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Großeinsatz im Super-Wahljahr

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Großeinsatz im Super-Wahljahr

2017 ist ein Super-Wahljahr in Deutschland. TV-Sender, die live über die aktuellen Wahl-Ergebnisse und -Ereignisse berichten, sind mit besonderen Herausforderungen konfrontiert. Unterstützt werden sie dabei hierzulande vom technischen Dienstleister Media Broadcast. Spezialisiert auf „Event Broadcasting“ ermöglicht das Unternehmen mit seinen Übertragungsleistungen die Wahlberichterstattung der diversen Sender. So auch zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen für WDR, Das Erste und ZDF.

„Wir übertragen hier über alle Möglichkeiten“, erklärt Klaus Baumhauer, der bei Media Broadcast für den Bereich Event Broadcasting zuständig ist, „der Fokus liegt dabei auf der Glasfaserübertragung, mit der wir die unterschiedlichsten Anbindungen vornehmen, etwa zu den Studios im Düsseldorfer Landtag, zu den Wahlzentralen in Berlin, aber auch zu den Wahlpartys, von denen die Sender erste Reaktionen der Parteien einfangen.“ 

Nach der Beauftragung von WDR und ZDF fand drei Wochen vor der Produktion die erste Begehung am Düsseldorfer Landtag statt. „Wir schauten, wie die Infrastruktur aufgebaut werden, welche Events und welche Schaltungen realisiert werden sollten und natürlich in welcher Bandbreite das Ganze stattfinden sollte“, so Baumhauer.

Das Übertragungsnetzwerk von Media Broadcast führte Live-TV-Bilder aus rund 13 Locations mit 27 Daten- und Bildleitungen zusammen und speiste so die Regien von Das Erste, WDR und ZDF. Anschließend wurden fertig produzierte Live-Sendungen den Sendestudios für die Ausstrahlung zugeführt. Als Übertragungstechnik kamen Richtfunk, SNG als Back-up sowie das Glasfaser-gestützte Broadcast NGN (Next Generation Network) zum Einsatz. Rund 25 Techniker der Kölner waren vor Ort ständig im Einsatz, zwölf Fahrzeuge aus der Unternehmensflotte beherbergten die Technik und sorgten für Mobilität vor Ort. Für die benötigte Infrastruktur wurden zusätzlich zehn Kilometer Glasfaserleitung verlegt.

Neben den Videosignalen mussten auch die entsprechenden Tonsignale berücksichtigt werden. Insgesamt ging es um 30 unterschiedliche Signale, die aus der ganzen Republik zusammenliefen und dann über die Kanäle von WDR und ZDF weitergeleitet wurden. Der WDR in Abstimmung mit der ARD „bestückte“ Nordrhein-Westfalen sowie die anderen Bundesländer. Die bewegten Bilder kamen punkt 18 Uhr von 13 Außenstellen, die auch an ZDF und ARD gehen. Alle drei waren mit ihren Fahrzeugen am Landtag vor Ort. Die Signale wurden auch nochmal in den „Himmel“ geschickt, damit sich noch weitere Rundfunkanstalten anschließen konnten, zum Beispiel RTL oder N24. „Wir nutzen einige Außenstellen parallel für WDR und ARD, während im Landtag zwei separate Sets für ARD und ZDF genutzt wurden“, berichtet Dieter Ramershoven vom WDR, der als technischer Leiter für die Live-Übertragung fungierte.

Der Account Manager von Media Broadcast Gerhard Füßmann beschreibt die Bereitstellung der „riesigen“ Bandbreiten als größte Herausforderung: „Sie mussten auch in unserem Netz freigehalten werden, dazu kommt dann die Anbindung der Außenstellen, wobei wir bei der Party Location der SPD keinen Glasfaserzugang haben, sondern eine Richtfunkanlage einrichten mussten, mit einem 40 Meter hohen Sendemast, den wir extra aufgebaut haben.“ Dafür wurde eine Genehmigung inklusive baulicher Abnahme benötigt.

