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Guter Ton nervt nicht

Im Gegensatz zum Auge schläft das Ohr nie. Doch während die technische Qualität des Bildes zumal beim Wechsel auf HDTV in der heutigen visuell dominierten Medienwelt eine gewichtige Rolle einnimmt, wird der gute Ton eher stiefmütterlich behandelt, obwohl er durchaus beim Rezipienten eine wichtige psychologische Bedeutung hat, wenn auch mehr oder weniger unbewusst. Die Jünger Audio-Studiotechnik GmbH beschäftigt sich schon seit 20 Jahren mit dem guten Ton, zum Beispiel mit dem aktuellen Thema „loudness control“ und hat als Vorreiter im Markt „adaptive Algorithmen“ erfunden, die in der automatisierten digitalen Medienwelt ihre Wirkkraft entfalten. Darüber sprach MEDIEN BULLETIN mit Peter Pörs, Director Sales & Marketing der Jünger Audio-Studiotechnik GmbH.

Herr Pörs, welche Philosophie verfolgt die 1990 in Berlin gegründete Jünger Audio-Studiotechnik GmbH?

Erfolgreich sein – mit hochqualitativen Lösungen für die Audiobearbeitung, die einfach zu benutzen sind, weil sie automatisch einen gleich bleibend guten Klang erzeugen.

Die so genannten „adaptive Algorithmen“ gelten als Erfolgsgeheimnis von Jünger. Warum?

Wir verwenden seit jeher adaptive Algorithmen. Der Grundgedanke dahinter: Tonsignale wie zum Beispiel die von Sprache, klassischer Musik oder von einer Fußballspiel-Live-Übertragung unterscheiden sich in ihrer spektralen Struktur, in ihrer Frequenzkomposition und ihrer Dynamik. Insbesondere Sprache wechselt sehr dynamisch. Wenn das Klangereignis dennoch gleichmäßig angenehm in die Ohren der Zuhörer gelangen soll, müssen sich die Verarbeitungsprozesse kontinuierlich der Eingangssituation der Tonsignale anpassen, sie müssen sie adaptieren. Die von uns entwickelten adaptierten Algorithmen ermöglichen eine sensible, gleichwohl automatische Anpassung für unterschiedlichste Genres über verschiedenste Übertragungswege beispielsweise im Fernsehen, Radio, Internet, bei der CD-Produktion, für unterschiedlichste Beschallungssysteme oder auch für die Postproduktion. Unser Ziel ist, dass der Ton immer als gut klingend und optimal bearbeitet empfunden wird, ohne dass am Gerät dafür etwas bedient werden müsste.

Wie kriegen Sie das hin?

Wir analysieren das Eingangssignal unter speziellen Gesichtspunkten, so dass je nach Beschaffenheit der spektralen Struktur Anpassungen für eine optimale Regelung automatisch vorgenommen werden können.

Da musste man zuvor wohl viele Probeläufe machen?

Ja, auf jeden Fall. Dahinter verbirgt sich ein Prozess, der bei uns über Jahre entwickelt und verfeinert wurde.

Mit eigenen Softwareentwicklungen?

Wir sprechen von Strukturen, die wir selber entwickelt haben, und die wir in und für unterschiedliche Anwendungen integrieren. Unsere Kernkompetenz liegt ja in der Entwicklung von Prozessoren, die die Dynamik des Tonsignals beeinflussen, und auf diese Weise unter anderem Unterschiede zwischen laut und leise automatisch regeln.

Gehört Jünger deshalb zu Unternehmen, die am schnellsten die neuen Lautheitsregeln auf dem Markt erfüllen konnten?

Das würde ich differenzierter formulieren. Denn die ganze Lautstärkenregelung ist mittlerweile per Standard referenziert, so dass es jeder machen kann. Aber zum Ansatz, wie man eine auf die Lautstärke bezogene Regelung so baut, dass sie gut klingt und störungsfrei arbeitet, haben wir bereits in den vergangenen Jahren so viel Erfahrungen gesammelt, dass wir in eine Vorreiterrolle gekommen sind, zumal wir lange bevor es die neuen Regulierungen gab, die lautheitsbezogenen Steuerungen bereits vorgenommen haben.

