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Näher am Zuschauer

News: Produktion

Näher am Zuschauer

Die FIA Formel E-Rennserie ist mehr als nur ein weiterer Rennzirkus. Im letzten Jahr mit 190 Millionen Live-TV-Zuschauern und über fünf Milliarden Interaktionen auf diversen Social-Media-Kanälen gestartet, ist sie in diesem Jahr in ihre zweite Saison gegangen. Für die Live-Übertragung der Rennen sorgten hierzulande die Discovery-Sender Eurosport und DMAX. MEDIEN BULLETIN besuchte die Formel E-Produktion am 21. Mai in Berlin und sprach dort mit den Produktionsverantwortlichen.

Eurosport hat sich die exklusiven TV- und Digitalrechte an der FIA Formel E für 2015/16 und 2016/17 in Deutschland, Polen, Schweden, Norwegen, Dänemark und Finnland sowie auf nicht-exklusiver Basis für Island gesichert. Alle elf Rennen werden im deutschsprachigen Raum live bei Eurosport und Eurosport 2 übertragen. Alle Qualifyings sind live im Eurosport Player sowie live beziehungsweise leicht zeitversetzt im TV zu sehen. Um eine möglichst hohe Reichweite der Renn-Events zu generieren, übernahm zusätzlich auch der Männersender DMAX die Live-Übertragung beim Rennen in Berlin (21. Mai 2016).

Eine Crew von DMAX produzierte bereits ab Donnerstag vor Ort Beiträge für den eigenen Sender, aber auch für die Schwestersender in Polen, Schweden und den Benelux-Staaten, erzählt Frederic Jouon, Producer bei Eurosport und DMAX. Dabei griff man auch auf offizielles Bild-Material der Formel E zurück. Zur Übertragung des selbstproduzierten Materials vor und nach dem Rennen sowie für den Kommentatoren-Ton nutzte DMAX in Berlin einen eigenen SNG. Beim Rennen selbst wurde das Worldfeed abgegriffen. DMAX und Europort hatten keine unilateralen Kameras an der Strecke. Insgesamt wurde das Rennen von 37 Sendern weltweit übertragen. Die Strecke mitten in Berlin entlang der Karl-Marx-Allee und um den Strausberger Platz herum war circa zwei Kilometer lang und mit 48 Runden und elf Kurven nicht nur die kurventechnisch anspruchsvollste Strecke der Serie, sondern auch die mit den meisten Runden. Zum Wesen der Formel E gehört es, dass sie in den Städten stattfindet. Dafür nehmen die Veranstalter auch einiges Geld in die Hand.

In Berlin wurden Teile der Rennstrecke auf Kosten des Veranstalters neu asphaltiert. In Paris werden Kopfsteinpflasterstraßen nicht nur geteert, der Belag wird später auch wieder entfernt. Mit den Elektrorennautos möchte man nahe am Verbraucher sein, um ihn für die neue Technologie zu begeistern. Städtische Parcours bieten zudem großen visuellen Wert für die TV-Produktion und für die Stadt selbst einen touristischen Werbeeffekt. Für Berlin war der so wichtig, dass man gegen den Widerstand der betroffenen Bezirke auf die Erhebung von Straßennutzungsgebühren in Höhe von circa 400.000 Euro verzichtete. Für das Rennen wurde eine der wichtigsten Tangenten der Stadt für mehrere Tage gesperrt beziehungsweise deren Nutzung stark eingeschränkt. Letztes Jahr fand das Rennen noch auf dem still gelegten Flughafen Tempelhof statt. Dort sind inzwischen jedoch Flüchtlinge untergebracht.

