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International schwer zu verkaufen

Ende April wurde in Berlin vom Erich Pommer Institut in Kooperation mit Media X Change das „European TV Drama Series Lab 2012“ veranstaltet. Hochrangige Vertreter europäischer TV-Sender und -Produktionshäuser diskutierten hier über die Serie als Königsklasse der Fernsehproduktion. Eine Frage dabei war: Wie kann man in Europa Serien machen, die auch in den USA funktionieren?

Hat die Kritik einen Liebling unter den Serien ausgeguckt wie aktuell „Mad Men“, ist schnell die Rede von TV-Roman und die Serie wird mit den großen europäischen Gesellschaftsromanen der vorletzten Jahrhundertwende, wie etwa Thomas Manns „Buddenbrocks“, gleichgesetzt. Dumm nur, dass die TV-Gesellschaftsromane der Neuzeit sämtlich aus den USA kommen. Dies lässt sich an zwei wesentlichen Gründen festmachen: Fernsehen ist in den USA sehr viel stärker Teil des gesellschaftlichen Diskurses und der gesellschaftlichen Reflektion als in Deutschland. Daher wird die Entwicklung des seriellen Erzählens in all seinen Formen gepflegt und vorangetrieben. Zum Zweiten ist der US-Markt anders strukturiert. Davon abgesehen, dass er größer ist, sieht man dort auch nicht die Auswüchse des Free-TV wie hierzulande.
So konnten sich Bezahlsender entwickeln, die sich durch hochwertige Nischenware positionieren. Nur 1,5 Millionen Zuschauer braucht die in den sechziger Jahren spielende Serie „Mad Men“ um profitabel zu sein, sagt Frank Spotnitz, Executive Producer und Autor von „The X-Files“, beim „European TV Drama Series Lab“. Eine Zuschauerschaft, würden sich ARD und ZDF nicht dem Quotenrausch ergeben, die auch hier die ein oder andere interessante Serie jenseits des Krimi-Mainstreams zusammen bekommen würde.
Der Effekt ist, dass der Zuschauer mehr über die gesellschaftlich-historischen Entwicklungen in den USA weiß, als über die eigene. Zwar ist das Interesse an Serien wie die hochgelobten „The Wire“, „Boardwalk Empire“ oder „Mad Men“ hierzulande sehr klein. Dennoch gibt es einen ähnlichen Erzählversuch in Deutschland höchstens mit der ARD-Serie „Weißensee“.

Spotnitz, der zur Zeit in Großbritannien an der BBC- und HBO-Koproduktion „Hunted“ arbeitet, sprach bei dem Panel „European TV Drama Series Lab“, einer öffentlichen Veranstaltung im Rahmen des gleichnamigen viertägigen Workshops für Autoren, Showrunner und Produzenten. Bei dem Panel ging es um die Zukunft der europäischen Drama-Serie. Immerhin haben es zwei von ihnen kürzlich in die USA geschafft: „Borgia“ der französischen Atlantique Productions und „Lilyhammer“ der norwegischen Rubicon. Weitere Serien werden „Hunted“ sein oder „Eleventh Hour“, beides Koproduktionen mit Großbritannien.

Sowohl der Workshop als auch das Panel gingen der Frage nach unter welchen Umständen man aus Europa heraus Serien machen kann, die auch in den USA funktionieren, um der Vorherrschaft des amerikanischen TV-Romans etwas entgegenzusetzen. „Genre funktioniert weltweit und ist im Grunde eine gute Idee“, beantwortet Zak Shaikh, US-Geschäftsführer der Beratungsfirma Attentional die Frage und setzt später einen weiteren Allgemeinplatz hinzu: „Das Publikum will Teil der Geschichte werden.“ Etwas konkreter wird da schon Klaus Zimmermann, Produzent von „Borgia“ und „The Transporter“ (RTL). „Man braucht schon eine Marke wie 'The Transporter' oder etwas, was man zur Marke machen kann oder einen Star in einer der Hauptrollen“, sagt er und dämpft die Erwartungshaltung zugleich enorm: „Originalideen sind international schwer zu verkaufen.“

Das altbekannte Problem, warum die wenigsten Stoffe letztendlich international verkaufbar sind, benennt Frank Spotnitz: Kultur. Dennoch hat er den Trend ausgemacht, dass immer mehr Serien in der Lage sind durch die verschiedenen Kulturen hindurch zu diffundieren – allerdings um den Preis nur ein kleines Publikum zu erreichen. Um sie dennoch finanziert zu bekommen, erscheint die internationale Koproduktion als Ausweg. Aber hier erweist sich die Sichtweise oft genug als größte Hürde. Sieht ein Deutscher eine geschichtliche Entwicklung genauso wie ein Franzose, Brite, Pole oder Amerikaner? Hinzu kommt das Zusammenstellen internationaler Teams, die die unterschiedlichsten Systeme gewohnt sind. Zimmermann merkte an, dass die Anwälte am meisten von internationalen Produktionen profitieren.

Fazit der Veranstaltung ist, dass das Anschieben internationaler Serienproduktionen das Bohren extrem dicker Bretter bedeutet. Ein Rezept gibt es auch hier nicht. Die Autoren von „Lilyhammer“ haben den Hauptdarsteller Steven Van Zandt bei einem Springsteen-Konzert in Oslo angesprochen und „Borgia“ kam erst durch eine substantielle Infusion von Jan Mojto zustande. Es ist auch immer eine Frage von Glück und eines starken Fürsprechers, wie der britische Autor und Regisseur Stephen Gallagher betont.
Thomas Steiger
(MB 06/12)

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