Bei welchen Anwendungen kommen die Vorteile der lautheitsbezogenen Steuerung als Element der adaptiven Algorithmen besonders gut zur Geltung?

Wer in der Postproduktion Tonbearbeitung für Master-CDs, DVDs, Bluray-Disks oder TV-Sendungen macht hat dafür nur ein bestimmtes Zeitbudget. Man kann da die Geräte genau so einstellen, wie es für den gewünschten Klang erforderlich ist. Wenn man die Lautheitsproblematik aber allgemein in Bezug auf die Distribution über verschiedene Plattformen betrachtet, muss man permanent regeln können, weil an den Schaltstellen verschiedene Tonsignale von A und B zusammenkommen und zum Beispiel den ganzen Tag hintereinander gesendet werden. Bei diesem Prozess sind aber keine Tonexperten mehr vorhanden, die Zeit hätten, sich den Klang erst einmal anzuhören und ihn – zum Beispiel je nach Geschmack und avisierter Tonästhetik – so oder so steuern könnten. In dieser Situation braucht man Geräte, auf die man sich hundertprozentig verlassen kann, so dass der Tonausgang über den ganzen Tag optimal ausgesteuert wird, ohne dass jemand eingreifen muss.

Mangels Tontechniker?

Schon seit einigen Jahren kann man Distributionszentren, wo zum Beispiel 40 bis 50 verschiedene Fernsehkanäle von Premiere bis ProSieben in Richtung Astra gelinkt werden, die Steuerung des Audiosignals nicht mehr ausschließlich manuell vornehmen. Dennoch müssen Anpassungen vorgenommen werden. Zum Beispiel dann, wenn TV-Kanäle aus Übersee übernommen werden, die in ihrem Pegel nicht mit dem der Sender aus Europa übereinstimmen. Für einen Abonnement-Zuschauer wäre es ärgerlich, wenn er beim Kanalwechsel auf der Plattform die Lautstärke selber regulieren müsste. Alle Fernsehanstalten haben heute einen vollautomatisierten Sendeablauf, speziell im Playout. Sie füttern ihre Senderserver mit Material und dann gibt es ein Scheduling, eine Zeitablaufsteuerung im Programm, die von morgens bis abends vollautomatisch läuft. Da werden auf die Sekunde genau die verschiedenen Programmabläufe
einschließlich Werbung programmiert…

Ein Tontechniker mit geschulten Ohr könnte dort also gar nicht mehr den Klang, je nach Programm, manuell steuern?

Kaum mehr. In den Kontrollräumen existieren heute selten noch Mischpulte, die manuellen Eingriffe erlauben.

Wenn es kaum mehr Mischpulte in den Kontrollräumen gibt, in welchen Geräten stecken denn dann die adaptiven Algorithmen von Jünger – optimalerweise?

Es geht um diverse Komponenten für verschiedene Arbeitsprozesse: Ingest, Playout-Server, Produktion und Postproduktion. Dafür bieten wir verschiedene Geräte für die Audiobearbeitung an, die an die jeweils spezifischen Aufgaben angepasst sind.

Bei den verschiedenen Bearbeitungsprozessen wird vermutlich die Qualität des Originalsignals immer wieder verändert?

Genau das sollte nicht im negativen Sinne passieren. Der Inhalt des Ausgangssignals sollte nicht von den einzelnen Schritten der Verarbeitungs- und Distributionsprozesse beeinflusst werden, sondern im Original erhalten bleiben.

Wo genau stecken die adaptiven Algorithmen?

Sie sind in unseren Geräten integriert, die in der Regel vor dem finalen Encodierungsprozess wirksam werden, also bevor Ton- und Bildsignale in den Sendeformaten zusammen geführt werden.

