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Erfolgreiches Zusammenspiel

News: Produktion

Erfolgreiches Zusammenspiel

Den diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) in der ukrainischen Hauptstadt Kiew (9. bis zum 13. Mai 2017) verfolgten rund 182 Millionen TV-Zuschauer in 42 Ländern. Im Vergleich zum Vorjahr waren das rund 20 Millionen weniger. Das mag unter anderem daran liegen, dass Russland das TV-Großereignis nicht ausgestrahlt hat. Sehr imposant und erfolgreich war indes wieder die TV-Produktion des Events. Maßgeblich dafür war vor allem die perfekte Kooperation zwischen allen beteiligten Unternehmen, auch wenn gelegentlich zu kurze Vorlaufzeiten moniert wurden.

Auch dieses Jahr wollte es beim ESC nicht so recht klappen für Deutschland. Umso besser lief dagegen die Produktion des Mega-TV-Events. Dabei setzte man größtenteils auf altbewährte Produktionstechnik und ein hohes Maß an Kooperation. Unter der Leitung des staatlichen ukrainischen Fernsehsenders Nazionalna Telekompanija Ukrajiny (NTU) als Hostbroadcaster und den Mitgliedern der europäischen Rundfunkunion (EBU) produzierte NEP Sweden auch dieses Jahr wieder die Bilder für den World-Feed. 

„Im Show-Set-Up setzen wir 20 LDK 8000 von Grass Valley ein. Wir haben sechs kabellose Kameras im Einsatz, die alle mit einem Gigawave Wireless System ausgestattet sind,“ so der technische Leiter von NEP, Jens Envall. Die gesamte Produktion wurde auch dieses Mal in 1080i aufgezeichnet und ausgestrahlt. „Da hat sich gegenüber den vergangenen ESC-Produktionen nicht viel getan. Im Moment fragen die Veranstalter 4k oder UHD noch nicht an. Wir sind bereit, wenn wir in Zukunft danach gefragt werden sollten“, meint Envall. 

 

Kommunikation von Riedel

Maßgeblich am Erfolg der Produktion beteiligt war auch dieses Jahr wieder Technik von Riedel Communications. Vor allem die Kommunikationsinfrastruktur mit Intercom- und Funk-Systemen sowie die IP-Infrastruktur wurden von der Wuppertaler Firma bereitgestellt. Das eingesetzte umfangreiche Riedel MediorNet-Netzwerk wurde komplett von NEP Sweden als Dry Hire, also ohne Service und Projektplanung, angemietet und vor Ort aufgebaut und verkabelt. Insgesamt waren 170 Intercom-Panels über die drei Showtage im Einsatz. 90 davon standen dem Show-Team rund um den Produktionsleiter Roland Melzich und Lichtdesigner Jerry Applet zu Verfügung, jeweils 40 wurden für die Kommentatoren und die Ü-Wägen installiert. 

Allein für den Show-Coms Teil wurden von NEP 50 MediorNet-Nodes (Knotenpunkte) angelegt – Riedel fügte nochmals 16 eigene hinzu. Das System wurde in einer Stern-Architektur aufgebaut bei der ein Glasfaser-Patch mit vier Metrons in der Nähe des TV-Compounds installiert wurde. Die Artist Intercom-Frames waren alle mit MADI-Karten ausgestattet und konnten so mit dem MediorNet verbunden werden. Die einzelnen MADI-Audios wurden auf einen AES-Ausgang geroutet und so mit den Panels verbunden. 

NEP Sweden war in Kiew mit zwei Produktionstrucks vor Ort. Während im HD2 die Produktion durchgeführt wurde, stand mit dem HD18 ein etwas kleinerer Truck als Backup zur Verfügung. Um die Produktion technisch zu bewerkstelligen und den Fernsehzuschauern zu Hause tolle Bilder zu zeigen, waren allein für NEP Sweden 16 Mitarbeiter in Kiew vor Ort. 

