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Die Kunst des Weglassens

Die TV-Übertragung der 45. IBU Biathlon-WM in Ruhpolding (29. Februar bis 11. März 2012) verbuchte neue Zuschauerrekorde. Großen Anteil am Quotenerfolg hatten die Produktionsteams von ARD und ZDF mit einer sehr engagierten Leistung. Neben der nationalen WM-Berichterstattung zeichneten sie als Hostbroadcaster auch für die Erstellung des internationalen TV-Signals verantwortlich. Zum Einsatz kamen hierbei insgesamt 39 Kameras, darunter Spezialkameras, die ganz neue, spannende Eindrücke von den Wettkämpfen lieferten. MEDIEN BULLETIN besuchte die Fernsehmacher vor Ort.

ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz zog eine positive Bilanz: „Biathlon hat mit der Weltmeisterschaft 2012 in Ruhpolding seine Spitzenposition im Wintersport erneut unter Beweis gestellt. Diese Sportart ist ein wahrer Zuschauermagnet, vor Ort in der Chiemgau-Arena und besonders bei den Fans vor den Fernsehern.“ In der Tat verzeichnete die TV-Berichterstattung von der 45. IBU Biathlon-WM eine enorme Zuschauerresonanz. Durchschnittlich 4,57 Millionen Biathlon-Fans verfolgten die Übertragungen aus der Chiemgau-Arena vom 1. bis 4. März 2012 live im Zweiten.

Das entspricht einem Marktanteil von 31,4 Prozent. Damit wurde eine deutliche Steigerung gegenüber der Biathlon-WM 2011 erreicht, die von durchschnittlich 3,43 Millionen Zuschauern (Marktanteil: 26,2 Prozent) gesehen wurde. Auch in der zweiten Wettkampfwoche (6. bis 11. März), hier zeichnete die ARD für die nationale Übertragung verantwortlich, waren die Zuschauerzahlen ähnlich hoch. Grund für den Erfolg waren nach Ansicht vieler Beobachter die brillanten Fernsehbilder mit neuen spektakulären Einstellungen. Die öffentlich-rechtlichen Sender zeigten eindrucksvoll, wie man den Biathlon-Sport spannend und unterhaltsam im TV präsentieren kann.

ARD und ZDF sorgten nicht nur für die nationale Berichterstattung (unilaterales Signal) in Deutschland sondern auch – unter der technischen Federführung des ZDF – als Hostbroadcaster auch für die Erstellung des internationalen Signals (multilaterales Signal). Es wurde von 23 TV-Stationen (Rechtehalter) aus aller Welt bei der Europäischen Broadcast Union (EBU) gebucht. Bei der TV-Produktion des internationalen Signals kamen insgesamt 39 Kameras zum Einsatz – vorwiegend Ikegami HK727P Kameras des ZDF sowie einige angemietete Spezialkameras. Alle Kamerasignale lagen in den beiden zusammen geschalteten ZDF-Ü-Wagen MP4 und MP5 auf, die im Technik-Compound der Ruhpoldinger Chiemgau-Arena, gleich hinter der Haupttribüne, geparkt waren. „Die beiden Ü-Wagen teilen sich die Kamerakontrolle. Das dient auch der Haverie-Absicherung. Falls ein Auto ausfällt, haben wir immer noch die Bilder des anderen verfügbar“, meint ZDF-Ü-Wagen-Leiter Georg Eisengräber.

Darüber hinaus verfüge jeder der beiden Ü-Wagen ohnehin nur über Kontrollmöglichkeiten für 16 Kameras. Die Hauptregie, Bildschnitt und Kommandozentrale befand sich im MP4. Dafür waren im MP5 ein Großteil der Slomo- und EVS-Operator untergebracht. Gearbeitet wurde in der MP4-Regie an einem Kuhana-Bildmischer von Snell.

