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König Fußball regiert nun in HD

Das WDR-Flaggschiff „Die Sportschau“ hat seine Produktionsabläufe zum Rückrundenstart der Fußball-Bundesliga auf HD umgestellt. Am 16. Januar wurde dazu die neue HD-Zentralregie des WDR in Betrieb genommen. In der Übergangsphase zum HD-Regelbetrieb spielen hier Konverter eine wichtige Rolle.

Nur einen Tag nach der Übertragung der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Vancouver, mit dem die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF offiziell den Simulcastbetrieb in HD aufnehmen, wird auch die vom WDR in Köln für die ARD produzierte Sportschau in HD auf Sendung gehen.
Am 16. Januar wurde die neue HD-Zentralregie im WDR pünktlich zum Start der Rückrunde der Fußballbundesliga in Betrieb genommen. Von nun an wird in dieser Regiezone alles komplett in HD produziert. Die Devise in der Übergangsphase zur durchgängigen HD Produktion lautet, die Produktionskosten im Rahmen zu halten und dabei so viel HD wie möglich zu produzieren.
Im Zuge ohnehin erforderlicher Ersatzinvestitionen wurde die HD-Fähigkeit des WDR für diese erste und weitere HD-Produktionen sicher gestellt. Nach und nach wurden hierzu der Schaltraum, die Studioregie und die vernetzte Produktionsplattform umgerüstet. Freilich ist die schöne neue HD-Welt noch längst keine einheitliche Produktionsfamilie. Die von der Produktionstochter der Deutschen Fußballliga, der Sportcast GmbH, produzierten Basis-Signale werden in 1080i geliefert und müssen im WDR in das Format 720p/50 umgewandelt werden. ARD und ZDF haben sich bei ihrer Entscheidung für den Standard 720p/50 ganz bewusst der Empfehlung der Europäischen Rundfunk-Union (EBU) angeschlossen.
Für die Übertragung von Bildern mit schnellen Bewegungen, wie etwa von Sportveranstaltungen, eignet sich das Format 720p/50 besser als das Format 1080i/25. Dabei werden pro Sekunde 50 Vollbilder mit jeweils 720 Zeilen übertragen, was gegenüber dem Standard 1080i/25 eine höhere Zeilenauflösung bedeutet, da in diesem Fall pro Sekunde lediglich 50 Halbbilder mit jeweils nur 540 Zeilen übertragen werden. Weitere Vorteile des 720p/50-Standards liegen in der höheren Effektivität bei der Kompression, was für geringere Bandbreiten bei der Distribution sorgt.
Die Fußballliga und die Dienstleister haben sich 2006 anlässlich der Fußballweltmeisterschaft für die HDCAM-Aufzeichnung und das Format 1080i/25 entschieden und die gesamte Infrastruktur danach ausgerichtet.



Zum HD-Konzept der Sportschau erklärt der Herstellungsleiter Sport beim WDR, Peter Lucassen: „Wir nehmen eine Regiezone in Betrieb, die gar nichts anderes als HD kann. Das heißt, dort werden wir nur noch HD-Signale produzieren, unabhängig davon, welche Basissignale hineinkommen oder welches Signal wir am Ende wieder abgeben. Wir haben uns bei der Berichterstattung aus den Bundesliga-Stadien auch dafür entschieden, dass vor Ort die Welt in 1080i/25 bleibt und erst bei uns in 720p/50 gewandelt wird. Hierdurch ist es möglich, die Parameter der Wandlung selbst zu bestimmen und dem Zuschauer zu Hause die bestmögliche Qualität anzubieten. Um in der Übergangsphase zum HD-Regelbetrieb alle gängigen SD- und HD-Formate im jeweils benötigten Format zur Verfügung zu stellen, mussten wir in entsprechende Konverter investieren, mit denen alle ankommenden Signale für das Studio gewandelt werden.“