„Der Switcher im HD2 ist ein Kayenne XL von Grass Valley. Das Audiopult kommt von Lawo und ist ein mc²66. Das ist ein bewährtes System und eignet sich hervorragend für eine Produktion dieser Größenordnung”, führt Envall aus. Der Sound wurde komplett in 5.1 abgemischt, erzählt Envall und erklärt weiter: „Zunächst wird im SD1, unserem Sound Truck, der Hauptmix für die Musik erstellt. Danach wird der Mix in den HD2 Ü-Wagen überspielt. Hier wird dann der TV-Mix, inklusive dem atmosphärischen Sound, erstellt. Der Vorteil der Zweiteilung ist, dass sich die Kollegen im SD1 vollständig auf den Klang der Musik konzentrieren können.“ Bei der Kommunikation setzte NEP auch dieses Jahr auf Intercom-Systeme von Riedel. Als besonders praktisch empfindet Envall die Integration von MediorNet im HD2: „Wir haben einen MediorNet-Port in unserem Truck, der er uns erleichtert, den Ü-Wagen direkt mit dem Veranstaltungsort zu verbinden“, und fügt an: „Mit an Bord sind auch zwei Riedel MicroN Netzwerk-Medienverteiler, die die Ausspielung des kürzlich von Riedel vorgestellten Multiviewer-Systems vornehmen.“ Bei Replay und Storage wollte man sich auch dieses Jahr auf die Power der EVS-Server verlassen. „In unserem Truck sind EVS XT3 mit Channel Max verbaut, die im Verbund mit XFile und XStore arbeiten.“ Channel Max erlaubt es, bis zu zwölf Kanäle über den Server laufen zu lassen - ein Standard XT3 in einer 6RU schafft nur sechs Kanäle. 

Das Interesse am ESC war auch in diesem Jahr wieder sehr groß. Alleine in Deutschland haben im Schnitt rund 9,33 Millionen Zuschauer das fast vierstündige ESC-Finale im Ersten verfolgt. Das war der beste Wert seit 2011. 

 

Riedels Bolero

Nach der Einführung von Riedels neuem Intercom-System Bolero wollte das Wuppertaler Unternehmen sein System unter widrigen Live-Bedingungen testen. Dazu wurden eine Bolero-Antenne und sieben Beltpacks nach Kiew mitgenommen. „Wir möchten Bolero unter schwierigen Bedingungen und mit viel Frequenzsalat testen. Ein Beltpack ist in der Production-Coms Zentrale, vier sind für die Runner, einer ist für den Green-Room Manager und einer für den Headrigger John van Look,“ sagt Thomas Riedel, CEO von Riedel Communications. 

Im Gespräch mit MEDIEN BULLETIN konnte John van Look von PRG von seinen ersten Eindrücken des neuen Systems berichten: „Der Bolero macht es mir leicht, in Verbindung mit meinen Jungs zu bleiben und jederzeit Herr über die 240 Tonnen Gewicht unter dem Dach zu bleiben.”   Dabei nutzt er für die Kommunikation vier der sechs Tasten auf dem Bolero. Ein weiterer Kanal wird dazu genutzt, um dem Regisseur zuzuhören. Gleichzeitig werden alle Kanäle über das Desktop-Intercom-System in seinem Office gespiegelt. „Solange ich mich daran erinnern kann, haben wir auf allen ESC-Shows Riedel Intercom Systeme benutzt und es macht jedes Jahr Spaß damit zu arbeiten“, führt van Look aus und ergänzt: „Grundsätzlich äußere ich mich immer dazu, welches System ich gerne auf so einem Event nutzen würde. Wenn ich dann doch mal ein System von Clear-Com nutze, habe ich am Ende oftmals zwei verschiedene Beltpacks am Gürtel und muss zwei Kopfhörer über dem Kopf kreuzen.“ Auf ein extra Walkie-Talkie möchte van Look dann aber doch nicht verzichten. Ein Backup, selbst zu den sicheren Riedel-Systemen, sei unerlässlich wenn es darum geht, 40 Tonnen schwere Rigging-Systeme zu bewegen. Und auch die Walkie-Talkie Funktion des Bolero konnte van Look noch nicht einsetzen: „Während dem Load in und Load out gehen so viele Walkie-Talkies verloren – das können wir uns mit Boleros nicht leisten. Das käme uns zu teuer.”

