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Frischer Wind

News: Produktion

Frischer Wind

Eurosport will es wissen und setzt bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang auf viele Neuerungen bei der Produktion und Übertragung der Sportereignisse. Der moderne Ansatz soll als ein Gegenstück zu den herkömmlichen Sportproduktionen von ARD und ZDF gesehen werden und dadurch vor allem ein jüngeres Publikum vor die Endgeräte locken. Wie sich Discovery/Eurosport über die vielen Märkte hinweg aufgestellt hat, konnte MEDIEN BULLETIN im International Broadcast Center (IBC) sehen.

Olympia pur. Jede Sekunde live auf insgesamt drei Sendern, ein innovatives, visuell starkes Storytelling mit neuen Formaten und das „Who is Who“ im Kommentatoren- und Experten-Team – das versprach Gernot Bauer, Head of Sports bei Discovery Deutschland, schon vor den Olympischen Spielen in Pyeongchang. 

Tatsächlich waren die Bemühungen der internationalen Discovery Gruppe noch ein wenig ambitionierter. In rund zwei Jahren Vorbereitungszeit wurden die Olympia-Produktionspläne für alle Eurosport Märkte in Europa geschmiedet. In Norwegen und Schweden ist Eurosport frei empfangbar und der einzige Sender, der die Spiele überträgt. In anderen Ländern wie Deutschland, Italien oder den Niederlanden wurden zwar länderspezifische Programme produziert, diese teilten sich aber die Übertragung zu den Olympischen Winterspielen mit anderen frei empfangbaren Sendern. Neben den unilateralen Fernsehbildern war es Eurosport auch enorm wichtig, alle anderen Kanäle zu bespielen. Der Eurosport Player, die kostenpflichtige Streaming Plattform, und die Social Media Kanäle des Senders wurden als gleichwertiges Mittel zur Übertragung der Videoinhalte gesehen und so konnten über 100 exklusive Inhalte ausschließlich für die Digitalkanäle produziert werden. Neben dem Sport waren Comedy- und Spiel-Elemente teil des Produktionskonzepts. „Wir möchten kurzweilig und unterhaltsam sein und die Zuschauer mit einem Programm überraschen das von Eurosport und TLC so nicht zu erwarten war“, erklärt Bauer die Strategie. „Wir produzieren bei den Olympischen Spielen im großen Stil und bringen die Fernsehbilder zu den Fans in ganz Europa. Insgesamt decken wir elf Märkte ab. Um das zu stemmen setzen wir auf lokale remote Produktionen“, erklärt Stefano Bernabino, Vice President Olympics Production bei Eurosport. Rund 3.000 Menschen arbeiteten an verschiedenen Standorten in Asien und Europa an der Produktion für Eurosport. Alleine in PyeongChang waren, inklusive Venue Crews und Kameraleuten, rund 1.000 Mitarbeiter vor Ort. 74 davon wurden aus Deutschland eingeflogen. 

„Die Produktion hier in PyeongChang ist für uns in zweierlei Hinsicht sehr wichtig. Auf der einen Seite sind wir mit über 1.000 Mitarbeitern vor Ort und müssen unser Team gut planen. Auf der anderen Seite ist der technische Aufwand sehr hoch“, meint er. 

 

Mehr remote geht nicht

Überaus imposant war in der Tat der technische Aufwand, den Eurosport im IBC und an den Venues bei den Olympischen Winterspielen trieb. Simon Farnsworth, Discovery Executive Vice President, European and Sports Technology, erklärt: „Wir haben mehr als 85 Technik-Racks hier im IBC verbaut. Das ganze Equipment wird uns von NEP zur Verfügung gestellt. Das Unternehmen ist für uns ein verlässlicher Langzeitpartner. Gleichzeitig sind sie groß genug, uns auch bei solchen Events zu unterstützen.“

Eingesetzt wurde diese Technik vor allem, um ein ausgeklügeltes Remote-Produktionskonzept umzusetzen, das es erlaubt Content beinahe barrierefrei zwischen den Sportstätten, dem IBC und den lokalen europäischen Schnitt- und Studioeinrichtungen hin- und herschicken zu können. Ein smarter technischer Aufbau, ausfallsichere Netzwerke und ein bemerkenswertes Monitoring-System war deshalb bei der Planung genauso wichtig wie der Einsatz von 10 Gbit/s-Netzwerken. Die Verbindung zwischen dem IBC in PyeongChang und den Produktionsstätten in Europa bildete eine 50 Gbit/s Fiberglasleitung. Im Gegensatz zu früheren Events war das eine enorme Steigerung. So konnten gleichzeitig 70 HD Feeds transportiert werden - 50 nach Europa und 20 zurück nach PyeongChang. Mehr als 100 V__Remote Systeme von Lawo waren für den Transport und das Processing von Video- und Audiodaten über die Netzwerke zuständig. Als MAM-System entschied man sich für die Mediabank-Lösung von NEP, welches gleichzeitig als Online-Workflow Tool eingesetzt werden konnte. Eurosport/Discovery produzierte im IBC in insgesamt fünf Studios. Neben dem innovativen „Cube“, einem großen Eurosport-Studio und einem kleinen Studio für Eurosport UK, wurden zwei sogenannte „Roof-top-Studios“ auf dem Dach des Gebäudes angemietet. Diese wurden von Eurosport Norwegen und Eurosport Schweden genutzt. Drei weitere Studios wurden in den Nationen-Häusern von Italien, Schweden und Deutschland bespielt. Auch hier sorgte NEP UK für die technische Ausstattung.

