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Lust auf Olympia 2018

Mit großem technischen Aufwand wurde die Rundfunkübertragung der Alpinen Ski-Weltmeisterschaften (7. - 20. Februar 2011) in Garmisch-Partenkirchen realisiert. ARD und ZDF teilten sich die Live-Berichterstattung in den beiden WM-Wochen und produzierten darüber hinaus als Host Broadcaster das internationale Signal für mehr als 40 TV-Sender und Radiostationen in aller Welt. Reichlich Technik und Personal hatte auch das Schweizer Fernsehen am Start.

Anna Fenninger stand noch gut eine Stunde nach ihrem überraschenden Erfolg in der Super-Kombination (Abfahrt und Slalom) in der Mixed-Zone im Zieleinlauf am Gudiberg. Hier dürfen akkreditierte Rundfunk-Leute mit Kameras und Mikrofonen bewaffnet Sportlerinnen und Sportler nach ihren Wettbewerben befragen. Natürlich sind meist nur Sieger interessant. Und die müssen viel Geduld mitbringen. Bei den Alpinen Ski-Weltmeisterschaften in Garmisch Partenkirchen waren allein über 40 Rundfunksender am Start.

Um die TV- und Radiosignale von der Alpinen Ski WM 2011 zu produzieren und zu verbreiten wurde wieder großer Aufwand getrieben. Dazu trug bei, dass die WM-Events an drei verschiedenen Orten in Garmisch-Partenkirchen stattfanden: an der Kandahar-Abfahrt wurden die Speed-Rennen ausgetragen, am Gudiberg die technischen Disziplinen und am Metal Plaza gab es abends dann die Medallien-Zeremonien. Die drei Venues waren mit einem umfangreichen Glasfasernetz miteinander verbunden. An der Kandahar war das Fernsehzentrum (IBC) mit 120 Bürocontainern aufgebaut worden. Es diente als Schnittstelle für alle Signale. Im IBC befanden sich zum einen die Büro- und Technikräume der unilateralen Broadcaster und zum anderen die Zentrale des Hostbroadcaster GAP TV2011, der Fernseh- und Radiosender in aller Welt mit Bild- und Tonsignalen von der WM bediente. Bei GAP TV2011 handelte es sich um eine von ARD und ZDF gegründete Produktionsgemeinschaft unter Federführung des Mainzer Senders.
Das ZDF betreute Technik und Produktion an der Kandahar, die ARD, vertreten durch den Bayerischen Rundfunk (BR), die am Gudiberg und am Metal Plaza. Hans-Jürgen Kreissl und Jörg Teufel zeichneten für die technische Leitung bei der ARD verantwortlich, Alfred Bender und Florian Rathgeber beim ZDF. Die Gestaltung des Weltbildes erledigten die Regisseure Thomas Strobel für die ARD und Achim Hammer für das ZDF.

Viel Kameratechnik

Um den kompletten Verlauf der WM-Rennstrecken abbilden zu können hatte GAP TV2011 reichlich Kamerapositionen eingerichtet und Kabel verlegt.
Mit bis zu 40 Kameras, ein Großteil von Grass Valley (LDK 6000 und LDK 8000) wurden die Rennen (Abfahrt, Super-G, Riesenslalom, Teamevent) auf der Kandahar-Strecke produziert. Dazu wurden an den spektakulärsten Stellen der Piste Superzeitlupenkameras (LDK 8300 von Grass Valley), Kamerakräne und Spezialkameras (unter anderem zwei Cunima Mini-HD-Kameras) in Position gebracht. Insgesamt wurden zirka 40 km Triax-, Hybrid- und Glasfaser-Kabel am Berg verlegt. Eine logistische Herausforderung stellten auch die zum Teil sehr kurzen Kameraumbauphasen von lediglich 30 Minuten für eine Verlegung von der Männer- zur Frauenstrecke oder umgekehrt dar.