Westbury Gillet, Producer und Regisseur des Weltbilds für die Produktionsfirma Aurora Media Worldwide sagt zum Wesen der Formel E: „Die DNS der Formel E ist, dass sie in den Städten stattfindet. Die Menschen können mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Rad zu den Rennen kommen und wenn sie an der Strecke wohnen sogar von ihren Balkonen zusehen. Das ist eine großartige Palette, mit der man arbeiten kann. Als Regisseur achte ich immer darauf, dass die Städte mit einbezogen und in ihrem besten Licht gezeigt werden. Aber es ist auch wichtig die Geschwindigkeit der Wagen zu zeigen. Beides steht in einer Balance zueinander, weshalb die Positionierung der Kameras eine wichtige Rolle spielt.“

Die Strecke in Berlin ist etwas kürzer, als die in anderen Städten, doch gerade hier kann man die umliegenden Gebäude und im Hintergrund den Fernsehturm sehr gut mit einbeziehen. „Natürlich geht es uns darum ein spannendes Rennen zu zeigen, aber wenn wir gleichzeitig die Stadt präsentieren können, ist das ein echter Gewinn und dieser Teil der Stadt eignet sich bestens dafür“, sagt Lawrence Duffy, Geschäftsführer von Aurora Media Worldwide. Während bei den Bildern, in denen die Stadt mit einbezogen ist Weite ein Rolle spielt, wird bei den reinen Rennbildern versucht die Geschwindigkeit der Wagen zu betonen, um sie schneller erscheinen zu lassen. Das geht umso besser, je näher die Kameras an der Strecke stehen. „Vergleicht man die klassischen Rennen in Monaco und Shanghai, die beide ebenfalls in der Stadt stattfinden, erscheint das Rennen in Monaco schneller, obwohl Shanghai die schnellere Strecke ist“, erklärt Gillet. „Das liegt daran, dass die Kameras in Monaco näher an der Strecke stehen. Und deshalb hat Monaco immer einen Platz im Herzen jedes Rennsportfans, weil er hier das Gefühl hat ganz nah dabei, beinahe mit drin zu sein.“

Da die Formel E eine neue Rennserie ist, ist das Budget noch längst nicht vergleichbar mit anderen Rennserien. Deshalb müssen immer wieder Kompromisse gemacht werden. Gillet hätte gerne zwei, drei Kameras pro Position, aber er hat nur eine. Daher muss er sich immer wieder überlegen, wie sie genau positioniert werden soll. „Sowohl Mike Scott, unser Produzent, als auch ich haben viel Erfahrungen mit Rennen. Als wir jung waren, haben wir mit Go-Cart-Rennen angefangen. Wir wissen, wo sich die Schlüsselmomente auf einer Strecke ereignen, so dass wir sicher stellen können, dass diese Stellen gut abgedeckt sind“, so Gillet weiter. Jede Strecke wird nach einer intensiven Begehung nach ihren eigenen Bedürfnissen ausgerüstet. Der Aufbau der Kameras, der Funkstrecken und die Verlegung der 25 Kilometer Glasfaserkabel beginnt deshalb schon drei Tage vorher. Der Abbau ist dann in einem halben Tag geschafft. Die Kameras an der Rennstrecke sind teilweise über Kabel und teilweise über Funk angebunden. Alle Kameras sind an den Engineering-Container angeschlossen, „wo sich Mike Mavrolean darum kümmert, dass alle Bilder in die Welt hinaus gesendet werden“, so Lawrence Duffy.

In Berlin gab es keine Highspeed- beziehungsweise Super-Slowmotion-Kamera an der Strecke. Zwar ist mit den vorhandenen Kameras eine normale Slomo möglich, „doch das Rennen dauert 45 Minuten und wir haben heraus gefunden, dass dies zu wenig Zeit ist, um überhaupt Slomo-Aufnahmen einfügen zu können. In dieser kurzen Zeit gibt es ohnehin schon so viel Action, dass mehr gar nicht rein passt“, erzählt Gillet.

