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1-Million-Euro-Filme

Der Kostendruck der Sender ist auch bei der Fiktion angekommen und das 1-Million-Euro-Movie längst kein Tabu mehr. Anlass für Grundy UFA sowohl mit ihrerProduktionserfahrung bei der täglichen Serie als auch mit ihren Kreativen in dieses Segment vorzustoßen. Den Anfang macht „Callgirl Undercover“ für Sat.1. Gedreht mit der RED One im 35mm-Look, bietet der von Ulli Baumann inszenierte Film eine Bildbrillianz und Schärfentiefe, wie man sie im deutschen Fernsehen nur von hochwertig gedrehten US-Serien und Kinofilmen kennt.

Ziel von Grundy UFA ist es TV-Movies – und perspektivisch auch Prime-Time-Serien – deutlich günstiger als bisher anzubieten und sie zugleich mit einem hochwertigen 35-mm-Kino-Look auszustatten. Bisher werden TV-Movies und Prime-Time-Serien in Deutschland auf Super16-Filmmaterial gedreht, die jedoch nicht die technische Qualität, die Bildbrillianz und die Schärfentiefe von Bildern erreichen, die mit 35-mm-Optiken auf 35mm-Material gedreht werden. Dies ist hierzulande dem Kino vorbehalten. Noch, denn die digitale Aufnahmetechnik ermöglicht nun auch für das Fernsehen ein entsprechendes Bild und dies für einen günstigen Preis. „Mit 'Callgirl Undercover' werden wir beweisen, dass der 35mm-Look für ein TV-Budget machbar ist“, sagt Ernst Feiler, Head of Technology der Grundy UFA. „35mm ist das Synonym für Hochwertigkeit und ich bin mal gespannt, wie die Branche auf unseren Vorstoß reagieren wird.“

Damit dieses Unternehmen gelingen kann, braucht es aber nicht nur die neue Technik und einen effizienten Workflow, es braucht eine grundlegend andere Weise der Produktion und Drehbucharbeit, denn der Zuschauer darf auf gar keinen Fall den Eindruck haben einen 'Spar-Movie' zu sehen. Dies wollen weder Produzent Grundy UFA noch Sat.1, die diesen Film im Umfeld ihrer 'normal' finanzierten Movies zeigen. Den ersten 1-Million-Movie, den Sat.1 ins Programm nahm, war „Klick ins Herz“ mit Annette Frier und Rene Steinecke. Mit der richtigen Planung, ist dies jedoch kein Problem. „Es werden von vorne hinein Eckpunkte fest gelegt, die zu beachten sind“, erklärt Guido Reinhardt, Produzent und Creative Director der Grundy UFA, die Regeln. „Wenn es klare Absprachen gibt, innerhalb derer der Autor die Geschichte aufbauen und entwickeln kann, fühlt er sich auch ernst genommen.

So kommt es nicht zu der unschönen Situation, dass ein Buch solange zusammen gestrichen wird, bis es zwar ins Budget passt, aber nur noch ein klappriges Gerüst übrig bleibt, das nirgends ankommt.“ Thorsten Degen, stellvertretender Geschäftsführer sowie Director Finance and Production der Grundy UFA verweist darauf, dass es neben dem zielgerichteten Schreiben und Inszenieren auch immer wieder darum geht zu entscheiden, was im Bild selbst einen Mehrwert darstellt, etwa durch die Ausstattung, oder nur bloße Verschwendung ist: „Alle Abteilungen sind konsequent darauf ausgerichtet, dort etwas hinein zu geben, wo der Zuschauer es bemerkt und dort alles weg zu lassen, wo er es nicht bemerkt.“
Allerdings heißt dies nicht, dass jetzt alles auf den 1-Million-Euro-Movie ausgerichtet wird. Es wird nach wie vor Filme mit höherem Budget geben, weil ihre Geschichten gar nicht anders zu erzählen sind. TV-Movies mit einem Budget von einer Mio. Euro müssen gewissen Parametern folgen, um erfolgreich zu sein und wie Guido Reinhardt betont, wird dieser Weg nicht allein deswegen eingeschlagen, weil man es kann, sondern weil die Umstände es so verlangen und weil man nicht will, dass „Fiktion als Teil der Unterhaltung vom Bildschirm verschwindet“. „Das Geld wird weniger, gleichzeitig aber steigen die Erwartungen der Zuschauer an die inhaltliche und technische Qualität“, beschreibt Reinhardt die Anforderungen an das Endprodukt.

