Mebucom / News / Produktion / Nur Gewinner
Nur Gewinner

News: Produktion

Nur Gewinner

Bei den Olympischen Winterspielen in PyeongChang (9. bis 25. Februar 2018) wurde wieder hoher technischer Aufwand getrieben, um Bilder von Wettbewerben und Athleten auf allen technischen Plattformen und Endgeräten verfügbar zu machen. Bei der Live-Übertragung spielte das lineare Fernsehen indes die dominierende Rolle. Zur Effizienzsteigerung setzte man verstärkt auf Remote- und IP-basierte Workflows. MEDIEN BULLETIN war vor Ort in Südkorea und sprach mit den Produktionsverantwortlichen der Sender über Konzepte und Strategien

Mit unterschiedlichsten redaktionellen und produktionstechnischen Konzepten präsentierten sich die TV-Sender bei der Berichterstattung zur Winterolympiade 2018 in PyeongChang.  Für mehr Effizienz dabei sorgten IP-basierte Workflows. Experimentiert wurde mit 4K, 8K, 360 Grad Video, VR und AR. 

ARD und ZDF hatten diesmal nur ein halbes Jahr Zeit, um ihr Olympia-Engagement vorzubereiten. Die öffentlich-rechtlichen Sender mussten lange mit dem neuen Olympia-Rechtehalter Discovery Communications verhandeln bis sie schließlich eine Sublizenz zur Übertragung der Spiele ergattern konnten – mit ein paar Einschränkungen für die Berichterstattung. Viel Platz für Experimente gab es da nicht, weder technisch noch redaktionell. Die im täglichen Wechsel sendenden deutschen TV-Anstalten griffen vielmehr auf bewährte Strukturen zurück. Der Zuschauer bekam von ihnen ein gewohnt solide produziertes, informatives Olympia-Programm geliefert. Nicht mehr.

Bei Discovery-Tochter Eurosport hingegen lag die Messlatte höher. Dort wollte man eine neue Ära in der Olympia-Berichterstattung einläuten. Jung, frisch, emotional und begeisternd sollte sie sein. Dazu wurden neue Gesichter, darunter viele Ex-Sportler als Experten, vor die Kamera geholt. Auf den diversen Plattformen des Senders wurde ein „neues Storytelling“ ausprobiert, näher am Sportler und lockerer in der Präsentation als bei den Öffentlich-rechtlichen. Aber der große Durchbruch damit blieb letztlich aus. Mit Blick auf das sich ändernde Nutzerverhalten ist trotzdem möglich, dass dem Olympia-Engagement von Discovery/Eurosport die Zukunft gehört. Das hofft man zumindest selbst bei der Sendergruppe. 

Um die Relevanz der eigenen Olympiaübertragung zu manisfestieren, hatte Discovery erstmals die neue Messmethode „Total Video, the new TV“ präsentiert. Hierbei wurden Daten von allen Plattformen (Tablets, Smartphones und TV) aggregiert. Das ergab folgende Ergebnisse: 4,5 Milliarden Video Views – jedes einzelne Programm oder Video das gesehen wurde; 1,7 Milliarden Stunden Videoinhalte – jeder einzelne Moment, der von den Spielen gesehen wurde; 386 Millionen Unique Users – kumulierte Zahl an Menschen, die Inhalte der Spiele gesehen haben; 8,1 Millionen Engagement – Interaktionen (Likes, Shares und Kommentare) über alle Digital und Social Media-Plattformen hinweg. 58 Prozent der europäischen Bevölkerung in Discoverys zehn wichtigsten Märkten haben nach Angaben des Unternehmens die Spiele auf den eigenen sowie den Partner-Sendern verfolgt – inklusive Rekordquoten von über 90 Prozent in Schweden und Norwegen. 76 Millionen haben die Spiele zudem online, via Social Media und über die Eurosport App, in welche frei empfangbare sowie Premium-Inhalte im Eurosport Player inkludiert waren, gesehen. Discovery sieht sich nach eigenem Bekunden damit in seiner Olympia-Strategie mit Blick auf Tokio 2020 und die darauf folgenden Spiele bestätigt.

