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Mehr Effizienz bei Live-on-Tape

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Mehr Effizienz bei Live-on-Tape

Die politische Late Night Show „Mann, Sieber!“ (ZDF) mit den beiden Kabarettisten Tobias Mann und Christoph Sieber wird nicht Live übertragen, sondern einen Tag vor der Ausstrahlung Live-on-tape vor Publikum in einem Kölner Studio eingespielt. Das hat einige Vor- und Nachteile.

Ein Vorteil der Live-on-Tape-Situation im Studio ist zum Beispiel die Tatsache, dass man Teile der Show wiederholen kann, wenn etwas schiefgeht. Das ist aber zugleich auch ein Nachteil, weil damit ein gewisses Maß an Spontanität eingedämmt wird“, betont Tobias Mann.

Damit das nicht passiert, versucht das Team das Live-„Gefühl“ zu bewahren. „Wir machen tatsächlich nur eine Probe, und dann wird grundsätzlich ohne Unterbrechung aufgezeichnet“, ergänzt der zuständige Produktionsleiter von Warner Bros ITVP Deutschland, Jan-Michael Skavron, „denn Konzentration und Druck sollen aufrechterhalten werden. Jede Wiederholung bedeutet in diesem Genre eine Qualitätsminderung, weil das wichtige Stilelement Spontanität verloren geht.“

Für die beiden Kabarettisten ist es überhaupt ein grundsätzlicher Unterschied, vor einem Fernsehpublikum aufzutreten oder auf einer Theater-Bühne. Denn dort würden aus dem Scheitern zuweilen wunderbare Momente entstehen: „Manchmal natürlich auch nicht, aber das gehört zum Spiel dazu. Für solche Unsicherheiten ist der Aufzeichnungsprozess eher nicht ausgelegt, da eine Vorhersehbarkeit für alle beteiligten Gewerke wichtig ist.“ Eine ähnliche Ambivalenz sehen die Komiker auch, wenn es um die Technik vor Ort geht: „Durch die zahlreichen Kameras werden die Studiozuschauer nicht nur örtlich, sondern auch emotional deutlich mehr auf Distanz gehalten, als das beispielsweise in einem Kabarett-Theater der Fall ist. Für uns Akteure ist das nicht ganz einfach.“ Der Vorteil an der Kameratechnik sei allerdings, dass die Zuschauer am Fernsehschirm viel näher am Geschehen „dran“ seien und sie dadurch mehr in die Details der Darbietung eingebunden werden könnten. „Obendrein hat man multimedial mehr Möglichkeiten“, erklärt Mann, „unterm Strich kann man meines Erachtens sagen: Fernsehen ist fokussierter, klarer und strukturierter, während echte Live-Auftritte spontaner, direkter und damit letztlich emotionaler sind. Ich weiß die Vorteile beider Welten zu schätzen und würde weder das eine noch das andere missen wollen." Die aufgezeichnete Sendung jedenfalls wird nur noch geringfügig „geputzt“ wie der Produktionsleiter bestätigt: „Wir wollen nicht groß nachbearbeiten und produzieren bewusst mit einer hohen Dichte und ohne Breaks, weil wir diese Anspannung im positiven Sinn benötigen und weil wir dieses Format genauso haben wollen – zum Beispiel mit Improvisationen oder Versprechern.“ Unterbrechungen kommen zwar auch vor, aber nur selten und wenn es wirklich nicht anders geht, etwa bei Technikausfall.

Für die Produktion benutzt das Warner-Team das „normale“ Kamerabesteck: fünf Kameras und eine Kamera am Kran. Bei „Mann, Sieber!“ kann es schon vorkommen, dass eine Aufnahme abgebrochen werden muss. Häufiger werden Kameraflüge nachgedreht. Oder auch Detailschüsse auf bestimmte Requisiten, beispielsweise auf den Schreibtischen des Kabarettisten-Duos. „Das wäre live nicht möglich“, erklärt Skavron, „da würde der Moderator den entsprechenden Gegenstand in die Kamera halten, oder ein zusätzlicher ‚Over The Shoulder’ beziehungsweise Hand-Kameramann müsste eingesetzt werden.“ Genau das würde auch den finanziellen Aufwand erhöhen: Statt fünf wären sieben Kameraleute beziehungsweise Kamerazüge notwendig. Entsprechend dazu würde auch die Arbeit in der Bildregie umfangreicher. Auch das Datenvolumen der abgesteckten Kameras wäre deutlich größer, was Mehrarbeit und -kosten in der Postproduktion zur Folge hätte. 

Anspruchsvoll sind auch die Einspieler, die vom Warner-Team in den zehn Tagen vor der Show-Aufzeichnung realisiert werden. „Sie sind fast schon szenisch konzipiert, etwa wie Musikclips“, berichtet der Produktionsleiter, „wir drehen on location und für jede dieser zwei bis dreiminütigen Sequenzen sind sehr eng getaktete und volle Drehtage angesetzt.“ Kameratechnisch heben sich die Einspieler durch ihren filmischen, ambitionierten Look ab, der mit einer Sony FS7 erzeugt wird. Für jede Szene wird eine bestimmte Optik festgelegt, mit Einstellungsgrößen et cetera und es geht zu wie an einem klassischen Filmset. Dollys, Kräne, Steadycams, ein Schienensystem sowie leichte Flightcam-Einstellungen sollen jeden Einspieler auch zu einem visuellen Erlebnis machen. „Guter Gag – schlechte Optik, das funktioniert bei uns einfach nicht“, stellt Skavron fest. 