Nationale Produktion

Mit MP4/MP5 verbunden waren auch alle anderen ARD/ZDF-Produktionsmittel in der Chiemgau-Arena. Dazu gehörte insbesondere Ü-Wagen FÜ HD1 des Bayerischen Rundfunks (BR), ausgestattet mit einem Sony-Bildmischer MVS-8000G. Mit ihm erledigten ZDF und ARD unter Leitung von Karl-Ulrich Moerk (BR) die Produktion des nationalen Signals. Elf eigene Kameras (Sony HDC1400R) kamen hierbei zusätzlich zum Einsatz.
Der BR hatte mit einem eigenen Team auch für die Verlegung von rund 40 Kilometer Kamera-, Ton- und Kommunikationskabel zu den einzelnen Kamerapositionen gesorgt. Vorwiegend kamen SPMTE-Glasfaserkabel mit Rosenberger OSI-Steckern und im Tonbereich Lemo-Kabel zum Einsatz. Das ZDF lobte die schnelle und zuverlässige Arbeit der BR-Kabeltruppe und überhaupt hörte man sehr viel Positives über das gute Zusammenspiel zwischen Mainz und München. Die Aufgabenteilung klappte gut: Der BR kümmerte sich um die bayerischen und die nationalen ARD/ZDF-Belange, das ZDF um alle internationalen Fragen und die Kommunikation mit dem Organisationskomitee (OK) der WM. Nicht zu vergessen: Der rbb hatte die redaktionelle Verantwortung für die nationale Berichterstattung inne.

Für das Bayerische Fernsehen berichtete der BR auch aus dem Kurpark von Ruhpolding, der für die Biathlon-WM in Championspark umgetauft worden war. Hier fanden jeden Abend Events und die Medaillenvergabe statt. Die Bilder von den Championspark-Events produzierte der BR mit Hilfe eines SWR-Ü-Wagens. Für das BR-Fernsehen wurden von dort aus Schalten zu „Blickpunkt Sport“ oder zur „Abendschau“ gemacht. Dazu standen dort auch noch ein SNG und ein Highlight-Schnittmobil zur Verfügung. Die Technik im Championspark hatte keine Leitungsverbindung zu der in der Chiemgau-Arena. Von der EBU gewünschtes Footage-Material von dort lieferten die unilateralen EB-Teams von ARD und ZDF.

Als weiteres Produktionsmittel hatte der BR auf dem Technik-Compound in der Chiemgau-Arena ein eigenes Sat-Mobil am Start, das die nationale ARD/ZDF-Sendeleitung als Backup auf den Satellit schickte – allerdings nur in Standard Definition (SD). In der Chiemgau-Arena standen der ARD für das unilaterale Signal zudem das SWR-Trimobil und dem ZDF das DPM1 Schnittmobil zur Verfügung, beide ausgestattet mit jeweils drei vernetzten Avid-Schnittplätzen. „Die Schnittmobile sind am BR-Ü-Wagen angebunden und spielen je nach sendender Anstalt zu“, erklärt Jürgen Kreissl, Leiter Außenübertragung im Technischen Fernsehbetrieb des BR.
Für das internationale Signal wurden keine separaten Schnittplätze benötigt. Hier gab es nur den Highlight-Rohschnitt, der mit den EVS-Maschinen in den Ü-Wagen gemacht wurde.

Allgemeiner Workflow

Das Produktionskonzept der Biathlon-WM orientiert sich stark an dem der Alpinen Ski-WM 2011 in Garmisch-Partenkirchen. „Kernkomponenten wie Signalverteilung, Schaltraumtechnik und Verkabelungskonzept haben wir von dort übernommen, allerdings in einem etwas kleineren Rahmen. Biathlon ist zwar populärer beim Publikum aber der technische Aufwand dort ist nicht so groß wie bei Ski Alpin“, meint Florian Rathgeber, der für den federführenden Hostbroadcaster ZDF die technische Gesamtleitung innehatte. Für die fernsehtechnische Planung der IBU Biathlon-WM 2012 war nach seinen Angaben ein ganzes Jahr nötig.

