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Doppel-Remote beim „Doppelpass“

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Doppel-Remote beim „Doppelpass“

Produktionsdienstleister PLAZAMEDIA bietet seinen Kunden neben Studio- und Ü-Wagenproduktionen mittlerweile auch innovative Lösungen für Remote-Produktionen an. Seit dem 21. August 2016 werden sie beim sonntäglichen SPORT1 Talk-Format „Der Volkswagen Doppelpass“ im Livebetrieb eingesetzt. MEDIEN BULLETIN schaute sich vor Ort den Workflow an und sprach mit den Machern.

Mit minimaler Technik vor Ort kommt seit einigen Monaten die Produktion der sonntäglichen Fußball-Live-Talk-Sendung „Der Volkswagen Doppelpass“ von SPORT1 (11.00 bis 13.00 Uhr) im Foyer des Hilton Munich Airport Hotels aus. Zuvor wurde die Sendung noch mit traditioneller Ü-Wagen-Technik produziert und zum SPORT1-Sendezentrum bei PLAZA-MEDIA in Ismaning übertragen. Heute reichen dafür gerade mal drei kleine Rollcontainer mit Video-, Audio- und Netzwerktechnik.

Möglich wurde das durch den Einsatz einer innovativen Lösung für Remote-Produktion, die auf vollständig redundante und IP-basierte Signalkontribution mit ausfallsicherer Übermittlung von Steuerungsinformationen setzt. Die Streams und Netzwerk-Komponenten werden über eine eigene graphische Benutzeroberfläche gesteuert und überwacht. Die Integration eines gängigen Broadcast-Steuerungssystems ermöglicht dabei mehr Flexibilität in der Umsetzung. Die redundante Carrier-Leitung ist mit höchster Betriebssicherheit an das Sendezentrum von PLAZAMEDIA in Ismaning angebunden. Die beiden von MEDIA BROADCAST bereit gestellten Leitungen mit einer garantierten Datenübertragungsrate von zweimal 10 Gbit/s in jede Richtung werden mit unterschiedlichen Bandbreiten und Datenpaketen beschickt, um die Faktoren Low-Latency, Redundanz und Qualität bestmöglich zu optimieren.

Während bei der klassischen Ü-Wagen-Produktion zuweilen schon natürliche räumliche Grenzen für Equipment und Anwendungen gesetzt sind, kann PLAZAMEDIA mit der Remote-Anbindung ihres Sendezentrums in Ismaning verschiedenste Ressourcen und Mehrwertservices direkt in die Produktion einbinden. So erlaubt die parallele Übertragung mehrerer Signale ins Sendezentrum unter anderem eine erweiterte Archivierung und Highlight-Erstellung. Möglich sind beispielsweise auch Skype-Schalten mit einem Riedel Skype-System (STX-200), das über den Schaltraum in Ismaning technisch integriert ist. Die Signale werden dann auf dem Gelände der PLAZAMEDIA verteilt, damit das Bild in der richtigen Zeitebene auf dem großen Screen im Studio-Set gezeigt werde kann, der Gesprächspartner für alle hörbar wird und die Redaktion ein Vorgespräch führen kann.

Bei „Der Volkswagen Doppelpass“ sind die Vorteile bereits in den ersten Sendungen deutlich geworden: Mehrere Direktverbindungen vom Schaltraum und die Nutzung einer filebasierten Infrastruktur erlauben es noch schneller, auf aktuelle Ereignisse wie Pressekonferenzen oder Social-Media-Trends zu reagieren und diese in die Sendung einzubinden.

 

Völlig neue Workflows

Zudem ermöglicht die Remote-Produktion völlig neue Workflows: Bei „Der Volkswagen Doppelpass“ etwa sind das Bedienteil des Bildmischers und die Redaktion vor Ort in einem Konferenzraum in unmittelbarer Nähe zum Studioset im Hotel-Foyer untergebracht, während die übrige Technik im Sendezentrum in Ismaning zum Einsatz kommt. Das heißt, das Videosignal (1080i/25) des Programms kommt zwar aus dem Bildmischer in Ismaning, bedient wird der aber von einem EVS DYVI-Panel am Flughafen aus.

So ist sichergestellt, dass Bildregie und Redaktion bis kurz vor der Sendung nötige Absprachen direkt im Set vornehmen können. Neben der technischen Signalbearbeitung werden auch Tonmischung, Serverzuspielung, Grafik und Aussteuerung der Kameras komplett in Ismaning durchgeführt.