Den Quotenvergleich im linearen Fernsehen gewannen ARD und ZDF indes mit deutlichem Vorsprung. Profitiert haben sie bei der Olympia-Berichterstattung sicherlich wieder von ihrer Bekanntheit als Sender für sportliche Großereignisse und von ihren Sendeplätzen 1 und 2 auf der Fernbedienung. 

So sahen beispielsweise früh morgens um 5 Uhr 3,19 Millionen Zuschauer die Live-Übertragung des Eishockey-Finales im ZDF (Marktanteil 51,2 Prozent), aber nur 480.000 auf Eurosport. Auch bei anderen Olympia-Übertragungen im Fernsehen war man weit weg von der Millionenmarke. Eurosports Topwert waren knapp 700.000 Zuschauer beim Rodeln. 7,49 Millionen Zuschauer sahen hingegen Arnd Peiffers Olympiasieg in der ARD (38,6 Prozent Marktanteil) und 6,52 Millionen tags zuvor den Gold-Lauf von Laura Dahlmeier (44,2 Prozent Marktanteil) im ZDF. Die abendliche Eurosport-Sendung „zwanzig18 - Die Olympia Show“ mit den Highlights des Tages geriet mit einem durchschnittlichen Marktanteil von gerade einmal halben Prozent (170.000 Zuschauer) zu einem regelrechten Flop. 

Discovery Communications CEO David Zaslav erklärt dennoch: „Discovery ist stolz über die Reaktion der Zuschauer auf die Berichterstattung von Eurosport von den Olympischen Spielen, die durch innovative Produktionen, neueste Technologien sowie lokal relevantes Storytelling für 48 Länder in 22 Sprachen präsentiert wurde. Vieles von dem, was wir in PyeongChang umgesetzt haben, stellt eine Erstmaligkeit dar, beispielhaft dargestellt durch die Präsentation jeder Minute von jedem Wettkampf während der ersten voll digitalen Spiele in Europa.“

ARD und ZDF in PyeongChang 2018

Auch bei der ARD zog man eine positive Bilanz: Das Erste erreichte trotz der Zeitverschiebung an seinen zehn Sendetagen mehr als 40 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer, dies entspricht mehr als 56 Prozent der deutschen Bevölkerung in Fernsehhaushalten. Beachtlich war besonders die hohe Zahl der Live-TV-Zuschauer. Aufgrund der Zeitverschiebung von +8 Stunden waren schließlich alle Wettkämpfe, die vor Ort tagsüber stattfanden, in Mitteleuropa in den frühen Morgenstunden und am Vormittag zu sehen. Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen, resümiert mit leichtem Seitenhieb Richtung Eurosport: „Die Übertragungen von den Olympischen Spielen in PyeongChang im Ersten waren ein Riesenerfolg für uns. Dass so viele, insbesondere auch junge Zuschauerinnen und Zuschauer, unsere Sendungen eingeschaltet haben, ist wirklich bemerkenswert und erfüllt uns – gerade vor dem Hintergrund der sehr knappen Vorbereitungszeit – mit großem Stolz.“ Stark nachgefragt seien auch die Beiträge, Live-Gespräche und Reportagen im ARD-Hörfunk sowie die drei parallelen Video-Livestream-Kanäle bei sportschau.de gewesen. Insgesamt konnte die ARD-Multimedia-Redaktion im National Broadcast Centre (NBC) in Leipzig zum Ende der Olympischen Winterspiele 25 Millionen Visits und 119 Millionen Page Impressions für das olympische Sportschau-Angebot verzeichnen. Im NBC wurden außerdem zahlreiche Storys, Wettkampfbeiträge, News-Blöcke und Teaser für die Olympiaberichterstattung im Fernsehen produziert sowie die Barrierefreiheit durch Audiodeskription und Untertitelung sichergestellt. 