Produziert wurde durchgehend in 1080i/25 HD und im 16:9-Bildformat. Auf 4:3-Grafik und 4:3-Bild-Protection wurde in Abstimmung mit der EBU verzichtet. „Nur MDR Thüringen bekommt von uns noch mal ein SD-Signal“, verrät Rathgeber.
Großen Stellenwert hatten bei der Biathlon-WM die EVS-Replay-Maschinen. Sie unterstützten die Produktion bei Slomotion, Highlight-Editing und Analyse. Bei Biathlon-Wettbewerben laufen wie bei kaum einer anderen Sportart immer sehr viele Aktionen gleichzeitig ab. Davon kann der Regisseur live immer nur einen Bruchteil zeigen. Er ist also darauf angewiesen, alle Kameras mitzuschneiden, um interessante Bilder jederzeit nachreichen zu können. In Ruhpolding waren insgesamt 18 EVS-Maschinen im Einsatz. Dabei handelte es sich um zwölf Maschinen für das internationale Signal, vier für das nationale und jeweils eine im MCR und im Kontrollfahrzeug für die eingesetzte Highspeed-Kamera Arri Hi-Motion. Alle EVS-Maschinen waren miteinander vernetzt und konnten zentral vom Schaltraum aus administriert werden. „Insgesamt nutzen wir 60 EVS-Kanäle zur Aufzeichnung der Kamerasignale“, berichtet EVS Administrator Patrick Jung.

Signalverteilung im MCR

Das im MP4 generierte internationale Multifeed-Signal wurde an den Schaltraum (Master Control Room – MCR) übergeben, der in unmittelbarer Nähe zum Ü-Wagen in einem Funktionscontainer untergebracht war. Er war mit Komponenten der mobilen Produktionseinheit (MPE) von ARD und ZDF bestückt, unter anderem mit einer Grass Valley-Kreuzschiene, Riedel Intercom-Matrix sowie Harris- und Evertz-Systeme, VTS- und Penta-Monitore.
Das MCR wickelte die gesamte Signalverteilung, die Qualitätskontrolle und das Playout ab. Alle unilateralen Rechteinhaber auf dem Compound und die EBU konnten sich hier ein fertiges Sendesignal von den Rennen abholen. Auch die Bilder für die ARD- und ZDF-Live-Übertragungen wurden vom MCR an den BR-Ü-Wagen weiter gereicht und von dort dann über eine von MEDIA BROADCAST bereit gestellte Glasfaserverbindung direkt nach München zum BR beziehungsweise nach Mainz zum ZDF in die Sendeabwicklung geschickt.
„Jeder unilaterale Sender ist selbst dafür verantwortlich, wie er sein Sendesignal im Schaltraum abholt und weiterleitet. Eigene Glasfaserleitungen haben die Schweden und die EBU, die wiederum auch als Provider für die Norweger auftritt. Der ORF hat eine SNG hier stehen, ebenso wie die EBU“, erklärt Rathgeber. „Auch alle buchbaren ISO-Feeds (Isolated Feeds) wurden einzeln vom MP4 in den MCR geliefert und dort auf die Kreuzschiene gelegt, um sie dann, je nach Buchungsstand, an die unilateralen Sender zu verteilen“, sagt er.

Das MCR-Playout nutzten all die Sender, die nicht mit eigener Technik vor Ort waren. Dazu zählten unter anderem Eurosport und Sky Deutschland.
Hostbroadcaster ZDF hatte neben dem MCR auch den sogenannten CCR (Commentary Control Room) eingerichtet, über den 24 Kommentatorenplätze betreut wurden. Fünf davon nutzten die angebotene technische Komplettausstattung (ISDN-Codec, Kommentatoreneinheit, Headsets, Monitor, etc.).
Buchbar waren für die Sender auch eine Mixed Zone- und eine Ansager-Position mit je einer Worldcam, die direkt mit dem Schaltraum verbunden waren. Beide Kameras konnten direkt vom MCR aus bedient werden. „Wir haben auch einen kleinen Audiomischplatz im Schaltraum damit wir jederzeit am Ü-Wagen vorbei eine buchbare Position übergeben können“, erklärt Rathgeber.

