Mebucom / News / Produktion / Perfekt geliefert
Perfekt geliefert

News: Produktion

Perfekt geliefert

FIFA TV UND HBS hatten in Brasilien keinen einfachen Job zu erledigen. Es galt mit fehlender Infrastruktur, Verzögerungen beim Stadionbau und den riesigen Entfernungen zwischen den Spielstätten klar zu kommen. Mit enormen Logistikeinsatz und hoher technischer Professionalität schaffte es der Hostbroadcaster dennoch, das Weltbild von der Fußball-WM 2014 für FIFA TV erfolgreich zu erstellen und zu verteilen. mebulive konnte sich davon beim Besuch im IBC und im Maracana Stadion von Rio de Janeiro selbst ein Bild machen.

„Unser wichtigstes Ziel ist es, Top-Qualität bei der TV- und Multimedia-Produktion der Weltsignale des weltgrößten Sportevents zu liefern“, betonte Niclas Ericson von FIFA TV zum Start der Fußball WM 2014 im MEDIEN BULLETIN-Interview. Immer mehr Rechtehalter würden schließlich das FIFA-Weltsignal-Angebot nutzen und auf die von Hostbroadcaster HBS angebotenen umfangreichen Produktions- und Kontributionsservices direkt zugreifen. Der Einsatz eigener Produktionsmittel und unilateraler Kameras ginge dabei zunehmend zurück. Die FIFA wolle zudem sicherstellen, dass die WM alle vier Jahre immer ein technischer Vorreiter in der Fußball-TV-Produktion sei. In diesem Jahr haben FIFA und HBS daher auch das ultrahochauflösende Fernsehen an den Start gebracht. Sony produzierte für die FIFA einen WM-Film in 4k sowie drei Matches live im Maracana Stadion von Rio de Janeiro. Und NHK war sogar mit einer 8k-Produktion mit fünf Kameras bei neun Spielen präsent. Die von Sony mit zwölf Kameras realisierte 4k-Produktion wurde mit Eurovision-Unterstützung auch live über Satellit distribuiert. „Einige Broadcaster wollen das 4k-Feed als temporären Service anbieten, andere wollen es zu Testzwecken nutzen“, sagte Ericson. Es müssten noch viele Entwicklungsschritte in der 4k-Technologie bewältigt werden bis man ein Rollout für ein größeres Projekt wagen könnte, meinte er, ist sich aber gleichzeitig sicher: „Wenn die Kosten runtergehen in dieser neuen Technik, insbesondere was die Distribution betrifft, dann wird das 4k-Format das nächste sein, das wir einsetzen werden. Die Menschen werden Ultra High Resolution lieben. Und wir werden versuchen, das zu ermöglichen.“ UHD und schärfere Details würden der FIFA die Möglichkeiten bieten, ihr Angebot weiter auszubauen. Ericson: „Die neuen 4k-Bilder erlauben, noch mehr Emotionen und Details des Spiels zu zeigen.“ Für die FIFA sei zudem auch wichtig, die 4k-Bilder im eigenen Archiv zu haben.

„Im Vergleich zu anderen FIFA World Cups haben wir zudem unser Multimedia-Angebot deutlich ausgebaut“, berichtete Ericson. „Wir wissen, dass es vielen Broadcastern schwer fällt, aus all den Bildern, die wir liefern, eigene Multimedia-Angebote zu generieren. Deshalb war es für uns es sehr wichtig, ein entsprechendes Servicepaket für zu entwickeln, aus dem sie für ihre Second Screen- und First Screen-Angebote Nutzen ziehen können. Wir wollen es unseren Broadcastern möglichst einfach machen, Multimedia-Services den Fußball-Fans zugänglich zu machen“, erklärte Ericson die FIFA-Multimedia-Strategie. Das Angebot sei schon zum Start der WM eine Erfolgsgeschichte und würde von kleinen wie von großen Sendern gut angenommen. „Sie nehmen Komponenten oder auch das komplette Paket und offerieren den Zuschauern in ihrer Region damit ein sehr breites und tiefes Multimedia-Erlebnis auf neuen Endgeräten und über neue Distributionswege“, betonte Ericson.