„Remote-Produktionskonzepte eignen sich besonders für serielle Produktionen wie Talkshows mit fester Zeit und/oder festem Ort. Zudem bieten sie sich für Sportveranstaltungen an, wenn entsprechende Anbindungsmöglichkeiten vor Ort bestehen“, berichtet Jens Friedrichs, Managing Director Production  von PLAZAMEDIA. Sie seien eine weitere Alternative neben der Studio- und Ü-Wagenproduktion. „PLAZAMEDIA bietet ihren Kunden alle drei Produktionsformen an und kann sie als individuelle Lösung jeweils an die Bedürfnisse und spezifischen Anforderungen ihrer Kunden anpassen. So lassen sich je nach Gegebenheit auch die Vorteile verschiedener Produktionsformen verbinden und hybrid nutzen“, betont Friedrichs.

 

Entwicklung und Realisierung

Maßgeblich bei der Entwicklung und Realisierung des PLAZA-MEDIA Remote-Konzeptes involviert war Jürgen Konrad, Senior Project Engineer & Research bei PLAZAMEDIA. Er arbeitete dabei unter anderem eng mit Logic Media, dem Deutschland-Distributor von Nevion, zusammen. So wurde in der Folge wesentliche IP-Komponenten von Nevion eingesetzt. Dazu gehören unter anderem das Media Service- und Netzwerkmanagement-System VideoIPath, IP Media Gate-Wandler und eMerge IP Media Router. Nevion ist übrigens Gründungsmitglied der „Alliance for IP Media Solutions“ (AIMS) und hat schon sehr früh damit begonnen, das Thema IP-Netzwerke im Broadcasteinsatz zu forcieren. Das von PLAZAMEDIA bei der Remote-Produktion von „Der Volkswagen Doppelpass“ eingesetzte Netzwerk arbeitet auf Basis von OpenFlow, um SDN (Software Defined Networking) auf der Steuerungsseite einsetzen zu können. 

Konrad erklärt: „Wir haben festgestellt, dass klassische Netzwerkkonzepte aufgrund des fehlenden Bandbreitenmanagements nicht problemlos zu betreiben sind. Deswegen arbeiten wir mit dem OpenFlow Betriebssystem auf den Netzwerkkomponenten. Der damit verbundene SDN-Controller VideoIPath bietet komplette Sicherheit beim Management der Streams. OpenFlow ermöglicht eine Berücksichtigung der bereits genutzten Bandbreiten, um Overprovisioning zu verhindern, also den möglichen Ausfall der Streams, wenn die Strecke schon zu voll ist. Das ist nicht zu unterschätzen, wenn man mit über 9 GBit/s Daten auf die Reise schickt, und das pro Leitung und Richtung. Für die Bediener ist der Betrieb aber so einfach wie bisher, da wir ein VSM Steuersystem mit einer typischen Broadcast- Oberfläche als eigentliches Frontend benutzen. Für die Kollegen sieht das ganze System auf den ersten Blick wie eine normale Kreuzschiene aus.“ 

 

Netzwerküberwachung mit Videoipath

Nevion VideoIPath dient der Überwachung des kompletten Netzwerkes. „Wir können damit sämtliche Streams inklusive zusätzlicher Parameter wie Freeze, Black und vieles mehr, monitoren, ebenso wie die komplette Netz-Topologie in Ismaning und im Hilton Munich Airport. Man sieht den Master Control Room (MCR), die zwei OpenFlow Router, die wir in Ismaning haben, dann die Darstellung der Weitverkehrsverbindung mit jeweils einem Up- und einem Downstream, wie auf dem Videorack hier im Studio alles zusammen läuft und die Verteilung zum Audio- beziehungsweise auch zum Regie-Rack funktioniert. Der Vorteil von SDN ist, dass wir damit bis auf den Status alle Streams und auch die dazwischenliegenden Hops überwachen können“, erklärt Konrad. Ende 2015 hatte PLAZA-

MEDIA erstmals ein Remote-Testprojekt auf Basis von normalen Multicast-Streams realisiert und Streams klassisch abonniert. „Dabei haben wir festgestellt, dass die Koexistenz von redundanten Streams nach SMPTE 2022/7 und normalem Netzwerkverkehr nicht trivial ist“, sagt Konrad. Die Umstellung auf die Remote-Produktion bei „Der Volkswagen Doppelpass“ ging Hand in Hand mit der Umstellung von der bisherigen SD- auf die jetzige HD-Produktion. Dabei wurde die komplette Übertragungsadaptionstechnik in zwei kleine Racks aufgeteilt – eines mit Video- und eines mit Audio-Komponenten – die über einen einfachen Anschlusskasten vor Ort und die erwähnten WAN-Verbindungen mit dem Sendezentrum in Ismaning verbunden sind. „Unser Ansatz war zunächst einmal klassisch remote. Die größte Herausforderung jedoch war, dass die Redaktion bei der Sendung zusammen mit dem Regisseur vor Ort bleiben wollte. Deswegen machen wir eigentlich Doppel-Remote. Das heißt, wir nehmen hier alle Signale auf, schicken die nach Ismaning und verlängern dann die Regie wieder zum Hilton-Hotel am Flughafen München“, erklärt Konrad.