„Wir bekommen 13 Signale angeliefert, die wir nach Köln, Hamburg und Mainz weiterleiten, damit sie von dort live ausgestrahlt werden können“, beschreibt Füßmann den Aufwand weiter, „und die Privaten sind ja auch da, für RTL richteten wir die Hauptsendeleitung ein. Für all das wurden bis zu zehn Gigabit an Bandreite benötigt, was genau berechnet werden muss.“

 

Alle verfügbaren ressourcen

Für die Wahl im Heimatland aktivierte der WDR schließlich alles an verfügbaren Ressourcen. So waren sämtliche landespolitischen Korrespondenten im Landtag oder in den Düsseldorfer Parteizentralen im Einsatz. Parallel dazu erstatteten Reporter der Landesstudios Bericht zur Situation in den Wahlkreisen. Zudem wurde die komplette dritte Etage des Funkhauses Düsseldorf in eine Wahlredaktion umfunktioniert. Dort entstanden die Wahlbeiträge für den Westdeutschen Rundfunk sowie für weitere ARD-Sender. Auch die Mitarbeiter von Tagesschau sowie Tagesthemen hatten hier ihren Arbeitsplatz. Ein Novum war die Produktion auf einem gemeinsamen Server, die bei der letzten Wahl noch nicht möglich war.

„Das Zusammenspiel der Gewerke war sehr hoch“, kommentiert Ramershoven den Aufwand, „neben den Außenstellen und dem überregionalen Programm koordinierten wir auch die Schaltzeiten für die Regionalprogramme, die sich dann auseinanderschalten, um dann die separate Berichterstattung aus den einzelnen Wahlkreisen zu gewährleisten.“ Das sei vergleichbar mit großen Sportveranstaltungen wie der Fußballeuropameisterschaft, dem Karneval oder den Kölner Lichtern.

Allein 90 Mitarbeiter sorgten beim WDR für die technische Umsetzung. Er weist außerdem darauf hin, dass für ARD und WDR zwei baugleiche Ü-Wagen im Einsatz waren, die auf dem aktuellen Stand der Technik sind. Allein in der Ton - Regie ist ein Mitarbeiter nur für die Kommunikation zuständig, der dabei auf jedes Kommunikationspanel zugreifen kann. Denn ein Großteil der Redakteure ist es nicht gewohnt, mit den Geräten umzugehen. Der Toningenieur kümmert sich auch um die Zuspielungen.

 

Herzstück Ü-Wagen

Jeder der Mitarbeiter im Ü-Wagen kann maximal bis zu vier Außenstellen auf den Monitoren im Blick behalten. Wenn drei Außenstellen bespielt wurden, musste er eventuell eine an seinen Kollegen abgeben, damit der sich darum kümmern kann. Redakteur, Regisseur und Bildmischer saßen nah beieinander. Der Bildmischer hat dabei eine wichtige Funktion, weil er die Qualität der Bilder kontrollieren und gegebenenfalls angleichen oder verbessern muss. Dass der Kameraabgleich eine wichtige Aufgabe im Ü-Wagen darstellte ist offensichtlich - damit beispielsweise die Gesichtsfarbe des Moderators in Kamera Eins genauso aussieht wie in Kamera Zwei. Zwar gab es bereits einen Kameraabgleich zuvor, aber beim Messen hinsichtlich der Pegelgröße ist immer noch der Mensch gefordert, dessen optische Feinheit die der Automatiken übertrifft. „Wenn zum Beispiel bei einem Fußballfeld die Sonne reinschlägt, gibt es zwar Automatiken, die das ausgleichen, aber die manuelle Regelung ist noch nuancierter“, sagt der technische Leiter. Im Ü-Wagen jedenfalls wurde bei Veränderungen im On die Blende gezogen. Die Regieassistenten und Kameraleute am Set wurden vom technischen Leiter aus dem Ü-Wagen geführt. „Die größte Herausforderung war die Menge der Signale, die hier im Übertragungswagen zusammenliefen sowie die entsprechende Menge der Arbeitsplätze, die hier untergebracht werden mussten“, bekennt Ramershoven, „im Grunde sitzen wir hier an der Schnittstelle von Technik und Redaktion.“ Bereits Wochen vorher kamen die Teams zusammen und besprachen die Umsetzung der Berichterstattung: „Letztlich arbeiteten wir die Aufgabenstellung hier nur technisch ab, die die Redaktion sich gewünscht hatte.“ Daher saßen zwei Redakteure auch direkt mit im Ü-Wagen, während die anderen via Kommando in den Außenstellen oder im Landtag miteinander verbunden waren. Die Koordination geschah vom Ü-Wagen aus. Die Live-Übertragung begann Sonntagabend um 17.30 Uhr, erreichte ihren ersten Höhepunkt um 18 Uhr mit der ersten Hochrechnung und verselbstständigte sich dann praktisch mit den spontanen Schaltungen in die Außenstellen – quasi als fortlaufender Prozess.

