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„Matrix-Effekt“ bei der Formel 1

Die Track Days der Formel 1-Teams sind am Anfang jeder neuen Rennserie Mammut-Produktionen, da die Sponsoren der F1-Teams mit diesem Material die ganze Formel 1-Saison über für sich werben. RTV ist für verschiedene Teams schon seit Jahren für die Erstellung dieser Image-Produktionen verantwortlich – unter anderen für BMW, Red Bull, Torro Rosso, Toyota und Williams. Und jedes Jahr fordern die Teams neue videotechnische Highlights bei der Darstellung ihrer Fahrer und ihrer Rennwagen.

Vor jeder Saison wird im RTV Team über spektakuläre und atemraubende Effekte nachgedacht. 2006 schlug Tobias Heppermann (Regisseur der Track Day Produktionen) vor, den „Matrix-Effekt“ beim Toyota Track Day einzusetzen. Zusammen mit Emanuel M. Schwermer (Technischer Leiter der Track Day Produktionen) ging er auf die Suche nach dem „Matrix-Effekt“ und verpflichtete den Special-Effects-Macher der „Matrix“-Trilogie. Der TimeFreeze-Schuss, der daraus hervorging, war ein absoluter Erfolg für den Produzenten Oliver Bauss und die ganze RTV-Crew – allerdings hatte dieser eine Schuss auch eine enorme Summe Geld verschlungen.

Bei den Vorbereitungen für die Track Days 2007 wurde wieder über den „Matrix-Effekt“ nachgedacht und man entschied sich, ein TimeFreeze Rig selbst zu entwickeln. Emanuel M. Schwermer und Holger Fleig (seit 2003 in der RTV Track Day Produktions-Crew) recherchierten, welches Material man dafür benötigt – und da man einen festen Termin mit dem Toyota-Team vereinbart hatte, blieben nur 14 Tage, um ein arbeitsfähiges System zu entwickeln und aufzubauen. Diese schier unlösbare Aufgabe wurde von beiden in Tag- und Nachtschichten erfolgreich gelöst.

Paul Ricard HighSpeed Test Track
Termingerecht kommt die RTV Crew auf der Rennstrecke in LeCastellet, Süd-Frankreich, an. Tonnenweise Kameratechnik wurde bereits in den Tagen zuvor per LKW an die Rennstrecke geliefert. Neun 35mm Arri-Kameras wurden drehbereit gemacht, Helikopter-Schüsse geplant, ein SpeedCar vorbereitet und ein RussianArm-System installiert. Weit über 50 Crew-Mitglieder arbeiteten in der Pit Lane und in den Boxen, um die Dreharbeiten vorzubereiten.

Emanuel M. Schwermer und Holger Fleig verbarrikadierten sich in einem Container und fingen sofort an, das TimeFreeze Rig aufzubauen und weitere Tests durchzuführen. Am nächsten Tag sollte der erste große TimeFreeze Schuss gedreht werden, aber das Wetter spielte nicht mit. Ein heftiger Mistral machte den Dreh unmöglich. Am nächsten Abend war die letzte Chance und dieses Mal klappte alles – 17 Tage nach dem Entschluss von Oliver Bauss, die Finanzierung zu stellen, war mit dem letzten Licht des Tages der erste richtige TimeFreeze-Schuss der RTV-Crew realisiert, und der gesamte Toyota Track Day 2007 wurde ein voller Erfolg mit tollen Ergebnissen.
Zurück in Deutschland ging es weiter mit den Vorbereitungen auf die Track Days für Red Bull und Torro Rosso in Bahrein/UAE, direkt gefolgt von einer Co-Produktion zusammen mit der Münchner Produktionsfirma ByLauterbach für das BMW-Team. Auch für BMW wurde ein TimeFreeze-Schuss realisiert, abermals mit großem Erfolg.

