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Besser als erwartet

„Rhythm Is It“-Regisseur Thomas Grube filmte mit vier HDCAM- und vier HDV-Kameras die Asienreise der Berliner Philharmoniker. Am Ende mussten insgesamt 300 Stunden HD-Material in der Postproduktion verarbeitet werden. Das Zusammenführen von HD- und HDV-Material funktionierte laut Grube dabei völlig reibungslos.

„Trip to Asia – Die Suche nach dem Einklang“ heißt der neue Musikdokumentarfilm von Thomas Grube, der bereits für die Musikdokumentation „Rhythm Is It“ 2005 den Deutschen Filmpreis erhielt. Drei Wochen lang begleitete der Regisseur die Berliner Philharmoniker und ihren Dirigenten Sir Simon Rattle auf einer Konzertreise durch Asien. Gedreht wurde in HD mit vier Sony HDCAM HDW-750P Kameras. Auch Sony HDV-A1E-Camcorder gehörten zum eine Tonne schweren Equipment. Grube drehte mit vier international profilierten Kameraleuten und einem HD-Consultant unter anderem in Beijing, Seoul, Shanghai, Hongkong, Taipei und Tokio.

Aufwändig waren auch die Vorbereitungen zu dem Dreh. Während eines halben Jahres führte Thomas Grube mit 50 der Musiker Vorgespräche, um das Orchester besser kennen zu lernen. „Mehr haben wir nicht geschafft. Dann begannen schon die Dreharbeiten.“ Während der Tournee filmte er weitere 33 Musikerinterviews. Das Filmteam war von Beginn an Teil der Reisegruppe. Das hatte auch einen praktischen Grund. „Nur dadurch, dass unser Equipment zusammen mit den Instrumenten der Philharmoniker transportiert und am Zoll abgefertigt wurde, hatten wir die Sicherheit, dass die technische Ausrüstung auch gleichzeitig am Ziel ankam“, erzählt Grube. „Es war ein riesiger Stress. Alle zwei Tage ging es zu einem neuen Ziel, von Peking gleich weiter nach Seoul und wieder zurück nach Shanghai. Jede Schraube, jedes Kleinteil musste für die Ein- und Ausreise fein säuberlich in Listen aufgeführt sein.“ Vier Leute vom Filmteam und den Philharmonikern flogen zeitversetzt dem Haupttrupp voraus beziehungsweise folgten nach, um mögliche Probleme mit dem Zoll der verschiedenen Länder aus dem Weg zu räumen.

Der Einsatz der Kameras mit den beiden unterschiedlichen HD-Formaten erfolgte je nach inhaltlichen Schwerpunkten. Mit den vier HDCAM HDW-750P wurde hauptsächlich in den Konzerten sowie bei Panoramaaufnahmen und Porträts gedreht und mit den vier kleinen HDV-Kameras dort, wo viel Bewegung herrschte: Backstage, im Flugzeug, im Bus, und an Orten, wo man unauffällig filmen wollte, wie zum Beispiel in der U-Bahn.
Mit Anthony Dod Mantle, René Dame, Alberto Venzago und Stefan Ciupek hatte Grube erfahrene Kameramänner dabei. Jeder von ihnen hatte neben den gemeinsamen Drehs Spezialaufgaben zu erledigen. „Letztendlich war es ein Prozess für die vier, sich aufeinander einzustellen“, erklärt Grube. Die Einzelaufgaben bestanden vor allem darin, Shotlisten abzuarbeiten und in den jeweiligen Städten bestimmte Bilder zu filmen. „Mantle war nahe an den Protagonisten, am aktuellen Geschehen und hat viel mit HDV gedreht. Dame hat sich mit der HDW auf Stadtpanoramen und große Ansichten konzentriert, Venzago hatte die Aufgabe, mit einer HDV Bilder von interessanten Menschen und besonderen Orten einzufangen, um für den späteren Schnitt Assoziationsflächen zur Verfügung zu haben“, erklärt Grube.

Er räumt ein, dass er sich bei den Dreharbeiten in Bezug auf die Bildgestaltung ungern festlegt. „Ich übertrage sehr viel in die Postproduktion und will mir bis dahin alle Optionen offen halten. Während des Drehens sollen deshalb möglichst viele Informationen im Bild erhalten bleiben. Burnouts darf es nicht geben. Entsprechend lasse ich die HD-Kameras einrichten“, sagt er. „Wenn man sich am Ende des Drehtags die Bilder auf dem Monitor ansieht, ist es anfangs ein bisschen frustrierend, weil die Bilder wegen der möglichst flachen Gradationskurven relativ matschig sind.“