Nicht mehr als 18 Drehtage

Die wichtigste Regel, um dies zu erreichen und der sich daher alles anzupassen hat, lautet: nicht mehr als 18 Drehtage. Die erzielt man am Besten mit wenigen Sets, Studiodrehs und Regisseuren, die Erfahrungen mit zügigen Seriendrehs haben. Denn mit den 1-Million-Euro-Movies soll nicht nur den Talenten aus den eigenen Reihen der täglichen Serien eine Chance gegeben werden, sondern es soll nach wie vor auch mit großen Namen gearbeitet werden, die allerdings ihren Preis haben.
So stehen in „Callgirl Undercover“, dem ersten Projekt der neu geschaffenen Movie-Abteilung der Grundy UFA, auch Jeanette Biedermann (in der Titelrolle) sowie Stephan Luca und Dirk Borchardt vor der Kamera. Das Drehbuch von Arndt Stüwe entstand nach einer Idee des Drehbuchautors und freien Producers Ron Markus, der hier als Producer an Bord ist und unter anderem mit Phoenix Film, teamWorx und Icon weitere Projekte entwickelt. Aufgebaut und betreut wird die Grundy UFA-Movie-Abteilung von Alexander Dannenberg als Head of Movie Production und ausführendem Produzent.
Auftraggeber Sat.1 sucht aktiv solcherart günstig umzusetzende Stoffe und wandte sich über die verantwortliche Sat.1-Redakteurin Anne Karlstedt an Markus. Gemeinsam sprach man Grundy UFA an, weil man ihr aufgrund ihrer Daily-Erfahrung zutraute, den Film tatsächlich für unter einer Mio. Euro zu realisieren. „Die Anforderungen waren von Beginn an klar: es musste eine Hauptlocation geben, die leicht zu filmen ist und der Film durfte sich von der Art der anderen Filme, die auf dem Sendeplatz zu sehen sind, nicht unterscheiden“, sagt Ron Markus. „Daher ist 'Callgirl Undercover' auch kein Kammerspiel, die Geschichte ist einfach nur intelligent geplant.“ Immerhin gibt es zehn Innenmotive, die logistisch ähnlich angeordnet sind wie die Sets täglicher Serien. Gedreht wird an 15 Tagen, die vom Line Producer Gunnar Juncken genauestens durchgeplant wurden. Davon zehn bei 'Flatliners', die ein ehemaliges Krankenhaus in Berlin-Dahlem an Filmproduktionen vermieten, und fünf Tage on location.

Das übersetzt sich auf die Aufzeichnung von acht Minuten sendefähigem Material pro Tag. „Das schaffen wir nur mit einem qualitativ hochwertigen Team“, betont Alexander Dannenberg. Einem Team vor Ort und in der Postproduktion, muss man in diesem Fall differenzieren. Denn einerseits ist das tägliche Drehvolumen nur mit Leuten zu schaffen, die Erfahrungen aus dem zügigen Arbeiten in der täglichen Serie haben, wie Regisseur Ulli Baumann; andererseits ist der Mehrwert eines Movies nur über die digitale Produktion zu erreichen sowie dem damit verbundenen file-basierten Workflow, der den Aufwand im finanziellen Rahmen einer Fernsehproduktion hält.

Filebasierte Aufzeichnung

Im Sommer 2007 begann Grundy UFA damit seine erste Produktion bandlos aufzuzeichnen. Parallel dazu wurde die technische Zentrale – die GUSS (Grundy UFA Sendebandservice) – aufgebaut. Heute zeichnen alle sechs tägliche Serien der Grundy UFA file-basiert auf. „Die Handlingkosten entfallen, wenn man keine Schnittstellen oder Medienbrüche bedienen muss“, nennt Degen die konkreten Einsparungen dieser Produktionsweise. Die Aufzeichnungen werden von den Drehorten in Köln, Berlin und Babelsberg in die GUSS überspielt, die im rückwärtigen Teil des FZB (Fernsehzentrum Babelsberg) auf dem Gelände des Studio Babelsberg untergebracht ist. Im vorderen Teil befinden sich die Innensets der ZDF Telenovela „Hanna – Folge deinem Herzen“, sowie die Sets der RTL-Daily Soap „Gute Zeiten - Schlechte Zeiten“ und wenn man aus den Fenstern der Büros im dritten Stock schaut, schaut man auf die Außenkulisse von „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“, mit der Grundy UFA in Deutschland vor 18 Jahren das Zeitalter dieses Formats begann.

