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Die Vermessung der Welt in 3D

Mit der Verfilmung von Daniel Kehlmanns Bestsellerroman „Die Vermessung der Welt“ im Stereo3D-Format hat der deutsche Filmemacher Detlev Buck ein Stück Neuland betreten. Die Dreharbeiten zu dieser rund elf Millionen Euro teuren, historischen Kinokomödie erfolgten in Deutschland, Österreich und Ecuador.

„Der Film wird sehr innovativ“, verspricht der Produzent Claus Boje, der gemeinsam mit dem Regisseur seit 1989 in Berlin die Boje Buck Produktion betreibt, auf deren Konto Kinoerfolge wie „Karniggels“, „Sonnenallee“ oder „Knallhart“ gehen. „Wir haben noch nie einen 3D-Film gedreht.“ Dazu gebracht hat sie die Neugier, von der auch die Protagonisten in „Die Vermessung der Welt“ getrieben sind. „Wenn wir einen Film über Forscher und Entdecker drehen und es wird parallel gerade eine neue kinematographische Sprache erfunden“, betont Boje, „ist es nahe liegend, dass wir diese auch benutzen und mit entwickeln wollen.

Genau wie Humboldt und Gauß damals Neuland betreten haben, betreten wir jetzt Neuland mit 3D.“ „Die Vermessung der Welt“ schildert eine fiktive Doppelbiografie, in der Alexander von Humboldt auszieht, um die Welt zu vermessen, während es Carl Friedrich Gauß vorzieht, zu Hause zu bleiben, um sie zu berechnen. Gauß beschäftigt sich mit den Grundlagen der Mathematik der Zahlentheorie und kommt zu einem Ergebnis, das wegweisend für die Zukunft war. „Dieses bildete die Grundlage für Einsteins Relativitätstheorie. Noch heute basieren alle Wahrscheinlichkeitsrechnungen, die in Banken oder Versicherungen getroffen werden, auf der Grundlage der Gaußschen Mathematik“, sagt Boje.

Rahmenhandlung der Geschichte

1828 reiste der „Fürst der Mathematik“ auf Einladung von Alexander von Humboldt zum Kongress der Deutschen Naturforscher nach Berlin. Ihre erste Begegnung bildet die Rahmenhandlung der Geschichte, in der die beiden Wissenschaftler in Korrespondenz miteinander stehen und sich über ihre Projekte austauschen. Beide Vordenker beschäftigten sich mit der Vermessung der Welt; wenn auch auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Während der Naturforscher von Humboldt sich auf seinen Expeditionen einen Weg durch den dichten Urwald bahnt oder Vulkane besteigt, hockt der Mathematiker und Astronom Gauß zuhause in seiner Kammer und brütet über Formeln. Selbst in seiner Hochzeitsnacht springt er aus dem Bett, um eine mathematische Gleichung zu notieren.

In 3D ist jedes Detail erkennbar

Die fiktive Doppelbiografie „Die Vermessung der Welt“ stand nach ihrem Erscheinen 2005 über 37 Wochen auf Platz 1 der Bestsellerliste und gehörte zu den weltweit meistverkauften Büchern. Die Boje Buck Produktion hat sich bereits frühzeitig die Rechte an diesem Stoff gesichert. „Wir haben einen guten Preis dafür bezahlt, aber zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, dass das Buch ein solcher Riesenerfolg wird.“
Das Drehbuch zu dieser historischen Komödie verfasste der Romanautor Daniel Kehlmann selbst. Das Skript ist eine eigenständige Fassung, die dem geistigen Inhalt des Romans sehr nah kommt. „Das Drehbuch ist auf einen bestimmten Lebensabschnitt von Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß fokussiert“, verrät der Produzent. „Es wird die Kindheit und auch das Alter erzählt, aber im Mittelpunkt stehen ihre jungen Jahre zwischen 20 und 30, die von ihren mathematischen und geografischen Entdeckungen bestimmt waren.“
Der Roman schildert humorvoll die „vielseitigen Einseitigkeiten“ der Hauptfiguren. Der ironische Blick auf die Figuren wird dadurch unterstrichen, dass die Dialoge überwiegend in indirekter Rede geschriebenen sind. „Im Film gibt es keine indirekte Rede, sondern nur Dialog. Durch das 3D stellen wir einen Raum her, in dem die Charaktere agieren“, erläutert der Produzent. „Das ist etwas anderes, als ob sich in einem zweidimensionalen Umfeld bewegen.“ Die beobachtende Erzählhaltung im Roman werde im Kino durch die 3D-Erfahrung ersetzt, bei der die Charaktere eine viel stärkere Präsenz für den Zuschauer besitzen. „In 3D ist jedes Detail erkennbar. Deshalb ist der Zuschauer sehr stark damit beschäftigt, diesen Raum zu erkunden“, sagt Boje. Bei 2D ist dagegen alles, was sich in der Tiefe des Raumes befindet, unscharf. Boje: „Es ist auch möglich, Unschärfen im Vordergrund herzustellen. Das gibt es in 3D nicht.“