Für die WLAN- und LAN-Verbindungen während des ESC zeichneten in diesem Jahr Riedel in Zusammenarbeit mit TPO aus Stockholm verantwortlich. So wurden das Pressezentrum, die Pressekonferenzen, die Fan Zone, Halle und Bühne sowie der TV-Compound miteinander vernetzt. 

Über die größten Herausforderungen konnten wir gemeinsam mit Hampus Rosenqvist, Business Development bei TPO, sprechen:  „Wir haben uns mit der ISP-Infrastruktur verbunden um eine robuste und redundante Verbindung herzustellen. 

Außerdem ist die Frequenzplanung sehr wichtig, da hier sehr viele Frequenzen von Mikrofonen und Kamera-Links zusammenkommen. 2.4 Hz ist eine brauchbare Wellenlänge.“

Für die gesamte Infrastruktur wurden mehr als 120 Antennen und Knotenpunkte auf dem gesamten Veranstaltungsort verteilt. Eine Cisco-Infrastruktur mit UPS (uninterruptible power supply) stand dabei im Zentrum der Planungen. 

„Auf diesem Plan kann ich sehen wann eine Antenne nicht mehr auf einen Ping reagiert. In diesem Fall haben wir 30 Minuten um das Problem zu beheben. Meistens ist es ein Problem der Stromversorgung. Oft zieht einfach jemand einen Stecker um sein Handy zu laden,“ führt Rosenqvist aus.

Über ein Cisco CMX werden viele Daten über die User der IP-Infrastruktur gesammelt und ausgewertet. So kann man beispielsweise sehen, wie viele User sich aktuell an verschiedenen Punkten der Location aufhalten oder wie viele Menschen sich neu im Netzwerk angemeldet haben. „Um eine schnelle IP-Verbindung sicherstellen zu können, haben wir im wesentlichen zwei Fiberglas-Ringe aufgebaut, die redundant verschaltet sind. Das sind insgesamt rund 20 Kilometer Fiberglas. Zur Halbzeit der Eventtage haben wir damit etwa 30 Terrabyte an Daten übermittelt. In Schweden, beim letzten ESC, hatten wir insgesamt rund 5TB – das zeigt einfach wie wichtig eine solide Internet-Verbindung in wenigen Jahren für eine solche Veranstaltung geworden ist,“ erklärt Rosenqvist.

Eine wichtige Rolle für die reibungslose Kommunikation zwischen den Verantwortlichen aller Gewerke spielten beim ESC 2017 Funkgeräte. Inklusive Reservesystemen hatte man insgesamt 350 TETRA- und 350 analoge Funkgeräte verfügbar. Zum Einsatz kamen 13 Semi-Duplex Kanäle, die zwei Frequenzen zur Kommunikation nutzen, und 19 Simplex-Kanäle. Zwölf davon waren mit dem Artist Intercom-System verbunden, sieben nutzte man als Radio-to-Radio Installationen. 

Die analogen Funkgeräte wurden unter anderem von Pyrotechnikern, Bühnentechnikern, Lichttechnikern und Audio Spezialisten benutzt und damit von allen, die rund um die Bühne arbeiten und keinerlei Zeitverzögerung brauchen können. Insgesamt benötigte man für den Aufbau der Funkgeräte-Infrastruktur rund neun Wochen. 

 

Video, Lichttechnik und Rigging von PRG

Auch dieses Jahr war das Hamburger Unternehmen Production Resource Group (PRG) wieder damit beauftragt, sich um Video-, Licht- und Rigginginstallationen zu kümmern. 

