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Live-Streams von den unteren Ligen

News: Produktion

Live-Streams von den unteren Ligen

Sport ist der große Wachstumsmarkt im Bewegtbildbereich. Das Potential scheint unerschöpflich. Einerseits beim LiveStreaming, andererseits bei der Spiel(er)-Analyse. Mit Hilfe kostengünstiger, automatisierter HD-Technologie soll bald jeder Sportverein der Republik seine Spiele live übertragen können. Ab der kommenden Saison werden die Streaming-Anbieter SportTube und sporttotal.tv die Ligen und Vereine technologisch ausstatten – und das nicht nur im Fußball.

Das Potential für den Breitensport ist immens, gibt es in Deutschland doch 90.000 Sportvereine mit über 20 Millionen in ihnen organisierten Sportlern, davon 25.000 registrierte Fußballvereine mit mehr als 160.000 Teams. Nicht nur könnten neue Sportsendungen entstehen, sondern auch Einnahmemöglichkeiten für kleine Vereine. Zur Refinanzierung wird in erster Linie Werbung genannt, aber auch Bezahl-Premium-Angebote sind im Gespräch. Daher ist es wichtig, dass die Ausspielung der Spiele über die eigene Website beziehungsweise App stattfindet, obwohl natürlich auch Ausspielungen über Partnerseiten zum Konzept gehören. Doch was auf den ersten Blick wie eine Demokratisierung des Sports aussieht, hat noch einige Hürden zu meistern, die interessanterweise auf der Rechteseite zu finden sind. Das betrifft Fußball und alle anderen Sportarten gleichermaßen. Denn selbst in den Fußball-Regional- und Amateurligen sind einzelne Rechte schon vergeben beziehungsweise ist es unklar, wo sie eigentlich liegen: beim Verein oder bei den einzelnen Verbänden, zu denen sie gehören. Eventuell hat auch der in der Region zuständige öffentlich-rechtliche Sender die Hand drauf. Und dann kommt noch die Frage hinzu, ob das Streaming der Spiele ein eigenes, noch nicht vergebenes Recht ist oder irgendwo mit eingeschlossen ist. 

„Die Rechtesituation ist zu diffizil und unterschiedlich, um eine übergeordnete Lösung zu finden“, sagt Timon Saatmann, Director Business Development bei SportTube (http://sporttotal.tv/). „Das heißt, dass man für jede Liga und jeden Verein kreativ eine eigene Lösung entwickeln muss.“ Und zwar in jeder Sportart. Sind beim Fußball ab der 4. Liga abwärts Rechte frei, sind es beim Basketball bereits ab der 2. Liga und beim Handball ab der 3. Liga.

Eltern, die aus der Ferne ihren Nachwuchs beim Entscheidungsspiel zusehen möchten, müssen sich nicht nur deshalb in Geduld üben. „Beim Kinder- und Jugendsport ist die Rechtesituation wegen des Jugendschutzes komplexer“, sagt Ben Lesegeld, Projektleiter bei sporttotal.tv. „Daher werden wir diese Spiele noch nicht übertragen.“ Doch genau dies wünscht sich DFB-Präsident Reinhard Grindel. „So könnten die Eltern zuschauen, die vielleicht aus beruflichen Gründen nicht auf dem Fußballplatz sein können“, sagt er auf dfb.de. Auch über diesen Aspekt hinaus findet das Konzept seine volle Unterstützung, stellt der Livestream doch „eine Wertschätzung für den Amateurfußball dar“.

Was die Technik angeht, ist die Probephase bei beiden Anbietern mit Ende der Saison abgeschlossen, so dass man mit der Saison 2017/18 in media res gehen will. Beide Systeme werden fest am Spielfeld installiert. Bedient werden die Kameras von einem selbstlernenden Algorithmus, der auf die jeweilige Sportart programmiert ist und der sich am Schwarm, also an den Bewegungen der Spieler, orientiert. Erst einmal eingerichtet verbessert sich der Algorithmus beständig selbst. Dabei erlernt er einerseits‚ seinen Platz, aber auch generell die Eigenheiten der jeweiligen Sportart, was dann wiederum den übergeordneten Algorithmus verfeinert. Dadurch kann er sich auch vorausschauend verhalten. Die Tests zeigen, dass die Kameraführung des Algorithmus, die aus Zooms und Schwenks besteht, sehr organisch verläuft. Allerdings gibt es im Grunde keine Nahe, wenn der Ball ins Tor geht. Einmal installiert, muss man selbst die Kameras nicht mehr händisch einschalten. Das lässt sich genauso programmieren wie die Sportart, die üblicherweise zu einer bestimmten Uhrzeit auf dem Platz beziehungsweise in der Halle gespielt wird. Perspektivisch wollen beide Anbieter die gesamte Breite des deutschen Vereinssports abbilden.

