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Extrem positives Feedback

News: Produktion

Extrem positives Feedback

Am 29. Dezember 2017 ging die internationale Vierschanzentournee mit dem Auftaktspringen in Oberstdorf in die 66. Runde. Erstmals eingesetzt wurde hier ein von HS-DynaX5, LS Research und Dynamic Perspective entwickeltes innovatives Seilkamera-System. Erstmals lässt sich damit die Seilspannung variieren. Die Kamera kann so die Skispringer von der Schanze bis zur Landung von der Seite aus, praktisch auf gleicher höhe, begleiten. Für Produktion und Regie eröffnete das neue Möglichkeiten.

Mit neuen, spektakulären Bildern konnte der Deutsche Skiverband (DSV) beim Auftaktspringen zur 66. Vierschanzen-Tournee in Oberstdorf aufwarten. Mit Hilfe einer neuartigen Seilkamera war es erstmals möglich, die Athleten von der Abfahrt am Balken bis in den Aufsprunghang hinein, auf ähnlichem Flugniveau, von der Seite aus zu verfolgen. Bei den klassischen Seilkameras mit zwei Trageseilen und einem Zugseil funktioniert das nicht. Sie können sich nur linear auf der Ebene der zwischen zwei Trägermasten gespannten Seile bewegen. Die neue Flying Cam hingegen läuft an nur einem Seil, dessen Spannung variiert werden kann und so auch abrupte vertikale Bewegungen zulässt – gerade so, wie es das jeweilige Profil einer Skisprungschanze erforderlich macht. Die Flugkurven der Seilkamera lassen sich mit dem neuen System entsprechend programmieren und computergestützt steuern. DSV Produktion, in Oberstdorf für das Hostbroadcasting verantwortlich, betrachtet die neue Seilkamera als „Meilenstein in der Geschichte des Skisprunges“.

Initiiert hatte das Projekt bereits vor vier Jahren DSV-Fernsehkoordinator Rudi Tusch und Sport-TV-Regisseur Thomas Strobl. Umgesetzt wurde es schließlich von der HS-DynaX5 Cam Solutions mit Geschäftsführer Reiner Ellwanger. Das Unternehmen kooperierte dabei eng mit der LS Research, einem Münchner Ingenieurbüro für technische Sonderlösungen, und Dynamic Perspective aus Wien, Entwickler eines nur 25 kg schweren 5-Achs-Gimbals. Das Kamerastabilisierungssystem eignet sich laut Dynamic Perspective-Geschäftsführer Fritz Spielauer perfekt für die Nutzung an einem Fahrseil. Der am Seilsystem laufende Dynamic Perspective Gimbal hatte beim Auftaktspringen eine 1,7 kg schwere Sony-Kamera vom Typ HDC-P1 mit Canon-Weitwinkel-Optik (4,5-75mm) mit 14-fach Zoom an Bord. Die HD-Bildübertragung von der Kamera zum Ü-Wagen erfolgte mit einem Bildfunksystem von Vislink. Das neue Seilkamera-System erlaubt eine Fahrgeschwindigkeit von über 120 Km/h und kann dabei eine Strecke von über 500 Metern überbrücken. Beim Auftaktspringen zur Vierschanzentournee in Oberstdorf betrug die Fahrstrecke der Seilkamera von Mast zu Mast 370 Meter. Die Schattenbergschanze, heute auch als Erdinger Arena bekannt, liegt am Fuße der Nebelhorn-Talabfahrt und ist seit 1953 Austragungsort des Eröffnungsspringens der Vierschanzentournee. Rund 37.000 Besucher waren diesmal vor Ort, davon 25.000 am Wettkampftag und 12.000 am Tag zuvor bei der Qualifikation der Springer.

Nach dem ersten Einsatz dort wurde das neue Seilkamera-System auch bei der Weltmeisterschaft im Skifliegen (18. – 21. Januar) eingesetzt, diesmal an der Heini-Klopfer-Skiflugschanze im Stillachtal ein wenig außerhalb von Oberstdorf. 