Federführend innerhalb der ARD war in PyeongChang der MDR. Wolf-Dieter Jacobi, Programmdirektor des MDR, erklärt: „Das ist das Modell der Zukunft. Eine starke Heimatredaktion samt Technik und ein kleineres schlagkräftiges Team vor Ort. Wir haben erstmals ein solches Projekt in dieser Dimension und mit einer derart kurzen Vorbereitungszeit gestemmt – und das mit Bravour, in hoher technischer und journalistischer Qualität sowie mit reduzierten Kosten. Die Zusammenarbeit mit dem ZDF war ein Gewinn in jeder Hinsicht, vor allem im Sendezentrum in Leipzig haben wir viele Synergien genutzt.“ Und ARD-Olympia-Team-Chef Raiko Richter bilanziert: „Das Zusammenspiel zwischen dem International Broadcast Center in PyeongChang und unserem nationalen Sendezentrum in Leipzig hat hervorragend funktioniert. Wir waren eine tolle Mannschaft an zwei über 8.000 Kilometer voneinander entfernten Orten – eine bemerkenswerte Leistung aller Beteiligten. Wir haben für Fernsehen, Hörfunk und Online in Tag- und Nachtschichten ein riesiges Programm zusammengestellt – und in all diesen Bereichen ein Millionen-Publikum erreicht.“

Ein echter Kraftakt bedeutete für ARD und ZDF Aufbau und Inbetriebnahme der Produktionstechnik in PyeongChang. Das kurzfristige Anmieten von zusätzlicher Technik zur Ergänzung der gemeinsamen Mobilen Produktionseinheit (MPE) stellte die Sender vor große Herausforderungen. Zudem war man wegen des späten Rechteerwerbs auch in den Produktionsmöglichkeiten vor Ort etwas eingeschränkt. „Wir konnten zum Zeitpunkt des Rechteerwerbs nur das übernehmen, was Discovery vom Hostbroadcaster OBS schon gebucht hatte und für unilaterale Aktivitäten nichts mehr dazu buchen“, sagt Hagen Schuler vom MDR, der gemeinsam mit Gunnar Darge vom ZDF die Technische Leitung der ARD/ZDF-Produktion in PyeongChang inne hatte. Übernommen wurde zum Beispiel Produktionsfläche im IBC und ein Eurosport-Studio. Dazu gab es unilaterale Technik an drei Venues: beim Eisschnelllauf, beim Biathlon und beim Skilanglauf. Von allen anderen Venues konnten die öffentlich-rechtlichen Sender nur das von OBS produzierte multilaterale, internationale Signal nutzen. 

„Beim Skispringen und Rodeln, wo wir früher unilaterale Technik hatten, konnten wir diesmal keine platzieren“, berichtet Schuler. Bis 2010 hatten ARD/ZDF da noch eigene Produktionscontainer stehen. Biathlon war für ARD/ZDF das größte unilaterale Venue mit sechs eigenen Kameras, zwei auf der Presenter-Position, eine Remote Head-Kamera, die auf Höhe der Scheiben stand und den Schützen von vorne zeigte, eine Kamera für den Zieleinlauf, eine zur Trainerbeobachtung und eine in der Mixed-Zone. „Im Biathlon Venue haben wir zudem ein Grafik-Operator, der uns da den Schießtrick macht, die Grafik am Venue übergibt, die wir dann hierher ins IBC schicken und in das Bild einfügen“, erzählt Schuler. 

Beim Eisschnelllauf und Langlauf hatte man jeweils zwei Kameras auf einer Presenter-Position und eine in der Mixed-Zone. 

Die ENG-Teams von ARD und ZDF in PyeongChang waren mit LiveU-Übertragungssystemen ausgestattet. Beim ZDF hatten alle sechs ENG-Teams das System dabei, bei der ARD drei der fünf ENG-Teams. Den Redaktionen würden die Systeme sehr flexible Einsatzmöglichkeiten bieten, berichtet Schuler. Den Technikern allerdings würde der Bild-Ton-Versatz der LiveU-Systeme gelegentlich Bauchschmerzen bereiten. „Wir haben hier in PyeongChang LiveU-Systeme mit den neuen HEVC-Boards und mit SIM-Kartensätzen für das koreanische Netz angemietet. Darüber senden wir mit 8 Megabit. Ohne Audio-Video-Delay wäre das eine runde Sache“, betont Schuler. 