Als Pilotprojekt wurde vom Hostbroadcaster erstmals bei einer Biathlon-WM zusätzlich zum Standard-Playout auch ein Filetransfer-Service angeboten. „Wir haben hier eine exklusive 155 Mbit-Leitung ins Internet“, berichtet Patrick Jung. „Der Service wird sehr rege genutzt nicht nur von VJs sondern auch von Sendern wie Sky Sport News HD.“ Eingesetzt wird dabei der faspex Server von Aspera (siehe Beitrag auf S. 54). Jung. „Die Datenübertragung funktioniert damit sehr gut. Wir können mit Aspera die Quality of Services im Internet voll gewährleisten. Das System entspricht auch am ehesten unseren Sicherheitsanforderungen.“

Spezialkameras

Eine wichtige Rolle spielten bei der TV-Produktion der Biathlon-WM 2012 auch die eingesetzten Spezialkameras, die man bei MAT, PMT, SCS, TV-Skyline und TopVision angemietet hatte. Von der Hamburger PMT wurden Remote Heads für Beauty Shots und die Leaders Lounge bereitgestellt sowie erstmals bei einem Biathlon-Event auch eine Spidercam im Stadionbereich. Sie konnte über die 16.000 Zuschauer fassende Tribüne fliegen, über den ganzen Start-Ziel-Bereich und zum Schießplatz. „Deren Bilder werden viel im Schnitt genutzt. Mit der Spidercam holen wir den Sportler beim Einlaufen ins Stadion ab und bringen ihn bis zum Schießen. Die Kamera liefert wunderbare Bilder in einer ganz neuen Dimension“, schwärmt Rathgeber. Die seitlich am Schießstand positionierte Ultra-Highspeed-Kamera Hi-Motion von ARRI lieferte mit 600 Bildern pro Sekunde ebenfalls spektakuläre Aufnahmen. Sie wurde von TopVison bereitgestellt. Vier weitere Zeitlupenkameras hatten ARD/ZDF von Presteigne Charter angemietet. Dabei handelte es sich um zwei Sony HDC 3300 und zwei LDK 8300 Grass Valley Kameras.

Schießtrick

Das Schießen ist bei einer Biathlon-Übertragung ein zentrales Element. Die Bildteilung „Biathlet – Scheibe“ ist bereits Standard bei der Schießeinlage und die Zuschauer sind es gewohnt, genau zu sehen, wo der Treffer oder Fehler einschlägt. Bei dieser als „Schieß-Trick“ bezeichneten Bildkombination sind zwei Spezialkameras involviert. Der Athlet wird während des Schießens von einer ferngesteuerten „Hot-Head“-Kamera beobachtet. Diese war unmittelbar rechts neben den Scheiben der Bahn eins platziert. Der Kameraoperator sitzt in sicherer Entfernung an seinem Bedienpult und steuert das System.
In der Chiemgau-Arena wurden Schießtricks für das internationale und das nationale Signal produziert. Beim internationalen Signal kam eine von TV-Skyline bereit gestellte Schienenkamera zum Einsatz, die von Bahn eins bis 30 ausgelegt im Abstand von fünf Metern zu den Scheiben hin- und hergefahren konnte. Computergestützt waren die Kamerapositionen der Bahnen und Scheiben einprogrammiert. Auf Knopfdruck konnte die Kamera zu den entsprechenden Scheiben fahren, die fünf Scheiben während des Schießvorgangs abschwenken und das Trefferbild zeigen.
Beim nationalen Schießtrick wurden statt Schienenkamera zwei kleine Hotheads genutzt, die jeweils nur die Schießscheiben von zwei Bahnen zeigen konnten und deshalb vor den Rennen je nach Bedarf immer neu positioniert werden mussten, sowie zwei Kameras mit 86fach Optik, die den Schützen von vorne zeigten. Am Schießstand genutzt wurde auch ein Kran von MAT, der dynamisch mitschwenkte, wenn die Läufer zu ihren Schießplätzen abbogen.