„Die Idee von Rudi Tusch war, die Skispringer mit einer Livekamera von der Abfahrt am Balken soweit wie möglich in den Aufsprunghang von der Seite aus zu verfolgen. Zuerst dachte man an Aufnahmen mit einer Videodrohne. Das war aus verschiedenen technischen und sicherheitsrelevanten Gründen nicht möglich“, berichtet Reiner Ellwanger in Oberstdorf. „Die Idee, solche Bilder zu produzieren, hat mich aber nicht mehr losgelassen und mir einige schlaflose Nächte bereitet bis ich schließlich eine Lösung gefunden habe“, sagt er. Sie basiert auf einem Seilkamerasystem mit nur einem Seil, das vertikale Schwingungen erlaubt. Die ersten Vermessungen dafür wurden von HS-DynaX5 Cam Solutions an der Olympiaschanze in Garmisch- Partenkirchen durchgeführt. „Hierbei haben wir sehr schnell festgestellt, dass es gar nicht so einfach ist, dem Seil mit der Kamera die nötige Schwingung zu verschaffen, um Springer von der Seite zu begleiten – insbesondere auch mit Blick auf die enorme Geschwindigkeit der Skispringer von rund 100 km/h. Dazu brauchten wir Experten, die etwas von Seilhochgeschwindigkeitstechnik verstehen“, sagt Ellwanger. In München fand man schließlich mit Andreas Bieleck und Thomas Müller von LS Research solche Experten. Sie bauten eine mobile Maschine, mit der die Seilspannung gesteuert werden kann. Sie ist etwa 4 x 2 x 2 Meter groß und wiegt trotz Leichtbauweise aus Aluminium vier Tonnen. Die benötigte Seilspannung wird durch ein pneumatisches System mit variablem Betriebsdruck generiert. In Oberstdorf lag der bei 3,5 Bar. 

„Je schneller wir mit der Kamera fahren wollen, umso mehr Zugkraft wird benötigt und umso größer werden dann auch die benötigten Bauteile. Wir können heute mit der Maschine die Seilkamera mit bis zu 200 km/h bewegen und sie von 0 auf 100 km/h in fünf Sekunden beschleunigen“, erklärt Ellwanger.

Die ersten Tests für das kurvenschwingende Fahrseil fanden in einer Lagerhalle in München noch mit einer kleineren Seilzugmaschine statt. „Diese Tests waren für uns alle sehr aufschlussreich und vor allem hatten wir nun die Gewissheit, dass es funktioniert. Bewusst wurde uns aber auch, dass dieses Projekt bis zur Funktionsfähigkeit sehr viel Geld kosten würde“, meinte Ellwanger. Tusch, Strobl und FIS Jumping Chef Walter Hofer ermutigten Ellwanger indes das Projekt weiter zu führen. Als nächstes machte er sich auf die Suche nach einem für den Seilbetrieb geeigneten, möglichst leichten Gimbal- und Kamera-System. Die Anforderungen dafür waren sehr hoch. „30 kg, maximal 40 kg, sollte es wiegen und in der Lage sein, die aufzutretende Geschwindigkeit zu verkraften, die extremen Schwingungen des Seiles auszugleichen und die Kamera auch bei einem freien Fall des Seiles in der gewünschten Position zu halten“, berichtet Ellwanger. Die meisten auf dem Markt befindlichen Systeme waren allein aus Gewichtsgründen nicht tauglich. Mit Dynamic Perspective in Wien fand man aber schließlich den richtigen Partner, der ein 5-Achs-Gimbal Kamerastabilisierungssystem mit nur 25 kg Gewicht anbieten konnte, das sowohl für den Tragseil- als auch für Helicopter-, Hub- und Tragschrauber-Einsatz geeignet ist. Ellwanger: „Mit Dynamic Perspective habe ich jetzt ein Unternehmen an der Seite, das nicht nur die gewünschte Technik liefert, sondern uns auch bei der Weiterentwicklung des Systems unterstützt.“ 

Dynamic Perspective-Geschäftsführer Spielauer meint: „Die Seilkamera macht eine harmonische Bewegung, wenn es runter geht. Man sieht keinen Wackler oder Bildausfall. Dafür sorgt unser Regelungstechnik-Konzept. Es gibt nur ganz wenig Firmen auf der Welt, die das beherrschen. Die Kamera schwebt quasi im Gimbal und hat keinen Außenkontakt.“ Er weist auch darauf hin: „Je mehr Gewicht ein Seilkamera-System hat, desto größere Kräfte wirken, die Seile müssen dicker sein und die ganze Apparatur stärker.“

Erstmals erfolgreich getestet werden konnte das neue Seilkamerasystem zusammen mit der von LS Research entwickelten Maschine im September 2017 an der Großschanze in der Erdinger Arena. Es folgten kleinere Justierungen und Testfahrten im Beisein von DSV-TV-Manager Tusch und TV-Regisseur Strobl. Sie unterstützten die Entwicklung des neuen Seilkamera-Systems mit ihren Ratschlägen. Beim ersten Live-Einsatz des Systems in Oberstdorf war Strobl auch für die Erstellung des Weltbildes im Ü-Wagen Ü7 von TV Skyline verantwortlich. 

