von versierten Juristen gehandelt.
Doch das Geschäft ist verlockend. Rechtehändler Leo Kirch hatte weiland auf dieser Basis ein Medienimperium aufgebaut. Und auch aktuell will Kirch mal wieder ein lukratives Geschäft rund um die Rechteverwertung von „Inhalten“ abwickeln, wo es um Hunderte von Millionen Euro geht: attraktive Sportrechte rund um König Fußball. Schon vor vielen Jahren – im Zuge der Einführung von privatem Fernsehen – hatte Kirch die Deutsche Fußball Bundesliga, DFL, und ihre Clubs auf die Spur gebracht, dass sie ja „Inhalteentwickler“ für Fußballsendungen sind, wofür man ganz schön viel Geld kassieren könne, was er ihnen auch damals gab. Tatsächlich bieten ja auch Fußballspiele mal gigantisch spannendes Entertainment, mal Trauerspiele mit ihren Stars und Sternchen an, wie die Dramen oder Komödien, die als Filme oder Shows im Fernsehen laufen.

Leo Kirch hat es vorgemacht
Während in Sachen Fußball die Contentanbieter zumindest in den letzten Jahren gegenüber den Sendern am längeren Hebel saßen, ist es bei den Inhalten für die Programmbereiche Film und Entertainment genau umgekehrt. Da diktieren die Sender mehr oder weniger Preise und Konditionen – und kassieren obendrein die Rechte im heute so genannten „Total Buy Out“. Dabei sind es die Produzenten, die in der Regel zusammen mit Autoren und anderen Urhebern die Ideen für Filme, TV-Serien, Dokumentationen, Comedy, Shows und neue Formatentwicklungen nicht nur oft auf eigene Faust kreieren, sondern auch bis zum fertigen Sendeprodukt verantwortlich realisieren – also sogar viel mehr als Fußballverbände für die Entwicklung der Inhalte bis hin zum sendefähigen Produkt tun.
Das spezielle Verhältnis zwischen Sender und Produzent ist in Deutschland in der Urzeit des Fernsehens entstanden, als es nur öffentlich-rechtliche Programme von ARD und ZDF gab. Darauf geht die Form der so genannten „Auftragsproduktion“ zurück: Der Sender bestellte und bezahlte, und zwar gut, kassierte aber auch die Rechte. Der Produzent war zufrieden, zumal es reichlich finanziellen Spielraum zum Auffangen der Entwicklungs- und Overheadkosten gab und obendrein auch noch eine feine eigene Rendite. Damals ließ sich manch deutscher Produzent beim Dreh einer Auftragsproduktion gleich sein Haus renovieren, vermutete man.
Das gute Verhältnis rund um die Auftragsproduktion zwischen Sender und Produzent setzte sich durchaus fort, als die privaten Sender rund um RTL und ProSiebenSat.1 aufkamen. Ja, die deutsche Produzentenwirtschaft blühte – oder blähte sich – sogar auf.
Es kamen immer mehr kleine Produzenten hinzu, da es immer mehr Sender zu bedienen gab. So hat die seit 1998 vom Formatt-Institut durchgeführte Langzeitstudie zum Produktionsmarkt ergeben, dass es beim Explosions-Höhepunkt in 2003 insgesamt 808 relevante Produktionsfirmen gab. 136 davon seien aber im Zeitraum 2004 bis 2006 schon wieder vom Markt verschwunden.
Im April 2002 hatte es mit der Insolvenz der Kirch-Gruppe die Ankündigung einer fundamentalen Veränderung im deutschen Fernsehmarkt gegeben, die aber erst im August 2003 Realität wurde. Denn als damals der Hollywood-Medienmogul Haim Saban mit Hilfe seiner Finanzierungspartner die ProSiebenSat.1 AG übernahm, wurde in Deutschland das Investorenfernsehen geboren, das vom offensiven Aufbruch in die digitale Welt mit ihren vielen verschiedenen neuen Vertriebsswegen für Inhalte begleitet war. Schließlich hat man die Diversifikation vor Augen, will nicht mehr allein von der Werbewirtschaft abhängig sein.