Tolle Bilder lieferten auch zwei weitere Schienenkameras von MAT und von dem Pforzheimer Unternehmen SCS (Specialized Camera Systems). Das mit beheizbaren Schienen ausgestattete SCS-System legte bei der WM eine Strecke von rund 300 Metern über den „Schießplatzberg“ zurück. Darauf fuhr ein kleiner Kamera-Zug, der die Athleten hautnah begleiten konnte. Als Kamera war hier Sonys Cineflex-System installiert, das auch gerne bei Hubschrauber-Aufnahmen eingesetzt wird. Der Kamerakopf lässt sich vertikal um 360 Grad drehen. Bei einer maximalen Drehgeschwindigkeit von 55° pro Sekunde sind rasche Bildwechsel möglich. Ein Kreiselkopfsystem sorgte dafür, dass auch bei schneller und unruhiger Fahrt Unebenheiten aufgehoben und eine perfekte Bildstabilität gewährleistet wird. Das SCS-Schienensystem wurde von zwei Operatoren fernbedient. Einer steuerte Fahrtrichtung und Geschwindigkeit des Schienenfahrzeugs, der andere mit Hilfe eines Kontrollmonitors alle Kamerafunktionen wie Zoom, Schärfe und Schwenkbereich. Die Bildstrecke wurde per Funk übertragen.

MAT stellte im Bereich des Zieleinlaufs auch das brandneue 70 Meter lange Kamera-Schienensystem MAT-Speedtrack bereit. Der Dolly mit fünf Achsen, in Kombination mit einem stabilisierten Scorpio Head, lieferte tolle Bilder von der Einfahrt zum Stadion bis hin zum Schießstand. „Alle Signale des Speedtrack kommen über Glasfaser und nicht mehr über Funk, verfügen also über höchste Signalqualität. Diese blitzschnelle und hochmoderne MAT-Innovation ist ein weiteres Highlight aus der Produktpalette der MAT-Spezialkamera-Systeme“, betont MAT-Geschäftsführer Peter Braun.

Daneben hatte MAT bei der Biathlon-WM 2012 auch eine MAT-Towercam-XL am Start. Sie war in exponierter Lage am „Schießplatzberg“ positioniert. Durch die auf zehn Meter hoch teleskopierende Kamerasäule in Kombination mit einem Mini-Mote, konnte mit eleganter Bewegung und einem herrlichen Panoramablick von oben herab der Anstieg der Sportler beobachtet werden – eine Perspektive, die aus einer flachen Position heraus unmöglich gewesen wäre. „Die schmale und platzsparende Silhouette der MAT-Towercam ist für solch diffizile Einsätze ideal und beliebt", betonte Peter Braun. Für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 in London seien bereits mehrere, unterschiedliche MAT-Towercams gebucht. „Gerade in Stadien und bei großen Publikumsveranstaltungen hat sich die Raffinesse der MAT-Towercam bewährt, denn hier können auf engstem Raum und ohne Sichtversperrung durch mächtige Kamerarkräne dynamische, Kran-ähnliche Kamerabewegungen erzielt werden“, sagt der MAT-Chef.
Schöne Übersichtsbilder lieferten ferner eine Kamera auf einem 70 Meter Steiger und eine PMT-Remote-Kamera auf einem Flutlichtmasten. Eine weitere Remote von PMT war in der Leaders Lounge installiert. An der Warmlaufstrecke war zudem eine Kamera auf einer zehn Meter hohen Scherenhubbühne positioniert. Vier mit Gigawave-Technik ausgestattet Drahtlos-Kameras unterstützten die Produktion des internationalen Bildes, zwei drahtlose Thomson-Kameras die des nationalen.

Um den Rennverlauf verfolgen zu können hatten die Trainer der Athleten auf dem Schießplatzberg zwei High Brightness Monitore von Eyvis zur Verfügung, die das nationale und internationale Signal von den Rennen zeigten. Es handelte sich hierbei um LCD-Monitore der EYE-LCD-HB-BC Serie (17“ und 21“), die speziell für den professionellen Einsatz auch im Outdoor-Bereich entwickelt worden sind. Dank speziell entspiegelter Scheiben und hoher Helligkeit liefern die Panels auch unter schwierigen Lichtverhältnissen eine ausgezeichnete Bildqualität. Das ZDF hat unlängst 30 Stück davon gekauft.„Das robuste Schutzgehäuse und der 12-Volt Betrieb machen die Geräte zum idealen Vorschaumonitor bei Außenproduktionen“, erklärte eyvis-Broadcast-Vertriebsleiter Dieter Steffen.

