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Quantensprung in der TV-Produktion

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Quantensprung in der TV-Produktion

Mit „Sankt Maik“ wurde jetzt erstmals auch eine Fernsehserie in Ultra HD/HDR produziert. RTL strahlt die von der Ufa produzierte Dramedy seit dem 23. Januar aus. Sie handelt von einem Trickbetrüger, der auf der Flucht vor der Polizei seine falsche Schaffner-Uniform gegen eine echte Soutane austauscht und so unversehens zum Pfarrer avanciert. Die Kölner wollen mit dieser Premiere ein Signal für ein stärkeres Engagement in Richtung ultrahochauflösendes TV-Format setzen.

2,65 Millionen UHD Geräte sollen laut Gesellschaft zur Förderung der Unterhaltungselektronik (gfu) allein in 2017 verkauft worden sein. Damit, so die weitere Einschätzung der gfu, würden dann bereits 5,6 Millionen entsprechende Geräte in deutschen Haushalten stehen. Und laut Timo Schneckenburger, Geschäftsführer Marketing & Sales bei HD+, ist „aktuell fast jeder zweite verkaufte Fernseher bereits ein UHD-Modell.“ Auch die Größe der Geräte wachse immer mehr an. „Da sind 55 Zoll schon klein, und 65 Zoll verbreitet sich immer mehr“, stellt der Director Technology bei der UFA Ernst Feiler fest.

Für den Privatsender RTL jedenfalls haben diese Zahlen den Ausschlag gegeben, zum ersten Mal eine komplette Serie, „Sankt Maik“, in dem ultrahochauflösenden Standard herzustellen. „Wir möchten so die technologische Entwicklung mit der Bereitstellung attraktiver Inhalte unterstützen, die den Mehrwert von UHD und HDR illustrieren und für unsere Zuschauer somit direkt erlebbar machen“, betont Thomas Harscheidt, Mitglied der Geschäftsleitung der Mediengruppe RTL Deutschland und Geschäftsführer CBC.

Während der Begriff UHD bei den Konsumenten als Begriff für die Auflösung in 4K bereits verbreitet ist, können die meisten mit der Bezeichnung HDR (High-Dynamic-Range) nichts anfangen. Aber gerade der durch HDR erzeugte Kontrastumfang ermögliche erst in Kombination mit UHD ein „brillantes Seherlebnis“. Von einem Quantensprung hinsichtlich der visuellen Qualität spricht Feiler: „Die technischen Möglichkeiten, – sei es bei Kontrast, Farbraum oder Helligkeit –, haben einen riesigen Schritt gemacht, um an das Potential des menschlichen Auges heranzureichen. Die technischen Barrieren zum eigentlichen natürlichen Seherlebnis haben wir bei ‘Sankt Maik’ hinsichtlich Farbraum sowie Kontrastumfang erstmalig so gelöst, dass die Wahrnehmung fast an ein reales Erlebnis herankommt.“ Für den Ufa-Manager ist das ein wichtiger historischer Schritt. Dabei verweist er auf eine „einfache“ Formel: Ein Drittel des menschlichen Sehspektrums erreicht HDTV, Kino schafft die Hälfte und UHD/HDR zwei Drittel: „Das übertrifft damit das Kino und kommt dem Potential des menschlichen Sehvermögens am nächsten.“

Die Erklärung dafür: Es gebe genügend Detailinformationen in den Farben Grün und Blau, um dem Gehirn Realität zu suggerieren. Und auch die Farbe Rot, die für Gesichtsabbildungen eine große Rolle spielt, biete so viele Schattierungen, dass es tatsächlich als real wahrgenommen werde. Feiler verweist auf Versuche in einem Fußballstadion, wo ein 65 Zoll Bildschirm eingesetzt worden sei. Die Zuschauer konnten demnach nicht mehr unterscheiden, ob sie tatsächlich eine Perspektive ins Stadion oder auf eine technische Aufnahme hatten.

Die Vorbereitungen zu dem Projekt „Sankt Maik“ begannen bereits vor anderthalb Jahren, als RTL und UFA gemeinsam überlegten, ob und wie man einmal eine Produktion im hochauflösenden Standard realisieren könnte, um die Möglichkeiten dieses neuen Standards auszuloten. Dass dann gerade „Sankt Maik“ ausgewählt wurde, hatte mit dem Sujet zu tun: Von dem „inhaltlich spannenden“ Projekt, das durch das Thema Kirche interessante Lichtsituationen und Bilder versprach, erhofften sich die Macher ein ideales Einsatzgebiet, um hier wichtige Erfahrungen bei der Produktion in UHD/HDR zu sammeln. 