Insofern weise der 3D-Live-Actionfilm eine gewisse Parallelität zu James Camerons Abenteuerepos „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ auf. „Der große Unterschied ist, dass 'Avatar' als Fantasy-Genre komplett in künstlichen Räumen hergestellt worden ist, während wir uns in einem dramatischen Kontext bewegen und das 3D in einer natürlichen Umgebung entwickelt haben“, meint der der Produzent.
Als Kameramann für „Die Vermessung der Welt“ wurde Slawomir Idziak engagiert, mit dem Detlev Buck bereits 1995 seine Knast-Komödie „Männerpension“ gedreht hat. Auf das Konto des polnischen Kameramanns gehen nicht nur die Filme von Krysztof Kieslowski, dessen Werk „Drei Farben: Blau“ ihm 1993 bei den Internationalen Filmfestspielen Venedig einen Kamerapreis eingebracht hat, sondern auch große internationale Produktionen wie „Black Hawk Down“ oder „Harry Potter und die Orden des Phoenix“. „Er ist ein Kameramann mit einer ganz reichen Erfahrung, was sowohl High Standard-Produktionen als auch kleinere, sehr künstlerische Produktionen angeht“, sagt Boje. Von Idziaks ungewöhnlicher Bildsprache profitiert haben auch der Gentechnik-Thriller „Gattaca“ sowie die in knallrote Farben getauchte Liebesgeschichte „I want you“ von Michael Winterbottom.
Seit zwei Jahren beschäftigt sich der Kameramann ausschließlich mit 3D. 2011 hatte Slawomir Idziak den ersten polnischen 3D-Film „The Warsaw Battle of 1920“ aufgenommen, bei dem sechs 3D-Rigs zum Einsatz kamen.

Stereo3D-Sichtung direkt am Set

Bei den Dreharbeiten von „Die Vermessung der Welt“, die im Oktober 2011 in Görlitz begonnen haben und Ende Januar in Ecuador abgeschlossen wurden, arbeitete er mit vier Kamerapaaren. Als Hauptkameras wurde die Alexa von ARRI sowie die Sony F3 verwendet. Bei den Filmaufnahmen stand ihm als Stereograph sein polnischer Kollege Andrzej Waluk zur Seite, der ihm auch bei „The Warsaw Battle of 1920“ assistiert hatte. Die Muster der 3D-Produktion konnte das Team bereits am Set begutachten. Möglich war dies dank dem von der CinePostproduction entwickelten Cinema Trailer, der die große Leinwand direkt ans Set bringt. Bisher war es nur in entsprechend ausgestatteten Kino-Gradingsuiten möglich, die Tiefenwahrnehmung von 3D-Bildern auf einer Kinoleinwand zu begutachten. Der Cinema-Trailer bietet eine 3,70 m breite Stereo-Leinwand und eine DCI-konforme 2K-Stereoprojektion. „Wir konnten uns die Muster von den 3D-Aufnahmen direkt vor Ort anschauen“, bestätigt Boje. Der Colorist Sebastian Göhs und der für die Postproduktion verantwortliche Stereographer Daniele Siragusano prüften die großen Datenmengen aus den unterschiedlichen Kameras wie der Alexa und Sony F3 schon am Set auf ihre Qualität.