Derweil brachen auch die eigenen digitalen Plattformen der FIFA alle Rekorde. Bereits nach Ende der Gruppenphase verzeichnete zum Beispiel die mobile Online-Informationsplattform „Globale Stadion“ der FIFA über 230 Millionen Nutzer und über 7,5 Milliarden Seitenabrufe. Die offizielle FIFA-App wurde innerhalb von 26 Tagen 20 Millionen Mal heruntergeladen. Die offiziellen FIFA-Inhalte in den sozialen Netzwerken erreichten nach der Gruppenphase beeindruckende 358 Millionen Facebook-Nutzer und auf Twitter verzeichnete die FIFA da schon über 13,5 Millionen Follower. Die offizielle FIFA-WM-Instagram-App schoss binnen sieben Tagen von 42.000 auf 550.000 Follower.

Bei all den Multimedia-, Internet- oder Streaming-Erfolgen bei der FIFA-WM sieht Ericson das Live-TV dennoch weiterhin als das Premium-Medium. „Der World Cup wird ganz klar vorwiegend auf dem großen TV-Bildschirm konsumiert. Deswegen müssen wir auch das Basis-Feed extrem gut produzieren lassen und deshalb haben wir auch wieder die weltweit besten Fußball-Regisseure engagiert“, erklärte er. Streaming- oder On-Demand-Services seien als Ergänzungen zum Live-Programm zu sehen, die meist nach einem Match von Fans genutzt würden, um noch mal die Spiel-Highlights zu sehen. „Damit bauen wir sehr stark das Second Screen- und Catch up-Erlebnis aus“, meinte Ericson.

Als Hauptproblem in Brasilien bezeichnete der FIFA-TV-Leiter die verspätete Fertigstellung einiger Stadien und des Infrastruktur-Rollouts. „Wir kamen dadurch bei der Installation unserer Produktionstechnik an einigen Venues unter erheblichen Zeitdruck.“ Mit allen Beteiligten, einschließlich der lokalen Teams, Organisationen und Behörden, habe man hart daran gearbeitet, die Probleme zu beseitigen. „Trotz der späten Übergabe einiger Stadien werden wir hier einen großartigen World Cup haben“, zeigte er sich dennoch zuversichtlich.

Tatsächlich klappte die Inbetriebnahme des FIFA-Sendezentrums im International Broadcast Center ebenso wie der Aufbau der technischen Compounds an den zwölf WM-Stadien trotz einiger Hemmnisse gut und im Zeitplan. Auch die in München gefertigten Produktionscontainer als technisches Herz jedes Technik-Compounds hatten den Transport auf dem Seeweg gut überstanden und konnten reibungslos installiert und verkabelt werden. Kein Wunder auch: Schließlich arbeiten für HBS nur absolute Top-Spezialisten für Hostbroadcasting. Und auch die beteiligten Fremdunternehmen und Lieferanten gehören zu ersten Adressen in Sachen Live-Produktionstechnik. Viele davon kamen übrigens aus Deutschland. Zu nennen ist da unter anderem die Firma Mahlzeit, die wieder für die komplette Verkabelung der Venues und des IBC zuständig war, oder auch VIDI als Dienstleister für die Signalkontribution. Aber auch Unternehmen wie Lawo, Riedel oder TV-Skyline leisteten ihren Beitrag, damit die über 160 TV-Rechtehalter, 340 Sub-Lizenznehmer und 158 Radio-Lizenznehmer der FIFA WM 2014 eine spannende Live-Berichterstattung aus Brasilien ihren Zuschauer und Zuhörer daheim liefern konnten.