Und die adaptiven Algorithmen gibt es nur von Jünger?

Wir können sicher sagen, dass wir in diesem Bereich führend sind. Mittlerweile versuchen auch andere Anbieter Lösungen zu entwickeln, die ebenfalls einfach zu bedienen sind. Sie sind meiner Meinung aber nicht so einfach wie unsere. Das hat auch einen Hintergrund. Unsere Firmengründer, Herbert und Irmgard Jünger, haben die adaptiven Algorithmen bereits in den 80er Jahren in der ehemaligen DDR entwickelt. Es ging damals darum, klassische Musik auf CDs vorzubereiten für die Sendung über UKW (FM). Dafür war es erforderlich, den Dynamikbereich einzuengen, den Spitzenpegel so präzise zu kontrollieren, dass man mit zirka 30 dB verfügbarer Senderdynamik die Musik im guten Klang herüberbringen konnte. Das Ganze sollte so funktionieren, das bei einem ein- oder zweistündigen Musikstück nicht noch jemand bei der Ausstrahlung zusätzlich am Regler sitzen musste, um den Ton zu steuern.

Der Ansatz ist dann immer weiter entwickelt worden?

Dadurch, dass der erste Ansatz für klassische Musik vorgenommen wurde, waren von Anfang an Qualitätsparameter erforderlich, die man zumindest damals noch nicht bei anderen Medien brauchte. Klassische Musik ist extrem sensible. Jede Störung hätte den Hörgenuss vermindert. Damals hatte die Übertragung von klassischer Musik im Radio –speziell in der DDR – noch einen hohen Stellenwert, und war auch in der Schallplattenindustrie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Jedenfalls: Wir arbeiten nun schon seit zwanzig Jahren mit dem Ansatz der adaptiven Algorithmen, den wir immer weiter entwickelt und an die heutige digitale Medienwelt angepasst haben. Man kann sich nun die Frage stellen, warum funktioniert es so gut bei uns, obwohl wir nicht die dominante Audio-Vertriebsfirma im Markt sind? Antwort. Wenn ein Tontechniker erst einmal erfahren hat, wie einfach unsere Geräte arbeiten, kommt es schon vor, dass er sagt, das Gerät macht so gut oder gar besser als ich. Die Erfahrung hat für manchen natürlich eine Schattenseite, weil ein Gerät den eigenen Job streitig zu machen scheint. Tatsächlich schaffen wir aber mehr Freiraum für die Beschäftigung mit der Kreativität für die Qualität des Ursprung-Tons. Wir verkaufen unsere Geräte insbesondere auch viel für Ü-Wagen-Installationen. Da sind die Jungs dann sehr glücklich, weil sie sich in einer Position sicher sein können: Das Ausgangssignal, das den Wagen verlässt, ist sauber gepegelt, ohne dass sie ständig wie ein Luchs darauf achten müssen, sondern sich zum Beispiel mehr um die Funktion ihrer drahtlosen Mikrophon-Systeme kümmern können.

Trotzdem: Seltsam, dass eine so leistungsstarke Jünger-Audiotechnik nicht massenhaft im Markt genutzt wird?

Ein Grund ist: Qualität hat ihren Preis. Unsere Verkäufe gehen zu 70 Prozent in den Export.Wie wichtig ist der Ton? Man kann als Fernsehzuschauer mit sensiblen Ohren häufig erleben, dass die Qualität des Tons zum Beispiel in der Mischung von Sprache und Musik und Bild zu wünschen lässt, zur Folter für die Ohren wird …
Man kann durchaus sagen, dass die Tonnachbearbeitung extrem schwierig ist und manchmal wesentlich komplizierter ist als die Bildbearbeitung.

Ein kostbares Fiction-Stück wird sich im Ton aber doch wohl auch heute noch nicht voll automatisch in der Tonqualität mit Jünger-Geräten aussteuern lassen?

