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Das große TV-Experiment

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Das große TV-Experiment

Mit „Newtopia“ hat SAT.1 Ende Februar eine neue Reality-TV-Show gestartet, die als das größte Fernseh-Experiment aller Zeiten vermarktet wird. Das Herzstück dieser aufwändigen Live-Produktion bildet ein mobiles Datencenter, das von der Infostrada-Zentrale in Hilversum aus rund um die Uhr überwacht und gesteuert wird. Zum umfangreichen Produktions-Equipment gehören zudem 107 fest installierte HD-Kameras und zahlreiche Mikrofone, die das Geschehen in der „Newtopia“-Welt permanent aufzeichnen.

Das „Newtopia“-Konzept stammt vom TV-Macher John de Mol, der mit der täglichen TV-Show „Utopia“ in Holland einen Quotenhit gelandet hat. Seit einem Jahr verfolgen dort im Schnitt 700.000 Zuschauer am Tag, wie eine Gruppe Menschen versucht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. 15 sogenannte Pioniere in „Newtopia“ stehen hierzulande vor der gleichen Herausforderung. In Deutschland fiel die Quote nach Anfangserfolgen mit 2,8 Millionen Zusehern auf unter zwei Millionen. Sat.1 ist damit zufrieden.

Die Produktion von „Newtopia“ verantwortet John de Mols Firma Talpa, die sich unlängst mit 49,9 Prozent an Springers Schwartzkopff TV beteiligt hat und nun unter dem Namen Talpa Germany firmiert. Auch in Italien, Großbritannien und Skandinavien ist Talpa an 50/50-Joint Ventures beteiligt. John de Mol, der bereits länger nach einem Käufer für Talpa Media gesucht hat, konnte im März 2015 mit dem britischen Broadcast-Unternehmen ITV einen Deal über 500 Millionen Euro besiegeln. Für die 100-prozentige Übernahme von Talpa Media wollen die Briten bis zu 1,1 Mrd. Euro auf den Tisch legen. Die Höhe des endgültigen Verkaufpreises hängt davon ab, wie viel Profit Talpa in den nächsten acht Jahren erwirtschaftet.

Die als „großes TV-Experiment“ apostrophierte Reality-Show „Newtopia“ kann nicht nur im TV (montags bis freitags auf SAT.1), sondern dank vier Live-Streams auch rund um die Uhr im Internet verfolgt werden. Dazu entwickelte der Video Service Provider Infostrada Creative Technology im Auftrag von Talpa, nach holländischem „Utopia“-Vorbild, auf dem ehemaligen Stasi-Gelände in Königs Wusterhausen bei Berlin eine aufwendige produktionstechnische Infrastruktur. Die „Newtopianern“ wohnen in einer unbeheizte Scheune mit Gas-, Wasser- und Stromanschlüssen. Die Ressourcen beschränken sich auf einen Stall mit zwei Kühen und einigen Hühnern, einem Stück Ackerboden sowie einen kleinen Teich. Auf dem gesamten Gelände gibt es fast keinen Winkel, der nicht von einer der 107 installierten HD-Kameras rund um die Uhr ins Visier genommen wird.

Auf dem Gelände sind insgesamt 52 Sony BRC-Z330 Kameras im Einsatz, die mit ihren drei verschiedenen ND-Filtern gut gegen die Sonne geschützt sind. „Das war vom Preis-Leistungs-Verhältnis her die beste Wahl“, erklärt der R&D Manager Casper Choffat, der für Infostrada Creative Technology das gesamte technische Konzept dieses ambitionierten Großprojektes begleitet und zusammen mit dem R&D-Team entwickelt und umgesetzt hat. Einen Überblick über das ganze Gelände geben zwei RoboEye-Kameras von Telemetrics, die auf hohen Pfosten montiert sind. Mit ihrem 18-fachen Zoom können die ungeschützt einsetzbaren PTZ-Kameras Nahaufnahmen von Situationen auf dem Feld oder am Teich liefern, die dank ihrer schärferen Details über bessere Farben und Schwarzwerte verfügen. Im Außenbereich kommen vier Sony alpha 7S-Fotokameras hinzu, welche die gleiche Auflösung und Weitwinkel wie Videokameras besitzen, aber bei Dunkelheit bessere Bilder erzeugen. Diese statischen Kameras befinden sich im Wohnwagen auf dem Feld sowie oben in der Scheune auf einem Vorsprung über der Terrasse. Im Innenbereich der Scheune sind 49 Panasonic AW-HE60-Kameras installiert, die mit einem Infrarot-Filter ausgestattet sind und die „Newtopia“-Bewohner selbst bei Dunkelheit noch erkennbar filmen können.