Produziert wurde von HBS rund 5.000 Stunden Material. In jedem Stadion mit 34 Kameras für das Weltbild. Darunter waren auch jeweils zwei Krankameras, eine Spidercam, eine Hubschrauberkamera, Remote- und weitere Spezialkameras. Zusätzlich standen jeweils bis zu 70 unilaterale Kamerapositionen pro Match zur Verfügung. Zusätzlich waren 43 ENG Crews unterwegs (32 FIFA TV Crews, neun FIFA Story Crews und zwei IBC Crews). Im IBC hatte HBS 280 eigene Produktionsleute am Start und 150 in den Venues. Dazu kam weiteres Fremdpersonal und freiwillige Helfer. Dazu gehörten unter anderem auch wieder 500 einheimische Studentinnen und Studenten. Insgesamt arbeiteten zur WM rund 3.000 Leute für HBS. Das IBC auf dem Gelände des Messezentrums Riocentro in Barra, rund 35 km von Rio de Janeiro entfernt, verfügte über eine Gesamtfläche von 55.000 qm. Als Produktionsfläche für das multilaterale Weltsignal wurden 8.300 qm genutzt und für die Erstellung der unilateralen Signale 13.225 qm. Insgesamt 17 Sendezentren ausländischer Sender waren im IBC untergebracht. Die größte unilaterale Produktionsfläche belegten ARD und ZDF mit 2.250 qm. Seit dem 3. Juni 2014 war das IBC laut HBS voll einsatzbereit.

Der Hostbroadcaster hatte auch am Südende des Copacabana-Strandes über die Promenadenstraße eine Medienbrücke gebaut, in der die WM-Studios von neun TV-Sendern untergebracht waren (u.a. BBC und Al Jazeera).

In den Stadien wurden den Sendern zahlreiche Präsentations- und Produktionsoptionen angeboten. Auf den Medientribünen der Stadien gab es zusammen 1.210 Kommentatoren-Stellen. Sechs bis 20 Kommentatoren-Positionen pro Stadion waren dabei mit dem ComCam-Kamerasystem von TV Skyline (Qube:CAMs) ausgerüstet. Das Mainzer Unternehmen hatte in Brasilien 80 davon im Einsatz, die von Spielort zu Spielort wanderten. Dazu kamen pro Stadion sieben Remote-Kameras – je eine für Beauty-Shots (sports:cam5 mit Weitwinkel), für den Spielertunnel- (Qube:Cam) und für taktische Aufnahmen (Pan/Tilt Remote Head Gentle:mote mit Sony/Grass Valley-Kamera) sowie je zwei im Tornetz (InGoal – HD:1200 mit FIFA zertifizierter Halterung und Spezialoptik) und an den Toraußenlinien (BoxCam – Sports:Cam 5). Je zwei Sports:Cam 5 wurden ferner für Beautyshots in Rio sowie für die täglichen Pressekonferenzen und Briefings genutzt. Dazu kamen über 100 TV Skyline Unilinks zur Anbindung aller TV Skyline Remote Heads über ein einziges SMPTE-Kabel. „TV Skyline hat einen großartigen Job für uns gemacht“, erklärte Ian Robertson, Senior Venues Broadcast Manager (SBVM) von HBS im Maracana Stadion in Rio de Janeiro. Der Australier betreute von dort aus als Broadcast-Chef sechs Stadien (Rio, Belo Horizonte, Brasilia, Curitiba, Cuiabá, Manaus). Um die anderen sechs Stadien kümmerte sich SBVM Guido Köpke aus Deutschland von São Paulo aus.