Alle Kameras sind mit Mikrofonen ausgestattet. Außerdem gibt es Mikrofone in den sogenannten Breaking Zones. Dadurch, dass E-Motoren im Vergleich zu Verbrennungsmotoren deutlich leiser sind kann man neben Beschleunigung, dem Quietschen der Reifen, der Bremsen, sogar den Wind hören. An manchen Rennstrecken der Formel E kann man auch den Jubel der Fans hören, den man bei den anderen Rennsportarten nicht hören kann. Um den Ton auf der Strecke und den im Wagen kümmern sich zwei Toningenieure. „Es gab eine Diskussion darüber, ob man den Sound der Wagen verstärken soll“, erzählt Gillet. „Doch im Laufe der Diskussion gewöhnte man sich daran, dass man es mit einem elektrischen Ton zu tun hat. Ich persönlich arbeite für viele verschiedene Rennen und ich bin froh, dass es bei der Formel E nicht so laut ist, so dass ich zur Abwechslung mal meine eigenen Gedanken hören kann. Die Formel E hat eine andere Dynamik. Hier steht eine andere Philosophie dahinter. Die Menschen können sich während des Rennens tatsächlich unterhalten. Man kann seine Kinder besser mitbringen. Sie brauchen nicht mehr diesen großen Gehörschutz. Man sieht hier Kinder mit ihren Müttern. Etwas, was man bei den traditionellen Rennen nicht sieht, wo eher Männer im mittleren Alter hingehen.“

Lawrence Duffy ergänzt: „Der Ton bei der Formel E ist sehr wichtig, da die Elektrowagen deutlich leiser sind als die Wagen bei anderen Motorsportrennen. Daher spielte es für uns schon eine wesentliche Rolle den Ton richtig hin zu bekommen.“

Gillet hat bereits an über 70 Rennstrecken in aller Welt Regie geführt. „Das Tolle an der Formel E ist, dass die Rennen in der Stadt stattfinden und dass noch niemand zuvor bei ihnen Regie geführt hat. Das ist eine leere Leinwand, die ich bemalen darf“, schwärmt er. „Ich gehe mit dem Chef der Kameraabteilung herum und wir entscheiden, wo wir die Kameras positionieren. Das ist wie in Monaco. Wer auch immer der Regisseur war, der bei dem ersten Rennen dort Regie geführt hat, er hat die Blaupause geschaffen, die die Grundlage für alle anderen Regisseure nach ihm ist. So ist das für mich jetzt auch. Bei einem Fußballstadion ist immer klar, wo die Führungskamera hingehört und wie sie flankiert wird. Bei einer Rennstrecke gibt es das nicht. Insbesondere nicht bei einer neuen. Da muss man bei der Positionierung über den Tellerrand hinaus schauen.“

An der Rennstrecke sind 20 Kameras fest installiert, einschließlich Mini-Kameras und Kabelkameras. In der Boxengasse gibt es drei Funkkameras, alle Rennwagen verfügen über On-Board-Kameras von Vislink – vorne in der Spitze, am Heck und über dem Kopf des Fahrers. Letztere ist eine 16:9-HD-T-Piece-Kamera aus Kohlenfaserstoff, die Aufnahmen in und gegen die Fahrtrichtung machen kann. Zusätzlich werden alle Teams mit Kameras begleitet. Insgesamt sind 40 Kameras zu jeder Zeit im Einsatz, wodurch es zu einer sehr hohen Schnittfrequenz kommt. Dabei werden gleichermaßen niedrige und hohe Kamerawinkel abgedeckt wie auch Perspektiven aus dem Auto sowie Aufsichten aus dem Hubschrauber.