In der Samstags Sportschau wird zunächst aus Kostengründen nur aus den Bundesliga-Stadien das HD-Signal direkt übernommen, die Berichte aus der zweiten und dritten Liga gehen in SD durch die Leitung und werden im Hauptschaltraum des WDR hochkonvertiert.
„Sportcast produziert auch alle Zweitliga-Spiele in HD, „doch das ist derzeit finanziell nicht darstellbar, die Spiele der Zweiten Liga auch noch in HD hierher zu holen“, so Lucassen.
Die ARD verfolgt eine sukzessive Umstellung auf HD. In der ersten Phase sind die Premium-Produkte an der Reihe wie die Olympiade, die Fußball-Bundesliga und die WM in Südafrika.
Die Spiele der Bundesliga werden direkt aus den Stadien über das Glasfasernetz der Media Broadcast größtenteils unkomprimiert zum Funkhaus nach Köln übertragen – in einer Datenrate von 1,5 Gbit/s. „Über diese Netze können wir während der Sportschau live direkt in die Stadien schalten und ebenso kommen die Spielberichte von den einzelnen Plätzen zu uns und werden dann live vertont in die Sendung eingespielt.“

Neun Leitungen für die 1. Bundesliga
Für die Sportschau am Samstag werden mindestens fünf Leitungen von den Spielplätzen benötigt, an den letzten beiden Spieltagen vor der Meisterschaft sind es neun.
Die Sportschau am Samstag erweist sich als komplexes und sehr aufwendiges bis ins Detail geplantes Szenario.
Hier lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen, um zu verstehen, wie die Produktion der fünf live eingespielten Bundesligaberichte funktioniert, die in schneller Folge hinter einander gesendet werden.
Wenn 17.15 Uhr sich in den fünf Bundesliga-Stadien die Ränge leeren, bleibt gerade noch eine knappe Spiellänge-Zeit, bis die Berichte von den Erstliga-Partien in der Sportschau gesendet werden. Das alles nach Plan läuft, wenn die Sportschau mit den Bundesligaberichten live auf Sendung geht, erweist sich als feines Zusammenspiel zwischen Studio, Regie, dem Dispatcher-Team beim WDR sowie den Redaktions- und Produktionsteams in den Stadien sowie einer ausgefeilten Infrastruktur, die speziell für die Bundesliga-Sportschau entwickelt und installiert wurde. Die entsteht in der Dispatcher-Zentrale, im Schaltraum im WDR und im Studio, das live auf Sendung geht, sowie in den Ü-Wagen vor den Stadien, wo die Spielberichte bearbeitet und live ins Studio eingespielt werden – inklusive Rückkanal für grafische Bearbeitungen, die im WDR erstellt werden und zu dem Reporter-Team im Ü-Wagen gesendet werden.
Im Dispatcher-Raum des WDR, wo die abgemischten Signale umgewandelt in 720p/50 auflaufen, beobachten Redakteure, der Chef vom Dienst und der Moderator auf einer Riesenleinwand die Begegnungen in den Bundesligastadien und entscheiden am Ende, über welches Spiel wie lange berichtet wird. Die Spielberichte der fünf Begegnungen variieren von sechs bis zwölf Minuten Länge.
Alle eingehenden Signale werden in diesem Dispatcher-Raum geloggt, um die Bilder im Schnitt hinterher schneller finden zu können. Jedes einzelne Spiel wird nach Toren, Torraumszenen, Fouls etc. ausgewertet und die Szenen auf dem Server abgelegt. Die live eingespielten Beiträge werden von den Reportern vor Ort im Ü-Wagen produziert, der Kommentar dazu live eingesprochen. Während des Spiels hat der Reporter engen Kontakt zum Ü-Wagen-Team, um bereits durchgeben zu können, welche Szenen er für seinen Bericht verwenden will. Neben dem Reporter sitzt in der Regel ein Redakteur der jeweiligen Landesrundfunkanstalt als Ansprechpartner für den „Chef vom Dienst“ in Köln. Die Glasfaser-Übertragung ist der qualitativ hochwertigste Weg, da dadurch die unkomprimierte Durchleitung des Signals gewährleistet ist. Zur Absicherung, falls auf einer Glasfaserleitung ein Problem auftaucht, kann auf das Signal eines SNG-Fahrzeugs aus dem Stadion zurückgegriffen werden, um bei Bedarf im Schaltraum schnell auf das analog über Satellit übertragene Signal umzuschalten. Die aus den Ü-Wagen gelieferten Bilder und Töne werden in Köln auf dem Server für den Schnitt zwischengespeichert und auf OpticalDisc (XDCAM HD) ausgespielt und archiviert. Auch in der Livesendung können Bilder aus den Stadien von einzelnen Spielszenen und Zeitlupen sowie O-Töne auf die LED-Displays ins Studio eingespielt werden.