Remote-Produktion

ARD und ZDF hatten in Südkorea alle Venues über das Nimbra-System von NetInsight „remote“ an die Technik im IBC angebunden. Die Remote Control Units (RCUs) zur Steuerung der unilateralen ARD/ZDF-Kameras an den Sportstätten (alle Sony) befanden sich im IBC. Zu den Venues gab es nur Ethernet-Leitungen, die man gigabitweise buchen konnte. Darüber wurden alle Video-, MADI- und Datenströme übertragen. Tonmischung und In-ear-Monitoring wurden erstmals nicht am Venue gemacht, sondern im IBC. „Es gibt kein Tontechniker mehr im Stadion, der die Mischung vor Ort macht, wie das noch in Rio de Janeiro der Fall war“, erklärt Schuler. Auch dadurch habe man das Personal in PyeongChang etwas reduzieren können, was nicht zuletzt auch wegen eingeschränkter Akkreditierungsmöglichkeiten nötig gewesen sei. „Viele Sachen, die aus Zwang passieren, müssen nicht schlecht sein und sind durchaus auch in Zukunft nutzbar. Bislang haben wir sehr gute Erfahrungen mit den neuen Workflows gemacht“, räumt der MDR-Mann ein. 

Schuler weist auch darauf hin, dass sich die Sender im IBC bei auftretenden technischen Problemen, gerade bei neuen Workflows, gegenseitig unterstützen. „Das MADI-Signal, das wir über Nimbra transportieren, ist sehr anfällig für Jitter. Wir mussten erst mal sehen, dass wir das Nimbra-System gut getaktet kriegen. Die Kollegen vom Schweizer Fernsehen, die schon länger damit arbeiten, haben uns sehr geholfen und den Tipp gegeben, ein 2,048 MHz Taktsignal anzulegen, was nur ganz bestimmte Geräte können. Die haben wir ganz kurz vorher angemietet und damit das MADI Signal via Nimbra auch stabil hin bekommen“, berichtet er. Ein so großer Sportevent wie die Olympischen Spiele sei ideal, um sich auch mit anderen Technik-Kollegen über jede Art von technischen Innovationen und Problemen auszutauschen. Auch der Einsatz des NBC in Leipzig und das Zusammenspiel mit dem IBC in PyeongChang gehörte zu den Workflow-Innovationen von ARD und ZDF.

Erste Erfahrungen mit einem NBC, damals beim SWR in Baden-Baden, hatte man indes schon beim Confed Cup im Juni 2017 gemacht. „Dabei haben wir viel gelernt“, berichtet Schuler. Zu dem Zeitpunkt habe sich auch schon eine mögliche Einigung mit Discovery mit Blick auf die Übernahme der Sublizenzen abgezeichnet. Im Juli sei man dann nach PyeongChang gereist, um sich anzuschauen, was Discovery an Produktionsressourcen anzubieten hatte. Im August entschloss man sich dann sie zu nutzen. Da fehlte allerdings noch die Leitung zwischen dem IBC in PyeongChang und dem NBC Leipzig. „Wir mussten am Ende mit OBS in Madrid selbst verhandeln, um noch eine STM16 als 2,5 GBit/s-Leitung kaufen zu können“, erzählt Schuler. Sehr ambitioniert war die Terminierung für die Anlieferung des technischen Equipments nach Korea. „Shipping Deadline war der 18. Dezember. Bis dahin mussten die letzten Geräte per Flugzeug nach Korea geschickt werden. Per Schiff und Seecontainer ist ein Teil der Technik bereits am 10. November auf die Reise gegangen“, berichtet Schuler. „Das heißt, wir hatten gerade einmal zwei Monate, um Technik anzumieten und keine Zeit, uns etwas Neues auszudenken. Deshalb haben wir uns auch beim NBC in Leipzig, unserer Schnitt- und Bearbeitungswelt für die Olympischen Winterspiele 2018 mit acht vernetzten Avid- und vier EVS-Schnittplätzen, großteils am Confed-Raumkonzept aus Baden-Baden orientiert.“ Im IBC in PyeongChang nutzten ARD und ZDF nochmals acht Schnittplätze mit fünf EVS- und drei Avid-Systemen. Schuler: „Wir wollen hier viel Live-Sport machen und immer nahe am Geschehen sein. Für die Hochglanzproduktionen ist dann Leipzig zuständig.“