Die Arbeitsräume zeichnen sich in erster Linie durch eine klare Kargheit aus. In den meisten Räumen stehen lediglich Tische mit drei Monitoren und einer Tastatur. Der Serverraum ist ungewohnt geräumig. Die Server brauchen kaum Platz. Doch ihre Größe täuscht. Sie haben eine Speicherkapazität, die es erlaubt hier das Äquivalent von zehn TV-Movies pro Woche durchzuschleusen. Ein TV-Movie verbraucht inkl. aller Sicherheitskopien rund 6 Terabyte. MAZen sind überhaupt nicht mehr vorhanden und die Rekorder für Digibeta sind ein Auslaufmodell. Sie stehen hier nur noch, weil der eine oder andere Sender noch auf dieses Anlieferungsformat besteht. Entsprechend leer sind die Regale für die Bänder. Ziel von Feiler ist es, das fertige Produkt – ob Serienfolge oder Movie – ausschließlich als Datei zu archivieren und per Datenleitung zu verschicken. Das wird dann Ende des Jahres erreicht sein. Mit dem Verzicht auf Bänder und dem reinen Gebrauch von Dateien – den Files – fühlt man sich bei Grundy UFA inzwischen wohl. „Es kommt darauf an, dass die Technik praktikabel ist und man sich mit ihr sicher fühlt“, sagt Marc Schwellenbach, Koordinator Postproduktion bei GUSS. Dafür sorgt nicht nur die reguläre Speicherung auf RAID-Speichern, sondern auch zwei weitere Sicherungen.
Die grundsätzliche Überlegung hinter dem filebasierten Workflow ist die Überlegung effizienter, kostengünstiger und ohne Medienbrüche arbeiten zu können. Letzteres ist insofern ein gewichtiger Aspekt, da es auch bei digitalen Dateien mit jedem Kopieren einen Qualitätsverlust gibt. Das hat damit zu tun, dass jedes Aufzeichnungsmedium mit einem anderen Codec arbeitet. Der Qualitätsverlust tritt dann beim Umrechnen ein. Im Fall von „Callgirl Undercover“ wird mit einer von Ludwig Kameraverleih bereit gestellte RED One-Kamera im 4K-Modus mit Optiken für 35mm-Kameras aufgezeichnet, um möglichst die filmtypische Tiefenschärfe erzielen zu können. Mit der RED One wären auch Aufnahmen im 2K-Modus möglich gewesen. Doch damit wollte man sich bei Grundy nicht zufrieden geben. Laut Feiler ist der Qualitätsunterschied von 4K und 2K selbst dann sichtbar, wenn der Film am Ende nur auf analogen Fernsehern im PAL-Format ausgestrahlt wird. „In HD wird es noch deutlicher. Der Schlüssel für Bildqualität steckt in dem Ausgangsmaterial und wie es erzeugt wurde“, betont er.

Die von Feiler aufgebaute Infrastruktur bedient Soaps genauso wie Hollywood-A-Filme. Das Herzstück ist das mit vier Technik-Oscars ausgezeichnete Filmlight Baselight, mit dem alle Schritte der digitalen Nachbearbeitung durchgeführt werden können, für die bis vor kurzem noch verschiedene Arbeitsstationen notwendig waren.
„Das Baselight ist ein Finishing Tool mit einem hochintuitiven Interface, das weit mehr leisten kann, als die herkömmlichen Maschinen für das Grading“, erklärt Feiler. „Es ist für Hollywoodansprüche entwickelt worden und wir sind die Ersten, die das Gerät für den TV-Markt einsetzen.“ Doch zuerst werden die Daten aus der Kamera in die GUSS geschickt. Dort werden sie sofort überprüft und die Muster an den Set zurück gespielt. Dort können sie etwa auf dem iPhone gesichtet werden und – wie schon passiert – die Szene gegebenenfalls rasch wiederholt werden, da die Schauspieler noch in Kostüm und Maske vor Ort sind. Nachdem die Daten übertragen sind, werden halbautomatisch Bild und Ton angelegt, während im Hintergrund ein Pregrading stattfindet.
Das Ergebnis kommt schon sehr genau an das fertige Bild heran. Dann wird das Material für den Schnitt mit den entsprechenden Codecs in HD ausgespielt und abrufbereit auf den Server gelegt. Geschnitten wird Online. Da MIT- und nicht mehr Broadcast-basiert gearbeitet wird, sind alle Arbeitsplätze Multifunktionsarbeitsplätze, an denen man auch Visual Effects einfügen kann.
Die erste in HD produzierte Serie der Grundy UFA ist „Eine wie Keine“ für Sat.1. Die erste in HD ausgestrahlte Serie ist seit dem 25. Februar „Hanna –
Folge deinem Herzen“ für das ZDF. Für die Aufzeichnung der Serien kommen P2-Kameras von Panasonic zum Einsatz.