Audio

Um den Ton des Events einzufangen waren über 60 Sennheiser-Mikrofone (MKH60) und einige Neumann RSM 170-Stereomikrofone installiert. Auch alle Kamerapositionen waren mit Mikrofonen ausgestattet. Als zentraler Router für den Ton kam im MCR eine Lawo Nova73 HD-Kreuzschiene zum Einsatz. Produziert wurde in Stereo. MP4-Toningenieur Heiko Bulirsch: „Wir haben lange überlegt, ob wir 5.1 Surround produzieren sollen, aber durch die Parallelität der Ereignisse und Schnelligkeit des Sports, durch das viele Nachschieben von EVS-Material ist es unheimlich schwer, ein konsistentes Klangbild in Mehrkanal zu erstellen. Es würde auch sehr wahrscheinlich nicht ohne Upmix-Tools funktionieren. Bei 18 EVSen und den vielen Zuspielmöglichkeiten wäre das mehrkanalig diskret gar nicht machbar. Deshalb haben wir uns entschieden, lieber ein sehr gutes Stereosignal zu produzieren. Da haben alle mehr von.“
ZDF- und BR-Ü-Wagen sind im Audiobereich mit Lawo-Equipment ausgerüstet. Im FÜ1 HD wurde mit dem mc²66-Pult gemischt. Im MP4 des ZDF standen für die internationale Tonregie zwei mc²66-Pulte zur Verfügung, ein größeres Modell mit 56 Fadern und 288 DSP-Kanälen und ein kleineres mit 32 Fadern und 240 DSP-Kanälen. Bulirsch lobte die Audio-Follow-Video-Funktion der digitalen Lawo-Mischpulte: „Der Ton wird vierkanalig embedded von allen Kameras und EVS-Maschinen aufgezeichnet. Bei der Wiedergabe hat man so immer den richtigen Ton.“ Im MP4 und MP5 seien jeweils 50 Embedder/De-embedder von Lawo an Bord. „Die werden hier alle sehr extensiv genutzt. Biathlon ist eine der ressourcenhungrigsten Sportarten, weil so viel gleichzeitig passiert und so viele Kameras eingesetzt werden“, meint Burlisch.

Komplizierte Bildersprache

Die komplizierte Bildersprache von der Biathlon-WM besorgten übrigens die Regisseure Andreas Lauterbach (vom federführenden ZDF) und Rainer Rosenberg (ARD). Lauterbach war in der ersten Woche für das internationale Signal zuständig, Rosenberg für das nationale. In der zweiten Produktionswoche tauschten sie dann ihren Aufgabenbereich. Lauterbach hat seit vielen Jahren die Entwicklung der Biathlon-TV-Übertragungen maßgeblich mitgeprägt. Er saß schon vor 16 Jahren, bei der WM 1996, in Ruhpolding am Regiepult. Auch damals wurden immerhin schon 24 Kameras eingesetzt, die die gesamte Strecke abdecken konnten. Mit 39 Kameras hat der Regisseur nun jedoch ein unglaubliches Bilderangebot, aus dem er auswählen kann. Das macht für ihn die Arbeit nicht gerade leichter.

„Seit ich 1994 meine erste Biathlonregie in Ruhpolding hinter mich gebracht habe fasziniert mich diese Sportart. Ich bin jedoch zu der Überzeugung gekommen, dass man sich inhaltlich der Idealproduktion allenfalls annähern kann. Der Anspruch, den TV-Zuschauern das Wichtigste, den Rennverlauf, spannend und authentisch wiederzugeben, kann nie zu 100 Prozent erfüllt werden. Das ist der Vielzahl der parallel stattfindenden Aktionen und der relativ profanen Tatsache geschuldet, dass die Minute noch immer nur 60 Sekunden hat.“ Aus virtuell fünf Stunden Aktionen gelte es eine Stunde realen Wettkampf so abzubilden, damit einem wirklich nichts entgeht. „Etwas fernsehphilosophisch betrachtet besteht die Kunst bei einer guten Biathlonübertragung vornehmlich im Weglassen“, erklärt er.
Eckhard Eckstein
(MB 04/12)

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