Mebucom / News / Produktion / Komplexe Remote-Produktion
Komplexe Remote-Produktion

News: Produktion

Komplexe Remote-Produktion

Auch die Schweizer SRG/SSR war im IBC vertreten, allerdings mit sehr überschaubarer Technik. Als einer der wenigen Sender setzte man auf „echte“ Remote-Produktion, bei der nicht nur einzelne Venue-Technik wie bei ARD/ZDF und ORF remote angebunden war, sondern auch gleich die drei Studios für SRF, RTS und RSI im Schweizer Haus. Gesteuert wurden sie von den Regien in der Schweiz. Im IBC hatte man erstmals überhaupt keine Regien mehr und damit auch deutlich weniger Technik-Racks im IBC-Geräteraum. Auch Beim Personal konnte man deutlich abspecken.

“Die besondere Herausforderung für uns ist, dass wir die Signalverteilung von den Studios, den Mixed-Zonen, Ansage-Positionen et cetera zu unseren unterschiedlichen Unternehmenseinheiten nach Lugano, Genf und Zürich machen müssen. Hierbei sind wir natürlich auf ein stabiles, zuverlässiges Kontributionsnetz angewiesen mit entsprechender Bandbreite“, betont Toni Milanese, Technischer Leiter der SRG-Mission in PyeongChang. Das komplette Netz wurde dazu erstmals mit Nimbra-Technik aufgebaut. Erste Erfahrungen damit hatte man vor vier Jahren bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi mit zwei Remote-Regien sammeln können.

Die Studios waren da im Olympiapark, die beiden Regien im IBC untergebracht. Dazu gab es noch zwei weitere vollwertige Regien und ein kleines Studio im Mountain-Cluster. Alles war deutlich aufwändiger als diesmal in PyeongChang. Hier fand in einem IBC-Kontrollraum nur noch das Monitoring der Signalverteilung statt, um zu sehen, welche Signale ankommen und abgehen. „Und dann machen wir hier noch die Kameraaussteuerung, um die Komplexität nicht noch weiter zu steigern. Ich habe ja ohnehin Techniker hier, um die Kameras aufzubauen, die Technik zu warten und die Mikrofonierung vorzunehmen“, meint Milanese. Es gehe dabei nicht darum, Personal einzusparen, sondern die Ressourcen vor Ort zu optimieren. 160 Mitarbeiter hatte SSG/SSR in PyeongChang dabei, 80 weniger als in Sotschi. Zwei Drittel davon gehörten zur Redaktion, ein Drittel zur Technik. „Für mich als Techniker mache es Sinn, so wenig Leute wie möglich vor Ort zu haben. Personal ist schließlich ein großer Kostenfaktor bei einer Produktion“, betont Milanese.

Zur unilateralen Produktion nutzten die Schweizer je zwei  Kameras im SRF und RSI-Studio, und eine im RTS-Studio. Eine Drahtlos-Kamera stand zudem allen drei Regionalsendern zur Verfügung, um Bilder rund um das Schweizer Haus einzufangen. „Das heißt im Vollprogramm laufen alle fünf Kameras auf drei bis vier Regien zu Hause auf“, sagt Milanese. Alle Unternehmenseinheiten seien zudem mit LiveU-ENGs ausgerüstet. Außerhalb der Betriebszeiten der Olympia-Regien könnten diese direkt zur Tagesschau oder Magazinsendung, die nicht direkt von der Schweizer Olympia TV-Infrastruktur tangiert seien, Material liefern. Milanese: „LiveU-ENGs verbinden sich also direkt mit den Heimatredaktionen und werden auch viel als Überspielungs-ENGs genutzt, wenn man nicht die Erreichbarkeit zu uns im IBC hat. Sie agieren bewußt außerhalb der Olympia-Infrastruktur und werden bei uns wie im normalen Tagesgeschäft eingesetzt.“ Die LiveU-Systeme wurden wie bei ARD und ZDF inklusive der koreanischen SIM-Karten vor Ort angemietet. „LiveU-Systeme, die das neue Vier-Kanal-Feature haben, haben noch gewisse Probleme mit der Synchronität von Bild und Ton. Aber wir benutzen sie als Zwei-Kanal-Set-up und haben damit keine Probleme. Bei uns auch nicht so wichtig weil wir damit meist auch nur zeitversetzt übertragen, weniger im Live-Einsatz“, berichtet Milanese. In den Mixed Zones der einzelnen Wettbewerbsstätten verfügten die SRG/SSR-Sender über 21 Interview-Positionen, plus eine im IBC. Am Snowboard Freestyle Venue im Phönix Snow Park, am Ski Alpin Venue für technische und Speed-Disziplinen sowie am Skilanglauf- und Biathlon-Venue hatte SRG/SSR eigene Produktionscontainer platziert, die über 1Gbit/s-Leitung via Nimbra mit dem IBC verbunden waren. Die Inter-Venue-Verkabelung zu den einzelnen Positionen in den Mixed-Zonen geschah meist über Darkfibre. Dort waren VandA-Koffer (Video and Audio), ausgestattet mit einem MediorNet Frame von Riedel und einem kleinen Mischer für den In-ear Mix vor Ort.

