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Moderne Technik und kreative Bildsprache

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Moderne Technik und kreative Bildsprache

Ein Highlight des Sportsommers 2019 waren die 2. European Games in Minsk. Hostbroadcaster ISB arbeitete bei dem großen Multisport-Event mit einigen deutschen Produktionsdienstleistern zusammen. Dazu zählten Broadcast Solutions und LMC. Sport1 sorgte im deutschsprachigen Raum für eine umfangreiche Live-Übertragung. Die Badminton-Übertragung überzeugte durch ein innovatives Regiekonzept mit äußerst dynamischen Bildern.

Die European Games sind eine alle vier Jahre ausgetragene Multisport-Veranstaltung. Nach der Premiere 2015 in Baku fand die zweite Ausgabe des zehntägigen Events dieses Jahr im weißrussischen Minsk statt. Organisiert und durchgeführt wurden die European Games 2019 vom Minsk European Games Organising Committee (MEGOC) in Kooperation mit den Europäischen Olympischen Komitees. Insgesamt kämpften in diesem Jahr über 4.000 Athletinnen und Athleten in 15 verschiedenen Sportarten und 23 Disziplinen (Badminton, 3x3 Basketball, Beachsoccer, Bogenschießen, Boxen, Judo, Kanu-Rennsport, Karate, Leichtathletik, Radsport, Ringen, Sambo, Schießen, Tischtennis und Turnen.

In acht der Sportarten gab es gleichzeitig auch Qualifikationsmöglichkeiten für die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio (Radsport, Kanu-Rennsport, Karate, Leichtathletik, Bogenschießen, Schießen, Tischtennis und 3x3 Basketball) um die Medaillen. SPORT1 war wie schon beim ersten Event 2015 auch in diesem Jahr wieder offizieller Broadcast Partner der „Europaspiele“. Der Sender hatte umfassende audiovisuelle und plattformneutrale Medienrechte an dem Event für Deutschland, Österreich und Schweiz von den Europäischen Olympischen Komitees (EOC) erworben. SPORT1 berichtete an jedem Wettkampftag der European Games 2019 live im Free-TV und teilweise auch parallel auf dem Pay-TV-Sender SPORT1+. Auf den digitalen SPORT1 Plattformen wurde das Turnier zudem mit Highlight-Videos, News und ausführlichen Berichten begleitet. 

 

Broadcast Solutions Technik-Support 

 

Bei der Broadcast-Produktion der multilateralen Signale setzte Host Broadcaster ISB insgesamt zwölf Ü-Wagen und über 200 Kameras ein, darunter viele Spezialkameras. Dazu waren acht ENG-Crews und eine Reihe von Flypacks für die Veranstaltungsorte mit mehreren Wettkampfstätten im Einsatz. Vier MDS-Kanäle wurden produziert plus ein buchbares unilaterales Signal. 700 Broadcast-Profis unterstützten ISB bei der Produktion der 2. European Games. Insgesamt wurden fast 800 Stunden produziert, davon über 600 Stunden live. ISB bediente mit den multilateralen Signalen 190 Rechteinhaber weltweit. 

Bei der Worldfeed-Produktion nutzte ISB auch die Produktionskapazitäten des lokalen staatlichen Senders Belarus TV. Mit der dafür nötigen Technik war der zuvor von Broadcast Solutions ausgestattet worden. Das Unternehmen aus Bingen hatte vier mobile Produktionssets für Belarus TV konzipiert, gebaut und Anfang 2019 nach Minsk geliefert. Jedes dieser mobilen Produktionssets besteht aus einem 18-Kamera HD-Ü-Wagen, einem Rüstfahrzeug und einem Vier-Kamera-HD-Flightcase-Studio. Alle vier Ü-Wagen (20-Tonnen-Sattelauflieger) sind baugleich und mit zwei Ausschüben versehen. HD-Produktionen mit bis zu 18 Kameras (zwei drahtlose, zwei SuperSlomos und 14 Standard HD-Kameras) sind damit möglich. In den Ü-Wagen sind Kameras, Bildmischer, Video-Router, Multiviewer und Slow-Motion-Server von Grass Valley verbaut. Die Audio-Regie basiert auf Calrec-Audio-Mischern und -Audio-Routern. IHSE KVM-Systeme sichern den Zugriff auf Computer und Arbeitsplätze, und die Intercom basiert auf Riedel Artist-Systemen. 

