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Neue RTL-Fußball-Handschrift

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Neue RTL-Fußball-Handschrift

Nachdem ARD und ZDF zur Begeisterung fast aller eine Super-Fußball-WM auf den Bildschirm gezaubert haben, war die spannende Frage, ob RTL bei der Live-Übertragung und in der Berichterstattung über die European Qualifiers in der Produktionsqualität mithalten kann. Und gibt es etwas Neues bei RTL?

Anders, als vielfach in der Presse suggeriert, ist RTL keinesfalls nach langen Jahren Abstinenz neu in die Live-Berichterstattung über Fußball eingestiegen. Zum einen hatte RTL bereits einige Spiele der FIFA-Weltmeisterschaften 2006 in Deutschland und 2010 in Südafrika gezeigt. Zum anderen gehört zur Mediengruppe RTL Deutschland als hundertprozentige Tochter das TV-Produktions-, IT- und Broadcast-Unternehmen CBC (Cologne Broadcasting Center), das nicht nur für die unternehmenseigenen Sender der Mediengruppe RTL Deutschland alle produktions- und sendebetriebsrelevanten Prozesse plant und gestaltet, sondern darüber hinaus seit vielen Jahren unter anderem Produktion und Broadcast der internationalen Live-Berichterstattung der Fußball-Bundesliga im Auftrag der Deutschen Fußball-Liga (DFL Digital Sports/Sportcast) verantwortet. Neben einer internationalen Live-Berichterstattung der Bundesligaspiele produziert CBC auch begleitende Formate wie die Preview-Show und Highlight-Zusammenfassungen sowie Videos für Bundesliga.de, Bundesliga.com oder YouTube. Neu ist allerdings: Noch bevor sicher war, dass die deutsche Nationalmannschaft tatsächlich zum amtierenden Weltmeister avanciert, hat RTL der Konkurrenz von ARD/ZDF die Rechte für alle seine 20 Qualifikationsspiele zur EM-Endrunde 2016 in Frankreich und zum WM-Turnier 2018 in Russland weggeschnappt. Dafür hat RTL geschätzte 100 Millionen Euro auf den Tisch gelegt. Deshalb gibt es seit dem 7. September 2014 bis Oktober 2017 die Qualifikationsspiele live und exklusiv im hiesigen Free-TV bei RTL zu sehen. Bis Oktober 2015 werden die je zehn Spiele der deutschen Nationalmannschaft im Rahmen der so genannten European Qualifiers für die EM gezeigt und ab 2016 für die WM-Qualifikation. Darüber hinaus sichert das Rechtepaket der Mediengruppe RTL Deutschland umfangreiche Highlight-Rechte an allen weiteren Qualifikationsspielen und plattformneutral auch umfangreiche Online- und Mobile-Verwertungsrechte.

Als Ü-Wagen-Dienstleister hat RTL TVN Mobile Production für alle zu übertragenden Spiele vor Ort angeheuert. Zwei Ü-Wagen bieten dabei Platz für vier Regieeinheiten: Neben einer nationalen und einer internationalen wird eine weitere Regie für die Bespielung der Studiomonitore sowie eine vierte als Slomoregie genutzt. Je nach Gegebenheit vor Ort werden zwischen 25 und 40 HD-Kameras eingesetzt. Die komplette Produktion, an der rund 120 Mitarbeiter beteiligt sind, findet in HD statt, wobei die Sendeabwicklung ein natives 1080i-Signal auf alle HD-Verbreitungswege gibt. Weil aber RTL sein TV-Programm nur gegen Extra-Bezahlung in HD ausstrahlt, wird für die parallel stattfindende SD-Verbreitung im Free-TV das HD-Signal downkonvertiert.