Auch das Sound-Konzept ist darauf ausgerichtet, möglichst jeden Ton in Umgebung aufzunehmen. 21 Sennheiser MKH-50, neun Sennheiser MKH-60- und drei Rode NT4 Stereomikrofone zeichnen die Atmo auf und halten fest, wenn eine Kuh muht oder ein Schwimmer im Wasser flüstert. Zwei dieser Mikros hängen in der Mitte der Scheune von einem Balken herunter. „Sie werden nicht als Stereomikros benutzt, sondern sind dort eingesetzt, um den Ton aus allen Richtungen aufzunehmen.“ Selbst im Stall ist ein Mikro zwischen den Kühen platziert. Darüber hinaus ist jeder „Newtopianer“ dazu verpflichtet, immer ein Funk-Mikro von Wisycom am Körper tragen, das nur beim Schwimmen abgenommen werden darf. Kommen Besucher nach „Newtopia“, um zum Beispiel ein Paket auszuliefern, wird ihnen ebenfalls ein Funkmikrofon angesteckt.

Um die Kamera- und Tonsignale zu produzieren und übermitteln, mussten auf dem Gelände zunächst entsprechende Leitungen installiert werden. „Im September 2014 wurde mit den Grabungsarbeiten begonnen, um Stromleitungen verlegen zu können“, berichtet Martin Späth, der als Project Manager von Infostrada die technische Umsetzung dieses ambitionierten Projekts vor Ort koordiniert hat. Auf dem gesamten Gelände wurden wochenlang entsprechende Rohre und Kabelkanäle verlegt. Ab Ende Oktober konnte das Team damit beginnen, die ersten unterirdischen Kabel zu ziehen. Für jede Kamera mussten vier Kupferkabel für Video, Strom, Steuerung und Sync verlegt werden. Bei einigen Kameras kam außerdem ein Audio-Kabel für Mikrofone hinzu. „Die Kameras, die über 100 Meter entfernt sind, benötigen eine Glasfaserleitung, um das Videosignal übermitteln zu können, während sich Strom, Steuerung und Sync auch über weitere Entfernungen per Kupferkabel übertragen lassen“, erläutert Späth. Insgesamt sind rund 34 Km Kupferkabel und 15 Kilometer Glasfaserleitungen auf dem Gelände verlegt worden. Sämtliche Kamera- und Tonsignale, welche das Funksystem für die Ansteckmikrofone, die komplette Audio-Technik mit den 36 Ambiance- und Stereomikrofonen sowie die 107 Kameras liefern, werden an zwei zentrale Geräteräume (ZGR) übermittelt, und von dort über 14 Glasfaser-Leitungen zum mobilen Datencenter geschickt. Es befindet sich in einem Großcontainer, der in Hilversum mit Technik ausgestattet wurde, und bildet mit seinen mit über 60 Servern das Herzstück des gesamten HD-Workflows. Alle Ton- und Kamerasignale, einschließlich der kompletten Postproduktion und Regiearbeit, wird auf den Servern dort gespeichert. Auf dem „Newtopia“-Gelände ist das Datencenter mitten in das Container-Dorf eingebettet. Die zentrale Überwachung der Technik erfolgt durch ein Team von Infostrada Creative Technology über das Service Desk in Hilversum, das rund um die Uhr noch weitere Datencenter von Infostrada überwacht. Dazu gehört die Fernsehstudio- und Postproduktions-Umgebung mit insgesamt 250 Editing Suiten in Hilversum und Amsterdam, die über das eigene Glasfasernetz von Infostrada Connect verkabelt sind. An das Netz angeschlossen ist auch holländische Show „Utopia“. Infostrada Creative Technology gehört zusammen mit Dutch View und Infostrada Connect der Holding Consolidated Media Industries (CMI) an.

In Hilversum werden permanent auch grundlegende Parameter wie Feuchtigkeit, Temperatur und Stromspannung gemessen. Bei Entwicklung von Hitze, Feuer oder dem Eindringen von Wasser erscheint in Holland eine Meldung im System, so dass sofort die Feuerwehr vor Ort alarmiert werden kann. „Unsere IT erkennt Störungen schon, bevor sie zum Problem für die Produktion werden“, erläutert R&D Manager Casper Choffat, der für Infostrada Creative Technology das gesamte technische Konzept dieses ambitionierten Großprojektes begleitet und zusammen mit dem R&D-Team entwickelt und umgesetzt hat.