Kaum weniger Produktionstechnik war bei den Slalomevents am Gudiberg notwendig. Bis zu 24 Kameras kamen dort zum Einsatz, darunter Superzeitlupenkameras, Kamerakräne und eine Seilkamera entlang der gesamten Strecke. Bei letzterer handelte es sich um ein Wingcam MC-System von Holger Herfurts Firma Airtime, Lenggries, bestückt mit Sonys HDC-P1-Kamera.
Alle festinstallierten Kameras waren Sony HDC 1500. Als Superslomos wurden Sonys HDC 3300 eingesetzt. Insgesamt 20 km Kabel wurden am Gudiberg verlegt. „Wegen der hier eingesetzen Sony-Kameras vor allem Hybridkabel“, berichtet Kreissl.

Alle Rennen und die Siegerehrungen in Garmisch-Partenkirchen wurden live und in HD 1080i produziert. Beim Ton beschränkte man sich auf Stereo. „5.1 wäre zu teuer geworden und ist für Ski-Rennen auch nicht unbedingt nötig“, meint Teufel.

Nationales Programm

Neben den internationalen Signalen besorgten ARD und ZDF natürlich auch die nationalen. Um die Kosten hier möglichst niedrig zu halten, teilten sie sich diesen Job. An den ersten sechs Wettkampftagen (8. bis 14. Februar) übertrug das ZDF die Speed-Disziplinen Abfahrt und Super-G sowie die Super-Kombination. Riesenslalom, Slalom und der Teamwettbewerb standen in der zweiten Woche (16. bis 20. Februar) dann auf dem Programm der ARD.

Das ZDF vermeldete hohe Zuschauerakzeptanz. Fast zwei Millionen Skifans (Marktanteil: 21,9 Prozent) verfolgten durchschnittlich vom 8. bis 14. Februar 2011 vormittags oder mittags die acht Live-Sendungen im ZDF. Den höchsten Wert erzielte am Sonntag, 13. Februar 2011, der Abfahrtslauf der Damen mit 3,48 Millionen Zuschauern (Marktanteil: 25,5 Prozent). ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz war entsprechend zufrieden.

Erstmals wurde übrigens auch die Eröffnungsfeier einer Alpinen Ski-Weltmeisterschaft live im deutschen Fernsehen (ARD) übertragen. Der Aufsprunghang der Olympiaschanze wurde zur Show- und Projektionsfläche spektakulärer Video-Animationen sowie Bühne für Sportlerinnen und Sportler aus über 80 Ländern. „Die WM soll auch Lust auf Olympia 2018 machen", erklärte ARD-Teamchef Werner Rabe. „Wir sind überall mit unseren Kameras dabei, wo es spektakulär, spannend und unterhaltsam sein wird.“

Ü-Wagen und Dienstleister

Auf dem Ü-Wagen-Platz an der Kandahar stand der MP4 vom ZDF. Mit ihm wurde das nationale Programm für ARD und ZDF produziert. Dort war zudem der große Doppelregie-HD-Ü-Wagen HD1 geparkt mit dem das Weltbild produziert wurde. Bei dem HD1 handelt es sich um den ehemaligen Ü-Wagen der WIGE MEDIA AG, der im Zuge der Unternehmenssanierung von der WIGE an Studio Hamburg/SBA abgegeben worden war, im Rahmen einer Kooperationsvereinbarung aber häufig von der WIGE eingesetzt wird (siehe auch WIGE-Beitrag, S. 30).

Das ZDF als federführender Hostbroadcaster der Alpinen Ski WM hatte schon 2009 die WIGE als Produktionsdienstleiter angeheuert. Neben dem HD1 betreute die WIGE zwei abgesetzte Technikpunkte mit Kameratechnik am Berg. Ein Punkt befand sich in der alten Liftstation mit 14 Kamerazügen und der andere in einem Technikfahrzeug am Eishangstadel mit zehn Kamerazügen. Beide wurden über Glasfasertechnik diskret angebunden. Jedes Kamerasignal wurde einzeln über Glasfaser geschickt und im Ü-Wagen zusammengemischt. Vier Drahtloskameras waren zudem am Start und zwei im Zielbereich im Einsatz. Auch diese Signale wurden alle über Glasfasertechnik geschickt.

