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Geschichtenerzähler 2.0

News: Produktion

Geschichtenerzähler 2.0

Produktionsagenturen, wie die von Philip Grabow und Sebastian BaRtetzko, sind die heimlichen Gewinner des Multichannel- und OTT-Zeitalters. Mit einem Online-First Ansatz kann das Unternehmen aus München Geschichten mit Hilfe innovativer Technologien und passend für die jeweiligen Kanäle verwirklichen und ist so stets am Puls der Zeit. So wie bei der „Emma“-VR-Produktion für HD+. MEDIEN BULLETIN war dabei und sprach mit Philip Grabow über aktuelle Projekte und neue Ideen.

Wie kam es zur Gründung der Online-Produktionsagentur Grabow & Bartetzko?

Ich habe meinen Geschäftspartner Sebastian Bartetzko an der Filmhochschule in München kennengelernt. Unser Hintergrund ist also eher die klassische Film- und Fernsehproduktion. Aber durch erste Projekte während des Studiums sind wir dann direkt in die Werbe- und Marketing-Richtung gegangen und haben 2008 schließlich den Schritt in die Selbstständigkeit getan. Das Leistungsspektrum der Firma hat sich nach und nach durch die Arbeit mit Fernsehsendern, Marken und Werbeagenturen ergeben. Grundsätzlich haben wir aber nie die klassischen Fernsehspots produziert, sondern haben uns von Anfang an für das Medium Online entschieden. 

Einer der ersten großen Kunden war Microsoft, mit denen wir damals Videoclips für das Social Media Umfeld umgesetzt haben. So haben wir kleine wöchentliche Videobotschaften des CEOs für die Mitarbeiter von Microsoft produziert. Und wir haben für Microsoft auf Messen kleine Filme gedreht, die dann sehr zeitnah online gegangen sind. Das war für die damalige Zeit sehr innovativ.

 

Warum haben Sie auf Online gesetzt?

Das haben wir damals gar nicht so geplant. Wir hatten wirklich Glück, mit Microsoft einen sehr technikaffinen und innovativen Kunden betreuen zu können. Durch diese Projekte haben wir gemerkt welches Potential im Online-Markt steckt. Und es hat viel Spass gemacht, gleichermaßen inhaltlich zu arbeiten und dabei neue Technologien zu erkunden. 

 

Sind technische Innovationen ein Treiber des Unternehmens?

Nein, nicht unbedingt. Neue Technologien stehen bei uns nicht zwingend im Vordergrund. Es ist uns viel wichtiger, die richtigen Inhalte für ein neues Medium zu finden. Was sind Geschichten oder Inhalte, die zu diesen neuen Medien oder Technologien passen. Und wie können diese Technologien helfen, Geschichten besser zu erzählen. 

 

VR ist eine dieser neuen Spielarten. Wird das auch so bleiben? Wie sehen Sie die Entwicklung von VR?

In den letzten eineinhalb Jahren wurde VR doch vermehrt nachgefragt. Aber uns hat auch überrascht, wie viel VR wir dann doch in 2017 produziert haben. So haben wir unter anderem für HD+ zwei große Produktionen gemacht, aber auch für TNT Serie oder General Electric. Ich kann wirklich sagen, dass die VR-Produktion ein relevanter neuer Baustein für uns geworden ist und vermutlich auch bleibt. 

 

Produktionstechnik wird in aller Regel immer günstiger. Hilft Ihnen der Trend dabei, jetzt Projekte zu gewinnen, die früher großen Produktionshäusern vorbehalten waren?

Die immer günstigere Technik ermöglicht es uns natürlich, sehr hochwertig produzieren zu können. Was ich bei dieser Kostendiskussion aber gefährlich finde ist, sich da ausschließlich auf die Technik zu beziehen. Auch wenn die Technik in den letzten Jahren erschwinglich geworden ist, kommt es dennoch immer noch hauptsächlich auf die Menschen an, die die Technik bedienen. Und Experten, zum Beispiel als Kameramann, für einen Dreh zu beschäftigen, ist der größte Kostenfaktor. 

 

Wie ist aktuell die Bereitschaft der werbetreibenden Unternehmen, Geld für hochwertige Online-Werbung auszugeben?

Vor zwei bis drei Jahren hätte ich gesagt, dass das Verständnis für qualitativ hochwertige Online-Werbung noch nicht so hoch war. Zum Glück hat sich das bei den meisten unserer Kunden geändert. Heute produzieren wir teilweise aufwendige Online-Spots, die wir vor ein paar Jahren budgetär nicht hätten umsetzen können. Wichtig dabei sind immer die zu erreichenden Ziele. Je nachdem, was diese Ziele sind, muss auch für ein Online-Spot genauso viel Geld in die Hand genommen werden, wie für einen TVC (TV Commercial). Das liegt hauptsächlich an den Sehgewohnheiten der Zuschauer, die auch im Netz mittlerweile hohe Anforderungen stellen. 

 

Also gleiches Budget für Online-Werbespots wie für TVCs?

Wir müssen im Online-Bereich mit den Budgets natürlich wesentlich flexibler und agiler umgehen. Es ist unstrittig, dass ein Facebook Video-Post, der eventuell 100.000 Menschen erreicht nicht so viel kosten darf, wie ein TVC, der über eine längere Zeit im Fernsehen läuft und so viele Millionen Zuschauer erreicht. 