Luftaufnahmen von dem eigentlichen Rennen sowie Beauty-shots der Location wurden in Berlin von Cineflight mit Patrick Nüske als Pilot und einer Cineflex V14 hergestellt. Die Herausforderung für Nüske im Vergleich zu anderen Sportereignissen waren die hohen Gebäude entlang der Rennstrecke. „Zum einen war es dadurch schwieriger zu fliegen, zum anderen waren nur senkrechte Schüsse von oben machbar“, so Nüske, der über jahrelange Erfahrung mit Luftaufnahmen bei Live-Sportereignissen verfügt. Für die Funkstrecke zwischen Helikopter und TV-Compound war rentEvent zuständig, die mit Cineflight eine Partnerschaft im Bereich von Livebildern aus der Luft eingegangen sind. RentEvent kommt aus der Veranstaltungstechnik, hat sich aber mittlerweile auch einen Namen bei Drahtloslösungen bei Sportübertragungen gemacht. „Bei der Formel E ist die Strecke nicht so groß wie etwa bei einem Marathon, einem Radrennen oder bei der Übertagung eines Golfturniers, sodass wir mit der normalen Reichweite von fünf, sechs Kilometern auskommen“, sagt rentEvent-GF Stefan Schultze. „Der komplizierte Teil ist vielmehr die Einhaltung der Vorschriften zur Luftsicherheit, wenn wir Antennen anbringen. Hier sind wir die einzige Firma in Deutschland, die von der ESA eine Zertifizierung für diesen Bereich hat.“

On-Board-Kamera-System von Vislink

Das On-Board-Kamera-System der Formel E und die dazugehörige Software wurden von Vislink selbst entwickelt. Dabei wurden die Kameras und die Karosserie von vorn hinein so aufeinander abgestimmt, dass beides eins war und es keine negativen Auswirkungen auf die Stabilität der Karosserie gibt, wie es bei einer nachträglichen Ausrüstung mit Kameras der Fall wäre. „Die Entwicklung der Formel E-Onboard-Kameras beinhaltete eine Reihe technischer Herausforderungen“, erklärt Ashley Jackson, VP Engineering bei Vislink. „Eine der größten war der Schutz der HD-Kamera-Daten vor den starken elektromagnetischen Feldern, die in Stromkabeln entstehen, die in unmittelbarer Nähe von sehr großen Spannungen, Stromflüssen im Motor sowie elektromagnetischen Feldern der Batterie und des Antriebs entlang laufen. Auch waren Größe und Gewicht wichtige Designkriterien für die in den Wagen verbaute Übertragungstechnik.“ Nachdem erste Tests mit handelsüblichen Kameras enttäuschend ausfielen, entwickelte Vislink eine Kamera, die der rauhen Umgebung des Rennsports standhalten konnte. Die Kamera muss Fliehkräften widerstehen, starken Vibrationen, Hitze, Feuchtigkeit und starken Erschütterungen. Die Vislink HDMC-Kamera verfügt über eine Standard-CAN-Schnittstelle für den Motorsport sowie eine SDI-Verbindung. „HDMI ist kein gutes Format für Motorsport-Anwendungen“, erklärt Jackson diese Entscheidung. Vislinks HDMC-Kamera arbeitet im Standard 1080i/50 (mit echtem Interlace), was das Seherlebnis des Zuschauers verbessert, da es bei hohen Geschwindigkeiten nicht zum gefürchteten Shutter-Effekt kommt, Rauschunterdrückung aktiver Schwarzwertfeststellung und einer 12Bit-Bildtiefe. Der Feed wird mit dem H.264-Codec komprimiert. Eine 4k-Version befindet sich in der Entwicklung. Eine große Rolle spielen die Objektive, da man tunlichst damit rechnen muss, das ein oder andere in einem Rennen beschädigt wird und ausgetauscht werden muss.

Das Kamerasystem für die Formel E wurde so entwickelt, dass man es mit einer minimalen Anzahl von Technikern vor Ort einfach montieren, überwachen und eventuelle Fehler beheben kann. Das Übertragungssystem folgt ebenfalls einem einfachen, schnellen Design, wodurch es weniger Übertragungspunkte entlang der Strecke gibt, an denen das Funksignal abgenommen und dann per Glasfaser weiter geleitet wird. Alle 40 Fahrzeuge sind mit extra für diesen Zweck gebauten Kabelbäumen ausgerüstet, um alle Kamerapositionen abdecken zu können.

