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Hardware war gestern

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Hardware war gestern

Die Zeiten in der Broadcast-Branche ändern sich. Das wurde auch wieder bei der Vorstellung der neuen Virtual Production Plattform von Sony deutlich. Sie erlaubt es, kosteneffizient und fast ohne Hardware eine Live-Produktion mit mehreren Kameras zu stemmen. MEDIEN BULLETIN war bei der Feuertaufe der neuen Plattform beim Red Bull Alpenbrevet im Schweizerischen Sarnen mit am Start.

Das Red Bull Alpenbrevet ist eine 100 Kilometer lange Mofa-Rundfahrt im schweizerischen Sarnen. In der neunten Edition der Veranstaltung trafen sich in diesem Jahr rund 1.300 „Töffli”-verrückte Menschen, die sich auf eine gemeinsame Ausfahrt mit ihren Maschinen freuten.

Auch Sony war dieses Jahr mit von der Partie um, mit neuer Technik im Gepäck, die Produktion des kultigen Events auf ein neues Level zu heben. Hubert Zäch, TV Operations Manager bei Red Bull Schweiz, war es ein Anliegen, den Fans Online und über Social Media Kanäle hinweg, einen Live-Einblick von der Ausfahrt geben zu können. „Wir haben 2010 mit rund 300 Teilnehmern gerechnet, 800 ‘Töffli’- Freunde waren letztendlich am Start und das Event ist seitdem stetig gewachsen. Dieses Jahr mussten wir die Teilnehmerzahl sogar begrenzen”, freut sich Zäch über den Erfolg des Events.

Und geht es nach Sony, ist die neue Virtual Production-Lösung genau das richtige Werkzeug, um ein solches Event kosten- und ressourceneffizient für die Fans zu Hause zu produzieren. Die Lösung ist ein On-Demand-Cloud-Produktionsservice, der alle Funktionalitäten für die Erstellung und Ausstrahlung von Inhalten über mehrere Plattformen hinweg bereitstellt.

Hintergrund für die Entwicklung des neuen Services ist die Erkenntnis, dass heutzutage wesentlich mehr Inhalte produziert und in soziale Netzwerke übertragen werden. Kleine Events, wie eben das Alpenbrevet, haben jedoch nicht immer die finanziellen Kapazitäten, um in hochwertige Produktionsinfrastruktur oder professionelle Kreative zu investieren. „Live-Inhalte ziehen die Menschen förmlich vor die Endgeräte. Es ist sehr leicht, eine emotionale Bindung zu einem Event aufzubauen, von dem man weiß, dass es gerade irgendwo auf der Welt stattfindet”, erklärt Nicolas Moreau, Live Media Solution Marketing Manager bei Sony, und sagt weiter: „Oftmals scheitert eine Live-Produktion jedoch an den hohen Kosten, Logistikaufwand oder dem fehlenden Personal.“

Die Lösung von Sony verspricht einen reibungslosen Produktions-Workflow mit Zugang zu einem Cloud-basierten Bildmischer und einer anschließend schnellen Bereitstellung der Bilder auf sozialen Netzwerken, Websites, Apps oder CDN-Plattformen.

Für den Stream wird eine WLAN- oder Verbindung zwischen den Kameras und dem HTML-basierten Switcher benötigt. Dieser kann auf jedem Computer, Tablet oder auf dem Smartphone aufgerufen werden.

„Wenn wir bei solch kleinen Events in der Vergangenheit Livebilder gezeigt haben, dann waren das kurze Instagram-Live oder Facebook-Live Eindrücke. Die Virtual Production von Sony macht es uns mit nur wenig mehr Aufwand möglich, eine wesentlich höhere Produktionsqualität zu liefern”, meint Zaech und führt aus: „Es wäre definitiv zu teuer gewesen, einen Ü-Wagen für die Übertragung anzumieten. Solche Aktionen machen wir nur bei sehr großen Red Bull Events wie dem Klippenspringen oder dem Air Race. Auch Systeme wie die von LiveU hätten einen zu hohen Technikaufwand bedeutet.“

Dass die Lösung vollständig auf Bandbreiten aus dem Mobilfunknetz angewiesen ist, darüber ist man sich bei Sony im Klaren: „Mittlerweile gibt es Mittel und Wege sich Bandbreiten im Vorfeld sichern zu lassen. Außerdem gehen wir davon aus, dass Netzabdeckung und Datendurchsatz in Zukunft keine Probleme darstellen werden“, schätzt Moreau die Situation ein.

 

Produktion in Sarnen

Bei der Produktion in Sarnen verteilten sich vier Teams auf der Strecke und filmten die Rundfahrt mit Sony PXW-X200 und der PXW-Z90 Kamera, die alle über einen 4G-Dongel mit dem Internet verbunden waren. Zusätzlich fuhr ein Motorrad die Strecke ab, um stets neue Bilder von den Fahrern einzufangen. Eine Action-Kamera, die Sony FDR-X3000, wurde an einem Mofa befestigt und lieferte zusätzlich Bilder aus der Fahrerperspektive.

Das Produktions-Office befand sich an Start- und Ziel in Sarnen. Eine Kommunikationsexpertin von Red Bull war hauptverantwortlich für den Zusammenschnitt der Bilder. „Meine jungen Kollegen sind alle Digital Natives. Da war es gar kein Problem, die Kameras mit dem Virtual Production Service zu verbinden und jemanden zu finden, der den Schnitt übernehmen kann“, so Zäch. Die Verzögerung von der Kamera zum Switcher beträgt etwa zwei Sekunden. Etwa zehn bis 20 Sekunden später ist der Stream dann auf den jeweiligen Social Kanälen zu sehen. „Natürlich können wir mit unserem System keine Frame-genaue Übertragung anbieten, die Verzögerung hält sich aber dennoch in Grenzen”, erklärt Moreau.