 

Die Flightcase-Studios arbeiten ebenfalls mit Grass Valley-Kameras, während FOR.A.'s Vision-Mixer und Ross-Router installiert sind. In den mobilen Studios sind KVM-Systeme von Guntermann & Drunck und Yamaha Audio-Mischer im Einsatz. Für die Steuerung innerhalb der Ü-Wagen und Flightcase-Studios entschied sich Belarus TV für das von Broadcast Solutions selbst entwickelte Steuerungssystem hi. hi kontrolliert alle produktionsrelevanten Bereiche in den Fahrzeugen wie Video-Router, Multiviewer, Audio-Router und Tally. Die intuitive Touch-Steuerung und die neu entwickelte hi-Hardware-Steuerung vereinfachen den Produktionsalltag in den Ü-Wagen. ISB produzierte mit den vier Ü-Wagen die Eröffnungs- und Abschlusszeremonien sowie die wichtigsten Wettkämpfe der Veranstaltung. Während der Veranstaltung lieferte Broadcast Solutions zusätzlich Produktionsunterstützung durch Spezialisten, die die Produktion und Technologie überwachten. Die vier Flightcase-Studios nutzte Belarus TV bei der Produktion des unilateralen Signals für Weißrußland. 

 

LMC produzierte Badminton

 

Auch weitere deutsche Dienstleister halfen ISB bei der Produktion. So war in Minsk zum Beispiel LMC LiveMotionConcept mit der Produktion der Badminton-Wettbewerbe beauftragt. Zum Einsatz kamen dabei zahlreiche Spezialkameras wie die Antelope Compact Handheld.

Schon bei den 1. European Games 2015 war LMC für die Venues Mountain Bike, Beach Volleyball und Beach Soccer zuständig. Außerdem hatte LMC damals den Auftrag Spezialkameras (hauptsächlich Antelope MkIIs und PICOS) für diverse Venues zu stellen. LMC-Chef Felix Marggraff erhielt als Regisseur gemeinsam mit ISB in 2015 für seine Leistung den Golden Podium Award bei der Sportel in Monaco für „Innovative Use of Mini HSSM Cameras“.

 

In diesem Jahr wurde Marggraff als Regisseur für das Badminton Venue im Falcon Club in Minsk ausgewählt. Das war „ein spezielles Venue“, meinte er. Enge Zufahrtswege und wenig Platz auf dem Technik-Compound machten den Einsatz der Ü-Technik schwierig. ISB hatte sich dementsprechend für einen relativ kompakten Ü-Wagen (HD5) der polnischen Firma ATM entschieden. „Der war dennoch mit solider Technik ausgestattet“, betonte Marggraff. Der HD5 arbeitet mit acht Sony-Kamerazügen und verfügt über Sony-Mischer (3000A Mischer 32in/16out), zwei sechskanalige EVS XT3-Server mit Channel Max und IP Director, Yamaha CL5-Audiomischer und zwei RIO3216 Stageboxen. 

Kamera-Set-up bei Badminton

 

Die Führungskamera mit 18-fach Optik befand sich auf Stativ oben auf der Tribüne und für Close-Ups wurde eine Kamera mit 99-fach Optik von Fujinon (Kamera 2) eingesetzt. Als Netzkamera war eine MARSHALL CV365-CGB Minikamera im Einsatz. Weitere Kameras dienten als unbemannte Beauty-Kameras, als Handheld- und zwei Isolation-Feed-Kameras auf Stativ (links und rechts neben dem Netz mit 23-fach Optik). Dazu stellte die britische Firma Camera Corps eine Antelope Compact Fibre, die mit 23-fach-Optik als Handheld-Kamera eingesetzt wurde, und eine Top Shot-Robotic-Kamera mit zehnfach Optik, die mittig zentriert über dem Badminton Court platziert war. Insgesamt waren bei den Badminton-Wettbewerben elf Kameras im Einsatz. 