Auch die Kamerasoftware, die sich je nach Kundenanforderungen anpassen lässt, wurde von Vislink entwickelt. „Die Qualität der HD-Onboard-Bilder ist extrem gut“, sagt Jackson. „Die Kameras laufen in einem manuellen Weißabgleich-Modus. Jeder Kamera ist in der Lage andere Kameras mit Hilfe der Camera Control Racking-Software und Telemetriesteuerung zu verfolgen. Weitere Anwendungen umfassen ein Echtzeit-Panel des Regisseurs für die Bildauswahl und eine Engineering-Benutzeroberfläche, mit der die Onboard-Kamera-Systeme während des Live-Ereignisses ein- und ausgeschaltet werden können. Ein spezieller Handheld-HD-Monitor-Empfänger mit einem Telemetrie-Steuersystem ist für die Crew bestimmt, damit der Techniker die Möglichkeit hat das System vor Ort in der Box überprüfen zu können – ein Muss für die Fehlersuche.

Bei jedem Rennen sind zwanzig Wagen gleichzeitig auf der Strecke. Aufgrund von der limitierten Verfügbarkeit von Frequenzen im lizenzierten Bereich kann nur jeweils eine Kamera von sechs Autos gleichzeitig live gehen, wobei jeder Feed mit Hilfe der Telemetrie gesteuert werden kann. „Stabile Onboard-Kamera-Bilder sind heute die Norm für jede Motorsport-Übertragung“, schließt Jackson. „Immerhin bestreiten sie im Schnitt 18 Prozent aller übertragenen Bilder einer Sendung.“

Die Bilder aller Kameras werden auf ein server-basiertes System gespielt und in der Cloud archiviert. Dorthin kommen auch alle weiteren Informationen für die Zuschauer wie die Zeitnahme, den Ladestatus der Batterien, jedwede Telemetrie aus den Autos wie Geschwindigkeit, Gang und so weiter, die dann als Grafiken für die Übertragung, den Second Screen und für die Displays entlang der Strecke aufgearbeitet werden. Der Ladestatus der Batterien ist deshalb sehr wichtig, da die Autos während des Rennens getauscht werden. In der Formel E sind die Autos bis 230 km/h schnell. Die maximale zu erreichende Geschwindigkeit auf der Berliner Strecke lag jedoch bei circa 200 km/h. Die Energie kommt aus kleinen, etwa 20 Kilo schweren Batterien, die maximal 231 PS schaffen und mit Trockeneis gekühlt werden. Da die Batterien nicht lange genug halten, werden die knapp 100 Kilometer langen Rennen mit zwei Autos gefahren.