Die Eurosport-Regie im IBC steuerte auch die Sendungen aus dem Studio im Deutschen Haus. Hier wurde jeden Abend um 23.30 eine einstündige Sendung produziert, bei der unter anderem auch die Medaillengewinner zu Gast waren. Experte im Studio war hier Fabian Hambüchen, der als Ex-Sportler und Sympathieträger das Sportgeschehen aus einer authentischen Perspektive kommentierte. 

 

Der Cube – Ein Studio voller Innovationen

Eines der Highlights in der Produktion der Olympischen Winterspiele war sicherlich das neue, von Eurosport entwickelte Studio „Cube”, auf das die Produktionsteams der verschiedenen Länder zugreifen konnten, um spezielle Sendungen abzuwickeln. Dabei handelte es sich um ein mit LED-Wänden, Sony-Kameras und ARRI Skypanels S60 ausgestattetes Augmented Reality-Studio. Die beiden Kameras waren auf einem Stativ und an einem Jib montiert. In dem Studio erklärten unter anderem auch die Eurosport-Experten ihre jeweiligen Sportarten. Die Idee zum „Cube“ kam von Bernabino. Gearbeitet wurde im „Cube“ mit Augmented Reality Technologie von Vizrt und Stype. „Das besondere an ‚Cube’ ist die LED-Wand, die sich um das gesamte Studio und den Boden spannt und mit Hilfe eines 3D-Servers bespielt wird. Dank unserer AR-Technologie ist es möglich, dass Personen innerhalb des Cube mit virtuellen Elementen interagieren können, um so beispielsweise Sportgeräte im Detail zu erklären.” Der Cube-Kontrollraum wurde bei Sendungen von sieben Personen betreut. Der eingesetzte Mischer kam hier von Grass Valley, das Audio-Mischpult von Calrec und das Intercom-System von RTS. 

„Wir nutzen den Cube auch dazu, um Medaillengewinner zu interviewen. Anstatt also immer dieselben langweiligen Fragen zu stellen, konfrontieren wir die Athleten hier mit ihrer Performance und dem Jubel danach. Und das auf eine möglichst immersive Art und Weise“, betont Bernabino. „Die hier produzierten Kurzformate zur Analyse von einzelnen Wettbewerben und Sportarten werden sowohl im linearen Fernsehen als auch auf unseren Social Media Kanälen eingesetzt“, erklärt er.

 

Redaktionelle Arbeit neu gedacht

Vor allem in der redaktionellen Berichterstattung wollte sich Eurosport klar von anderen Pogrammanbietern absetzen. Deshalb wurde sowohl die redaktionelle Planung als auch die Zuschauer Ansprache neu erdacht. 

Ein großer Vorteil der Eurosport Produktion waren die Synergien, die in den Redaktionen entstehen konnten: „Dadurch, dass wir so viele Märkte bedienen müssen und deshalb auch viel Material produzieren, können wir diese Inhalte auch länderübergreifend teilen und für die nationalen Programme nutzen”, erklärt Jochen Gundel, Project Manager Olympics, und führt weiter aus: „Wir arbeiten mit der App SLACK beim Materialaustausch. Inhalte können so angefragt und von Produktionsteams anderer Länder bestellt werden.” 

Durch die dezentralisierte Arbeitsweise mit Crews in Südkorea und Europa konnte man zudem die Arbeitszeiten besser regulieren. So mussten die Redaktionen an einem Standort immer nur eine Schicht arbeiten und konnten dann die Produktion in die jeweils andere Zeitzone übergeben. Nachtarbeit wurde so beinahe ausgeschlossen. Ein wichtiges Augenmerk von Eurosport lag auf dem Storytelling und einer möglichst authentischen Ansprache der Athleten sowie sportbegeisterten Reportern. „Wir wollen sensibel auf den jeweiligen Gefühlszustand der Sportler reagieren, kluge Fragen stellen und möglichst viele Emotionen nach Deutschland bringen”, beont Gundel.

Niklas Eckstein

MB 1/2018

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