Bedingt. Erst einmal muss der Ton kreiert werden. Wenn er das ist, zum Beispiel die Sprache, dann kann ich das schon mal durch ein Jünger-Gerät schicken und dafür sorgen, dass der Klang auf jeden Fall gut ausgesteuert ist, so dass ich ihn problemlos mischen kann. Das kann man fast automatisieren, aber man muss es natürlich nicht tun. Es wäre aber machbar. Es muss auch kein Jünger-Gerät sein. Aber das Jünger-Gerät bietet den Vorteil, dass ich mich um bestimmte Einstellungen gar nicht mehr kümmern muss, weil mir die adaptiven Einstellungen das abnehmen. Dann bleibt mehr Zeit für die Kernaufgaben im Audio-Qualitätsbereich. Ich muss nicht permanent Kompressoren und Limiter nachregeln, sondern kann mich ganz auf die kreative Tonmischung konzentrieren, weil ich davon ausgehen kann, dass die Signale bereits optimal ausgesteuert sind.

Der gute Ton, was ist das eigentlich – menschlich und technisch gesehen?

Der gute Ton nervt nicht. Man kann ihn auch laut hören, ohne dass es unangenehm auffällt. Wenn man einen schlechten Ton laut hört, dann tut er irgendwie „weh“.

Das hängt vom Geschmack und der Sensibilität der Ohren ab?

Sicher, das ist auch Geschmackssache. Wenn man sensible Ohren hat, erlebt man heute im Hörfunk zum Beispiel eine extreme Verfälschung des Tons, die mit dem Bestreben zusammen hängt, jedem Hörfunkprogramm ein eigenes akustisches Profil zu geben. Ich frage mich manchmal, ob das nicht auch am guten Geschmack und am guten Ton vorbei geht. Wenn ich mir eine gute Musik-CD kaufe, dann haben daran Tonexperten, die bis zu 1.000 Dollar die Stunde verdienen, an dem finalen Master gefeilt, damit die Musik genauso klingt wie sie klingen soll. Wenn diese CD dann im Radio ausgestrahlt wird, wird alles verdreht, was man verdrehen kann, nur damit dann das spezielle akustische Profil einer Radiostation entstehen kann. Das schlimmste ist, dass durch diese übertriebenen Prozesse häufig auch die Sprecher so schlecht zu hören sind, dass man teilweise gar nicht mehr verstehen kann, was sie sagen. Da „schmieren“ Zischlaute und konkurrieren mit den Bässen. Sendeprozessoren sind so scharf eingestellt, dass wenn sie kein Hintergrundgeräusch erhalten, sofort anfangen maximal zu verstärken. Das führt zu extremen Toneffekten. Ein Geräuschteppich ist leider heute manchmal notwendig, damit die AGC-Kreise und Kompressoren der Soundprozessoren nicht übermäßig zuschlagen. Hingegen hat ein normales Programm auch mal einen Moment, in dem gar nichts zu hören ist.

Totale Ohrverschmutzung?

Na, es grenzt schon daran. Ich habe schon Verständnis dafür, dass man sagt, Radio wird zu 80 Prozent im Auto gehört und dann muss der Ton so ausgesteuert werden, dass die Nebengeräusche beim Fahren übertüncht werden. Aber was gemacht wird, geht weit darüber hinaus. Es gibt ja einen so genannten Lautheitskrieg, der von der Annahme ausgeht, dass der Sender, der am lautesten ist, am meisten gehört wird.

Zurück zu den adaptiven Algorithmen. Auf den Punkt gebracht, was ist deren großer Vorteil?

Im Wesentlichen bedeutet adaptiv im Zusammenhang mit der Audiobearbeitung „Set and Forget“. Das heißt, ich stelle das Gerät ein und kümmere mich dann nicht mehr darum. Trotzdem werde ich die maximale Qualität erhalten von der Regelung, die möglich ist.

Und wie definieren Sie diese „maximale Qualität“?

Nie hörbare negative Effekte! Deshalb braucht man die adaptive Kontrolle.