Über das Nimbra-System wurden ISO Feeds und Signale von Helicams und anderen Kameras, die sich die Regisseure in den einzelnen Disziplinen ausgesucht hatten, von den Venues ins IBC geschickt. „In der Regel haben wir drei ISO Feeds drauf, eine ComCam und zwei bis drei Mixed Zonen-Kameras. Von unserem Schaltraum hier im IBC verteilen wir sie dann entsprechend zu den Unternehmenseinheiten in den Regionen“, erklärt Milanese. Für alle Positionen, die nicht Nimbra-angebunden waren, wurden VandA-Leitungen bei OBS gebucht. Die Nimbra-Anbindung war laut Milanese deutlich kostengünstiger als die von OBS gebuchten Leitungen. Das Bemühen, auf Remote Workflows umzustellen, habe nichts mit der „No Billag“-Initiative in der Schweiz zu tun. „Wir sind schon länger dabei, uns Schritt für Schritt, mit den vorhandenen technischen Möglichkeiten, an den Einsatz von Remote-Produktionen heran zu tasten“, sagt Milanese. Nach Sotschi habe man auch kleinere Remote-Produktionen gemacht – in Falun in Lahti, dann auch bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro, wo erstmals ein Studio vor Ort genutzt und eigentlich schon das Set-up für die Winterspiele erprobt worden sei. Früh habe man auch erkannt, dass die Remote-Workflows nicht zwingend von der Technik abhängig seien. Milanese: „Die Technik ist immer voraus. Wir müssen aber verstehen, was Remote-Workflows für die Redaktionen bedeuten. Technische Strukturen kann man nicht einfach umstellen. Die Redaktionen müssen sich erst einmal mit den damit verbundenen Änderungen auseinander setzen können“, meint er. 

Man habe auch überlegt, ob man nicht gleich den Schaltraum zu Hause lassen könne und was das für den Olympia-Workflow bedeute. Remote Switching wäre der nächste Schritt für SRG/SSR. „Wir versuchen noch, eine gute Lösung zu finden, um die Redaktionen nicht zu überfordern. Bei Remote Workflows geht es schließlich darum, alle Signale allen Vektoren zur Verfügung zu stellen. Damit überfordern wir aber ein paar Schnittstellen. Am Ende muß man ja auch in der Lage sein, all die verfügbaren Signale zu verwerten“, sagt Milanese. Für ihn ist klar: „Remote Workflows sind dann erst richtig eingesetzt, wenn man es schafft, dass alle Redaktionen von zu Hause aus den bereitgestellten Content verwerten können. Zusammenfassungen von Events kann man ohnehin dort machen. Dazu muss man nicht hier sein.“ Die SRG machte diesmal auch den kompletten Ingest in der Schweiz, anders als noch in Sotschi. Dort hatte man auch noch sieben Schnittplätze im IBC im Einsatz, jetzt waren es nur noch vier, für jede Sprachregion einen. Auch die Off-tube-Kabinen im IBC wurden reduziert. „Ein Studio vor Ort braucht es dagegen immer, um näher an den Sportlern sein zu können“, betont Milanese.    

Eckhard Eckstein

MB 1/2018

Zurück