„Unser erster ESC war 2006 in Athen. Jeder ESC ist immer wieder neu und spannend für uns. Dadurch, dass sich der Ausrichter, die öffentlich-rechtliche ukrainische Rundfunkanstalt Nazionalna Telekompanija Ukrajiny (NTU), gerade in einem Umbruch befindet, wurden wir erst sehr spät mit der ESC-Zusage erfreut. Nach Ende der Ausschreibung hatten wir nur etwa zwei Wochen Zeit, das Event zu planen und haben deshalb für das Licht und Rigging LITECOM aus Dänemark mit ins Boot geholt. Das hat auch in der Vergangenheit immer gut geklappt,“ erklärt Udo Willburger, Vertriebsleiter der PRG Group. Mit Ola Melzig konnte die NTU einen Spezialisten als Technical Director engagieren, der während der gesamten Produktion eng mit PRG zusammengearbeitet hat. „Eines unserer Highlights sind unsere ferngesteuerten Follow-Spots. Im Moment sind diese Long Throw Follow Spots nur noch bei U2 mit auf Tour. Insgesamt haben wir 18 ferngesteuerte Follow Spots im Einsatz beim ESC. Jeder Operator kann mit seiner Fernbedienung bis zu vier Follow-Spots bedienen. Eine Tag- und Nachtkamera zeigt den Operatorn wo der Follow-Spot gerade hinzeigt,“ so Willburger. Eine weitere Neuerung sind die GLP JDC1 LED-Hybrid-Stroboskope. Diese wurden erstmalig bei einer Produktion dieser Größenordnung eingesetzt. Neben der Beleuchtungstechnik war PRG beim ESC auch für die 680 Quadratmeter große LED-Rückwand des Herstellers ROE sowie den 160 Quadratmeter großen LED-Boden verantwortlich. Insgesamt wurde für die Produktion eine Fläche von 71 Millionen Pixel bespielt. Für Projektionen kamen mehr als 30 Projektoren von Panasonic zum Einsatz.

 

Axient Mikrofone für den guten Ton

Um für einen guten Sound zu sorgen, wurde die Berliner Firma Black Box Music als Generalunternehmer von der NTU eingesetzt. Innerhalb kurzer Zeit konnte ein Team aus Black Box Mitarbeitern, erfahrenen Freelancern und anderen Unternehmen wie ComSolutions (für den RF-Teil) zusammengestellt werden, um das Großevent zu stemmen. 

Bei der Mikrofonierung wurde in diesem Jahr auf Axient Sender (AXT200) und Empfänger (AXT400) von Shure gesetzt. Als In-Ear Monitore wurden PSM-1000 Systeme eingesetzt. Zusätzlich waren rund 100 Beltpacks für die Produktion nötig. “Es ist nicht leicht, in kurzer Zeit so viele Axient Systeme bereitzustellen. Dass zu leisten, war eine echte Mammutaufgabe. Wir sind froh, dass es geklappt hat,” sagt Svenja Dunkel, RF- und Wireless-Expertin. 

Besonders glücklich waren die Verantwortlichen darüber, dass mit einem einheitlichen System gearbeitet werden konnte. “Auf vielen anderen Events ist das ein Mix aus Shure, Sennheiser und Beyerdynamic. Das System beim diesjährigen ESC ist in der Handhabung wesentlich einfacher,” erklärt Dunkel und fügt an: “Wir können alle Sender von unserem Standort steuern. Gerade das Arbeiten mit den Features Workbench Wireless und Showlink macht viel Freude.” Künstlerisch war der ESC 2017 aus deutscher Sicht (vorletzter Platz) zwar wenig erquicklich, aber wenigstens hatten deutsche Dienstleister und Systemhersteller am Ende ihren Spaß daran.

Niklas Eckstein

MB 3/2017

 

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