Es gibt unterschiedliche Ziele, Zielgruppen, Formate und Plattformen. Das alles muss bei der Kostenkalkulation mit in Betracht genommen werden und das ist auch der Spagat der uns gelingen muss. 

 

Mit Blick in die Zukunft: Welche Themen sind für Grabow & Bartetzko wichtig?

Ende 2016 haben wir für uns für die Zukunft das Thema VR auf die Agenda geschrieben. Wenn ich heute nochmal einen Ausblick geben müsste, dann wären die Themen Facebook Live und AR ganz weit vorne. Bei AR geht es uns jetzt aber nicht darum, sich mit den großen Game Development Firmen zu messen, sondern eher zu sehen, wie man AR mit Video optimal verschränken kann, um besondere Geschichten zu erzählen. Und Live ist natürlich auch schon dieses Jahr ein Thema bei uns. Wir sehen hier ein starkes Interesse unserer Kunden in diese Richtung. 

 

Was setzt sich denn eher durch – VR oder AR?

Die Frage VR versus AR stellt sich meines Erachtens nicht. Beide Formate sind sehr unterschiedlich, vor allem was den Mehrwert bei den Zuschauern betrifft. Es ist nicht zu vergleichen, ob man komplett in eine andere Welt eintaucht, oder eben virtuelle Elemente der Wirklichkeit hinzugefügt werden. Beide Formate haben aus meiner Sicht eine Daseinsberechtigung – es kommt nur darauf an, welche Geschichte man erzählen möchte. Und dann hat man mit VR und AR zwei neue Transportmedien. 

 

Und VR stirbt nicht den 3D-Tod?

Ich denke nicht, dass VR das neue 3D ist. In meiner Wahrnehmung wurde bei 3D immer der Fehler gemacht, 2D-Inhalte ohne neue Konzepte in 3D aufzuzeichnen. Das hat keinen großen Mehrwert geboten. Bei VR wird man als Kreativer dagegen dazu gezwungen, andere Konzepte aufzusetzen, die mit denen aus der klassischen 2D-Produktion nicht mehr viel zu tun haben. Ich bin aber auch der Meinung, dass das Brillen basierte VR kein Massenmedium ist. Es bleibt abzuwarten, wohin da die Reise geht. Aber gerade für eine großflächige Werbekampagne ist VR nicht das richtige Medium. 


Wir sind hier am Set der „Emma“-Produktion für HD+. Warum ist das ein besonderes Projekt?

Die HD PLUS GmbH ist über die Kreativagentur Haye auf uns zugekommen um ein VR-Erlebnis umzusetzen, das Mitarbeitern in Elektrofachmärkten die Vorzüge des HD+ Angebots näher bringt, um es so besser verkaufen zu können. „Emma“ steht für „Empfang über Satellit, Modul von HD+ empfehlen, Mehr als 50 Sender, Alles ohne Risiko“.

Der Anspruch war, eine VR-Produktion umzusetzen, die auf Werbe-Niveau ist. Wir wollten das absolute Maximum aus der VR-Technik herausholen, um einen Film zu machen, der der hochwertigen Marke HD+ entspricht. Hier wurde also ein großer Aufwand betrieben. Mit 360-Grad-Videos für Facebook hat das Ganze nichts mehr zu tun. Meines Wissens ist das in Deutschland aktuell auch eine der hochwertigsten Produktionen. 

 

Worum geht es dabei genau?

Es entstehen insgesamt zwei Filme. Letztendlich ist das Endprodukt eine App, in der es auch gewisse Formen der Interaktivität gibt. In dieser App sind dann auch die 360-Grad-Filme eingebettet. 

Bei der aktuellen Produktion für den zweiten Film drehen wir an insgesamt vier Locations. In unserem Konzept steht beispielsweise ein Berggipfel in den Alpen oder der Mittelpunkt eines Bundesliga Stadions. Da es riskant ist eine Crew mit 40 Personen auf einen Berggipfel zu bewegen, drehen wir den Tag heute in einem großen Greenscreen Studio. Wir sind dennoch mit einem kleinen Team auf den Berg gestiegen und haben Panoramamaterial abgefilmt. Das wird dann in der Postproduktion mit den Aufnahmen aus dem Greenscreen Studio zusammengesetzt. 

 

Welche Technik kam zum Einsatz und warum?

Wir haben mit zwei verschiedenen technischen Set-Ups gedreht. On Location haben wir mit einem selbst gebauten VR-Rig gedreht. Es besteht aus vier Sony Alpha 7s Kameras mit 8-15 mm Canon Zoom Objektiven. Um die Panoramas abzufilmen haben wir eine Blackmagic URSA Cinema Pro auf einem Nodalstativ eingesetzt.

Im heutigen Studio Set-Up müssen wir nur etwa 120 Grad abdecken und haben uns deshalb für eine Red Epic mit dem 8k Helium S35 Sensor entschieden. Wir haben auf allen Kameras die gleichen Canon Optiken und filmen mit rund 10mm Brennweite. Die Brennweite war für uns optimal, da sie nicht zu stark an eine Fish Eye Optik erinnert.

 

Warum haben Sie das VR-Rig mit DSLRs gebaut?

Die Produktion hatte kein kleines Budget. Wir hätten also ohne weiteres auch mit Red Kameras drehen können. Wir haben aber in Tests festgestellt, dass die besten Bilder entstehen, wenn die Kameras sehr nah zusammen stehen. So verhindern wir eine große Parallaxenverschiebung. 

Niklas Eckstein

MB 1/2018

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