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Radio-Apps auf dem Vormarsch

Der Mobile-Spezialist Liquid Air Lab hat weltweit über 300 Radio-Apps entwickelt. Zu seinen Kunden zählen Hörfunkanbieter wie Antenne Bayern, Hitradio FFH und Sunshine Live in Deutschland sowie NRJ oder SBS Radio in Europa. Technologie ist der Spodtronic-Radioplayer, der individuell an Kundenwünsche angepasst wird. Für das iPad erstellte das Unternehmen jetzt die ersten Radio-Apps des Radiokonsortiums Digital 5. Liquid Air Lab-Geschäftsführer Mikko Linnamäki will mit seiner Expertise nun auch andere Mediengattungen erschließen.

Im Vergleich zu USA und Europa ist der Anteil der Radio-Apps in den iTunes-Charts in Deutschland besonders hoch. Warum?
In den USA gab es im Mai 2010 neun Apps von Aggregator-Radioplayern in den Top 100 der Musik-Anwendungen im iTunes-App-Store und genauso viele Apps von Radiosendern. Große Hörfunkketten wie CBS und Clear Channel haben entschieden, keine eigenen Apps zu machen, sondern einen Radioplayer für alle Radiomarken anzubieten. Clear Channel bietet seine 750 Sender unter der neuen Marke „iheartradio“ an. Zwar sollen fast sechs Millionen Unique User die Apps in USA heruntergeladen haben, aber da wird viel Potenzial vergeudet, weil jeder dieser Sender für sich mindestens 100 000 Hörer über eine eigene App erzielen könnte. Viele Millionen Downloads werden verschenkt, weil die einzelnen Radiomarken bei den Aggregatoren untergehen. Radio-Apps sind so populär, weil sie starke Marken und viele Hörer haben. In Deutschland haben die Radiosender von Anfang verstanden, dass sie eine eigene App brauchen. 45 Prozent der Top 100 sind Radio-Apps und sieben sind Aggregator-Apps. Der Trend ist in mehreren Ländern Europas ähnlich. Vergleichsweise hat aber UK nur 19 Sender-Apps und sechs Aggregatoren.

Im März berichteten Sie bei den Radiodays Europe über ein starkes Wachstum bei der Nutzung von Radio-Apps. Setzt sich das fort?
Wir sind im Juni 2009 mit der ersten Radio-App auf dem iPhone gestartet und verzeichnen heute weltweit insgesamt 4,5 Millionen Downloads auf den Smartphone-Plattformen iPhone, Android, Blackberry und Symbian bzw. Nokia. In Deutschland haben unsere Radiokunden wahrscheinlich mehr als zwei Millionen App-Nutzer. Mit international 28.000 Installationen täglich, davon knapp die Hälfte in Deutschland, wächst die Popularität unserer Apps wirklich schnell. Die Nutzung steigt seit einigen Monaten stark an. Mitte März verzeichneten wir weltweit 400.000 Tune-ins pro Tag und einen Monat später ein Plus von 25 Prozent.

Welche Zielgruppen nutzen Radio-Apps?
Grundsätzlich erreicht man über die Apps natürlich die mobilen Nutzer und insbesondere die junge Generation, die heute keine eigenen UKW-Radiogeräte mehr besitzt. Die Nutzungssituationen sind aber die Gleichen wie beim herkömmlichen Radio: Die Fahrt zu und von der Arbeit und in die Schule sind die Spitzenzeiten in der Radionutzung. Die Nutzungsstunden fallen genauso aus: von sieben bis neun Uhr morgens, in der Mittagspause und dann auf dem Rückweg, egal ob das der Geschäftsmann mit einem Blackberry ist oder Jugendliche mit einem Nokia-Gerät.

Wohin geht der Trend bei den Radio-Apps?
Am Anfang war wichtig, dass man Radio hören kann und das ist nach wie vor für Viele entscheidend. Aber wir beobachten, dass sich die Radio-Apps vom reinen Player zum interaktiven Mitmach-Radio entwickeln. Zuletzt haben wir in Finnland sechs Radiosender mit Apps ausgestattet und als neues Feature den „Mobile Reporter“ gestartet, mit dem die Leute Fotos und Texte direkt in die Redaktion schicken können. Die finnischen Sender bekommen darüber viel Feedback. Im nächsten Schritt soll eine Audio-Funktion dazukommen. Generell wollen die Radioanbieter die User stärker einbinden. Unsere Kunden in Deutschland setzen auf Wetter- und Verkehrsinformationen, die stark genutzt werden, – und natürlich auf die Integration von Twitter und Facebook.

Wie sollten sich Radiosender hinsichtlich der verschiedenen Smartphone-Anbieter aufstellen?
Grundsätzlich muss man Anwendungen für alle Systeme anbieten. Seit Februar beobachten wir, dass der Anteil der Installationen auf Nokia-Endgeräten rasant wächst, weil der Ovi-Store deutlich verbessert wurde und der Hersteller viele von den neuen Touchscreen-Geräten verkauft. Wir sind die einzige Firma, die Radio-Apps für Nokia entwickelt. Unser Gesamtnetzwerk besteht derzeit aus etwa 40 Prozent iPhone-Usern, 40 Prozent Nokia- sowie 20 Prozent Android- und Blackberry-Nutzern. Für Radioanbieter macht es daher vor allem Sinn, iPhone und Nokia als Erstes zu bedienen. Künftig bieten wir den Spodtronic-Player zusätzlich für die Plattformen MeeGo und Samsung Bada an. Diese sechs Smartphone-Plattformen decken insgesamt 90 Prozent des Marktes ab.