HD-Constultant für den Workflow
Mit Stefan Ciupek engagierte er einen HD-Consultant, der die technischen Möglichkeiten der Kameras bestens kannte und für „Trip To Asia“ den optimalen Workflow vom Drehprozess bis zur Postproduktion erarbeitete.
Grube: „Für mich ist ein HD-Consultant im Idealfall jemand, der die Kameras in ihren Menüs und Setups, in ihrer Bauart in- und auswendig kennt. Gleichzeitig weiß er über die Postproduktion hervorragend Bescheid. Er weiß, was in einer Kamera abläuft und was er während der Farbkorrektur oder der Ausbelichtung auf 35mm tun muss, um zum Beispiel genau den Schwarzton zu erzielen, den er sich vorgestellt hat.“
Im Vorfeld der Dreharbeiten hatte der HD-Consultant alle am Markt verfügbaren, in Frage kommenden HDV-Kameras getestet. „Sonys kleine HDV-A1E hat diesen Test für bestimmte, von uns vorgesehene Aufgaben für sich entschieden. Bei den großen Kameras gibt es zur HDW-750P ohnehin keine Alternative“, meint er.
300 Stunden HD-Material oder drei Terabyte Daten wurden nach Ende der Dreharbeiten gesichtet. Rund 50 Interviews mussten aus fünf verschiedenen Sprachen transkribiert werden. „Es dauerte ein halbes Jahr, um nur der gesprochenen Sprache Herr zu werden“, beschreibt Grube die Postproduktionsphase. Insgesamt dauerte die Postproduktion eineinhalb Jahre. Nach dem Offline-Schnitt wurde das gesamte HD- und HDV-Material online zusammengeführt. „Gerade weil eine HDV-Kamera natürlich ihre technischen Grenzen hat, war es angenehm zu erleben, dass es mit dem HDV-Material während des Online-Prozesses überhaupt keine Probleme wie Timecode-Sprünge oder Ungenauigkeiten gab“, sagt der Regisseur. Auch während der Farbkorrektur lief alles glatt. „Wir konnten aus den Bildern das Optimum herausholen. Kleine, stressbedingte Momente während der Dreharbeiten, in denen die Blende zu weit geöffnet war oder die Kamera ein bisschen wackelte, konnten wir gut korrigieren. Sogar Stabilisierungen durch Bildvergrößerung waren möglich.“

Das Zusammenspiel der beiden unterschiedlichen HD-Formate beurteilt Grube positiv. „Das HD- und das HDV-Material haben sich sehr gut zusammenfügen lassen, besser als ich erwartet hatte. In manchen Einstellungen ist erstaunlicherweise überhaupt kein Unterschied zu erkennen, gerade dann, wenn mit der HDV vom Stativ gedreht wurde. Natürlich haben die großen 750er HDCAM ihre eigene Qualität, und für eine bestimmte Ästhetik braucht man eine Handhabung, die eine kleine Kamera nicht bieten kann. Trotzdem ist das unterschiedliche Material im Online, in der Farbkorrektur, im Endergebnis sehr schön zusammen geflossen.“

Keine Frage: HD!
HD oder Film? – Diese Frage stellt sich weder für Grube noch für den Produzenten des Films, Uwe Dierks von der Berliner Boomtownmedia. „Wir wollen den Dokumentarfilm einem breiten Publikum im Kino zugänglich machen“, sagt Uwe Dierks. „Dafür muss er ein Ereignis sein. Man muss alle Register ziehen, das heißt: großes Bild, erstklassiger Ton. Und dann ist es klar, dass HD die einzige Alternative ist, um das Maximum bieten zu können. Die Argumente Vertrieb, Lebensdauer und Archivierung, die für HD sprechen, sind fast genauso wichtig“, fährt er fort. „Im Bereich Dokumentarfilm, wo aufgrund enger Budgets 35mm-Filmmaterial nur selten ernsthaft in Betracht kam, ist mit HD etwas möglich geworden, was den Dokumentarfilm richtig nach vorne gebracht hat. Wenn wir heute davon sprechen, dass Dokumentarfilme mehr und mehr Markanteile gewinnen und im Kino erfolgreich sind, dann ist das eine der Ursachen – weil man auf einmal auch Kino produzieren kann.“

„Trip to Asia – Die Suche nach dem Einklang“ ist in Zusammenarbeit mit dem ZDF und der BBC entstanden, gefördert von Medienboard Berlin Brandenburg, FFA und BKM. Weltpremiere war auf der Berlinale 2008, anschließend startete der Film mit 60 Kopien in den deutschen und österreichischen Kinos. Im Spätsommer 2008 soll er auch in Japan und in der Schweiz laufen.
Eckhard Eckstein (MB 04/08)



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