 

sporttotal.tv

In der Anfangsphase des Roll-outs ist sporttotal.tv stark auf Fußball fokussiert. „Aber wir werden selbstverständlich schnellst möglich alle Mannschaftssportarten wie Hockey, Handball oder Rugby anbieten“, betont Lesegeld. Die Firma ist eine 100-prozentige Tochter der Wige Media AG, die damit ihr Geschäftsmodell neu gewichtet – weg von der Produktion von Sportereignissen, wo die Margen sinken, hin zum Digitalbereich mit automatisier- und skalierbaren Produktions- und Streamingwegen für den (Amateur)-Sport. Ihr System stammt von dem israelischen Start-up Pixellot und hat seine Ursprünge in der Überwachungstechnologie. Partner sind der DFB, die Allianz, die Deutsche Post und die Deutsche Telekom. Sporttotals größte Herausforderung war ein Testspiel zwischen dem SV Lippstadt 08 und dem FC Bayern am 16. Juli 2016 in Lippstadt, das im YouTube-Kanal des Vereins binnen einen Tages 141.000 Aufrufe hatte. In der abgelaufenen Saison fand die Pilotphase während der Rückrunde mit Unterstützung des Bayerischen und des Niedersächsischen Fußballverbands statt. Durch die Kooperation mit dem DFB wird das Angebot von sporttotal und der gleichnamigen App mit fussball.de, dem Portal des DFB, sowie dem Portal des Bayerischen Fußballverbands bfv.de verlinkt. Der Plan der Wige Media AG mit sporttotal.tv ist ambitioniert. Dafür sollen rund 60 Millionen Euro in die Hand genommen werden, die sich jedoch aufgrund des Mengenrabatts durch die schiere Menge an verbauten Kameras halbieren dürfte. Geplant ist, in den kommenden drei Jahren 3.000 Systeme zu verbauen. Die Kosten pro System – ohne Rabatt 20.000 Euro, davon die Hälfte für die Installation – trägt die Wige Media AG. Die Wartung ebenfalls. Der Verein zahlt dafür lediglich eine Schutzgebühr von 9,90 Euro pro Monat. Dafür hat er vollen Zugriff auf das System und allem damit aufgenommenen Material für den internen Gebrauch – auch wenn es sich nicht um ein gestreamtes Spiel handelt. Ende des Jahres sollen 200 Systeme betriebsbereit sein, Ende 2018 1.500 und Ende 2019 3.000. Dann wären neben den Oberligen auch alle Landes- und Verbandsligen angeschlossen. 

Das System von Sporttotal wird an der Mittellinie montiert. Es besteht aus einem Gehäuse mit vier 4k-Kameras, die einen Radius von 180 Grad abdecken, sowie einem integrierten Mikrofon. Der ‚Server‘ mit dem Algorithmus befindet sich in der Cloud. Die Übertragung ist auf dem Land, wo schnelles Internet zu oft noch auf sich warten lässt, jedoch nicht immer ganz einfach. Sporttotal ist daher eine Partnerschaft mit der Telekom eingegangen. „Außerhalb der Ballungsgebiete ist man nicht immer gut angebunden“, sagt Lesegeld dazu. „Das hat während der Testphase auch zu Ausfällen geführt und uns vor entsprechende Herausforderungen gestellt. Über eine Kombination von LTE und VDSL-Anbindung ist die Übertragung mittlerweile jedoch gewährleistet.“ Bei sporttotal.tv gibt sich Lesegeld zuversichtlich, dass der Return of Invest „relativ schnell kommt“ – einen normalen Business Case voraus gesetzt. Begleitet wird der Markteintritt hier mit einer unterstützenden Marketingkampagne.

 

SportTube

SportTube (www.mysporttube.de) wird von mehreren Gesellschaftern um den langjährigen Entertainment-Produzenten Alexander Dannenberg (Cinemakers) und den bei Sportproduktionen erfahrenen Frank Meißner (Technik- und Produktionschef von WeltN24) getragen und nutzt die AutomaticTV genannte Technologie der spanischen Firma Media Pro als Lizenznehmer für die DACH-Region. Als Director Business Development kam Timon Saatmann, früher unter anderem Sportchef bei N24, hinzu. 

Das SportTube-System „entdeckten” die Gesellschafter beim FC Barcelona. Dort sind 15 Systeme auf den Trainingsplätzen und in den Sporthallen installiert, zeichnen jedes Training, jedes Spiel in jeder Sportart auf. „Mit der Technik von AutomaticTV bieten wir mit derselben Technik zwei Produkte an: Ein Analyse-Tool und einen Live-Stream mit mehreren Perspektiven, der nah an den TV-Sehgewohnheiten ist“, so Timon Saatmann. Zur neuen Saison wird AutomaticTV in allen 42 Stadien der ersten und zweiten spanischen Fußball-Liga installiert und produziert das Analyse-Feed. „Das System erlaubt es dem Trainer schon in der Halbzeitpause Korrekturen mit Hilfe einzelner Szenen durchzuführen“, erzählt Saatmann. Als Lizenznehmer kann SportTube so auf ein System zurückgreifen, das bereits international eingesetzt wird. Nicht nur im spanischen Profi-Fußball, sondern etwa auch in China, um die Uni-Meisterschaften in Basketball live zu übertragen. Der 1. FC Köln testet die Analysemöglichkeiten des Systems in seinem Amateurstadion. Im Olympiastützpunkt Potsdam entwickelt SportTube die Möglichkeiten der Live-Übertragungen von Hallensport und hat diese bereits mehreren Ligen präsentiert. Um diese Funktion maximal nutzen zu können, ist es möglich das System manuell zu bedienen. AutomaticTV ist mit anderen Produktionsplattformen und Analysetools wie Mediacoach, SportsCode, Wirecast kompatibel und erlaubt es, auch Grafiken oder Live-Kommentatoren einzubinden. Und da SportTube fünf Kamerapositionen anbietet, ist das System auch für Second Screen-Inhalte einsetzbar. Die Installationskosten siedeln Meißner und Saatmann „in einem ähnlichen Bereich wie bei Sporttotal“ an.