Das Herzstück der Formel E-Produktion ist der TV-Compound, der aus fünf verschiedenen Containern (Pods) für Grafik und Zeitnahme, Ton, Replay, Engeneering und Kamera besteht. In drei weiteren Containern wird weitere Ausrüstung mitgeführt. Hinzu kommen je ein Zelt für Regie und Postproduktion, in die jeweils alle Kamerafeeds übertragen werden. Die FIA erstellt eigene Geschichten über einzelne Fahrer, über die Stadt, technische Stücke und alles, was sich sonst eignet, in die Übertragung eingespeist oder über Internet zugänglich gemacht zu werden. Ungefähr 50 Leute, alles Motorsportspezialisten und Enthusiasten arbeiten insgesamt für die Produktion. Wie die Ausrüstung reisen sie überall mit hin. „Es sind immer dieselben, weil wir die Kontinuität in unsere Arbeit behalten wollen“, begründet Duffy die Strategie. Nur für den Aufbau an den jeweiligen Rennorten kommen noch lokale Rigging-Crews hinzu. Die Container mit ihrer Außenhaut von 25 Millimeter sind „purpose build“ wie Duffy stolz erzählt. Sie werden einfach auf Laster gestellt und zum nächsten Rennort, Hafen oder – wenn notwendig – Flughafen gebracht. Auch hier beginnt der Aufbau drei Tage vor Rennbeginn, während am Morgen nach dem Rennen der TV-Compound bereits wieder auf Reise ist. Der circa fünf Millionen Euro teure TV-Compound ist nur an wenigen Stellen mit Redundanzen eingerichtet. „Alles andere wäre zu teuer“, sagt Mike Mavrolean, der Systems Engineer. “Wir haben zwei Stromzuführungen, denn wenn es Probleme gibt, dann am ehesten damit. Heute verlässt man sich halt auf eine gute Technik und wenn ein Reboot notwendig ist, dauert das zehn Minuten.” Bisher ist noch kein System ausgefallen. Falls doch mal was passieren sollte und das dann nicht durch einen Reboot, währenddessen irgendwie weiter gesendet werden könnte, zu beheben wäre, müssten andere Elemente übernehmen. Ein sehr viel größeres Problem ist es, alles trocken zu halten. Gerade in Asien ist die Luftfeuchtigkeit auch ohne Regen so hoch, dass man die Container – oder Pods, wie sie Duffy nennt – mit Entfeuchter trocken halten muss. „Nasse Materialien schimmeln in den Pods und Schimmel beschädigt alles, insbesondere aber die Kameras und die Objektive.“ Aber nicht nur deshalb gehört es zu Mavroleans wichtigster Aufgabe nach jeder Reise peinlichst die Technik zu überprüfen. Es wäre ziemlich unangenehm, wenn ein Reiseschaden, wie etwa ein Kabelbruch oder eine lockere Verbindungsstelle die Übertragung behindern würde.

Ergänzend zur 1. Saison gab es in diesem Jahr mehr Telemetrie von der Strecke und aus den Wagen. Im gleichen Umfang beibehalten, wurde der Live-Teamfunk, der in der 1. Saison ein durchschlagender Überraschungs-Erfolg war, über den man alles hört, was in den Rennställen während des Rennens gesprochen wird. „Wir lassen die Mikros offen und erlauben so den Fahrern und den Teams ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Auch dieser Open-Access-Moment ist Teil der DNS der Formel E“, sagt Duffy. Die Produzenten versuchen den Zuschauern während der Live-Übertragung aber auch auf den anderen Plattformen soviel zu geben, wie nur möglich: Online und in der App, in der alles möglich ist. „Dieses Medien-Ökosystem ist wichtig, um alle Elemente des Rennens dem Zuschauer zur Verfügung zu stellen, damit sie wählen können, was sie sehen wollen, anstatt, dass dies ein Regisseur für sie entscheidet, wie in den alten Tagen. Für mich sind diese Zeiten Geschichte“, erzählt Duffy.

Aurora Media Worldwide stellt prinzipiell erst einmal nur das Weltbild, doch wenn ein Sender zusätzlich ein unilaterales Bild möchte, werden zusätzliche, modulare Elemente für ihn eingesetzt. „Da machen wir dann alles möglich, was der Kunde wünscht und braucht“, ist da Duffy ganz Produzent. Bevor das Rennen startet, gibt es eine halbstündige Show, die alle möglichen Elemente beinhaltet, mit denen die Zuschauer sowohl informationsseitig als auch emotional auf das Rennen eingestimmt werden. Manche Sender nehmen das, andere wählen individuelle Pakete aus, die in der Cloud zugänglich gemacht werden, und wieder andere schalten erst zum Rennen zu. Der wirtschaftliche Schlüssel für die Produktion ist, dass allen angeschlossenen Sendern Zugang zum Material gewährt wird, aus dem diese letztendlich eine eigene, für sie passende Auswahl treffen können.