 

„Wir hatten erst vor, 42x Optiken auf die Isolation-Kameras, Kamera drei und vier, zu bauen, haben dann aber schnell gemerkt, dass die Fujinon 23x7,6 die besseren Optiken für die Positionen sind, weil wir sehr nah am FOP standen und die Optiken auch schneller liefen“, erklärte Marggraff und erzählt weiter: „Schwierig war die Position der Close-Up-Kamera, weil es eigentlich keinen Platz für eine klassische Position gab. Wir haben die Kamera dann in eine Diagonale in der Verlängerung der rechten Seitenlinie gestellt und Weltklasse-Close-Ups geschossen – und die Kamera auch als flache Führung genutzt“.

 

Als neues Stilmittel habe man verstärkt „Risk Zooms“ verwendet. Hierbei habe man mit der Close-Up-Kamera von der Totalen aus mit einer schnellen Zufahrt bis in die Pupille eines Spielers gezoomt. „Das sah am Anfang aus wie ein Fehler. Wenn dann das Bild in der Pupille aber scharf endet, versteht jeder, dass das gewollt war. Den gleichen Effekt haben wir auch mit der Super Slow Motion-Kamera (Kamera 7) erzielt, ebenfalls mit einer Fujinon 99x8,4-Optik“. Von Vorteil sei gewesen, dass es in der Arena flickerfreies Licht gab, das hat uns bei der SSL und der Antelope geholfen“, erzählt Marggraff.

Am Wochenende der European Games wurde nur noch auf einem Badminton-Court gespielt. „Wir haben da das Licht außerhalb des Spielfeldes seitlich komplett absaufen lassen, so hatte es den Effekt aus den seitlichen dichten Kameras 3 und 4, dass die Spieler fast in einer Art schwarzen Loch wie in einem Studio gespielt haben“, berichtet der LMC-Chef.

 

Der Regie-Ansatz sei gewesen, weg zu gehen von wiederholten Routinen, wie sie oft bei standardisierten Tennis- oder Badminton-Übertragungen passieren. Marggraff: „Wir wollten eine hohe Dynamik mit vielen und schnellen Schnitten, um dem Zuschauer möglichst viele Split-Second-Shots zu bieten und ihn somit in die Arena auf den Court zu holen. Um das zu erreichen wurde erneut ohne Bildmischer gearbeitet weil bei einem so schnellen Sport wie Badminton gar nicht die Zeit bleibt, dem BIMI eine Kamera anzusagen. Bis Du die Zahl gesagt hast ist der Ballwechsel schon vorbei.“

 

Die hohe Dynamik der Badminton-Übertragung sei bei den Offiziellen und dem Badminton-Verband sehr gut angekommen. „Wir hatten regelmäßigen Kontakt zu Badminton Europe und den Schiedsrichtern, die uns bestätigt haben, dass es eine sehr frische und spannende Übertragung war“, betont Marggraff.

 

Den Handheld-Einsatz der Antelope Compact bezeichnet er als „absoluten Knaller“. „Ich bin eh ein Freund von mobilen Highspeed-Kameras, weil sich die Einstellungen auf dem Stativ einfach sehr schnell wiederholen. Als Handheld hatten wir unzählig wechselnde Positionen. Die Kamera-Kollegen haben immer wieder neue Einstellungen gesucht und so hatten wir im Live-Bild und in den Highlights immer die besten Szenen in Highspeed aus total unterschiedlichen Winkeln.“   

Eckhard Eckstein

MB 3/2019

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