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Die Weichen sind gestellt

Der SWR zählt seit Jahren zu den innovativsten Sendern innerhalb der ARD. Kein Wunder, dass man nun auch in Sachen HDTV eine Vorreiter-Rolle einnimmt. Der SWR hat das erste HDTV-fähige Kompaktstudio der ARD in Betrieb genommen. Und im Sommer soll ein großer HDTV-Ü-Wagen zum Einsatz kommen. MEDIEN BULLETIN sprach mit Bertram Bittel, Direktor Technik und Produktion beim SWR, über die HD-Aktivitäten und -Pläne des SWR-Fernsehens.

Der SWR soll im Sommer 2010 die Fußball-WM federführend für die ARD in HDTV übertragen. Was bedeutet das auf technischer Seite für das SWR-Fernsehen?
Für die Fernsehbetriebe bedeutet HDTV eine nahezu komplette Re-Investition der Videotechnik von den Kameras über die Schnittplätze, Regien, Ü-Wagen bis hin zur Sendeabwicklung. Diese kann nur stufenweise erfolgen. Der SWR wird deshalb zukünftig bei größeren Anlagen – beispielsweise Studios oder Ü-Wagen – nur noch in HDTV-fähige Videotechnik investieren.

Wie wollen Sie dabei vorgehen?
Mit der Inbetriebnahme des ersten HDTV-fähigen Kompaktstudios der ARD im letzten Jahr und der Fertigstellung unseres HDTV-Ü-Wagens im Frühsommer 2008 haben wir die Weichen für den sukzessiven Aufbau einer HD-Infrastruktur im SWR bereits gestellt. Nun gilt es, diese in Abstimmung mit den verantwortlichen Bereichen nach und nach auszubauen, um bei den sportlichen Großereignissen im Jahre 2010 bestens aufgestellt zu sein. Nach der Weltmeisterschaft 2010 werden wir uns darauf konzentrieren, HD-fähig für Das Erste produzieren und senden zu können.

Wo müssen Sie bis 2010 noch in HD investieren?
Sicherlich wird es einige Bereiche geben, die wir bis 2010 aufrüsten. So werden wir für eine Serienproduktion – in einer in sich geschlossenen Insel – einen vernetzten bandlosen HD-Workflow testen. Natürlich werden wir auch auf Film gedrehte szenische Produktionen und Feature als repertoirefähiges HD-Material zur Verfügung stellen können. Welche Produktionen und Bereiche aber genau involviert sein werden, wird im Moment noch von den Verantwortlichen diskutiert.

Gibt es bereits einen HD-Masterplan beim SWR? Wenn ja, wie sieht er aus?
Es gibt seit Anfang dieses Jahres eine Arbeitsgruppe „HDTV“ im SWR, die sich mit dem Entwurf eines so genannten „Masterplanes“ beschäftigt. Diese Gruppe besteht aus erfahrenen Kollegen von Programm und Technik, die zusammen einen detaillierten Maßnahmenkatalog erstellen, um SWR-Produktionen Schritt für Schritt HD-fähig zu machen.

Welche HDTV-Komponenten und -Systeme sind bereits vorhanden?
Neben dem HD Kompaktstudio wird derzeit ein großer HD-Ü-Wagen gebaut, der voraussichtlich im Frühsommer einsetzbar sein wird. Zusätzlich wird ebenfalls im Sommer 2008 eine HD-fähige SNG mit zwei bis drei Kameras fertig. Zu diesen großen Anschaffungen haben wir noch in anderen Bereichen in HD-fähige Gerätschaften investiert. So haben wir mehrere HD Kameras HDW 750 von Sony in Baden-Baden sowie die HPX 900 von Panasonic in Mainz. Natürlich haben wir mittlerweile auch mehrere HD-fähige Schnittsysteme. In Baden-Baden und Mainz stehen jeweils drei Avid Adrenaline Media Composer. Zudem existieren in Baden-Baden einige HD-Rekorder und zwar jeweils eine HDCAM MAZ, eine HDCAM SR MAZ und ein HDCAM Player.

Welche HD-Investitionen stehen noch in diesem Jahr an?
Im Studiobereich werden wir dieses Jahr noch ein Projekt starten, dass sich inhaltlich mit der Erneuerung der Technik für die Fernsehstudios auseinandersetzen wird. Dabei handelt es sich um das Studio 5/6 Baden-Baden und Studio A in Mainz.

Mit welcher Technik ist der erste HDTV-Ü-Wagen des SWR bestückt?
Der neue HDTV-Ü-Wagen ist ein Sattelauflieger mit zirka 16,5 Meter Länge und 38 Tonnen Gesamtgewicht. Er verfügt über vier Produktionsräume und zwar für Tonregie, Bildregie, Bildtechnik und Schnittplatz. Der Wagen erlaubt die Produktion in HDTV (1080i und 720p) und in SDI (PAL 4:3 und 16:9). Er verfügt über zwölf Kameras Grass Valley LDK 6000 inklusive Matching und Monitoring, ein 4-Ebenen-Bildmischer Sony MVS 8000G mit drei Bedienungen in verschiedenen Größen, ein Audiomischpult Lawo mc2 66 mit drei externen Stageboxen, eine zentrale digitale Video-Kreuzschiene mit programmierbaren Bediengeräten bis zu acht digitalen MAZ-Maschinen – DigiBeta, IMX, HD Cam, DVCpro, DVCpro HD etc. abhängig von der Produktion -, zwei 6-kanalige Serversysteme von EVS – dritter Server möglich – und ein NLE-System mit Avid MediaComposer und zentralem Festplattenarray LANshare.