Die Live-Talk-Sendung „Der Volkswagen Doppelpass“ ist eine Vier-Kamera Produktion (Sony 1500) mit zwei Kameras auf Pumpen, einer Krankamera und einer Steadicam. Die Anbindung weiterer Kameras ist schon vorbereitet. Die Kamerakontrolle erfolgt, wie schon erwähnt, von Ismaning aus. Die HD-Signale werden sowohl unkomprimiert (SMPTE 2022-7) als auch im JPEG 2000-Format übertragen. „Wir haben deshalb den gemischten Betrieb, weil die Redaktion beziehungsweise die Regie vor Ort möglichst kurze Reaktionszeiten benötigt. Dabei hilft uns die unkomprimierte Übertragung, bei der die Latenz unter 5 ms liegt. Bildwechsel bei komprimierten Signalen dauern aufgrund des En- und Decodings einfach etwas länger und „fühlen“ sich daher für den Regisseur träge an. Wir mussten deshalb auf möglichst geringe Laufzeiten achten, um das gleiche „Look and Feel“ wie auf einem Ü-Wagen zu erreichen. Bei einer klassischen Remote-Produktion mit Regie im Sendezentrum kann unserer Erfahrung nach problemlos mit komprimierten Signalen gearbeitet werden“, berichtet Konrad.

Ziel sei gewesen, den Produktionsaufwand bei der Live-Talk-Sendung „Der Volkswagen Doppelpass“ an jedem Sonntag so gering wie möglich zu halten. Dazu habe man mehrere Anschlusskästen in der Hotel-Lobby fest installiert. Am Sendetag werden nur die zwei kleinen Racks reingeschoben und damit verbunden. „Hier müssen wir zur Verbindung nach Ismaning, zur Anbindung der Regie und zur Nutzung der kompletten Steuerungsnetzwerktechnik lediglich zwei Kabel anschließen. Alles andere ist im Grunde vorverkabelt und die Streams werden jeden Sonntag vollautomatisch über einen Schedule aufgebaut, einfacher geht es nicht “, meint Konrad. 

Großen Wert habe man ferner auf die Sende- und Produktionssicherheit gelegt. Das ganze System sei auf der Netzwerktechnikgeräteseite redundant ausgelegt ebenso wie bei den Übertragungsstrecken und der Stromtechnik. Einzelkomponenten wie die Vorschaltkreuzschienen sind in doppelter Ausführung vorhanden. „Das ganze Konzept hier, mit einem A- und einem B-Block, ist so aufgesetzt, dass wir keinen einzigen Single Point of Failure haben“, betont Konrad. 

 

Automatische In-Ear-Mischung

Bei den ersten Remote-Tests von PLAZAMEDIA stellte sich auch heraus, dass eine In-Ear-Mischung im Sendezentrum in Ismaning aufgrund der zu hohen Latenz nicht machbar ist. Deswegen findet bei der Sendung die In-Ear-Mischung vor Ort statt, allerdings vollautomatisch. Ziel sei dabei gewesen, dass sich der Audio-Ingenieur in Ismaning weiterhin auf den Sendeton konzentrieren kann, ohne sich zusätzlich um die In-Ear-Mischung kümmern zu müssen.

Als Audiomischer werden zwei synchron laufende Lawo Sapphire Compact-Pulte genutzt, die über eine Bedienoberfläche in Ismaning die In-Ear-Mischung im Studioset am Flughafen erlaubt. Alle Mikrofon-Signale werden via MADI vollredundant als Streams nach Ismaning geschickt; gleichzeitig wird hier auch die In-Ear-Mischung vorgenommen. Auch dieses Verfahren gibt es gleich zweimal. „Der komplette Audioteil ist gespiegelt“, sagt Konrad. „MADI-Signale gehen von beiden Racks weg und redundant auf jeweils zwei unabhängige Router. Das heißt, wir übertragen aus Redundanzgründen viermal das gleiche Audiosignal, um alle potentiellen Probleme mit einem einfachen Knopfdruck lösen zu können. Sollte tatsächlich mal eines der beiden Pulte ausfallen, kann das zweite eingesetzt werden und die volle Funktionalität bleibt bestehen. Gleichzeitig nutzen wir Dante, um alle Signale zwischen den beiden Racks via IP zu spiegeln. „Wir haben hier letztlich eine IP-Lösung, bei der wir mit Dante, SMPTE 2022-7, JPEG 2000 (redundant) und MADI via Stream (redundant) arbeiten“, fasst Konrad zusammen. Auf das Dante-Netzwerkprotokoll setze man, weil es sich um eine redundante IP-Übertragungsart handle und es entsprechende Wandler von Dante auf MADI gebe. Zudem sei auch das Beschallungspult für das Studioset am Flughafen und ebenso die Abhörlautsprecher in der Regie über Dante angebunden. Die Signalübertragung der „Doppelpass“-Musikband läuft ebenfalls über das System.