Die Auseinandersetzung mit dem technischen Standard startete bei der UFA vor dreieinhalb Jahren. Die Technologieabteilung des Produktionsunternehmens hat generell die Aufgabe, bereits in einem frühen Stadium technische Innovationen zu prüfen, ob sie für die Arbeit verwendet werden können, was Qualitäts- oder auch Effizienzgewinne angeht. RTL sowie UFA, die sich beide als „Marktführer“ beschreiben, wollen grundsätzlich Einfluss auf Anlieferungs- und Produktionsstandards nehmen. „Damit“, so Feiler, „nicht Dinge entschieden und verordnet werden, die mit unserer Produktionsrealität nichts zu tun haben. Wir zeigen Flagge gegenüber Sendern und auch Normierungsgesellschaften, damit die Produzenten nicht zu Benachteiligten im Rahmen dieser Entwicklungen werden.“

Was etwaige Unterschiede bei den Produktionsabläufen von UHD/HDR im Vergleich zu HD angeht, haben die Akteure im fiktionalen Bereich kaum Unterschiede festgestellt. In diesem Genre sind die Kameras schon länger UHD/HDR fähig und auch der Workflow ist digital. Insofern geht es hier hauptsächlich um logistische Herausforderungen, etwa den Umgang mit größeren Datenmengen und den neuen kreativen Herausforderungen, was Lichtsetzung und Grading betrifft. Im Gegensatz dazu steht der TV-Unterhaltungsbereich. Klassische Live-on-tape-Shows beispielsweise werden immer noch mit der klassischen Broadcasttechnologie umgesetzt. Hier muss die gesamte Produktionskette geändert werden, etwa mit Einsatz spezieller Ü-Wagen sowie UHD-fähiger Kameras. Der technische Direktor der UFA jedenfalls ist von den Möglichkeiten der Inszenierung begeistert: „Seit über 100 Jahren sind die Kameraleute es gewohnt, die Realität und die realen Lichtverhältnisse im Look and Feel so zu gestalten, dass sie einem Drittel dessen entsprechen, was das menschliche Auge sieht. Bei UHD/HDR hat man eine deutlich größere Gestaltungsmöglichkeit, weil das Endprodukt viel näher an dem dran ist, was das menschliche Auge sieht. Das eröffnet natürlich Möglichkeiten bei der emotionalen Ausformung, etwa bei der Farbe Gold, die jetzt viel intensiver und realitätsgetreuer dargestellt werden kann.“ Beim HD wäre solch eine Darstellung nicht möglich, während im UHD/HDR-Format der kreative Umgang mit den Objekten ganz neue Möglichkeiten erschließen würde, weil sie eine deutlich höhere emotionale Wirkung erzielten: „Bildsprache und Erzähltechniken müssen da angepasst werden.“ Da RTL über keinen eigenen UHD-Sender verfügt, wird „Sankt Maik“ auf UHD1, eine Art Testsender der Plattform HD+, ausgestrahlt. Außerdem ist die Serie über die RTL-VoD-Plattform TV Now empfangbar. Um hier die volle Bildqualität zu erhalten, bedarf es allerdings noch eines Updates von UHD/HDR-fähigen Fernsehgeräten. 

Der Geschäftsführer Operations- und Produktentwicklung HD+, Georges Agnes, sieht in der Ausstrahlung „die beste Möglichkeit, die außergewöhnliche UHD-Qualität vorzuführen und zu vermitteln“. Mit dem Demokanal UHD1 wolle man Kunden davon überzeugen, welche Qualitätssteigerung möglich ist. „Wenn die dann ihre Erfahrungen weiterkommunizieren, sind sie die besten Botschafter für UHD“, sagt er. Das scheint auch notwendig. Denn trotz einer beachtlichen Verbreitung von UHD-tauglichen Empfangsgeräten, werden noch kaum in diesem Format produzierte Programme angeboten. 

HD+ mit Hauptsitz in München beschreibt sich als Plattform, die das Ziel hat, das Signal der privaten Anbieter an die Endkunden in HD-Qualität weiter zu verkaufen. Von daher stehen sie mit den Anbietern regelmäßig in Kontakt, um auch die technischen Standards zu besprechen. Agnes: „Unser Ziel ist es, immer mehr bekannte Fernsehformate aus der SD- und HD-Welt den Endkunden auch in UHD anzubieten. Es gibt bei den Konsumenten mittlerweile eine große Basis, die in der Lage ist, dieses Signal zu empfangen.“ Bei den Münchnern wird in den nächsten zwölf Monaten jedenfalls der Fokus auf die Ausstrahlung von Inhalten als Triple Cast gelegt, also in SD, HD und UHD. Auch wenn die Verbreitung des HD Signals Hauptgeschäft bleibt und die Aktivitäten bei UHD als Investition in die Zukunft gesehen werden, hofft der HD+ Manager auf eine Durchsetzung des Standards in den nächsten Jahren: „Der erste Schritt dafür ist die Umrüstung in den Sendern. Bei RTL hat man bereits begonnen, die Prozesse von HD auf UHD umzustellen. Wir rechnen damit, dass sich in den nächsten zwei Jahren einiges bewegen wird.“ Belastbare aktuelle Daten, etwa zur Anzahl der Nutzer von UHD1, existieren laut Agnes aber nicht. Die UFA jedenfalls bereitet schon die nächsten Projekte vor. Mit dem ZDF wird zurzeit abgestimmt, ob und wie der Mehrteiler „Ku‘damm 59“ in UHD produziert werden kann, während man mit RTL bereits über ein erstes Show- und Live-Format diskutiert. RTL schließlich möchte in den nächsten zwei Jahren die Produktionsprozesse im eigenen Sendezentrum auf UHD/HDR umrüsten. Bis zur flächendeckenden Einführung des Standards rechnen die Kölner aber noch mit einigen Jahren. So ist selbst die Abschaltung der SD-Verbreitung in absehbarer Zeit nicht vorgesehen.    

Wilfried Urbe

 MB 1/2018

© MG RTL D

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