Im zentralen Geräteraum hatten ARD und ZDF am 13. Januar 2018 angefangen, die Technik einzubauen. Die Racks aus dem MPE-Bestand waren zuvor schon im MPE-Lager in Nieder-Olm bei Mainz aufgebaut und konfiguriert worden, ebenso wie die Kabel von den Längen her. Für den Aufbau benötigte man laut Schuler zwei bis drei Wochen. Am 5. Februar war der erste Probentag. Sehr viel Technik hatten ARD und ZDF als Ergänzung zur eigenen MPE unter anderem wieder bei Qvest Media, SonoVTS und BPM angemietet. BPM lieferte hauptsächlich für das NBC in Leipzig 80 Monitore, davon 78 von Sony, 16x LMD941W 9“-Monitore, 16x OLED PVMA250 und der Rest LMD A240. 15 davon gingen nach Korea. Dazu kamen zwei Vinten-Pumpen. SonoVTS lieferte Venue-Technik. Dazu zählten Sony-Kameras, Pumpenstative und Monitore. Umfangreiche Avid- und EVS-Technik wurde von Qvest Media angemietet. Das waren insbesondere Komponenten für eine Live-Ingest und -Playoutinstallation, eine Postproduktionsumgebung mit non-linearen Craft-Editing-Plätzen für die Audio- und Videobearbeitung, ein Zentralspeichersystem sowie Multiviewer-Systeme für die Regieabwicklung und Transcoder-Engines für die Formatkonvertierung. Darüber hinaus nutzten ARD und ZDF ein schlüsselfertiges VIZRT-System (Viz Artist und Trio) für Echtzeit-Grafiken von Qvest Media. Damit wurde auch die Grafik für die LED-Wand im Studio generiert. Die Verteilung der Bildsignale wurde mit der neuesten Generation von Multiviewer-Systemen von Evertz des Typ 3067VIPX gelöst. Aufgrund der 60Hz-Produktionsumgebung in Korea stellte Qvest darüber hinaus die Highspeed-Formatkonverter Alchemist und Kudos von SAM bereit. Zentraler Ingest, Highlight-Schnitt und Playout erfolgten mit einer EVS-Installation, die sich aus EVS IP Director, XT Access Ultra High Perfomance Systemen sowie 25 EVS XT-Produktionsservern mit Multicam-Software zusammensetzte. Um die Produktions-Performance der Installation zu steigern, investierte Qvest Media dazu eigens in vier neue EVS-Systeme der XT4K-Generation und stockt damit seinen Bestand an Live-Produktionsservern des Herstellers weiter auf. Kurz vor den Winterspielen hatte Qvest bereits ein umfangreiches Avid Interplay-System zur dauerhaften Integration in ARD/ZDF-MPE geliefert. Der File-Ingest in die Avid-Umgebung erfolgt hier über XT-Access aus dem EVS-Netzwerk. Dadurch wird den Redaktionsteams das reibungslose Einspielen und Bereitstellen von Videomaterial mit Hilfe von Avid Interplay ermöglicht. Von den im IBC eingesetzten acht non-linearen Media Composer-Schnittplätzen lässt sich das Material aus dem Produktionsspeicher abrufen und editieren, bevor es über Interplay Transfer Engines an die EVS Playout-Server übergeben wird. Die MPE wurde zudem temporär von Qvest mit Avid Nexis E4 Engines, die über einen Gesamtspeicher von 360TB verfügen, erweitert. Um den File-basierten Workflow auch zwischen den Bereichen Audio- und Videobearbeitung weiter zu optimieren, entschied sich das ZDF auch hier für eine integrierte Avid-Lösung. Qvest stattete den Sender deshalb erstmals zu Winterspielen mit Pro Tools HD und einer Avid S6-Konsole für die Sprachsynchron- und Filmtonbearbeitung aus. 

„Es war ein glücklicher Umstand, dass wir zur Winterolympiade gerade in der Abschreibungsphase von Teilen des MPE Materialpools waren und so in neue Technik investieren konnten. Das hat uns bei der Anmietung etwas entlastet. Die Avid-Technik mit ISIS kommt fast komplett aus dem eigenem Bestand. Hauptsächlich EVS-Systeme wurden dazu gemietet. Im MPE Bestand sind nur vier EVS Server. Wir haben aber insgesamt 27 in Leipzig und PyeongChang für Ingest, Outgest, Online, Zuspielen, Highlight-Schnitt am Start“, erzählt Schuler. 