Zur Zeit wird noch alles in HD produziert. Doch UHD ist im Bewusstsein der Produktion bereits angekommen. Duffy ist in diesem Bezug jedoch zurückhaltend: „Für UHD braucht man eine andere Herangehensweise. Formel E ist als Cross-Plattform positioniert für ein Publikum, dass das Rennen auf mobilen Endgeräten, über die sozialen Medien oder klassisch am Fernseher während einer Live-Übertragung verfolgt. Das ist unsere Signatur und darauf fokussieren wir uns, anstatt auf eine reine Fernsehplattform, die sich von HD zu UHD entwickelt. Wir sind plattformneutral und bieten unser Produkt entsprechend plattformneutral an.“ Daher ist auch VoD von Material, das nicht in die Live-Übertragung einfloss, über einen eigenen YouTube-Kanal Teil der Auswertungsstrategie. So verwundert es kaum, dass im Verlauf einer Saison rund 600 Clips pro Fahrer zusammen kommen. Neben Live-Inhalten kommt VoD auch deshalb eine große Bedeutung zu, weil die Rennfans, so Duffy, die Momente später noch mal erleben wollen. Dabei sind On-Board-Kameras die beliebtesten Feeds. Sie sind via App überall auf der Welt verfügbar – außer, aufgrund der Übertragungsrechte, in Frankreich.

Alles Material, sogar der Teamfunk, wird archiviert, denn viele wollen echte Insight-Informationen und dafür ist ein Archiv Gold wert. Zudem ist das Archivmaterial auch Grundlage für individuell zugeschnittene Fan-Pakete.

„Die Formel E ist etwas Einzigartiges, das Rennen, die Autos, die Fahrer sind ganz nah an den Fans. Es ist ein inklusives Rennen“, so Gillet. Nicht nur durch Social Media und Second Screen. Auch auf der Strecke selbst. Die Fahrer sind immer inmitten der Menge: Wenn sie fahren, am Ziel, wenn sie den Wagen verlassen, beim kurzen Interview, wenn sie auf das Podium hochgehen. Westbury Gillet ist daher ziemlich begeistert von der Formel E und den perspektivischen Möglichkeiten, die mit ihr nicht nur für den Rennsport einhergehen: „Es gibt einen direkten Kontakt. Das ist sehr energetisch. Sowohl für die Fahrer, als auch für die Fans. Der Fan ist nah bei den Fahrern und kann sich mit ihnen freuen oder enttäuscht sein. Und wenn man enttäuscht ist, heißt dies, dass einem das Rennen wirklich etwas bedeutet. Es ist wichtig, dass wir in der Übertragung diese Balance finden. Ich für meinen Teil liebe es. Ich bin seit Anfang an dabei und hoffe, dass es weiter geht. Ich bin überzeugt, dass e-Mobilität eine Zukunft hat. Ich habe mir sogar schon das neue Tesla 3-Modell bestellt. Ich lebe in der Stadt und ich mag die Vorstellung, dass wir uns in der Stadt elektrisch bewegen und dort saubere Luft atmen können, wo wir leben.“

Der Hauptaktionär der Formel E Liberty Media (National Geographic) und ihr Gründer der Spanier Alejandro Agag wollen die Formel E zu einer „weltweiten Motorsport-Unterhaltungs-Plattform ausbauen“. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung prophezeit Agag in den nächsten fünf Jahren eine technische Explosion: „Nicht nur bei den Autos, in Sachen Antrieb, Elektrik und Elektronik. Vor allem aber in Bezug auf das digitale Umfeld. Millionen von jungen Fans werden sich für die Formel E begeistern, aktiv mitmachen, neue Interaktionsebenen mit neuen digitalen Welten verknüpfen. Statt wie heute 20.000 User pro Tag sind bald fünf Millionen oder mehr unterwegs.“

Thomas Steiger

MB 3/2016

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