Die technischen Compounds an allen Stadien waren identisch und im Detail sehr durchdacht aufgebaut. Die blau-weißen Büro-Container gehörten zu HBS, die weißen zu den Rechtehaltern. Vier massive Dieselaggregate sorgten im Dauerbetrieb für Strom, Kühlanlagen für die richtige Temperatur in den Technik- und Büroräumen. Die wie schon bei den letzten Fußball-WMs von Gearhouse Broadcast ausgestattete Technische Operation Center (TOC) dort waren jeweils via Glasfaser und Satellit mit dem Master Control Room (MCR) im IBC verbunden. Alle ein- und ausgehenden Signale liefen dabei über den Technical Interface Room (TIR). Das Satelliten-Backup stellte die zur Orange Group gehörende Firma Globecast. Ein sogenannter Cable Interconnection Room (CIR ) diente allen Broadcastern auf dem Gelände zur Abwicklung unilateraler Services von HBS wie der Anbindung von TV-Studios an Präsentationsplattformen. Und die gesamte Intelligenz der Technik mit Servern, Kreuzschienen, EVS-Systemen, CCUs et cetera war im sogenannten Equipment Room Container (ERC) untergebracht, der in München von SonoVTS gefertigt worden und mit seinen großen orangefarbenen Zuluft- und Abluftschläuchen auf jedem Compound leicht auszumachen war. Dazu gab es noch den Equipment Storage Container (ESC), in dem das meiste Equipment wie die Steuerpulte und Arbeitstische transportiert worden waren. „Alle Container sind Ende Mai pünktlich angekommen.

„Wir waren sehr beeindruckt. Die Jungs in München bei Sono VTS haben einen prima Job gemacht. Wir hatten Sorge wegen des Transports. Aber toll, dass alles da so gut geklappt hat“, sagte Robertson (MacRobbo). Er lobt auch: „Das ist vielleicht der beste und ordentlichste Compound, den ich bisher gesehen habe. Dafür hat insbesondere Jeff Coleman gesorgt. Seine professionelle Detailbesessenheit ist schon beeindruckend. Coleman, ebenfalls Australier und Hostbroadcasting-Spezialist, zeichnete im Maracana-Stadion und in fünf weiteren Stadien als Senior Venues Technical Manager (SVTM) verantwortlich. Sein Counterpart für die anderen sechs Stadien war Jean Claude Demerson. Die Venue Technical Manager bilden für HBS in den Stadien unter anderem die Schnittstelle zu Bauämtern und -firmen, Regierungsorganisationen, Stadionbetreibern und zu den lokalen Organisationskomitees (LOCs). Sie sind für die Planung und Realisierung des gesamten Broadcast Compounds, für die Verkabelung aller Positionen, die Stromaggregate, die Kommentator-Tribüne, Kamerapositionen für Box-Kameras, et cetera zuständig. Zusammen mit Demerson hatte Coleman auch den Kabelplan für die einzelnen Stadien ausgearbeitet. Mit Unterstützung der Firma MAHLZEIT! GmbH Kabel-Installationen aus Brietlingen bei Lüneburg wurden sie anschließend feinjustiert. Mahlzeit-Chef Stephan Mahl besuchte dazu alle Stadien selbst. Seine Rigger verlegten anschließend auch die Kabel, die teilweise von HBS (Kupferkabel) und teilweise von Mahlzeit (SMPTE-Kabel) selbst stammten. „An jeder Spielstätte wurden 110 bis 120 Kilometer Broadcast-Kabel verlegt. Dazu kamen jeweils rund zehn Kilometer Stromkabel“, berichtete Coleman. Für die Verkabelung jedes Stadions habe Mahlzeit nur zwei Wochen gebraucht. „Die Zusammenarbeit mit Mahlzeit war sehr gut. Das hat uns bei manchen Venue-Problemfällen geholfen“, betonte er. Und weiter: „Die WM in Brasilien war für mich mit Abstand der schwierigste Job, den ich bisher gemacht habe. Und ich habe zuvor schon vier Olympiaden, zwei FIFA Weltcups und viele andere Großevents im Sport betreut. Aus Sicht von HBS haben wir trotzdem perfekt geliefert.“

Eckhard Eckstein

MB 4/2014

Zurück