Aufbrechen der Produktionsweise

Feiler betont, dass die filebasierte Produktionsweise nicht nur Video sondern auch Film ablösen wird. „2010 wird es auch wegen des vielen originären HD-Contents zum Aufbrechen der Produktionsweise auch woanders kommen“, ist er überzeugt. Dennoch sieht er noch immer eine große Zurückhaltung. „Eigentlich sollte diese Möglichkeit der Produktion Jedermanns Herz höher schlagen lassen, der in 35mm-Qualität drehen will“, sagt er, entdeckt aber nirgends diese Begeisterung. So bleibt diese Produktionsweise vorerst eine Domäne der Grundy UFA, die sie kontinuierlich fortentwickelt. Auch „Callgirl Undercover“ wird weitere Erfahrungen bringen, die in die weitere Optimierung der Prozesse einfließen. „Als Zwischenfazit können wir sagen, dass alle Erwartungen übertroffen wurden“, sagt Feiler. „Aber dies ist nicht das Ende unserer Bemühungen, sondern erst der Anfang. Bei der weiteren Optimierung der Prozesse des digitalen Workflows gibt es noch viel Potential, das noch nicht genutzt aber bereits adressiert ist.“

In diesem Zusammenhang ist Feiler froh, dass er mittlerweile direkt beim Hersteller der Technik Gehör findet und dies nicht mehr ausschließlich über Berufsverbände und Dienstleister läuft. „Dieser Umweg führte zwar graduell zu Verbesserungen, ist für die Produzenten aber immer mit Kosten verbunden. Die Interessen der Produzenten müssen wir gegenüber den Herstellern direkt und ganzheitlich formulieren“, sagt er. „Wir möchten es nicht passieren lassen, sondern auf Augenhöhe steuern – und das Preis-Leistungsverhältnis wird dadurch auch besser.“ - „Dies ist der Vorteil einer eigenen Technikabteilung“, ergänzt Degen. „Wir können unsere Bedürfnisse klar benennen, während sich andere beraten lassen müssen.“ Dies heißt natürlich auch, dass bei zukünftigen Movies die Kameratechnik eingesetzt wird, die sich als am Besten geeignet erweist. Mit Spannung erwartet Feiler daher schon die Fortentwicklung der RED und die neue Arri D23, die beide noch für dieses Frühjahr/Frühsommer angekündigt sind.

Für Grundy UFA beinhaltet die Ausweitung ihres Knowhows auf Movies und Prime-Time-Serie nicht nur eine interessante Geschäftsperspektive. Auch der aus rund 800 Autoren, Regisseuren und anderen Mitarbeitern im Serienbereich bestehende Pool profitiert davon. „Es entstehen synergetische Effekte, die der Firma sehr gut tun“, erklärt Produzent Reinhardt. Die Ausweitung der Aktivitäten erlaubt den Serienleuten auch außerhalb der täglichen Serien zu arbeiten und so andere Projekte innerhalb von Grundy UFA zu verfolgen.

Als erstes ist aus diesem Ansatz die Movie-Reihe „Meine wunderbare Familie“ für das ZDF entstanden, die aus „Bianca – Wege zum Glück“ hervor ging. Insofern dient die Ausweitung des Produkt-Portfolios noch einem anderen Zweck: als weiterer Baustein zur Bindung von Mitarbeitern und ihrer Kreativität. Der erste Baustein ist das Ansparen eines Auszeitkontos. „Wir wollen die kreative Leistungsfähigkeit unserer Mitarbeiter auch dadurch erhalten, dass wir ihnen die Möglichkeit geben, an anderen Projekten zu arbeiten“, präzisiert Reinhardt den Hintergedanken und erhofft sich dadurch ein Umdenken der Branche.
Perspektivisch möchte Grundy UFA ihr Konzept auch auf Prime Time-Serien übertragen. „Unser Anspruch ist, immer auch den Reihen- oder Serien-Gedanken in die Movies zu integrieren“, sagt Reinhardt. „Die Serienbeauftragung tendiert zurzeit gegen Null. Daher ist es nicht schlecht, Ideen mit potentiellem Seriencharakter umzusetzen.“ Das heißt aber nicht, dass jedes Movie von Grundy UFA als Backdoor-Pilot konzipiert wird. Zu den sechs Movies, die nach dem beschriebenen Muster sowohl für die öffentlich-rechtlichen, als auch die privaten Sender entstehen sollen, gehört auch ein Event-Movie. „Es wird eine Männer-Frauen-Komödie, getarnt als Abenteuer-Film, sein, die zu 80 Prozent nicht in Deutschland spielt“, verrät Reinhardt schon einmal. Und die Event-Movies dürfen dann auch etwas teurer sein. Nämlich 2,5 bis 3 Mio. Euro. Thomas Steiger
(MB 04/10)

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