Noch mal: mit welchem Ziel genau?

Da war zunächst der genannte erste Ansatz von Jünger, klassische Musik, die digital produziert war, im UKW-Radio sendefähig zu machen. Das beinhaltet alles: die Einschränkung des Dynamik-Bereichs, die wirksame Begrenzung des Spitzenpegels, die Beibehaltung des Originalklangs. Gleichzeitig soll der Eindruck von dynamischen Strukturen erhalten bleiben obwohl das Signal bei der Ausstrahlung über UKW dynamisch viel kleiner wird als es vorher war. Die Zwischentöne zwischen laut und leise werden dabei tatsächlich reduziert, trotzdem soll die Musik lebendig bleiben.

Funktionieren denn die in Jünger-Geräten eingebauten adaptiven Algorithmen auch über alle Plattformen der digitalen Welt?

Das kommt auf die Spezifikation der Plattform an. Wir können auf jeden Fall für verschiedene Plattformen das Tonsignal optimieren. Der Vorteil der adaptiven Technik besteht immer in der völlig unproblematische Bedienung nach dem Prinzip „set and forget“, weil die Geräte nur einmal eingestellt werden müssen und dann automatisch funktionieren. Wir können mit der adaptiven Technik Signale für digitales Radio, für FM, für Satellitenradio oder für einen Internet-Stream erzeugen. Der Vorteil ist, dass der Nutzer sich nicht mehr um Details der Regelung kümmern muss. Adaptiv heißt, dass sich das Gerät in sich selber nachregelt, nachkontrolliert, nachsteuert, sich anpasst an die Bedingungen des Eingangsignals.

Jünger hat Glück gehabt und audiotechnologische Probleme aus einer historischen Situation heraus schon viel früher als andere antizipiert – oder adapiert. Was ist der nächste Meilenstein bei Jünger?

Surround-Ton und die Aufbereitung seiner Qualität, damit er übertragen werden kann. Üblicherweise haben wir zurzeit zwei Tonkanäle, Stereo. Bei Surround sind es heute sechs und mehr Tonquellen. Auf Grund der begrenzten Bandbreiten der Übertragungswege werden Surroundsignale mittels sogenannter Legacy-Codecs komprimiert. Diese Datenströme gehen dann über die Strecke und dann sitzt ein Decoder in der Empfänger-Box, der die sechs Kanäle wiederrausholt. Das ist ein Thema, das in Zusammenhang mit HDTV jetzt immer wichtiger wird, weil sich der Ton auch der immens verbesserten Bildqualität anpassen muss. Das wird vermutlich sogar im Bereich der Nachrichten vielleicht eine Rolle spielen. Entgegen früherer Erwartungen werden auch Nachrichtensendungen teilweise heute schon in HD-Qualität produziert. Der Ton hingegen kommt immer noch in Monoqualität, weil die Masse der Beiträge, zum Beispiel via Telefon, immer noch in Monoqualität als Eingangssignal vorliegt. Eine der spannenden Fragen ist, ob in Zukunft Surround Sound auch bei Nachrichten Sinn macht. Tatsächlich sind heute schon Reporter-Mikros auf dem Markt, die Surround Sound erzeugen.

Ganz klar hat sich die Jünger Audio-Studiotechnik GmbH einen großen Vorsprung zum international in der Praxis aktuell wichtigsten Audio-Thema Lautstärken-Kontrolle durch langwierige Erfahrungen in der Vergangenheit verschafft. Welche Konsequenzen hat das für den Vertrieb?

