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Evolution als Konstante

Seit über 30 Jahren ist Francis Tellier im Broadcast-Geschäft aktiv. Als Managing Director von TVRS 98 zeichnete er 1998 erstmals für das Hostbroadcasting einer Fußball-Weltmeisterschaft – damals in Frankreich – verantwortlich. Seit 2002 organisiert er als CEO von Host Broadcast Services (HBS) die TV-Produktion aller nachfolgenden FIFA-Großereignisse. MEDIEN BULLETIN traf ihn anlässlich des Starts der Frauen-Fußball-WM im Berliner Olympiastadion zum Interview.

Seit 2002 zeichnet HBS als Hoastbroadcaster für die TV-Produktion der FIFA Weltmeisterschaften verantwortlich. Was waren seither die wichtigsten produktionstechnischen Innovationen?

Da gibt es viele. Die besten Innovationen sind natürlich die, die unseren Broadcast-Kunden die Arbeit erleichtern aber nicht notwendigerweise von den TV-Zuschauern
wahrgenommen werden. Die Zahl der pro Spiel eingesetzten Kameras hat sich innerhalb von zehn Jahren verdoppelt. Neue Kameratechnologien wie Super- und HyperMotion-Systeme wurden eingeführt. So etwas ist natürlich für die Zuschauer interessant. Besonders wichtig für uns war die Einführung des Media Servers im Jahr 2006. Das war ein großer Schritt in Richtung bandlose Produktion und setzte neue Maßstäbe in Sachen Zuverlässigkeit, Konnektivität, Zugänglichkeit und Geschwindig- keit. Die Rundfunksender bezeichneten den Media Server 2006 als „Rundfunk-Börse“ und „Hit of the Games“.

Er erlaubte den Sendern, Material in einem sehr umfangreichen Inhalte-Pool zu browsen, zu loggen, herunter zu laden und untereinander zu teilen.
HBS hat ferner maßgeschneiderte Inhalteangeboten für Mobile TV- und Internet-Nutzung entwickelt. Zur FIFA WM 2002 befanden wir uns hierbei noch in einer Experimentierphase. 2006 aber gab es einen dedizierten New-Media-Service mit
40 Journalisten und Producern. 2010 haben diesen noch mal um spezielle Mobile-Match-Feeds von jeder Partie erweitert.

2002 haben sie auch mit der HD-Produktion der FIFA WM begonnen. 2010 gab es die erste 3D-Produktion? Was kommt als nächste große Innovation?

Es geht uns nicht darum, jedes Mal große Technologiesprünge zu machen. Uns reicht es, wenn wir den allgemeinen Entwicklungen in der Broadcast-Industrie immer ein Stück voraus sind und mit ständig optimierten Standards und Services dienen können. Wir wollen jede FIFA-Produktion einfach immer noch ein Stück besser machen als die davor. Die produktionstechnischen Fortschritte bei den letzten drei FIFA-WMs waren sehr groß. Wir werden daran anknüpfen und überall dort Verbesserungen realisieren, wo es nötig ist, um den Rundfunksendern und New Media Unternehmen den bestmöglichen Service liefern zu können. Und natürlich wollen wir auch noch mehr und besser für den Endverbraucher zugeschnittenen Content liefern.

Um ihre Zuschauer oder Abonnenten möglichst optimal bedienen zu können wünschen sich Rundfunksender mit Blick auf die FIFA-WM-Übertragungsrechte ein möglichst günstiges Preis-Leistungsverhältnis. Ihre Anforderungen entwickeln sich ständig weiter. HBS liefert ihnen deshalb absolute Premium-Inhalte, die sie dann für die eigenen Markterfordernisse umgestalten können.

Die Signal-Übertragung in unserer Multimedia-Welt wird immer komplexer. Was bedeutet das für die Multifeed-Konzept von HBS. Wie viele Signale werden 2014 in Brasilen angeboten?

Das kann ich derzeit noch nicht sagen. Wir befinden uns erst am Anfang der Planungsphase. In Brasilien werden wir aber sicherlich mit ähnlichem Aufwand agieren wie 2010 in Südafrika, Das heißt, wir werden pro Spiel etwa 29 Kameras einsetzen und bis zu 40 News-Gathering-Crews am Start haben, die ein reichhaltiges zusätzliches Inhalte-Angebot über die reine Turnier-Berichterstattung hinaus gewährleisten werden. Für uns ist wichtig, dass wir verstehen, wohin sich die Broadcast-Industrie bewegt, um ihr dann auch das liefern zu können, was sie benötigt. Natürlich wächst die Zahl der unterschiedlichsten Distributionsplattformen. Wir betreten eine Welt ohne Grenzen, eine Crossmedia-Umgebung, die von immer mehr Services und technische Hilfen fordert. Wir wissen auch: Es geht dabei künftig nicht mehr allein um das TV-Signal.