Die GPI/O Ausgänge der Lawo Sapphire Compact-Mischpulte werden auch für die Tally-Verteilung zu den CCUs eingesetzt. Sie sind über das Kontrollprotokoll Ember+ an das redundante VSM Steuersystem angebunden, ebenso wie der EVS DYVI Mischer. „Wir haben das DYVI-Pult gewählt, weil wir damit sehr spannende Sachen machen können. Es ist eigentlich mehr ein Funktionstool als ein Bildmischer; damit lassen sich gewisse Arbeitsschritte für die Sendung sinnvoll optimieren. So werden beispielsweise vier Snapshot Tasten für die Rollmonitore sowie automatische Blendfunktionen genutzt. Auf der Steuerungsebene auf Ember+ zu setzen gibt uns viel Flexibilität in der Zukunft, da wir Firmware Updates in den Geräten ohne Treiber Anpassungen vornehmen können“, erklärt Konrad. Die Bildmischerlösung von EVS sei auch aus Redundanzgründen interessant, weil sie über zwei Processing Units verfüge, die Multiviewer schon integriert und alle Bilder laufzeitkompensiert seien. „Für uns ist wichtig, dass die Vorschaubilder, die wir dem Regisseur zeigen, auch zum Timing der Programmbilder passen“, sagt Konrad.

Auch alle ClearCom-Sprechstellen, die man bei der Talk-Sendung einsetzt sind über IP abgesetzt und in Ismaning an einer Drake-Intercom verbunden. Im abgesetzten Redaktions- und Regieraum am Flughafen München befinden sich neben dem erwähnten EVS DYVI-Bedienpanel als Fernbedienung des Bildmischers in Ismaning lediglich eine kleine Videowand für Programm- und Preview-Bilder und ein kleiner Rollcontainer, überwiegend mit Netzwerktechnik. Dazu gehören vier Netzwerkswitche – zwei für die Übertragung der Videosignale und zwei sind voll redundant für das ganze Steuerungsnetzwerk ausgelegt. Dazu gibt es zwei Nevion-Adaptionskarten plus vier Sprechstellen.

„Eine der ersten Fragen der Redaktion war die nach einer Lösung für die redaktionelle Ablaufbesprechung vor der Sendung, da die beteiligten Personen nun auf zwei Standorte verteilt sind und sich gemeinsam auf die Sendung vorbereiten müssen. Hier konnten wir ohne weiteren Aufwand die vorhandene Technik in der Regie nutzen. Dort gibt es Video, Ton sowie eine Sprechverbindung und über eine zusätzliche Überwachungskamera sogar auch visuellen Kontakt. Das läuft sogar besser als bei einer Ü-Wagenproduktion“, erzählt Konrad.

PLAZAMEDIA-Chef Friedrichs betont: „Wir haben das Thema Remote-Produktion bewusst forciert und setzen dabei auf unsere hausinternen Möglichkeiten. Das Doppelpass-Remote-Projekt ist für uns ein wichtiger Machbarkeitsnachweis, auf dem wir weiter aufbauen wollen.“ Man sehe für Remote-Produktionen schließlich großen Bedarf auf dem Markt, insbesondere im Sportsektor aber auch in anderen Bereichen. „Wir sind stolz darauf, dass das System steht und vollkommen stabil läuft. Jetzt streben wir dafür natürlich eine Auslastung an und schauen, ob sich das Thema weiter skalieren lässt“, sagt Friedrichs. Man habe bei den Tests und der Umsetzung der Remote-Produktion aber auch erkannt, dass Remote nicht allein als technisches Thema zu sehen sei. „Nur in enger Kooperation mit den beteiligten Redaktionen kann man das Potenzial und die Möglichkeiten dieser Technik voll entfalten“, berichtet er. Und PLAZA-MEDIA wolle am Ende immer zu denen gehören, die als erste innovative Technik auf den Markt bringen. 

Eckhard Eckstein

MB 1/2017

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