Die Tochtergesellschaft WIGE Performance übertrug zudem im Auftrag des Organisationskommitees das Fan-TV auf die Videoleinwände im Zielbereich. Auch hierfür gab es zwei zusätzliche Drahtloskameras je Veranstaltungsort.
Ein weiterer Dienstleistungspartner von GAP TV2011 war Wellen+Nöthen. Das Kölner Unternehmen lieferte wieder Erweiterungen zur mobilen Produktionseinheit (MPE) von ARD und ZDF. Dazu zählten Sony Broadcast-Kamerazüge HDC-1500 und Superslomo-Einheiten Sony HDC-3300 inklusive 87-fach Objektiven. Da das ZDF traditionell bei der Bandlosspeicherung seiner EB-Einheiten auf P2-Flashmedien setzt, mieteten die Mainzer für die Materialeinspielung Panasonic HD-Mazen AJ-HD1800 und AJ-HPS1500 Recorder an. Wellen+Nöthen steuert ferner mehrere vollausgestattete XT[2]+ Systeme von EVS aus seinem Mietpool für das Highlight-Editing des ZDF bei.

Um das internationale Signal von den Gudiberg-Rennen zu produzieren war dort der BR mit seinem FÜ1 HD und dem dazu gehörigen Rüstwagen vertreten. „Unser Ü-Wagen ist mit der Weltbild-Produktion voll ausgelastet. Wir nutzen die beiden Regien als Weltbild- und als Slomo-Regie“, berichtet Kreissl. Standardmäßig hat der FÜ1 HD sieben EVS-Maschinen an Bord. In Garmisch-Partenkirchen reichte das nicht. Deshalb wurde ein Zusatzfahrzeug mit vier weiteren EVS-Maschinen an Bord neben den

Ü-Wagen gestellt

Das ZDF hatte zur Produktion des nationalen Signals am Gudiberg seinen HD SNG1 und einen Container mit ausgelagerter Bildregie (MPS Regie) aufgestellt. Der HD SNG1 wurde auch als Satelliten-Backup-System für die Glasfaser-Strecke zwischen Gudiberg zur Kandahar eingesetzt. Im Falle eines Kabelausfalls hätte er das HD-Weltbild vom Gudiberg via Satellit ins IBC schicken können.

Am Gudiberg und an der Kandahar waren jeweils auch ein Technical Operation Center (TOC) und ein Schaltraum (Telco-Raum) untergebracht, in dem die von den Lechwerken verlegten Glasfaserkabel zusammenliefen und in dem die Verbindung zu allen Venues realisiert wurde. In den TOCs liefen die Signale aus den Ü-Wagen zur Verteilung und Weiterleitung via Telco-Raum auf. Auch die Signale der anderen in Garmisch-Partenkirchen produzierenden Sender (ORF, SF, RAI, NRK, etc.) wurden über die TOCs verteilt. Und hier konnten TV-Teams ohne eigene Technik auch ihr vor Ort gedrehtes Material absetzen. Dazu standen P2-, Digibeta-, IMX- und XDCAM-MAZen zur Verfügung.

An der Metal Plaza waren sechs Kameras für das internationale Signal und weitere sechs für das ARD/ZDF Programm am Start. Hier stand der ebenfalls mit zwei Regien ausgerüstete Ü2HD des SWR. Er sorgte für das Weltbild von den Medaillen-Zeremonien und lieferte zudem das nationale Bild für ARD/ZDF sowie Bilder für die BR-Sendungen „Abendschau“ und „Blickpunkt Sport“. An der Kandahar hatte der BR auch noch ein Sat-Mobil stehen, dass dort als Backup-Uplink für das nationale Programm und als Backup-Downlink in HD für das Weltbild am Gudiberg fungierte.