Aber natürlich sind und bleiben die Rundfunksender mit weitem Abstand für uns die wichtigsten Kunden. Sie sind es schließlich, die den Großteil der Lizenzgebühren für die FIFA-WM-Übertragungen aufbringen. HBS muss aber immer einen Schritt voraus und gut vorbereitet sein, um auch die kommende Kundengeneration in allen Kategorien gut bedienen zu können.

Wie entwickelt sich denn hier die Nachfrage?

Natürlich gibt es auch einen wachsenden Bedarf an dedizierter New Media-Berichterstattung und entsprechenden Inhalten. 2006 verzeichneten wir 50 Lizenznehmer in 100 Regionen. 2010 hatten wir deutlich mehr Lizenznehmer in mehr Regionen. Entscheidend für die Entwicklung im New-Media-Bereich ist, dass die Inhalte-Übertragung auch hier in Echtzeit erfolgen kann.

Mit welcher Entwicklung rechnen Sie bei der Zahl der Video-Streams, die via Internet bei der FIFA-WM 2014 abgerufen werden? 2006 bei der FIFA-WM in Deutschland waren es bereits 125 Millionen.

Darauf weiss ich jetzt noch keine Antwort. Wir müssen da erst noch weiterer Untersuchungen vornehmen. Ich kann nur sagen, die Erfahrungen mit unseren webbasierten Angeboten bei der Produktion der französischen ersten und zweiten Fußball-Liga helfen uns sehr dabei, einzuschätzen, was getan werden muss, um den Infrastrukturbedarf für Video-Streams zu gewährleisten.

Sehen sie einen wachsenden Bedarf an kundenspezifischen Postproduktionsangeboten zur FIFA WM?

HBS bietet die modernsten Postproduktionseinrichtungen in den Internationalen Broadcast Centern (IBC) der FIFA-Weltmeisterschaften und zudem umfangreiche kundenspezifische Postproduktionsservices für New Media- und Infotainment-Kunden. Welche Relevanz neue Services für alle haben wird noch analysiert.

Gibt es Audio-Optimierungspläne? Was haben Sie aus den Ton-Erfahrungen in Südafrika gelernt?

Wir haben vor allem gelernt, dass man es niemals allen recht machen kann. Die einen haben gegen den Vuvuzela-Sound protestiert, die anderen fanden ihn authentisch und ok. Die Vuvuzela-Erfahrung war sicherlich etwas Einzigartiges. Aber natürlich werden wir auch künftig alle Tonfragen gewissenhaft prüfen und Maßnahmen ergreifen, die für den guten Ton erforderlich sind.

Planen Sie neue Services wie Clip-Compilation-Kanäle auf dem Media Server? Gibt es Bedarf an weiteren spezialisierten Produktionen?

Wo sich ein solcher Bedarf zeigt, werden wir ihn bedienen. Wir können nie sicher sein, ob wir schon das Optimum leisten. Es ist zum Beispiel möglich, dass der Bedarf an Live-3D-Bildern wächst und die entsprechende Bereitstellung der Signale weiter entwickelt werden muss. Das Faszinierende am Rundfunk ist, dass hier die Evolution eine Konstante ist. Wir bei HBS müssen deshalb viel Sachkenntnis haben, um Entwicklungsszenarien zu erkennen – lange bevor die damit verbundenen Services
überhaupt geliefert werden müssen.

Die Zukunft des Fernsehens ist geprägt von Multiscreen- und Multidistribution-Entwicklungen. Das lineare Fernsehen wird durch On-demand-Angebote, durch interaktive, mobile, internetbasierte oder hybride Dienste ergänzt. Was bedeutet das für einen Hostbroadcaster globaler Sportevents?

Live-Sport wird auch in Zukunft nur im linearen Fernsehen besondere Attraktivität haben. Auch deshalb bleiben unsere wichtigsten Kunden die TV-Sender. Und das TV-Universum wächst. Allein zwischen 2006 und 2010 sind weltweit rund 95 Millionen TV-Haushalte neu dazu gekommen, 64 Millionen davon aus dem asiatischen und pazifischen Raum. Insgesamt gibt es heute 1,355 Milliarden TV-Haushalte auf der Welt. Diese Zahlen sprechen für sich.

HBS bietet seinen Broadcast-Kunden ein immer größeres Inhalte-Angebot. Müssen die da überhaupt noch selbst vor Ort sein? Sehen sie einen Trend hin zu Remote-Produktion?