Was Haim Saban durfte, wollte von da an erst recht die RTL-Gruppe unterm Bertelsmann-Dach: Egal wie, möglichst den Höchstsatz an Rendite generieren, aus verschiedensten komplexen Unternehmensgründen. So entstand für die hiesigen Film- und Fernsehproduzenten, die zuvor schon indirekt von der Werbekrise gebeutelt waren, ein enormer Kostendruck, zumal man ja bei ARD und ZDF die Konditionen, die die großen privaten Sender gegenüber den Produzenten diktieren, auch mitbekam. Der Fernsehmarkt in Deutschland, so drückt es der Ex-Sat.1-Chef und heutiger Constantin-Chef, Fred Kogel, aus, bestehe aus nur „zwei Blöcken“, den öffentlich-rechtlichen Sendern von ARD und ZDF auf der einen Seite, den Sendern der RTL- und ProSiebenSat.1-Gruppe auf der anderen Seite.

Börsennotierte Produzenten
Dabei könnte sich die relativ machtlose Situation in Bezug auf Generierung zusätzlicher Geldquellen, in der sich die deutschen Film- und Entertainment-Produzenten gegenüber den Sendern befinden, in der digitalen Welt noch verschärfen. Obwohl gerade die Vielzahl der neuen digitalen Vertriebswege und neuen Plattformen eine gute Chance für Inhalteentwickler böte, mit ihrem Content Cash zur Kapitalgenerierung zu machen, versuchen Sender gerade da einen Riegel vorzuschieben, indem sie die einmal erworbenen Rechte samt Nebenrechten wie für Video-on-Demand erst recht in der digitalen Welt behalten wollen, auch für Archivschätze. Wobei allerdings der öffentlich-rechtliche Block offenbar für Produzenten günstigere Regularien als der kommerzielle Block plant.
Die große Constantin, die mittlerweile im Besitz der an der Börse notierten Schweizer Highlight Communication ist, soll dem Vernehmen nach zu den ganz großen Treibern zur Gründung der neuen Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen gehören. Wie auch beispielsweise die Fremantle-Tochter UFA (Bertelsmann), die über die RTL-Group in London an der Börse notiert ist. Oder die auch an der Börse notierte Berliner MME Moviement-Gruppe, die im Frühjahr 2007 von einem der größten britischen Produzenten, der All3 Media Group Ltd, gekauft worden ist, deren Finanzinvestor Permira laut Formatt-Studie „letztendlich“ auch der Haupteigner der ProSiebenSat.1 Media AG ist. MME liegt nach der Studie auf Rang 2 der bedeutendsten Produzenten in Deutschland, allerdings berechnet nach dem Produktionsvolumen und nicht nach dem Jahresumsatz, der in 2006 aber immerhin bei 93 Millionen Euro lag. Womit die MME das viertgrößte in Deutschland agierende Produktionsunternehmen ist.
Schon im August 2006 hatte der MME-Chef und frühere Sat.1-Geschäftsführer Martin Hoffmann anlässlich der Medienwoche Berlin-Brandenburg mit dezidierten Argumenten für die Schaffung einer neuen „schlagkräftigen“ Produzentenallianz in Deutschland nach dem britischen Vorbild PACT plädiert. Nur so könne man die Situation der Produzenten verbessern, ihre Interessen zur Teilnahme an den neuen finanziellen Chancen der digitalen Welt durchsetzen und damit eine Qualitätsoffensive für eine differenzierte vielfältige Fernsehproduktion in Deutschland sicherstellen.