Kinetisches Szenenbild
Drei bewegliche Hibitron-LED-Displays mit einer Größe von rund 2,10 x 1,35 Metern sind als Bestandteil einer Studiodekoration einmalig. Für diesen Einsatz wurden sie gewichts- und geräuschoptimiert angefertigt. Sie lassen sich unabhängig voneinander positionieren und können mit einer hochpräzisen Kinetik über- und nebeneinander im On zu einer einzigen Fläche zusammengefahren werden. Damit besitzt der WDR als erster Sender ein kinetisches Szenenbild.
Horizontal kombiniert ergibt sich eine Gesamtauflösung von 2112 x 448 Pixeln beim feinsten erhältlichen LED-Abstand von drei Millimetern.

Ein Konverterpark für den Schaltraum
Das Hoch- und Crosskonvertieren ist der erste Schritt für die Bereitstellung im Studio. Jan Krusch, zuständig für Leitungen und Übertragungsmanagement im WDR, hat für diese Prozedur insgesamt 15 Konverter (Snell UDC und Lynx 5660) im Einsatz, welche alle eingehenden Signale umwandeln. „Wir haben heraus gefunden, dass bei der Wandlung sehr viel falsch laufen kann“, erklärt er, „und haben uns daher entschieden, Wandlungen, falls unvermeidbar, immer im WDR durchzuführen um die Kontrolle über den Prozess zu behalten. Unsere komplette Infrastruktur, die Produktionssysteme, der Video-Server sind komplett auf 720p/50 ausgerichtet.“ Wichtig für die Sportschau mit ihren Liveschalten und -berichten ist vor allem, dass die Wandlung in Echtzeit erfolgt. Dies erledigen die Konverter mit zwei Frames Delay, so Krusch.
Der für die Bundesliga verantwortliche technische Koordinator beim WDR, Matthias Schickentanz, sieht in diesem Mischbetrieb aus verschiedenen Bild- und Tonformaten bei voller
Bild-/Tonsynchronität auch die größte Herausforderung für die Produktion der Sportschau. Denn mit dem HD-Bild kommt nun auch der Mehrkanalton ins Haus, der verarbeitet und gesendet wird. „Die Problematik der exakten Bild-Ton-Synchronität, die wir bereits von der digitalen SD-Produktion kennen, wird mit HD nicht einfacher. Die Eliminierung der Laufzeitunterschiede zwischen Audio und Video bekommen noch mal ein stärkeres Gewicht. Ziel ist es, ein synchrones Endprodukt abzugeben. Darauf legen wir besonderen Wert.“

Distribution über zentrale Sendeabwicklung in Frankfurt
Die Distribution des Signals zu den Zuschauern läuft über die zentrale Sendeabwicklung in Frankfurt. Hierhin werden die 720p-Bilder und der Ton unkomprimiert über Glasfaser geschickt. Dort wird das Signal MPEG-4 encodiert, der DVB-S-Multiplex gebildet und zur Ausstrahlung über Satellit ausgegeben. Das Verfahren hier: Der produzierte „Content“ durchläuft die Sendeabwicklung in Frankfurt in HD. Dahinter wird das Signal für den Simulcast in SD herunterkonvertiert.
Anders sieht es aus, wenn die Sportschauredaktion in Köln mit ihrem Archivmaterial die Kollegen der Dritten Programme oder der Tagesschau/Tagesthemen in Hamburg am Samstag- und Sonntagabend mit Material für deren Kurzberichte beliefert. Die bestellten Klammerteile werden vom Sport-Archiv nach SD downkonvertiert und an die entsprechende Rundfunkanstalt abgegeben. Die Verbreitung innerhalb der ARD erfolgt über das Hybnet – ein Dauerleitungsnetz der ARD, das die Rundfunkanstalten miteinander verbindet.