Mit den Erfahrungen bei diesen Produktionen entwickelten Holger Fleig und Emanuel M. Schwermer die TimeFreeze-Aufnahme weiter. Schwermer kümmerte sich um die „fotografische“ Technik, die noch besser abgestimmt wurde. Jeder Kamera wurde ein Objektiv zugeordnet, auf das sie dann auch eingemessen wurde. Außerdem wurden spezielle Mattscheiben getestet. RTV kaufte ein State-of-the-Art-Computer-System, mit welchem sich Fleig in die Post-Produktion vertiefte, um die Stabilisierung der einzelnen Frames, das Zusammenfügen der Foto-Sequenz mit dem „normalen“ Filmmaterial am Anfang und am Ende der TimeFreeze Sequenz sowie die Interpolation der Bilder zur Verlängerung der Sequenz zu verfeinern.

Die TimeFreeze Technik
Matrix-Effekt, TimeSlice, TimeSplice, BullitTime, TimeFreeze, was ist das eigentlich? Grundsätzlich bezeichnen alle diese Ausdrücke den gleichen Effekt, welcher durch die Matrix Film-Trilogie populär geworden ist und in den darauf folgenden Jahren oft in Werbefilmen zu sehen war. Es handelt sich hier um einen fotografischen Effekt, der mit Film, oder Video-Kameras kombiniert wird. Anhand eines einfachen Beispiels lässt sich das am besten erklären: Wir denken uns eine Person, die in die Höhe springt.

Vor der Person ist das TimeFreeze Rig aufgebaut. Es besteht am Anfang aus einer Film- oder Video-Kamera, dann folgen in bestimmten, aber immer gleichen Abständen Fotoapparate. Normalerweise sind es 25 bis 75 Fotokameras. Am Ende des Rigs, nach den Fotoapparaten, ist eine weitere Film- oder Video-Kamera befestigt. Das „Rig“ an sich, ist zum Beispiel ein gebogenes, ein rundes oder auch ein gerades Metallrohr mit Bohrungen zur Befestigung der Kameras.

Die Film-/Video-Kameras und die Fotoapparate werden hochpräzise eingerichtet. Alle Kameras haben die gleiche Objektivbrennweite, die gleiche Blende und gleiche Verschlusszeiten. Vor dem „Action“ werden die Film-/Video-Kameras gestartet. Nun springt die Person in die Höhe, und der TimeFreeze-Techniker löst zu einem bestimmten Moment mit einem speziellen „Trigger-System“ alle Fotoapparate genau gleichzeitig aus – idealerweise natürlich, wenn sich die Person in der Luft befindet.

Bei der Fertigstellung der Sequenz wird das Bildmaterial der Kamera 0 (erste Film-/Video-Kamera = In-Punkt) mit den Einzelbildern der Fotoapparate zusammengeschnitten. An den Out-Punkt dieser Sequenz wird dann das Bildmaterial der Kamera 26 (Film/Video) angeschnitten.
Bei der Wiedergabe sehen wir dann die Person in der Kamera 0 in realer Zeit oder in Zeitlupe (je nachdem mit welcher Frame-Rate die Film-/Video-Kameras gelaufen sind) nach oben springen. Danach sehen wir die 25 Bilder der Fotosequenz. Da die Fotoapparate alle zur selben Zeit, aber an einer anderen Position ein Foto belichtet haben, sehen wir die Person in der Luft stehen, während wir um die Person herum fahren oder auf sie zu fahren, je nachdem wie das Rig aufgebaut ist. Wir fahren sozusagen mit einer virtuellen Kamera durch den Raum, ohne dass Zeit vergeht. Nach Frame Nr. 25, dem letzten Foto, sehen wir in der Sequenz der Kamera 26 (Film/Video), wie die Person wieder auf dem Boden landet.