Mobiles Datencenter

Kühlung und Stromversorgung des mobilen Datencenter sind redundant ausgelegt. Jeder Server besitzt zwei Stromanschlüsse. Falls der lokal bezogene Strom in Brandenburg ausfällt, sind zwei USVs für die unterbrechungsfreie Stromversorgung in den Container eingebaut, die konstant aufgeladen werden und für 30 bis 40 Minuten den kompletten Betrieb aufrecht erhalten können. Bei einem Stromausfall wird die Leitung automatisch auf Notstrom umgeschaltet. „Binnen zehn Sekunden springt ein Generator an, der die Batterien mit Energie versorgt“, berichtet Choffat. Die Klimaanlage im mobilen Datencenter besteht aus vier Minkels-Kühlsystemen, die zwischen den fünfzehn 19 Zoll-Server-Racks eingebaut sind. Alle sind jeweils an eine eigene Klimaanlage angeschlossen. „Wenn eine dieser vier Klimaanlagen ausfällt, arbeiten alle anderen weiter.“ Da pro Stromleitung zwei Kühleinheiten zur Verfügung stehen, würde bei einem Ausfall der Stromleitung A ein Kühlaggregat der Stromleitung B die Kühlung für den anderen Bereich übernehmen. „Das mobile Datencenter kann mit zwei Kühleinheiten laufen“, sagt Choffat. Darüber hinaus verfüge der Container über eine komplette Gas-Feuerlöschanlage. Vom mobilen Datencenter werden die Audio- und Video-Signale über Kreuzschienen zur Regie geleitet, wo dann die 107 verschiedenen Kamerabilder auf Multiview-Monitoren zu sehen sind. Damit die Regisseure die Kamerabilder leichter den verschiedenen Orten innen und außen zuordnen können, sind diese mit farbigen Balken markiert. „Die komplette Steuerung erfolgt über Netzwerk-Switches in der Regie“, erklärt Choffat. Im Audio-Bereich wird das Intercom-System von Riedel verwendet, das es ermöglicht, den O-Ton zu hören, der gemischt wird. Darüber hinaus können auf bestimmten Positionen in der Regie auch einzelne Mikrofone angewählt werden, um beispielsweise gezielt Stimmen und Geräusche auf dem Acker oder am See zu verfolgen. Der Sound wird bei „Newtopia“ automatisch generiert. Zudem besteht die Möglichkeit, bei bestimmten Events gezielt bestimmte Kanäle anwählen. Das komplette Audio-System wird von dem Content Management System Centralparq gesteuert, das Infostrada Creative Technology entwickelt hat. Für die Reality-TV-Formate „Utopia“ und „Newtopia“ ist das Auto-Ingest-System von Centralparc, das die Metadaten des gespeicherten Bild- und Tonmaterials in einer Datenbank generiert, noch erweitert worden.

Vier 24-Stunden-Videostreams

Die Anforderung bei „Newtopia“ sieht vor, 24 Stunden täglich vier Streams zu produzieren, über welche die Zuschauer zwei verschiedene Storylines verfolgen können. Für jede Storyline gibt es einen Stream mit Nahaufnahmen sowie einen Stream mit Überblick-Shots. Die Auswahl der Bilder erfolgt durch die Regisseure, während die Kameraleute in der Regie damit beschäftigt sind, die ausgewählten Kameras per Fernsteuerung zu bedienen. Als Hauptregisseur fungiert in dieser Konstellation der Storyline-Producer, der die Regisseure instruiert, auf welche Personen sie sich in der Storyline konzentrieren sollen. Darüber hinaus sind die Regisseure und der Storyline Producer mit Touchscreens ausgestattet, über die sie die jeweiligen Kandidaten für die Storyline auswählen können, was wichtig für die Tonmischung ist. Unterstützt wird der Story-Editor von zwei Loggern, die links und rechts neben ihm sitzen und für die jeweilige Storyline Timecode-gebundene Beschreibungen zu den Bildern ins System eingeben. Dazu gehört die Benennung der Situation in der jeweiligen Einstellung, die Tages- oder Nachtzeit, der Ort, an dem sich eine Person gerade aufhält sowie die Stimmung, in der sich diese befindet. „Diese Metadaten können später im Centralparq-System gesichtet werden“, unterstreicht der R&D-Manager.