Server und MAZen können für Schnitt und Slowmotion genutzt werden. Das Videomonitoring erfolgt über Splittrechner mit UMD-Anzeige auf LC-Displays. Als Schriftgenerator kommt ein Chyron Hyper × zum Einsatz, als Kommando-Anlage eine Artist von Riedel mit 160 Ports und 35 Sprechstellen. Die Timecode- und Uhrenanlage stammt von Alpermann&Velte. Außerdem verwenden wir das KSC-Controllersystem von BFE zur Steuerung von Tally, Video- und Audio-Kreuzschienen. Die Steuerung und Konfiguration der Produktionstechnik erfolgt über verschiedene PCs, die über eine KVM- Matrix verbunden sind. Der Wagen ist zudem mit einer netzwerkfähige IP- und ISDN-Telefonanlage ausgestattet sowie mit einem Netzanschluss über 2 mal 63A CEE.

Kleine Testproduktionen
Gibt es bereits Pläne für erste HD-Produktionen mit dem Wagen, zum Beispiel auf der Euro 2008?
Nach Schulungen und internen Tests werden wir zunächst kleine Testproduktionen durchführen, um dann im Juni bei der Europameisterschaft 2008 vom Quartier der deutschen Nationalmannschaft in Ascona senden zu können. Die Sendungen werden allerdings noch in SD erfolgen.

Welche Technik kommt im SWR Kompaktstudio zum Einsatz?
Das SWR Kompaktstudio besteht aus einem virtuellen sowie einem realen HD-Produktionsraum. Diese sind beide an eine Regie angebunden. In der Regie verwenden wir einen Kayak HD-Bildmischer von Thomson Grass Valley. In den Produktionsräumen setzen wir drei HD Kameras LDK-6000 ebenfalls von Thomson Grass Valley ein. Die Aufzeichnung erfolgt auf einen K2 Media Server beziehungsweise auf Sony HDCAM-Rekorder. Im Audio-Bereich verwenden wir ein LAWO mc2 66 Mischpult und Abhören von Geithain.

Für welche Einsätze und Produktionen wurde das virtuelle Studio gebaut?
Im Moment wird das virtuelle Studio für Sendungen wie „Service Aktuell“ (Eins Plus), Zoom Europa (arte) oder das Late-Night-Format „Nachtkultur“ verwendet. Inwieweit sich die virtuellen Produktionen zukünftig noch entwickeln, wird nicht zuletzt von der Akzeptanz und den Ideen der Redaktionen abhängen.

Kooperiert der SWR in Sachen HDTV mit ARD Digital in Potsdam Babelsberg?
Die HD-Aktivitäten der ARD werden zwischen den Landesrundfunkanstalten und den Gemeinschaftseinrichtungen – unter anderem POC Potsdam oder ARD-Sternpunkt – über die Produktions- und Technik-Kommission der ARD (PTKO) und die AG Satellit koordiniert. Dazu wurde eine Lenkungsgruppe eingerichtet, in der selbstverständlich auch der SWR vertreten ist.

Werden die SWR HD-Kapazitäten auch zur Winterolympiade 2010 genutzt?
Die Federführung innerhalb der ARD für die Produktion der olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver hat der MDR. Zum Planungsstand kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Aussage machen.
Ist der SWR auch am HDTV-Showcase auf Eins Festival Ostern 2008 beteiligt?
Wir sind an Ostern mit drei HD-Produktionen am Eins Festival-Showcase beteiligt: Mit einer Dokumentarfilmreihe über die Inseln Martinique und Procida, die wir auch schon im SWR Fernsehen ausgestrahlt haben und dem Dokumentarfilm „Mein Vater der Türke“ von Marcus Vetter und Ariane Riecker.

Der SWR setzte bislang auf DVCPRO. Welches Akquisitionsformat ist nun in der filebasierten HDTV-Welt erste Präferenz – P2 oder XDCAM HD – und warum?
Eine Entscheidung ist bis jetzt noch nicht getroffen. Wir haben momentan beide Formate im Haus und wollen sie bei ersten Testproduktionen auf Herz und Nieren testen. Welches Format sich durchsetzt, wird sich in naher Zukunft herausstellen.

Ist es nötig, dass sich die ARD-Anstalten hier auf einen einheitlichen Standard einigen?
Wichtig wird sein, dass man in vernetzten Produktionsworkflows arbeitet und die Potenzale, die sich daraus ergeben, voll ausschöpft. Für den Filetransfer innerhalb der ARD-Anstalten bedeutet dies, dass man auf „offene Standards“ wie MXF setzt.
Eckhard Eckstein (MB 04/08)





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