Vor der Show-Aufzeichnung findet ein „kalter“ Probentag ohne technisches Personal statt. „Kompliziert sind Themenfindung sowie inhaltliche Prozesse“, beschreibt der Produktionsleiter die besondere Herausforderung, „da es sich um politisches Kabarett handelt, können die Texte wegen der Aktualität erst kurz vor den jeweiligen Drehs geschrieben werden.“ Insofern muss das Team manchmal sehr schnell reagieren, etwa wenn am Voraband der Produktion eine aktuelle Meldung publik wird. Dann wird die gesamte Planung neu aufgestellt.

Bei einer wöchentlichen Show können Inhalte auch zuweilen „geschoben“ werden, bei einer monatlichen Show wie „Mann, Sieber!“ geht das nicht. Bestimmte Themen müssen sofort „mitgenommen“ werden oder sie sind nicht mehr verwendbar.

„Mann, Sieber!“ hat eine Länge von 30 Minuten, das aufgezeichnete Material umfasst bis zu 33 Minuten. Das bedeutet, dass zwei bis drei Minuten herausgeschnitten werden. Das passiert am nächsten Tag. Dann wird die Sendung gegebenenfalls noch weiterbearbeitet. Darauf wird sie auf zwei separate Datenträger übertragen und von zwei Kurieren zum ZDF Landesstudio nach Düsseldorf gebracht. Hier werden sie ins System geladen und per stehender Leitung nach Mainz zum ZDF übertragen. Dort geht die Aufzeichnung schließlich auf den Senderserver und wird am Abend ausgestrahlt. 

Für den Kabarettisten Christoph Sieber jedenfalls sind die Live-on-Tape-Aufzeichnungen eine Alternative zu den Live-Auftritten: „Dadurch, dass wir mehrere Einspieler und Umbauten im Studio haben, nimmt es uns den Druck, technisch alles immer auf den Punkt realisiert zu bekommen.“ 

Bei einer Live-Aufzeichnung wäre das anders: „Wenn etwas schief läuft, läuft es schief und wird gesendet. Außerdem gibt es dann einen enormen Zeitdruck, weil man ja in der vorgegebenen Zeit fertig werden muss.“ 

Bei der Vorproduktion von MAZen und Einspielern für „Mann, Sieber“ wird ein szenischer Film-Look mit viel Schärfeverlagerung gewünscht, weshalb EB-Kameras, etwa die Sony PDW 700/800, kaum zum Einsatz kommen, sondern sogenannte Digital-Cinema-Technik verwendet wird.

Das Kamera-Equipment besteht hier aus Sony PXW FS-5 und Sony PXW FS-7 (Besonderheiten: Super 35mm Chip/slowmotion-Aufnahmen, variabler ND Filter, XAVC 10bit Farbauflösung, Aufnahmeverfahren: Progressiv). Das Zusatzequipment besteht unter anderem aus einem Dolly-Eigenbau auf Zwei-Meter-Schienen, einer mobilen Green-Fläche für Spezial-Effekte in zwei Größen (drei mal sechs Meter sowie 1,8 Meter mal 0,9 Meter). An Sound Devices kommen ein Mischer SD302 oder eine ähnliche Gerätschaft inklusive Ton-Angel und Funkstrecken zum Einsatz. Die Lichttechnik wird stets entsprechend des Drehbuchs, des gewünschten Looks und den Anforderungen, die sich durch das Motiv ergeben, zusammengestellt. Häufig wird mit Flächenleuchten sowie ARRi L7 Bi-Colored LED gearbeitet. Bei aufwändigen Dreharbeiten auch beispielsweise mit Rifa Lite EX 88 1000W oder 650W Stufe ARRI.

Bei der Studio-Produktion ist die Projektionsfläche für „Stand-Up-Position“ ein wichtiges Element: Die Leinwand hat eine Größe von vier mal 2,25 Meter, die mit einem DLP Projektor bespielt wird (BARCO, HDF W30 + Barco TLD+ HB Optik S-XGA+ 0,73 / HD 0,67:1).Die Zuschauerprojektion oberhalb der Bühnenwelten geschieht durch eine Fastfold Rahmen-Aufprojektion (Größe 3,80 mal 2,14 Meter) und einem DLP-Projektor (Panasonic, PT-DZ770ELK). Zwischen „Schreibtisch Toby“ und „Schreibtisch Christoph“ ist das Plasmadisplay 65" Panasonic LCD 6520 (SHARP) aufgestellt. Für die Fahrten mit der HD Kamera LDK8000 wird der Supertechno ST-30 Teleskopkran inklusive Scorpio Mini Head 3-Achsen System verwendet. Dazu kommen drei HD Kameras Grass Valley LDK8000 auf Pumpstativen und entsprechenden Kamerapumpen, Quattros sowie Fulmers. Als handgeführte Kamera wird die LDK8000 eingesetzt. Die Regietechnik HDTV 1080i schließlich ist direkt an Studio und in Postproduktion angebunden. Wobei ein Digital Video Effects das Livemischen von Video-Material, wie Blenden, Wipes oder Keys ermöglicht.

Wilfried Urbe

MB 1/2017

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