RTL-Chef Manfred Loppe erklärt, der Kern des Kamerakonzeptes sei es, „möglichst nah an den Spielern dran zu sein und den Zuschauern dabei ungewohnte und neue Perspektiven und Einblicke zu ermöglichen“. Zudem würden mehrere Kameras ausschließlich auf die Zuschauerränge gerichtet, „um die ganze Bandbreite der Fan-Emotionen im Laufe eines Spiels in die Wohnzimmer zu transportieren“. Allerdings räumt Loppe ebenso ein, dass „die WM 2014 im Hinblick auf die Bildführung „die beste war, die es je gegeben hat“. Will heißen: Seine besondere Idee, die Emotionen der Fans dramaturgisch unterhaltend ins Bild zu setzen, hatten bereits auch schon ARD/ZDF zelebriert – oder wie Loppe lobt: „Der von der FIFA beauftragte Broadcasting Service HBS hat eine großartige Arbeit geleistet“. Tatsache ist: National wie International ist längst ausgeklügelt und weitgehend standardisiert, wie man bei einer Fußball-Live-Übertragung die besten Bilder einfängt. Mit Knut Fleischmann (internationale Regie) und Volker Weicker (nationale Regie) werden sehr erfahrene Regisseure eingesetzt, die auch schon für viele andere tätig waren. In diesem Bereich hat RTL wenige Chancen, sich mit einer neuen Handschrift als Innovator auszuzeichnen.

So hat sich RTL-Sport gemeinsam mit CBC auf die Definition anderer produktionstechnischer und produktionskreativer Anforderungen kapriziert. Man strebt an, insbesondere bei der Vor- und Nachberichterstattung in der jeweils rund vierstündigen Berichterstattung neue Akzente zu setzen. Dies umfasse „auch und besonders die innovativen und aufwändigen Augmented-Reality-Grafikelemente direkt am Spielfeldrand und im Studio vor Ort“, ist von RTL-Sprecher Matthias Bolhöfer zu erfahren. CBC hat eine eigene Mitarbeiter-Mannschaft am jeweiligen Spielort für Augmented-Reality-, Echtzeitgrafik- und Spielanalysesystemen. Zudem sind in Köln CBC-Mitarbeiter für Postproduktion, Master Control Room und Senderegie im Einsatz. Ebenso verantwortet CBC die Highlight-Zusammenfassungen in der Nachberichterstattung der bis zu acht weiteren Spiele, die parallel zum Spiel der deutschen Nationalmannschaft im Rahmen der European Qualifiers stattfinden. Die Produktionskompetenz, so CBC-Projektmanager Thomas Dünnes, habe man in diesen Bereichen auch durch die jahrelange Zusammenarbeit mit DFL geschärft und komme nun auch bei RTL Sport zum Tragen. Ob der Augmented-Reality-Einsatz bei RTL besser ist, als was ARD/ZDF bei Fußball-Liveübertragungen zeigen? Die Antwort dürfte ähnlich subjektiv geschmäcklerisch ausfallen, wie die Bewertung von Florian König als Moderator, Ex-Nationaltorhüter Jens Lehmann als Experte und Marco Hagemann als Kommentator.

Ähnlich kontrovers wurde bereits von TV-Zuschauern beispielsweise via Social Media und TV-Kritikern in der Presse bewertet, was sich RTL im Rahmen der Nachberichterstattung für die Analyse von Spielszenen und taktischen Spielabläufen ausgedacht hat. Hier kommen mit „Viz Libero“ und „Viz Arena“ zwei verschiedene technische Systeme zum Zuge, wobei Viz Libero eher ein schon konventionelles 3D-Sportanalysesystem ist. Mit diesem System können strittig diskutierte oder taktisch interessante Spielszenen mit neuen Einblicken ins Spielgeschehen visuell aufbereitet werden. Basierend auf dem Videobild können zusätzliche virtuelle Kameraperspektiven simuliert werden: Man kann Spieler einkreisen, Distanzen und Flächen aufmalen und auch ganze Lauf- und Passwege von Spielern und Spielerketten visualisieren. Außerdem können nahtlose Perspektivenwechsel zwischen beliebigen Kameras generiert werden, während der Fokus auf der Analysesituation bleibt.