Noch recht kurzfristig organisiert hatte der BR die Produktion vom Abfahrstraining der Herren. Ein eigener kleiner SNG war dazu mit einem SWR-Schnittmobil mit drei Avid Schnittplätzen und mit dem ZDF-Ü-Wagen MP4 für das nationale Programm verknüpft worden. Den Anschluß zum ZDF-Ü-Wagen brauchte man, weil dort alle Mikrofon- und Kamera-Signale aus der Kandahar Mixed-Zone auflagen. „Das war ein kleiner Kraftakt diese Sendung hier einfach mal so nebenbei zu produzieren“, räumt Teufel ein.

Das Hostbroadcasting erledigten ARD und ZDF in Garmisch-Partenkirchen mit rund 230 Mitarbeitern. „Viele davon sind jedoch nicht nur für GAP TV2011 sondern auch für das nationale Programm von ARD und ZDF aktiv. Um Kosten zu sparen haben wir geschaut, wo man Aufgaben zusammenfassen kann“, sagt Kreissl.
Er räumte jedoch auch ein, dass rund 80 zusätzliche Mitarbeiter in Produktion und Technik für die nationale Berichterstattung der Öffentlich-rechtlichen eingesetzt wurden. Der personelle Aufwand bei der Alpinen Ski WM war bei ARD und ZDF also trotz Aufgabenteilung nicht unerheblich.

Schweizer Fernsehen

Das war aber auch bei manch anderen Sendern nicht viel anders. Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG SSR waren mit drei TV-Landessendern und vier Radiosendern in Garmisch-Partenkirchen. Für das deutschsprachige SRF produzierte das SRG SSR Tochterunternehmen tpc AG mit einem Ü-Wagen (HD2) und 40 Technik-Mitarbeiter vom Kandahar Technik-Compound aus die Ski WM. Die italienischen und französischen Kollegen hatten eigene Ü-Wagen dabei. Sie machten ihr eigenes Programm und nutzten lediglich die Signale der dahtlosen tpc-Kameras.

An der Kandahar-Strecke hatte tpc eine drahtlose Kamera mit Link Research-Übertragungstechnik im Einsatz und eine an der Strecke beziehungsweise am Ziel. Dazu kamen zwei festinstallierte Kameras im Studio sowie je eine an der Ansager-Position nebenan, in der Mixed-Zone und im Zielbereich. Am Gudiberg hatte man weitere fünf eigene Kameras. Bei all diesen Kameras handelte es sich um Sonys HDC 1500. Wegen der mehrsprachigen Programme (deutsch, italienisch, französisch) brauchte das Schweizer Fernsehen nicht nur eigene Ü-Wagen für jede Sprache, sondern auch eigene Mixed-Zonen-Positionen und eigene Kommentatoren-Plätze. „Das ist ein Riesenaufwand“, sagt tpc-Technikmanager Thomas Rüdisüli. Er lobte die gute Zusammenarbeit mit GAP TV2011 und den Kollegen von ARD und ZDF. „Man kennt sich gut und hilft sich gerne gegenseitig“, betonte er. Dazu passt auch, dass Bruno Kernen, Abfahrtsweltmeister von 1997, als Kamerafahrer für die SRG-Fernsehsender die Pisten herunter rauschte, um authentische Rennimpressionen zu vermitteln. Diese Aufnahmen überließen die Schweizer auch der GAP TV2011 zur Nutzung als Weltsignal.

Insgesamt haben die Sender und die Veranstalter der Alpinen Ski WM 2011 einen guten Job gemacht und eine ausgezeichnete Visitenkarte für die Olympischen Winterspiele 2018 abgeliefert. Die Chancen, dass Garmisch-Partenkirchen und München den Zuschlag dafür erhalten, dürften gestiegen sein. Gut möglich, dass Anna Fenninger dann wieder in der Gudiberg-Mixed-Zone interviewt wird – dann aber wohl von noch mehr TV- und Radioleuten.
Eckhard Eckstein
(MB 03/11)

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