„Die technischen Zyklen beschleunigen sich zwar, aber die Kommunikationstechnik setzen wir nach wie vor über ISDN um“, ergänzt Ramershoven, „es existieren zwar auch schon IP Strukturen, aber gerade bei einer Landtagswahl setzen wir mehr auf Sicherheit.“ Das ist auch der Grund, warum der WDR Gerätschaften einsetzte, die seit drei Jahren genutzt werden. Ein Szenario für Störungen oder Ausfälle war ebenfalls vorbereitet worden, etwa um Leitungen zu sichern oder Reservegeräte zu verwenden. Für die Situation eines Mischer-Ausfalls zum Beispiel war die manuelle Bedienung mit anschließender Übermittlung über die Kreuzschiene vorgesehen.

In dem Fahrzeug wurde auch die Vielzahl der Leitungen und Signale, die von Media Broadcast angeliefert wurden, angepasst. Hier fand die Kontrolle statt, hier konnten Ausfälle direkt behoben werden ohne dass die Regie gestört wurde: „Eigentlich hatten wir hier mehr Kontroll- als Arbeitsfunktionen.“ Allein am ARD-Set waren 16 Monitore aufgebaut, die dann noch einmal mit vier unterschiedlichen Signalen belegt waren.

 

Fernsehturm als Backbone

Neben den Ü-Wagen hatten WDR/ARD noch ein Satellitenfahrzeug vor Ort. Damit wurden die Downings von den Parteizentralen sowie gleichzeitig zwei Uplinks für ARD- und WDR- Programm bewerkstelligt. Zusätzlich war damit auch für Notfallsituationen vorgesorgt. Hätte es Probleme mit den Leitungen gegeben, hätte via Satellit noch die Möglichkeit bestanden, die Inhalte auszuliefern und dann entweder in Frankfurt oder beim WDR in Düsseldorf „herunterzuholen“. 

In den Übertragungswagen von Media Broadcast liefen die Glasfaserverbindungen aus den Parteizentralen und den Wahl Partys zusammen. „Hier waren wir mit Glasfaser angebunden“, erläutert Füßmann, „einmal vom Fernsehturm her mit zehn Gig, und dann mit einer zehn Gig Leitung zum WDR Ü-Wagen rüber.“ Im Falle eines Problems, so der Account Manager, konnte direkt hier umgeschaltet werden: „Das passiert alles in den MD 8000-Kästen.“ In den Übertragungswagen war ebenfalls eine Überwachung der Prozesse gewährleistet – mit Sicht auf die ankommenden Bilder sowie umfangreicher Messtechnik: „Wenn Schwierigkeiten aufgetreten wären, hätten wir hier erfasst, woran es liegt.“ Für den Mitarbeiter im Fahrzeug bedeutet dies, dass er seinen Arbeitsplatz während der Übertragung nicht verlassen durfte.

Eine wichtige Station im Übertragungsnetzwerk war der Fernsehturm in Düsseldorf, der direkt am Rhein in Nähe des Landtags gelegen ist. Hier befand sich einer der Übergabepunkte des Broadcast NGN der Media Broadcast mit einer bereitgestellten Kapazität von 10 Gbit/s. Ihn zapften die Übertragungswagen des Kölner Unternehmens an, um beispielsweise die Daten aus den Berliner Parteizentralen zu erhalten. „Zudem war dort der zentrale Knotenpunkt für die Übertragung der DVBT-Signale“, betont Baumhauer, „das ist der Backbone zu den anderen Städten.“ Auch das ZDF war mit eigenem Ü-Wagen sowie eigenem Studio im Düsseldorfer Landtag vor Ort vertreten. Ähnlich wie beim WDR wurden an einem Arbeitsplatz im Übertragungswagen vier bis fünf Kameras betreut und ausgesteuert während der Leiter der Bildtechnik für den kompletten Überblick beziehungsweise die Angleichung sämtlicher Kameras zuständig war. 

Wilfried Urbe

MB 3/2017

© WDR

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