Hoffmann nannte vier zentrale Problemkomplexe, bei denen für die Produktionswirtschaft ein Handlungsbedarf bestehe. Erstens müsse man etwas dagegen unternehmen, dass die Politik die Fernsehproduktion ignorierten, stattdessen sich bei Regulierungen allein auf die Sender fixierten. Zum Beispiel bei neuen Urheberrechtsgesetz Korb 2, wo es um die Verwertungsrechte für neue digitale Vertriebswege wie Video-on-Demand geht. Oder der Rundfunkstaatsvertrag, wo die Produzenten gar nicht einmal erwähnt würden. Man brauche eine „effiziente Medienaufsicht“, betonte Hoffmann, „nicht ein institutionelles Geflecht aus LMAs, DKLM, KEK, KEF, KIM, GSDZ und wie die Kürzel alle heißen“, heißt es in seinem Papier, das über die Homepage des Instituts für Medienpolitik (Grundlagenpapiere) auch aktuell abgerufen werden kann.
Zweites Problem sei der „Total Buy Out“ der Verwertungsrechte als „Grundübel deutscher Fernsehproduktion“, wozu es beispielsweise in Großbritannien und Frankreich wesentlich produzentenfreundlichere Regelungen gäbe. Drittes Problem seien die Nebenrechte, die bislang fast vollständig auf Seiten der Sender lägen, etwa für Merchandising, Licensing, dem Verkauf von DVD, Video-on-Demand und zahlloser neuer Distributionsmöglichkeiten. Viertens müsse das Verhältnis von sendereigenen und unabhängigen Produzenten geklärt werden, forderte Hoffmann.

„Mit einer Stimme sprechen“
Am 19. Januar 2008 wurde die Allianz als gemeinsame Interessensvertretung aller Produzenten audiovisueller Werke in Deutschland gegründet. Nach der ersten Mitgliederversammlung am 3. März waren immerhin schon rund 80 Produktionsfirmen dabei, rund 50 Prozent des Marktes, wie der Vorstand der neuen Allianz, der Kinofilm- und TV-Produzent Alexander Thies (NFP), am Tag danach in einer Pressekonferenz betonte.
Man wolle „mit einer Stimme“ in der Branche sprechen. Konkretes Ziel der Allianz sei die Rechteentbündelung gegenüber den Sendern. „Es geht um die digitale Dividende“, betonte sein Stellvertreter und Sektionsvorsitzende „Entertainment“ Holger Roost-Macias (Tresor TV). Das heißt: Es geht um Pfründe, darum, wer in der digitalen Multmediaverwertungs-Welt mit Rechten Cash machen und Kapital generieren kann. Und im Gegensatz zu den Vorgängerverbänden will die Allianz in Zukunft ihre Interessen nicht nur gegenüber den Sendern, sondern auch in der allgemeinen Medienpolitik vertreten, ähnlich wohl wie MME-Chef Hoffmann es schon 2006 referierte. Konkretes allerdings wurde auf der ersten Pressekonferenz der Allianz nicht genannt. Man will aber auch in Brüssel Lobbyismus betreiben. Ein Konzept dabei soll die ehemalige film20-Generalsekretärin Georgia Tornow erarbeiten.
Die Allianz war eine schwierige, mehrfach verschobene Geburt. Das Projekt drohte zuvor an den divergierenden Interessen von kleinen und großen Produzenten, an den Interessen von Kinofilm- und Fernsehproduzenten zu scheitern. Zuvor lösten sich sowohl der Bundesverband der Fernsehproduzenten e.V. als auch die Interessensgemeinschaft film20 auf, um in den neuen Verband aufzugehen. Auch die TV-Unterhaltungsproduzenten (zum Beispiel brainpool, Grundy Light Entertainment, Tresor TV), die sich schon in 2005 in der Association of German Entertainment Producers, AGEP, zusammengeschlossen hatten, um nach dem Vorbild des britischen Produzentenverbands PACT für die Rechteposition – insbesondere in Bezug auf einen verstärkten Formatschutz – zu kämpfen, sind nun unter dem Dach der Allianz geschlüpft.