Wir wollen uns national und international im Vertrieb noch besser aufstellen. Uns ging und geht es gut, weil wir immer nur das gemacht haben, was wir uns mit unserem relativ kleinen familiären rund 30köpfigen Team in Berlin auch stemmen können. Wir sehen jetzt aber, dass wir noch viel größere Möglichkeiten haben können, und wir haben uns entschlossen diese auch wahrnehmen zu wollen. Wir vertreiben unsere Geräte schon heute von Japan bis nach Neuseeland, wo wir sogar Marktführer sind. Sogar aus Tahiti haben wir im letzten Jahr einen nicht unbedeutenden Auftrag erhalten. Wir nehmen mittlerweile an großen Ausschreibungen in China oder USA teil, wo wir gute Chancen haben, wie die Testergebnisse zeigen. Wir haben dabei auch schätzungsweise 150 Geräte schon heute in Hollywood-Studios zu stehen. Unsere Geräte sind universell bei allen Anwendern einsetzbar, die mit Lautheitsdifferenzen Probleme haben. Weil wir aber nicht für alle speziellen integrierten Technologien ein spezifisches Gerät entwickeln wollen und können, sind wir nun auch dazu übergegangen, anderen Firmen unsere auf adaptiven Algorithmen basierenden Prozessoren als Lizenzen anzubieten. Unsere Technik läuft beispielsweise auch im Headquarter von Apple Inc. Da wird unsere Technik für die Beschallung des Restaurantbereiches genutzt. Eine kleine witzige Anekdote dazu: Apple-Vertreter waren anlässlich der NAB in Las Vergas an uns herangetreten und meinten, wenn eure Geräte das machen, was ihr versprecht, dann ist das etwas für uns. Wir wollen das mal testen’. Also ist ein Vertreter von uns in Amerika dahin gefahren. Der Hintergrund war, dass Apple in einem riesigen Restaurantbereich ein Beschallungs-System zu laufen hat, bei dem die Mitarbeiter ihre MP3-Stücke hochladen können, die am Ende über die PA laufen. Weil die MP3-Versionen unterschiedlichster Natur und Aussteuerung sind, war es für die Apple-Mitarbeiter und ihre Besucher im Restaurant sehr nervend, dass es einen permanenten Wechsel in der Lautheit gab. Das wollte Apple unter Kontrolle bringen. Sie haben es mit unseren Geräten ausprobiert und waren schon nach zwanzig Minuten voll glücklich damit. Neuerdings wollen sie es auch in Ihrem Videostudio einsetzen.

Wobei geht es eigentlich – unabhängig von Jüngers Entwicklungen – bei der in Europa nun festgelegten„Loudness Control“- Regelungen?

Viele Jahre wurde im technischen Bereich der Ton nach seiner elektrischen Aussteuerung beurteilt. Man hat gemessen, wie viel Spannung das Tonsignal erzeugt, die der Lautsprecher dann in Schallwellen umsetzt und an die Ohren bringt. Aber verschiedene Tonquellen, die im elektrischen Pegel identisch sind, können trotzdem als völlig unterschiedlich laut empfunden werden. Technisch betrachtet können verschiedene Tonquellen wie Sprecher, Musik, Athmo oder anderes, die alle auf dem gleichen Pegel ausgesteuert sind, sofort zusammenmischt werden. Tatsächlich werden zum Beispiel eine männliche und eine weibliche Stimme aber unterschiedlich laut wahrgenommen. Die männliche Stimme klingt viel lauter als die weibliche, obwohl beide elektrisch den gleichen Pegel haben. Das heißt: der elektrische Pegel sagt nichts über die empfundenen Lautheiten der einzelnen Quellen aus. Das Problem der verschiedenen Lautstärken wurde insbesondere von Fernsehzuschauern beim Wechsel von Programm und Werbung als nervig empfunden. Aufgrund dieser Erkenntnisse haben sich Ende der 90erJahre die ersten Experten zusammengesetzt mit dem Auftrag einen neuen Standard zur Messung der Lautheit zu erarbeiten, der heute technologisch zur Referenz erkoren ist.

Die Idee der adaptiven Algorithmen ist schon zu Zeiten der DDR entstanden. War Jünger einmal ein staatlicher Betrieb?

Nein, Jünger Audio konnte sich erst nach der Wende entfalten.
Erika Butzek
(MB 09/11)

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