Ganz neu im deutschen Fernsehen ist hingegen, was RTL in Südamerika aufgestöbert hat: der Virtual Presenter Viz Libero. Damit lässt sich beispielsweise Jens Lehmann virtuell in eine echte Spielszene platzieren, so dass er plötzlich in feinem Anzug mitten auf dem Spielfeld steht. Das haben manche als Schnickschnack bezeichnet, andere waren begeistert. Diese Art der Analyse benötigt allerdings eine aufwändige Vorproduktion und kann nicht am gleichen Tag, an dem das Spiel stattfindet, realisiert werden. Lehmann muss dafür schon extra ins Kölner Studio anreisen. Aus diesem Grund gibt es bei RTL auch vorwiegend die virtuellen Livegrafiken von Viz Arena zu sehen, die wie gewohnt Abstandskreise oder Distanzmessungen zum Tor und Abseitslinien auf das Video zeichnet.

Eine komplette Eigenentwicklung von RTL ist das „Mobile Studio“, das speziell für die Fussball-Übertragungen konzipiert worden ist, aber vermutlich wegen seiner variabel bespielbaren Monitorflächen künftig auch andere Einsatzbereiche finden wird. Im Wesentlichen besteht das Studio aus einer U-förmigen Monitorwand mit zwölf hochkant platzierten Monitoren mit je 60“ Bildschirmdiagonale. Das entspricht insgesamt zirka zwölf Quadratmeter bespielbare Monitorfläche. Darauf kann beispielsweise das Panorama einer Stadion-Totalen formatfüllend projiziert werden, die sich aus 4xHD-Bildern zusammensetzt. Dadurch entsteht der Eindruck, als blicke man durch ein Fenster in das Stadion hinein. Über eine Grafik-Engine können verschiedenste Informationen über die Monitore gespielt werden: Tabellen, Spielstände, Logos und auch die Augmented Reality -Grafiken. Dabei werden im Studio zwei Kameras auf Pumpenstativen und für Augmented Reality ein getrackter Kamerakran sowie eine fixe Kamera für die Studiototale eingesetzt.

Es gibt mehrere Gründe, warum sich RTL für die Eigenentwicklung des mobilen Studios entschieden hat. Bereits im Vorfeld der Qualifikationsspiele war klar, dass man mitunter Produktionen innerhalb von drei Tagen mit einer Entfernung von mehr als 1.000 Kilometern dazwischen stemmen müsse. Genauso klar war, dass man an den verschiedenen Orten der Spiele unterschiedliche räumliche Bedingungen vorfinden würde. Dann kam sicher noch die Überlegung hinzu, wie man für das 20 Spiele umfassende Rechtepaket eine möglichst preiswerte Lösung finden kann mit einem Studio, das auch die Wiedererkennbarkeit  einer besonderen RTL-Handschrift leisten könne. 

Die Lösung: Alle Elemente des mobilen Studios sind so gebaut und konzipiert, dass sie mit möglichst geringem Aufwand eingebaut und auch teilbar transportiert werden können, wobei die Höhe der Bauelemente so gewählt wurde, dass eine Produktion in den unterschiedlichsten Räumhöhen der verschiedenen Stadien in Europa möglich ist. Wegen der engen Raumverhältnisse im Warschauer Fußballstadium kamen dort beim Spiel gegen Polen beispielsweise nur neun der zwölf Monitore zu Einsatz, auch das funktioniert problemlos. Ein weiterer Vorteil des mobilen Studios ist, dass man „vor Ort möglichst nah dran ist am Geschehen“, so Pressesprecher Matthias Bolhöfer. Und optimalerweise soll es der Veranstaltung auch im Nachlauf „Glanz und Größe“ geben. Dank der hohen Flexibilität der LED-Wände werden unterschiedliche Lichtstimmungen je nach Inhalt der Videowände möglich und mit Augmented Reality können bei Bedarf sogar Spieler in einer Pose aus dem Spiel eingeblendet werden. „In der Größe und Ausführung ist es sicherlich das aufwändigste „Ministudio“ im deutschen Raum“, ist sich Bolhöfer sicher.