Nicht gelungen ist es bislang, den Verband der Kinofilmproduzenten, die AG Spielfilm, vollständig in die Allianz zu integrieren, obwohl eine Mehrheit, aber keine ausreichende von ihnen dafür votierte. Hier besteht die Furcht, dass sich die Fernsehproduzenten über die Allianz an den properen Filmförderungstopf mit rund 300 Millionen Euro heranrobben wollen, der seitens Bund und Ländern zur Verfügung steht. Einzeln hingegen, vor allem die Münchner Spielfilmproduzenten, sind viele von ihnen der Allianz allerdings schon beigetreten, wie der Vorsitzende der Sektion Kino, Uli Aselmann (d.i.e. film), betonte. Neben Kino ist die Allianz auch in die Sektionen „Fernsehen“ und „Entertainment“ strukturiert, für die es jeweils einen Vorstand und einen hauptamtlichen Geschäftführer gibt. Um sichtbar zu machen, dass die Allianz mit einer einzigen Stimme spreche, werde bis September auch ein hauptamtlicher CEO für die Allianz gesucht, sagte Thies.

Konzentrationsprozess
Dabei bemüht sich die Allianz ganz offensichtlich, auch kleinere Produzenten als Mitglieder zu gewinnen. Entsprechend habe man die Mitgliedsbeiträge gestaffelt, die – nach einem recht komplizierten Verfahren – zwischen 5000 und 40.000 Euro jährlich liegen. Sie hätten jedoch die gleichen Stimmrechte wie die großen Produzenten, sagte Allianz-Vorstand Thies. Er wies aber auch darauf hin, dass es sehr viele kleine Produzenten gäbe, deren Geschäftmodelle vermutlich nicht auf der Ebene der Allianz lägen.
Genauso ist es für die meisten Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm, AG DOK. Der Mitgliedsbeitrag sei auch viel zu teuer, betont AG DOK-Vorstand, Thomas Frickel, der sich als Vertreter der „mit 800 Mitgliedern größten Berufsverbands der deutschen Independent-Filmszene“ sieht, in der sich „kulturell ambitionierte“ Produzenten zusammengeschlossen hätten. Wovon aber die meisten in der aktuellen Formatt-Studie nicht als Produktionsbetriebe registriert worden sind. Die Studie hat ja insgesamt in 2006 lediglich 776 Produktionsfirmen in Deutschland gezählt. Tatsächlich sind in der AG DOK überwiegend einzelne engagierte Filmmacher versammelt, darunter allerdings auch sehr renommierte Firmen wie etwa Zero Film.
Frickel warnt vor einem weiteren Konzentrationsprozess in der Produzentenlandschaft, die im Interesse der Allianz liegen und die kreative Vielfalt gefährden könnte, auch wenn die AG DOK in Bezug auf die Produzentenrechte gemeinsame Ziele mit der Allianz sehe. Aber nur dann würden die Sender Rechte an den Produzenten zurückgeben, wenn die Produzenten gleichzeitig weniger Geld für die Produktion erstattet bekämen. In Großbritannien, so meint Frickel, hätte sich nach der Einführung von PACT gezeigt, dass solche neuen Konditionen eher nur den großen Produzenten zugute kämen, da nur sie vorfinanzieren könnten. Es habe schon eine „Flurbereinigung“ gegeben. Etwas, was natürlich die großen Produktionsfirmen nicht stören würde, da dann mehr Aufträge auf sie entfielen. Und gerade global agierende oder an der Börse notierte Produzenten brauchen viel Geld und hohe Umsätze für ihre Investor Relationship-Berichte.
Ein Herz für kleine Produzenten zeigt wie Frickel überraschenderweise Bavaria-Chef Matthias Esche, den MEDIEN BULLETIN im Interview in dieser Ausgabe danach fragte, warum eigentlich gerade die Bavaria als einziger der ganz großen deutschen Produzenten-Player nicht der Allianz beigetreten ist.
Erika Butzek (MB 04/08)

Zurück