„Das Ergebnis der Testfahrten und die Reaktion auf die gemachten Aufnahmen waren überwältigend“, betont Ellwanger. Das neue Seilsystem wurde nach seinen Angaben so entwickelt, dass es nicht nur an Sprungschanzen, sondern auch bei anderen Sport- und Show- Veranstaltungen eingesetzt werden kann. Beim Skispringen aber könnte jede Schanze eigene Seile und eigene Masten zur Aufhängung bekommen. Dann brauche man nur noch die mobile Maschine für die Seilsteuerung mitbringen und anschließen. Sie könnte entsprechend des zuvor vermessenen Schanzenprofils, je nach gewünschtem Durchhang am Aufsprunghang und der bekannten Grundgeschwindigkeit der Springer vorprogrammiert werden. Je nachdem in welcher Luke gestartet wird, kann man das der Maschine per Knopfdruck mitteilen, damit sie sich entsprechend selbst justiert. Die von der deutschen Firma Lirus gelieferten Kunstoffseile des Systems können laut Ellwanger fünf Jahre lang genutzt werden. „Wir haben hier Seile mit vier Tonnen Zugkraft im Einsatz. Wenn wir aus voller Geschwindigkeit heraus Notstopp fahren, haben wir 1.000 kg Belastung oben am Masten“, erzählt er. Alle Masten werden Infrarot überwacht ebenso wie die Umlenkrollen auf der Maschine. Letztere sind zudem beheizt. Das Sicherheitssystem stoppt sofort die Seilmaschine, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Im Einsatz fährt ein Operator das Seil mit der Kamera und ein Bildoperator im Ü-Wagen sorgt für Blende, Schärfeneinstellungen und Zoom der Kamera. Er kann sie auch per Joystick in allen Achsen bewegen.

Der Seilkamera-Auftrag für Oberstdorf gilt nach Angaben des HS-DynaX5-Chefs zunächst einmal für drei Jahre. Mit den Partnern zusammen hat das Unternehmen rund 1,2 Millionen Euro in den Bau der Maschine investiert. „Das Projekt ist für uns ein gutes Beispiel dafür, wie drei Unternehmen im Bereich von High-tech-Technologie zusammenarbeiten können“, sagt Spielauer. Für Image und Reputation aller beteiligten Firmen sei das wichtig. Dazu glaubt er fest an den wirtschaftlichen Erfolg des Engagements. „Mit dem neuen Seilsystem kann man nun die Dynamik des Sports deutlich besser darstellen und zeigen, was die Sportler leisten und welchen Gefahren sie dabei letztlich ausgesetzt sind“, meint er und fügt an: „Wir hoffen, dass unsere Technik irgendwann Standard im Sport-Broadcasting wird.“ 

 

Produktion in Oberstdorf

Die ersten Reaktionen von Sender- und Produktionsverantwortlichen machen deutlich, dass diese Hoffnung nicht ganz unberechtigt ist. Es gab sehr viele positive Stimmen. 

Florian Moos, Ü-Wagen-Leiter von TV-Skyline, meint: „Die neue Seilkamera bietet mehr Möglichkeiten für die Bildsprache. Das klassische Kamerakonzept beim Skispringen wird dadurch etwas über den Haufen geworfen. Einige Kamerapositionen müssen umgebaut werden. Und vielleicht kommen wir an den Sprungchancen künftig auch mit weniger Kameras aus.“ TV Skyline war mit seinem Ü7-Ü-Wagen zur Erstellung des multilateralen Signals von Hostbroadcaster DSV Produktion engagiert worden. Produziert wurde mit 29 Kameras, die meisten davon Grass Valley LDX, sieben EVS-Maschinen, davon sechs für Slomos und eine für Highlights. Eingesetzt wurden eine Highspeedkamera, die mit bis zu 700 Bildern pro Sekunde lief, drei Superslomos mit 300 Bildern pro Sekunde und vier Funkkameras. Dazu kamen zwei HD1200 Spezialkameras, die im Landebereich im Boden integriert waren und die Springer beim Aufsprung von vorne und von hinten zeigen konnten. Dazu kamen vier CubeCams, einmal für die Signallampen (rot/grün), für die Trainer, für die Jury (kleine Remote Head im Jury-Turm) und als Beauty-Cam. 

Michael Hartinger, Produktionsleiter ARD vom Bayerischen Rundfunk, zeigte sich ebenfalls sehr angetan von den Möglichkeiten der neuen Seilkamera. „Aus unserer Sicht ist sie sehr interessant, auch wegen des geringen Gimbal- und Kamera-Gewichts von nur 29 kg“, sagt er. Das vereinfache die ganze Statik. Man brauche nicht extra starke Betonpfosten zu bauen, um die Zugsicherheit zu gewährleisten. Das System sei an vielen Schanzen leicht zu installieren und sicher günstiger als das alte System mit zwei Tragseilen, einem Zugseil und einem großen Schlitten. „Das neue System liefert Bilder in einer ganz anderen Dimension und wird die Sehgewohnheiten rapide verändern. Wenn es richtig funktioniert, brauche ich weniger Kameras als sonst und kann den Produktionsaufwand verringern“, meint er. Die Operator müssten jedoch erst lernen, richtig damit umzugehen. 