Natürlich tritt RTL im Falle, dass der amtierende Weltmeister in Deutschland spielt, als Hostbroadcaster auch für das World-Feed auf. Wie erfolgt aber die Zusammenarbeit von RTL mit den verantwortlichen Sendern, wenn das Spiel anderswo in Europa stattfindet, wie beispielsweise in Polen? Bolhöfer erklärt: „Wir haben mit Polsat insofern zusammengearbeitet, als dass wir das Signal vom Weltbild beim Auflaufen der Mannschaften bis zum Ende der Nationalhymnen übernommen haben. Alle anderen Kameras zur Produktion des Spielsignals wurden von RTL in Doppelproduktion gestellt. Da alle Auswärtsspiele der deutschen Nationalmannschaft in einer Doppelproduktion produziert werden, wird dieses Prozedere bei jedem Auswärtsspiel so sein.“

Wie ARD/ZDF bietet selbstverständlich auch RTL die Spiele auf seinen hauseigenen Internetplattformen RTL.de, Sport.de und in der RTL NOW App als Livestream an. Mit dem Second Screen-Angebot RTL INSIDE haben Zuschauer die Möglichkeit, parallel zum Match alle Aktionen des Bundestrainers verfolgen zu können. Wer die Begegnung verpasst hat, kann direkt nach Spielschluss die kompletten 90 Minuten bei RTL NOW abrufen. Ebenso ist natürlich „Social-TV“ möglich, um mit Kommentaren und Fragen auch direkt mit der Redaktion in Kontakt zu treten. RTL INSIDE hat sich darüber hinaus ein Spielchen ausgedacht, mit dem jeder Zuschauer seine persönliche Start-Elf und taktische Grundaufstellung zusammenstellen kann. Damit, so lobt sich RTL selber, setze man „neue Maßstäbe für eine informative Fußball-Berichterstattung“. Obendrein kann der Zuschauer bei RTL INSIDE den „Man of the Match“ auswählen: „erstmalig live im TV“, wirbt RTL.

Apropos Werbung: Die ist im Gegensatz zu ARD/ZDF bei RTL bekanntlich auch am Abend in der Prime-Time erlaubt. Und mit ihr ist RTL gleich bei der ersten Spielübertragung der deutschen Nationalmannschaft gegen Schottland ein Fauxpas passiert: Als Nationaltrainer Joachim Löw zu seiner Stellungnahme im RTL-Studio Platz nahm, wurde ihm erst einmal ein Espresso gereicht. Dann wurde nicht nur die offensichtliche Sucht von Löw, die ihn beim Espresso-Geruch erfasst, groß in Szene gesetzt. Schlimmer noch: Löw hatte kaum seinen ersten Satz gesagt, da wurde er schon von Werbespots unterbrochen. Tricky hat RTL das Gespräch dann während der Werbepause aufgezeichnet und erst hinterher – also nicht live – ausgestrahlt. Das hat zu heller Aufruhr bei Fußballliebhabern wie bei TV-Kritikern geführt. RTL-Sportchef Loppe reagierte mit dem Versprechen: „Eine Unterbrechung des Löw-Interviews durch eine Werbeinsel wird es in dieser Form nicht noch einmal geben“. Auch bei den weiteren Spielen wurde und wird Löw ein Espresso, wie Loppe betont „als wohltuende Geste“, gereicht. Das ist jetzt zu einer Art RTL-Handschrift bei den European Qualifiers geworden.

Erika Butzek

MB 8/2014

© Foto RTL

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