Sportproduktion mit bandlosem sQ Server System von Quantel
Die gesamte Sportproduktion des WDR für die ARD wird seit 2003 auf einer Quantelplattform erstellt, die für einen vollständig bandlosen Sendebetrieb ausgelegt ist und vom Ingest über die Verarbeitung bis zum Playout reicht. In der vergangenen Sommerpause der Bundesliga wurde das Produktionssystem für HD erweitert. Alle Schnittplätze sind in das Quantel-System integriert und greifen auf den gleichen Speicherpool zurück. Insbesondere die Fähigkeit, alle Formate ohne Konvertierungsprobleme und speicherzehrende Kopien bedienen zu können, kommt dem Mischbetrieb bei der Sportproduktion in der sukzessiven Übergangsphase von SD zu HD entgegen. „Das schöne an dieser Quantel-Plattform ist, dass sich jedes Format auch gemischt parallel bearbeiten lässt. Am Ausgangsport definiere ich lediglich das Ausgabe-Format. Legt man HD 720p/50-Material auf den SD-Port, wird es als SD ausgespielt. Das erleichtert uns die Arbeitsabläufe“, erklärt Schickentanz.

Mehr Flexibilität in der Studioproduktion mit neuem Regiekonzept
Die Herzkammer für das hochauflösende Sendeformat der Sportschau ist die neue HD-Zentralregie. In einem ersten Schritt wurde der Hauptschaltraum modernisiert und die Verkabelung in Single Mode-Glasfasertechnik realisiert, so Krusch, der hinzufügt: „Jetzt in der zweiten Umrüstungsphase für den HD Betrieb kamen lediglich noch die Glasfaserendgeräte und die Konverter für die Signalwandlungen hinzu.“
Für den Regieneubau musste jedoch alles entkernt werden. Das Studio wurde komplett neu errichtet. Mit der HD-fähigen Regiezone wurde auch ein neues Studiobelegungs-Konzept eingeführt, wonach sich die unterschiedlichen Studioflächen des WDR in der Kölner Innenstadt flexibel bespielen lassen, wie Schickentanz erläutert. Mit der Zentralregie können erstmalig die Studioflächen A und B unabhängig voneinander bespielt werden. So musste die aufwändige, fest eingebaute Studiodekoration für die Sportschau auf der Fläche A nicht bewegt werden. „Wir setzen auf das Prinzip der flexibel einsetzbaren HD-Regie für mehrere unterschiedliche Studioflächen.“
Der Content an HD-Sportberichten wird zunehmen, wenn die ARD mehr HD fähige Ü-Wagen im Einsatz hat. Der WDR verfügt derzeit noch nicht über einen eigenen Wagen und kann auf den ARD/ZDF-Pool oder auf Angebote des freien Marktes zugreifen.
Bislang war es so, dass ein gutes SD-Signal auf dem Weg zum häuslichen Bildschirm an Qualität eingebüßt hat. Wird heute ein hochkonvertiertes SD-Signal auf dem HD-Weg zum Kunden geschickt, bedeutet das in jedem Fall eine Aufwertung der Bildqualität. „Der Unterschied ist zu Hause zu sehen. Weil dadurch mehr von dem Ausgangsmaterial, das im Sender produziert wird, auf die heimischen Bildschirme kommt. Das ist schon mal der erste Qualitätsgewinn“, so Lucassen.
Für die native HD-Qualität, wie sie aus dem Sportschaustudio live geliefert wird, muss sich allerdings auch die Dekoration in einem Top-Zustand präsentieren. Es werde geringfügig mehr Licht für HD benötigt, sagt Lucassen und auch in der Maske werde kaum mehr Aufwand getrieben. „Aber wir müssen jetzt mit der Studio-Deko noch liebevoller umgehen als bisher. Was der Zuschauer in SD-Zeiten nicht gesehen hat, bei HD sieht er es sofort.“

(MB 02/10) Bernd Jetschin

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