Beim Auftaktspringen zur Vierschanzentournee in Oberstdorf war der Bayerische Rundfunk für die ARD zur Produktion des unilateralen Signals vor Ort. Eingesetzt wurde dazu der Ü-Wagen FÜ2 und Rüstwagen 2, dazu der Hörfunk-Ü-Wagen und eine eigene SNG als Back-up für Sendeleitung Bild und Ton. Gemeinsam mit dem ZDF teilte man sich zudem mit Edit 8 ein großes Schnittmobil von NEP, das die ganze Tour begleitete und auf dem auch das komplette aufgezeichnete Material auf einem Server verfügbar war. 

Der BR hatte in Oberstdorf sieben unilaterale Kameras im Einsatz, davon zwei drahtlose. Auf der Presenter-Plattform befanden sich zwei Kameras, eine in der Mixed Zone, eine im Zuschauerbereich, zwei am Schanzentisch und eine oben im Turm, wo die Athleten auf ihren Einsatz warten. Matthias Opdenhövel war Moderator, Dieter Thoma der Experte. Mit Helfern und Redaktion, die vom SWR gestellt wurde, war die ARD mit über 60 TV-Mitarbeitern in Oberstdorf vertreten. Dazu kamen noch zwei Hörfunk-Kollegen.

Thomas Strobl, Regisseur des Auftaktspringens der Vierschanzentournee und bei der Skiflug-WM in Oberstdorf, hatte reichlich Gelegenheit, sich ein neues Kamerakonzept unter Einbindung der neuen Seilkamera zu überlegen. Er räumt ein, dass der erste Einsatz, beim Auftaktspringen der Vierschanzentournee, noch nicht optimal gewesen sei. Das sei erst bei der Skiflug-WM der Fall gewesen. „Dort sieht man ganz deutlich den Fortschritt und die Dynamik wie Skispringen oder Skifliegen mit dem neuen System dargestellt werden kann. Es ist unfassbar, dass man jetzt so nah und direkt mitfliegen kann. Das vermittelt perfekt das Erlebnis und die Flugperspektive des Athleten“, meint er.

Bei der Vierschanzentournee in Oberstdorf habe man zunächst beim Ko-Springen versucht, die neue Seilkamera zu 50 Prozent live einzusetzen. Das sei bei den TV-Stationen aber nicht so gut angekommen. Daraufhin habe man den Live- Anteil verringert. „Ursprünglich wollten wir jeden Springer mit der Flying Cam live schneiden und sie als Führungskamera einsetzen. Das hat aber nur partiell funktioniert“, berichtet der TV-Regisseur. Dazu hätte man auch das übliche Kamera-Set-up stark verändern müssen. „Wir haben schnell herausgefunden, dass man mal einen einzelnen Springer vom Anlauf oben bis nach unten mit dem neuen Kamerasystem begleitet, aber nicht jeden. Viel besser ist eine Mischform von 20 Prozent live und 80 Prozent Slomo“, sagt Strobl. Auch müsse man berücksichtigen, dass der Zuschauer durch eine komplett neue Bildsprache beim Sport nicht überfordert werde. „Am besten ist, wenn kein neuer Lernfaktor ins Spiel kommt. Wenn ein Zuschauer nachdenken muss, weil bei einer Übertragung etwas anders ist, dann machen wir beim Programm etwas falsch. Wir müssen es schaffen, und das ist auch mein Ansatz als Regisseur, den Sport möglichst leicht verständlich zu präsentieren und den Zuschauer so zu unterhalten, dass er nur genießen kann“, meint Strobl. Neue Kameratechnik würde dabei nicht eingesetzt um schönere Bilder zu machen, sondern schlicht, um den Sport besser darstellen zu können. 

Mit der neuen Seilkamera müsse man es schaffen, räumt er ein, noch tiefer herunter zu kommen und den möglichen Durchhang weiter zu optimieren. Wegen besonderer Schanzenprofile oder Bauten an den Schanzen sei das jedoch nicht immer einfach zu bewerkstelligen. Der TV-Regisseur resümiert: „Insgesamt gesehen sind wir aber sehr zufrieden mit den bisher erzielten Ergebnissen, gerade bei der Skiflug-WM. Auch das Feedback der Sender war super. Besonders von den Norwegern, Schweden und Österreichern kam großes Lob zurück. Alle waren megahappy.“ 

Eckhard Eckstein

MB 1/2018

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