Die Wegstrecke, die wir im „eingefrorenen“ Moment zwischen Kamera 0 und 26 zurückgelegt haben, ist definiert durch den von den Fotoapparaten überbrückten Abstand zwischen den beiden Film-/Video-Kameras. Dies können 4 Meter oder 40 Meter sein, je nach Motiv und Anforderung. Diese Strecke wird zurückgelegt, ohne das sich dadurch die Zeitachse ändert, wohl aber die Raumachse: Wir bewegen uns durch den Raum, ohne einen Moment Zeit zu brauchen – eben unendlich schnell beziehungsweise so schnell wie der Strom fließt, welcher die Kameras zum Auslösen bringt. Wir bewegen uns in „Stromgeschwindigkeit“ um die Person herum, und da der Strom etwas langsamer ist als das Licht: fast mit Lichtgeschwindigkeit. Dieses Prinzip lässt sich – abhängig vom technischen Aufwand – für vielerlei Effekte verwenden: theoretisch kann man alles „einfrieren“.
So einfach das Ganze in der Theorie klingt, so kompliziert und teuer ist es in der Praxis. Alleine die Anschaffungskosten der frei erhältlichen Technik sind enorm, 25 bis 50 oder mehr professionelle Spiegelreflex-Fotokameras, qualitativ hochwertige Objektive, Stativköpfe für die Kameras etc. Die Kameras müssen auf das jeweilige Objektiv eingemessen werden, es muss ein funktionierendes Auslöse-System angefertigt werden und last but not least muss man sich das Know-how der Anwendung erarbeiten.

Postproduktion
Nach dem Auslösen der Fotoapparate und dem Stoppen der Film-/Video-Kameras werden die einzelnen Fotos über eine spezielle USB-Verkabelung in einen Computer eingelesen, von einer Software von 1 bis 25 sortiert, in ein Schnittsystem importiert und dort mit einer Frame-Rate von 25 Bildern pro Sekunde abgespielt. So sehen wir bereits die rohe TimeFreeze-Foto-Sequenz. Nun wird das Footage der Videoausspiegelung (0 und 26 waren Filmkameras) oder eben das native – oder downconvertierte – Videomaterial (0 und 26 waren HD-Kameras) importiert und an die Foto-Sequenz angefügt, die Kamera 0 an das Foto 1 und das Material der Kamera 26 an das Foto 25. Diese Vorschau kann in weniger als 15 Minuten erstellt werden. So kann sehr schnell entschieden werden, ob man den richtigen Moment getroffen hat oder ein weiterer Versuch notwendig ist.
Danach beginnt die eigentliche Fertigstellung. Die Foto-Sequenz sieht in der Vorschau noch holprig aus – sie ist instabil, da es nicht möglich ist, vor dem Auslösen alle Kameras so perfekt einzurichten, dass eine saubere Fahrt daraus wird. Diese Stabilisierung erledigt die MotionTracking-Software im Computer. Nach dem Stabilisierungs- und einem eventuellen Interpolationsprozess wird die Fotosequenz mit dem Material der Kameras 0 und 26 zusammengefügt. Dieses Material muss nun in hoher Auflösung vorliegen, also im Falle der Verwendung von Filmkameras (0 und 26) muss das Negativ abgetastet worden sein und in einem HD-Videoformat vorliegen. Zum Schluss wird die fertig montierte Sequenz noch farbkorrigiert, um einen einheitlichen Look zu erhalten.

TimeFreezeFilmsMunich (TFFM) ist die Bezeichnung eines Kreativ-Pools, bestehend aus Oliver Bauss (RTV Film und Fernsehen), Emanuel M. Schwermer und Holger Fleig. TimeFreezeFilmsMunich bietet die Produktion von TimeFreeze Sequenzen kommerziell an. Für eine klassische TimeFreeze Sequenz kann von einer Produktionszeit von zwei Tagen (Aufbau/Dreh/Abbau) und weiteren zwei Tagen für die Postproduktion ausgegangen werden. Angebote werden nur nach einer genauen Beschreibung der gewünschten TimeFreeze-Sequenz erstellt, da der Aufwand je nach Ort und Aktion extrem variieren kann.
Autor? ( MB03/08)

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