Das Hostbroadcasting hat sich im Vergleich zu 1998 natürlich sehr verändert. Damals haben wir ja nur die Spielberichte abgeliefert. 2002 haben wir dann begonnen Extra-Inhalte zu produzieren und den Rundfunksendern bereit zu stellen. Auch im letzten Jahr in Südafrika haben wir sehr viel zusätzlichen Content produziert. Dabei handelt es sich jedoch um syndizierte, also vom Hostbroadcaster für alle Sender erstellte Inhalte. Grundsätzlich kann man damit eine komplette Berichterstattung bestreiten. Davon profitieren insbesondere kleinere Sender, denen nur ein geringerer Etat zur Verfügung steht und die sich nicht leisten können, eigene Teams zu schicken. Sie können mit unseren Inhalten seit 2002 nun auch, so wie die großen Sender, einen umfassenden Spielbericht mit einer halben Stunde Programm vor und nach einem Match ihren Zuschauern liefern.
Alle die Sender, die spezielle Inhalte über die Teams ihrer Länder benötigen, müssen diese selbst vor Ort produzieren. Wir können ihnen aber helfen sie mit unseren Angeboten anzureichern. Das bedeutet, wir unterstützen heute die finanziell schwachen wie die reichen Sender.

Gibt es zur Frauen-WM auch Extra-Content?

Nur sehr wenig. Schließlich steht uns hier auch nur ein deutlich geringeres Budget zur Verfügung als bei den Männer-WMs. Die Veranstaltungen sind nicht vergleichbar.

Wie groß ist der Produktionsetat des Hostbroadcasters der Frauen-WM im Vergleich zu dem der Männer-WM?

Deutlich weniger als die Hälfte. Wir haben hier kein vollwertiges Broadcast-Center und keine Produktion für Zusatzdienste am Start. Wir konzentrieren uns hier mehr oder weniger nur auf die Spielberichte. Dabei werden 15 bis 18 Kameras eingesetzt, bei einigen Partien auch eine Spidercam und Helicopter-Kamera.
Insgesamt ist das eine sehr solide Produktion, die im Vergleich zur letzten Frauen-WM 2007 in China noch mal deutlich aufgewertet wurde.

Gibt es einen Media Server bei der FIFA Frauen-WM?

Nein. Im Grunde waren auch nur ARD/ZDF und ESPN daran interessiert. Die FIFA hätte sich zwar an den Kosten beteiligt. Aber der Media Server-Einsatz hätte sich trotzdem nicht gerechnet zumal wir ja auch neben den Matches nicht soviel Content darauf angeboten hätten wie bei den Männer-WMs. Pro Spieltag produzieren wir zusätzlich nur maximal 24 Minuten Highlight-Zusammenschnitte.

Zur erfolgreichen TV-Produktion von großen Sportevents wie der FIFA-WM braucht man neben moderner Technik auch ein gutes Team. Wie geht HBS bei seiner Personal-Akquise vor?

Ein Grund für den Erfolg von HBS ist die Beständigkeit. Unsere Kernmannschaft arbeitet seit Gründung des Unternehmens 1999 zusammen. Viele davon kommen aus der Broadcast-Industrie. Unsere „Dream Teams“ bestehen aus Top-Profis, die schon länger sehr eng zusammen arbeiten. Außerdem legen wir großen Wert auf ein Ausbildungsprogramm. Trainees und Praktikanten werden bei uns von sehr erfahrenen Broadcast-Experten betreut.
Ein weiterer Schlüssel zum HBS-Erfolg ist unsere Expertise in logistischen Fragen. Über 11.000 Einzelaufgaben sind im Vorfeld einer FIFA-WM zu erledigen. 850 Tonnen Rundfunk-Ausrüstung müssen organisiert werden.
Die kontinuierliche Verantwortung unserer Mitarbeiter für Gebiete wie Rundfunk & technische Planung, IBC-Aufbau, Logistik, Produktion sowie Betrieb und Management der Veranstaltungsorte sichern große Verlässlichkeit bei allen unseren Aktivitäten. Das Herz der Firma ist der große Erfahrungsschatz. Unser Mantra ist „Kontinuität und Fortschritt“.

Wie sehen ihre persönlichen Pläne aus? Wie viele FIFA-Produktionen wollen sie noch machen?

Nach meinem Abschied von Radio France habe ich eine spannende internationale Laufbahn eingeschlagen. Seit 1998 bin ich für das Hostbroadcasting der FIFA-Fußballweltmeisterschaften verantwortlich. Davor habe in der Produktion der Olympischen Spiele in Frankreich und Spanien mit Manolo Romero zusammen gearbeitet. Brasilien 2014 wird bereits meine fünfte FIFA-Fußballweltmeisterschaft sein. Neben weiteren zahlreichen FIFA-Veranstaltungen kommen die Produktionsaktivitäten bei anderen internationalen Großevents wie America´s Cup, Asian Games und Asian Winter Games dazu. Mit HBS France Production sind wir zudem für die Produktion der französischen Fußball Ligen 1 und 2 zuständig. Solange mir die Arbeit Spaß macht, habe ich nicht vor, mich zurück zu ziehen.