In dem Container-Dorf stehen ingesamt 15 Avid Media Composer-Schnittplätze zur Verfügung, an denen von Montag bis Freitag jeweils eine 45-minütige Fassung für die SAT.1-Ausstrahlung geschnitten wird. „Das erfolgt webbasiert im Centralparq-System.“ Die markierten Metadaten geben nicht nur Aufschluss darüber, welche Orte und Personen die Logger angewählt haben, sondern anhand der Standorte der Mikrofone und der Personen lassen sich auch die O-Töne zuordnen, die für den Schnitt benötigt werden. „Wir zeichnen zwar mit Pro Tools 11 den Sound von allen 64 Audio-Kanälen auf, aber die Tonmischung wird automatisch vom Centralparq-System generiert, was sehr wichtig für die Live-Streams und die Rohschnitte ist“, betont der R&D-Manager. „Bei vier Live-Streams und 64 Ton-Kanälen, die täglich rund um die Uhr aufgenommen werden, ist der Einsatz eines Content-Management-System sehr wichtig, damit die Zuordnung des Materials überschaubar bleibt.“

Zusätzlich zu den vier Live-Streams gibt es bei „Newtopia“ eine 360 Grad-Kamera in der Scheune, die der Zuschauer über das Internet ansteuern kann. Der Nutzer kann gezielt den jeweiligen Winkel auswählen, den er sehen möchte. Zu diesem Zweck sind mehrere Kameras nebeneinander positioniert, deren komplette Bilder über das Netz verschickt werden. „Von diesen 100 Prozent kann der Nutzer stets nur zehn Prozent sehen“, erläutert Choffat. Das Anfangsbild wird vorgegeben, wenn der Zuschauer sich über die App einloggt und den Blickwinkel auswählt, den er gerne betrachten möchte. Über die App haben die Zuschauer auch Zugriff auf die Live-Streams, die Tag und Nacht zu sehen sind. In der Nacht wird jedoch nur eine Storyline produziert. Bei „Newtopia“ wird rund um die Uhr in drei Schichten gearbeitet. Die Logger werden im Zwei-Stunden-Takt abgelöst. In der Anfangsphase sind pro Regisseur zwei Kameraleute im Einsatz, welche die Kameras von den Pulten in der Regie aus steuern. Da sämtliche Video-, Audio- und Metadaten in Centralparq geloggt und getaggt werden, können sämtliche Sequenzen über das Content-Management-System aufgerufen werden, um beim Schnitt das gewünschtes Material auf den Avid Media Composer zu laden, der auch per Glasfaser in die Infrastruktur eingebunden ist. Neben den 15 Avid Media Composer steht für das Grading und Finishing ein Baselight ONE-System zur Verfügung. In 13 der insgesamt 15 Schnitträume werden kurze Clips beziehungsweise Vorschnitte produziert. Der finale Schnitt des 45-minütigen SAT.1-Sendebeitrags sowie die anschließende Farbkorrektur und Tonmischung erfolgen in einer separaten Editing Suite. Bei der Endmischung sind die Tonkanäle, die in einer entsprechenden Szene benutzt worden sind, bereits automatisch eingeschaltet. Der Vorteil: Der Toningenieur weiß dadurch genau, welche Kanäle er ansteuern muss, wenn er beim Finetuning bestimmte O-Töne oder Geräusche nachjustieren will.

An der Entwicklung von Centralparq waren bei Infostrada Creative Technology, so Choffat, 20 Software-Entwickler beteiligt. Der komplette Aufbau der Technik für „Newtopia“ erfolgte binnen eines Monats. Der Container mit dem mobilen Datencenter wurde per Lastwagen von Hilversum nach Berlin transportiert und vor Ort verkabelt. Die Hälfte der Kameras wurden Ende 2014 innerhalb von 15 Tagen aufgebaut, im Januar folgte das restliche Equipment. Ende Januar war die gesamte Technik ausgeliefert, so dass die Testläufe beginnen konnten. „Nach der Generalprobe haben wir nur noch einige Mikrofone umpositioniert und Konfigurationen geändert, um den Workflow weiter zu optimieren“, erklärt Choffat.

Birgit Heidsiek

MB 2/2015

© Newtopia

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