Technisch funktionierte nach seinen Angaben vom ersten Tag an alles hervorragend. Sein Technik-Kollege Gunnar Darge vom ZDF räumt indes ein paar Anlaufschwierigkeiten beim Workflow ein. „Der musste erst gelernt werden“, meint er. Die Zusammenarbeit mit den Cuttern in Leipzig sei aber schnell perfektioniert worden, würde immer besser und sei ein gutes Modell für künftige Live-Produktionen mit abgesetzten Produktionseinheiten. Schuler weist darauf hin, dass für die Produktion weniger die Umsetzung des technischen Konzepts ein Problem gewesen sei als vielmehr die durch die Zeitverschiebung bewirkte Personalbelastung und die Kommunikation zwischen Leipzig und PyeongChang. „Die Redaktionen von ARD und ZDF legen viel Wert auf die Vorort-Präsenz von Regie und Studio, um die Nähe zum Geschehen zu haben. Wir Techniker könnten das auch anders machen. Die Frage ist nur, ob das inhaltlich so gewollt ist“, sagt er mit Blick auf den Ausbau von Remote-Produktionen. Ein Studio in Deutschland, wie Eurosport das für seine abendliche Highlight-Show bei Plazamedia in Ismaning genutzt hat, sei für die Redaktion nicht interessant, weil man dort nicht die Medaillengewinner und andere Protagonisten der Olympischen Spiele zum Interview begrüßen könnte. ARD und ZDF seien deshalb sehr froh, dass sie das rund 100 Quadratmeter große Studio von Discovery/Eurosport mit einer 12 x 2 Meter großen LED-Wand im IBC übernehmen konnten. 

Eingesetzt wurden dort zwei Grass Valley-Kameras auf Pumpen, eine Grass Valley-Deckenkamera und eine -Handkamera sowie eine Polecam. Direkt neben dem Studio war die Lichtregie mit einem Lichtpult GrandMa 2 in einem winzigen Raum untergebracht. Der im IBC für ARD und ZDF vorhandene Platz fiel im Vergleich zu den gewohnten Flächen bei Olympischen Produktionen insgesamt sehr bescheiden aus. So hatte auch die Bildtechnik, zur Kontrolle der Studio- und Venue-Kameras, keinen Platz in der Regie und wurde ausgelagert. 

Wie schon bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro vor zwei Jahren arbeitete man neben der Hauptregie wieder mit zwei Subregien. Eine Subregie wurde für Biathlon, dem größten unilateralem Venue, eingesetzt, die andere für Skilanglauf und Eisschnelllauf. Technisch waren sie identisch aufgebaut mit Lawo-Audiopult und kleinen Sony-Bildmischern. Im IBC-Produktionsbereich von ARD und ZDF fanden sich ferner sechs Off-Tubes, davon vier für den Live-Betrieb und zwei für die Ton-Nachbearbeitung im Schnittbereich. Der ARD-Hörfunk hat zusätzlich sechs eigene Off-Tubes. Die Radioleute mußten insgesamt 53 Hörfunkwellen in Sechs Minuten Slots bedienen. „Was die da machen ist ganz schön sportlich“, meint Schuler anerkennend. 

Der Hauptschaltraum von ARD/ZDF im IBC war die Kommandozentrale zur Verbindung nach Deutschland. Hier liefen alle Signale auf. Schuler: „Auch Signale mit anderen Sendern können hier ausgetauscht werden, zum Beispiel mit dem ORF und der SRG. So kommen wir auch an unilaterale Bilder von Positionen, wo wir selbst nicht mit Kameras vertreten sind.“ Umgekehrt könnten auch andere Sender bei ARD/ZDF unilaterales Material anfordern. Man helfe sich gegenseitig und arbeite recht verzahnt. „Problemlösungen passieren hier überhaupt auf sehr kurzem und direktem Wege, was aus technischer Sicht sehr gut ist“, betont der MDR-Mann.

Eckhard Eckstein

MB 1/2018

Zurück