Nach drei Dekaden in führender Position bei Sport-Großevent-Produktionen: Wen haben sie in dieser Zeit besonders schätzen gelernt?

Ich hatte immer gute Chefs. Das war hilfreich. International gesehen hat aber sicherlich Manolo Romero, Managing Director der Olympic Broadcasting Services (OBS), großen Einfluss auf meine berufliche Laufbahn gehabt. Die Zusammenarbeit mit ihm, erstmals bei den Olympischen Winterspielen 1992 in Albertville, war sehr fruchtbar und hat mich für das Hostbroadcasting begeistert. In Albertville habe ich den Norweger Jarle Hoeysatter, damals für die EBU tätig, getroffen. Für mich war sehr interessant, diese hochangesehenen Profis bei der Arbeit zu erleben.

Was ist das Besondere am Hostbroadcasting?

Um die verschiedenen Rundfunksender als Hostbroadcaster richtig bedienen zu können, muss man genau wissen, wie sie arbeiten. Jeder Sender hat seinen eigenen Stil, selbst wenn sie aus einem Land kommen. So haben auch ITV und BBC in Großbritannien trotz vieler Gemeinsamkeiten ganz unterschiedliche Arbeitsweisen. Die muss man kennen, wenn man als Hostbroadcaster arbeitet.

Die Broadcast-Industrie wird immer komplexer und anspruchsvoller. Deshalb macht es Sinn, dass die Hostbroadcaster HBD und OBS die weltweit größten Sportevents Fußballweltmeisterschaften und Olympischen Spiele langfristig betreuen. Früher wurden diese Aufgaben mehr oder weniger von den nationalen Broadcastern erledigt. Heute sind die dazu kaum mehr in der Lage. Hostbroadcasting ist heute zu einem Job für Spezialisten geworden.

Sie standardisieren aber doch alle Abläufe und bauen die technischen Einrichtungen nach dem gleichen Muster. Können ihre Pläne und Formate nicht andere übernehmen und umsetzen?

Ein Format kann natürlich kopiert werden aber am Ende ist da dann doch eine Menge Know-how mit im Spiel. Es ist so wie in einem Restaurant. Man mag dort zwar das Rezeptbuch eines Sternekochs besitzen, aber gut kochen kann man deshalb
noch lange nicht.

Sind sie der Sternekoch bei HBS?

Nein, natürlich nicht. Wir haben aber ein sehr gutes Team. Und das ist in der Lage, auch „die Rezepte“ auszuwechseln, je nachdem was wir in welchem Land als Hostbroadcaster leisten müssen. Überall sind die Voraussetzungen anders. In Deutschland 2006 konnten wir viel mit Ü-Wagen arbeiten weil die Entfernungen zwischen den Spielstätten nicht so groß waren. In Südafrika ging das nicht. Da hatten wir feste Produktionseinheiten in Containern. In Brasilien wird das ähnlich sein weil auch dort die Entfernungen riesig sind. Die Standards werden da ähnlich sein. Grundsätzlich arbeiten wir aber nicht immer nach dem gleichen Plan sondern passen diesen den jeweiligen Bedingungen vor Ort an.

Wie weit sind ihre Brasilien-Pläne gediehen?

Es laufen bereits die Vorgespräche mit der FIFA und Rundfunksendern. Ende 2011 werden wir der FIFA einen ersten Projekt-Plan abliefern. Bis Ende 2012 wird der dann in einen detaillierten Projekt-Plan transformiert.
Alles wird sehr ähnlich zu Südafrika. Unsere Broadcast-Kunden mögen Kontinuität. Sie verstehen mittlerweile sehr gut was wir machen. Das war 2002 nicht so als wir mit unserem Multifeed-Angebot kamen. Heute wissen die Sender genau, was sie damit anfangen können. Es macht deshalb keinen Sinn, jedes mal viel zu ändern. Besser ist es, Stabilität und Zuverlässigkeit zu bieten sowie Innovation, wo immer sie nötig ist. Es gibt immer Sachen die man verbessern kann.

Zum Beispiel?

Wir bieten so viele Inhalte an, dass die Informationen über unsere Produktionen immer wichtiger werden. Broadcaster verlangen mehr Aufklärung darüber, wie sie aus unseren Angeboten mehr Nutzen ziehen können. Diese Botschaft haben wir verstanden, und wir werden darauf reagieren.
Eckhard Eckstein
(MB 07/08_11)

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