Das System ist modular auf bis zu fünf Kamerapositionen erweiterbar. An der Mittellinie werden drei HD-Kameras installiert, die ein 180-Grad-Bild erzeugen. Ergänzt werden sie von weiteren HD-Kameras auf Höhe des jeweiligen Strafraums und/oder als Taktikkamera hinter den Toren. Die Mikrofonierung erfolgt hier separat.

„SportTube setzt nicht nur auf Fußball“, betont Mitgründer Meißner. „Wir können auch Eishockey, Hockey, Volleyball, Basketball und Handball übertragen, obwohl Eishockey im Grunde noch zu schnell für den Algorithmus ist.“ Für Basketball- oder Volleyballvereine könnte ein automatisches System sogar ein Dilemma lösen. In Deutschland, so erzählt Saatmann, sind Vereine in einigen Ligen verpflichtet, einen Live-Stream mit ein bis drei Kameras zu produzieren. „Die Qualitätsunterschiede sind riesengroß, weil jeder Klub das individuell und möglichst preiswert zu lösen versucht. Mit dem SportTube-System sind diese Übertragungen effizient, kostengünstig und mit einheitlichem Standard möglich“, sagt er, wissend, dass kleinere Vereine in der Regel nicht über die erforderlichen finanziellen und technischen Kapazitäten verfügen. Und nachdem das System gelernt hat, mit den Reflexionen von Wasser zurecht zu kommen, ist selbst Wasserball mit AutomaticTV möglich, ergänzt Saatmann. Schon in der kommenden Saison will SportTube alle Sportarten bedienen und setzt gerade bei Indoor-Installationen darauf, dass sich mehrere Vereine ein System und damit die Kosten teilen. Beim SportTube-System bemerkt man jedoch, dass die Schnitte aufgrund der fünf Kamerapositionen recht abrupt sein kann. Kommt es zu einer Tor- oder Korbsituation schneidet das System in die Nahe. Doch sobald die Spieler wieder auseinander strömen, um sich für den nächsten Spielzug neu aufzustellen, schneidet das System zurück in die Totale, weil es davon ausgeht, die Action hat sich verlagert. Allerdings wäre es gelegentlich wünschenswert eine Sekunde länger auf dem Ball zu bleiben, um den Moment besser auskosten zu können. Bei SportTube steht der Server für die automatisierte Bildbearbeitung vor Ort. Von dort wird das fertige Bild sowohl für den eigenen Gebrauch aufgezeichnet als auch zur Ausspielung ins Internet eingespeist – soweit Übertragungsrechte vorliegen. SportTube arbeitet mit lokalen Vodafone-Shops zusammen. Die sorgen nicht nur für die technische Anbindung, sondern sind auch Teil des Marketing-Konzepts. Können sie so doch ihren (potentiellen) Kunden ein spezielles Angebot machen, das Übertragungen beziehungsweise Zugang zu Highlights ihres regionalen Vereins oder des Vereins, in dem sie selber, Familienangehörige oder Freunde spielen, beinhaltet. 

„Wir wollen sowohl Content- als auch Vermarktungslösungen anbieten“, macht Saatmann klar. „Dabei schließen wir auch nicht aus Rechte zu erwerben und etwa eine eigene Fußball- oder Sportsendung zu machen.“ Perspektivisch käme eine Kooperation mit Sportdeutschland.TV in Frage, den ProSiebenSat.1 zum größten Nicht-Fußball-Live-Sportsender ausbauen will. Und damit es am Ende des Tages nicht an irgendeiner Stelle rundfunkrechtliche Probleme gibt, beantragt SportTube vorsorglich eine Rundfunklizenz. sporttotal.tv hatte bereits im März 2017 von der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen (LfM) eine Lizenz für Rundfunk- und Online-Angebote für zehn Jahre erhalten. 

YouSport 

7Sports und Sportdeutschland.TV starten derweil mit YouSport, eine App, mit der Highlightclips von Jugend- und Amateurspielen – egal ob bei Fußball, Hockey, Volleyball, Basketball, Eishockey oder Handball – produziert und online publiziert werden können. Die Clips sind künftig als Videoticker auf Sportdeutschland.TV (www.sportdeutschland.tv), dem offiziellen Online-Sportsender des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), sowie auf den Webseiten einiger Sportverbände abrufbar. Die besten Highlight-Videos sollen zudem auf ran.de präsentiert werden.

Thomas Steiger

MB 2/2017

© Wige

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