Für die Übertragung von 720p in sehr guter Qualität wird an den Kameras eine Datenverbindung von rund sechs MB/s benötigt. Für hochqualitatives 1080i sind es laut Sony etwa zehn MB/s.

Die Verbindung zwischen den Kameras und dem virtuellen Switcher wird entweder über das RTMP- oder das QS-Protokoll hergestellt. Das QS-Protokoll ist ein von Sony entwickeltes Protokoll, das bei schlechter Internetverbindung die Bildqualität so reguliert, dass es zu keinen Bild- oder Ton-Abbrüchen kommt. Dieses Protokoll ist ausschließlich in Sony Kameras integriert.

 

HTML 5 basierter Switcher

Der Switcher der Virtual Production versucht die wichtigsten Features eines Broadcast-Switchers in eine möglichst leicht zu bedienende HTML-Oberfläche zu integrieren. So können bis zu sechs Kamerasignale verarbeitet werden, der Sound geregelt und etwa Logos sowie Bauchbinden eingebunden werden. Die Tasten auf dem Laptop können mit Shortcuts belegt werden, sodass die einzelnen Kameras mit nur einem Tastendruck angewählt werden können.

Zusätzlich ist es möglich, Clips in den Switcher zu laden um diese dann zwischen den Kamera-Signalen einspielen zu können. „Das ist ein praktisches Feature, das den Stream wesentlich hochwertiger macht. Teaser-Clips oder Werbung einzubinden ist damit sehr einfach ”, findet Moreau. Produzierte Events werden in der Cloud aufgezeichnet und für die Verwendung danach gespeichert.

Als User loggt man sich vor der Produktion auf einer Web-Oberfläche in einem Event-Management Tool ein, das einem erlaubt, alle geplanten Events anzusehen und zu organisieren. Eine Set-Up-Seite ermöglicht die Erstellung eines neuen Events und macht Rechtevergabe möglich. So kann beispielsweise definiert werden, welcher User den Bildschnitt übernehmen darf, wer Zugriff auf den Ton hat und wer die Social Integration verantworten darf.

Auch das Thema Produktionssicherheit hat Sony bedacht. Verliert eine Kamera langsam an Bandbreite und droht auszufallen, lässt sich das im Switcher erkennen und der Operator hat die Möglichkeit, auf eine andere Kamera zu switchen.

Sollte der Laptop, auf dem der Switcher läuft, die Verbindung mit dem Internet verlieren oder ganz ausfallen, läuft das Programm wie eingestellt weiter. Nachdem mehreren Endgeräten Switching-Rechte eingeräumt werden können, lässt sich der Betrieb von einem Backup-Device wieder aufnehmen.

Das Angebot von Virtual Production von Sony lässt sich leicht zusammenfassen: Benutzer zahlen nur für das, was sie benötigen und wenn sie es benötigen. Der selbst entwickelte Service wurde entworfen, um die Kosten von Live-Produktionen zu senken und Filmemachern zu ermöglichen, ihre Reichweite und Umsätze zu steigern. Produktionsteams benötigen nur ihre Kameraausrüstung. Sie können sich dann bei ihren persönlichen Virtual Production-Portalen anmelden, ihre Kameras synchronisieren und Inhalte auf einer „Pay-As-You-Go“-Basis ausstrahlen.

„Sony hat sich zum Ziel gesetzt, Kunden wie Red Bull zu unterstützen, ihre Marken und Zielgruppen zu erreichen und aufzubauen“, erklärt Stuart Almond, Head of Marketing and Communications, Media Solutions bei Sony Professional. „In einer Zeit sich verändernder Sehgewohnheiten, in der mehrere Bildschirme und Plattformen genutzt werden, müssen sich Medienunternehmen neue Technologien und Dienste zu Eigen machen, die den Wert von Inhalten erhöhen und die Zielgruppen auf neue und aufregende Weise ansprechen. Virtual Production zielt genau hierauf ab. Das von Red Bull veranstaltete Alpenbrevet war die ideale Veranstaltung, um die neue Lösung auf Herz und Nieren zu prüfen und unseren Kunden zu zeigen, was die Lösung ihnen bieten kann.“ Virtual Production soll also die Lücke zwischen den traditionell schweren Live-Produktionslösungen von Fachleuten und den Benutzeranwendungen zum Live-Streaming schließen. Durch die Flexibilität des Service können mehr Veranstaltungen übertragen und ein professionelles Programm geboten werden, da die Kernproduktion in der Cloud gehostet wird.

Und auch Zäch zeigt sich nach der ersten Produktion durchaus angetan und sieht einen neuen Konkurrenten zu etablierten Remote-Produktionslösungen: „Wenn die Bildqualität noch besser wird, kann ich mir vorstellen, dass die Virtual Production ein Konkurrent zu LiveU werden könnte.“

Die Kosten zur Nutzung des neuen Services sind noch nicht 100 Prozent finalisiert. Moreau verspricht bis zum offiziellen Start der Lösung im September 2018 verschiedene Packages für unterschiedliche Use-Cases schnüren zu wollen. Grundsätzlich soll eine Stunde Streaming rund 100 Euro kosten – umso mehr produziert wird, umso günstiger der Service.

Niklas Eckstein

MB 3/2018

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