Auch die Farb- und Stereokorrekturen erfolgten im Trailer. Abweichungen im Hinblick auf die zeitliche, geometrische und farbliche Symmetrie wurden nach dem „Three Symmetry“-Prinzip direkt vor Ort angeglichen. Für das Depth- und Colorgrading wurde das On-Set Daily-System von Colorfront eingesetzt. Optimiert wird dies durch die neu entwickelte Software ReFine Stereo, mit der sich in den Aufnahmen auch die Bildschärfe, Polarisationsartefakte oder der Stereo 3D-Rundheitseindruck korrigieren lassen. „Selbst in Hollywood haben wir so etwas nicht“, berichtete der Kameramann Slawomir Idziak begeistert. Um den Stereo 3D-Look zu bewerten und entsprechend korrigieren zu können, sei es unerlässlich, sich das Material bereits am Set auf einer großen Leinwand anzuschauen.

Die natürliche Welt in 3D zeigen

„Die Vermessung der Welt“ wurde überwiegend an Originalschauplätzen aufgenommen. Einige Innenaufnahmen der 3D-Produktion wurden im Studio Babelsberg gedreht; darunter auch eine Szene, die im Innenraum eines Schiffes spielt. Zudem entstanden im Studio die Green Screen-Aufnahmen die Alexander von Humboldt (Albrecht Abraham Schuch) im Schneetreiben beim Aufstieg auf dem Chimborazo zeigen. Der rund 6.300 Meter hohe Vulkan in Ecuador galt vor der Vermessung des Himalaya als der höchste Berg der Erde. Humboldt, der mehrere Tage am Berg verbrachte, hat als Erster die Symptome der Höhenkrankheit genau geschildert. „Wir haben real auf dem Chimborazo gedreht“, erläutert Boje, „aber wir wussten vorher nicht, ob es dort schneit.“
Aus diesem Grunde wurden die Szenen im Schneetreiben vorab vor einer Green Screen gefilmt. Als nicht ganz einfach hat es sich für den Regisseur Detlev Buck erwiesen, die passende Besetzung für „Die Vermessung der Welt“ zu finden. Das Casting erstreckte sich über einen Zeitraum von drei Jahren. Die Idealbesetzung für Alexander Humboldt und Carl Friedrich Gauß fand er schließlich mit Albrecht Abraham Schuch und Florian David Fitz. Die beiden Schauspieler waren gefordert, die Forscher sowohl als 30jährige als auch mit Mitte 60 zu verkörpern. „Wir haben mit einer Altersmaske gearbeitet und dabei völlig auf digitale Nachbearbeitung verzichtet“, verrät Boje. „Unser Ansatz war, die natürliche Welt genauso in 3D zu zeigen, wie wir sie in drei Dimensionen wahrnehmen.“

Sowohl den Schauspielern als auch dem Team wurde bei dieser Produktion eine enorme Arbeitsleistung abverlangt. „Wir hatten einen extrem engen Zeitplan. Jeder der Beteiligten wusste, dass die nächste Aufnahme zählt, weil wir aufgrund unseres Budget nicht viele Takes wiederholen konnten.“
Finanziert worden ist der rund elf Millionen Euro teure Kinofilm, den die Boje Buck Produktion gemeinsam mit dem österreichischen Partner Lotus Film realisiert hat, mit Unterstützung diverser Förderungen wie der Filmförderungsanstalt, dem BKM, dem Medienboard Berlin Brandenburg, dem FilmFernsehFonds Bayern, der Mitteldeutschen Medienförderung, dem Deutschen FilmFörderFonds sowie verschiedener Sender wie dem WDR, NDR, SWR und ORF.
„Die Vermessung der Welt“ soll am 25. Oktober 2012 in der 3D-Fassung ins Kino kommen. „Ich gehe davon aus, dass auch die DVD-Auswertung ausschließlich in 3D erfolgt.“ Der Produzent hofft, dass die Fernsehausstrahlung des Films ebenfalls schon im dreidimensionalen Format erfolgen kann. „Die Sender sind sich nicht sicher, wie schnell sie auf 3D umstellen“, weiß Boje. „Da gibt es noch eine große Unsicherheit.“
Birgit Heidsiek
(MB 04/12)

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