Für Digital 5 hat Liquid Air Lab die Apps für das iPad enwickelt. Worin liegt für Hörfunkunternehmen der Mehrwert dieses Endgerätes im Vergleich zu Smartphones?
IPhone-Apps laufen bereits auf dem iPad und das ist gut, aber der große Bildschirm bietet ganz andere grafische und interaktive Möglichkeiten. Die Radiosender können ihren gesamten Content besser zur Verfügung stellen, beispielsweise Fotos, Videos oder Interviews von Events und Konzerten. Auf dem iPad lassen sich Bilder- und Videogalerien in einer ganz neuen Art einbinden. Damit wird das Medium Radio hier noch visueller. Viele unserer Kunden sind gerade dabei, diese Daten, über die sie ja schon verfügen, zu organisieren. Das ist auf dem iPad sehr wertvoll, eben weil es ein visuelles Gerät ist.

Eine Million verkaufte Geräte meldete Apple vier Wochen nach US-Verkaufsstart. Warum ist es Ihrer Meinung nach für Radio wichtig, das iPad als Vertriebsweg zu nutzen?
Es wundert mich nicht, dass der Erfolg so groß ist. Das Gerät ändert alles, was wir bisher über den PC denken. Es ist viel mehr als nur ein großes, hübsches iPod Touch. Die Bedienung ist einmalig intuitiv, das hat es bisher noch nicht gegeben. Früher hätte ich mein iPhone nie zuhause gelassen, jetzt ist mein iPad immer dabei. Und das ist eine dicke Aussage von jemandem, der ein absoluter iPhone-Nutzer ist. Das iPhone ist jetzt mein Telefon und das iPad mein Multimediagerät. Radio hat darauf eine absolute Daseinsberechtigung. Das iPad wird das herkömmliche Transistorradio oder die Stereoanlage zuhause ersetzen, weil der Nutzer auf dem Gerät seine Radiostationen und seine Musikbibliothek installiert haben wird. Und wenn wir über andere Medien reden: Ich habe noch nie so viele Magazine abonniert wie jetzt auf dem iPad. Apple ermöglicht einfach den Zugang zu Medien, so wie bei der Musik, den Filmen, TV-Serien und jetzt auch mit Büchern, Magazinen und Zeitungen. Für deren Verbreitung ist das ein großartiges Gerät.

Das heißt, Sie gehen davon aus, dass Konsumenten bereit sein werden, für digitale Printprodukte auf dem iPad Geld auszugeben?
Ich bin überzeugt, ja. Ich bin ein gutes Beispiel: Ich war vorher kein großer Magazin-Abonnent, jetzt habe ich ein ganzes Portfolio aus vielen internationalen Titeln.

Liquid Air Lab bietet auch die Werbevermarktung für Radio-Apps an. Wie entwickelt sich die?
Wir sind einer der größten europäischen Werbe-Netzwerke im mobilen Bereich und verzeichnen international 80 Millionen Banner-Ad-Impressions pro Monat bei unseren Radio Apps auf allen Plattformen. In Deutschland sind es etwa 30 Millionen. Es ist möglich, gezielt nach Smartphone-Typ, Sendern und Städten zu buchen. Allein die Handymarke erzählt viel über den Nutzer und man kann ihn gezielt ansprechen, ohne dass er sich explizit outen muss. Wir reden mittlerweile nicht mehr über ein Nischenprodukt beim mobilen Radio. 15 Millionen Mal werden die Sender unserer Kunden monatlich gestreamt. Der deutsche Markt macht davon etwa 40 Prozent aus. Der Radiosender „The Voice“, der zu SBS Radio (ProSiebenSat.1 Media) gehört, hat in Schweden zum Beispiel mehr Ad-Impressions auf seiner App als auf der Webseite.

Was dürfen mobile Werbebanner kosten?
In Schweden werden relativ viele Klick-Kampagnen gebucht, das heißt dort kostet ein Klick etwa 0,90 Euro. Bei TKP-Kampagnen liegt der Tausender-Kontaktpreis etwa bei zehn Euro. Das ist sehr gesund. In Deutschland sind die Media-Agenturen mit dem Thema „Mobile“ noch nicht ganz so weit wie in Skandinavien, aber es werden immer mehr Werbekampagnen gebucht. Die Preise liegen zwischen acht und 15 Euro pro tausend erreichte Kontakte. Die Klick-Preise sind ein bisschen niedriger als in Schweden, weil die Reichweite hierzulande größer ist.

Bleibt Radio für Sie ein werbefinanziertes Medium oder sehen Sie
Möglichkeiten für Pay-Modelle?
Im Mindset der Nutzer war Radio immer frei zugänglich und das wird so bleiben. Wir haben einige Hörfunkkunden gehabt, die kostenpflichtige Apps angeboten haben. Aber die Ratio war eine verkaufte App zu 400 freie Downloads. Daher ist Radio meiner Meinung nach auf jeden Fall werbefinanziert. Die Werbemöglichkeiten in den Apps werden sich jetzt verbessern, zum Beispiel mit der Einführung von Audio-Advertising. Zudem wird das iAd-System von Apple eine ganz andere Qualität von mobiler Werbung bringen, vor allem in Bezug auf die Interaktivität und Integrationsmöglichkeiten der Werbung in den Apps. Ich denke, dass das für die gesamte Mobile-Advertising-Branche einen riesigen Schub geben wird.

Was bedeutet das für Ihre Vermarktung?
Wir werden iAd in unsere Apps einbauen, weil nicht nur wir, sondern auch unsere Auftraggeber, die Radiosender, und insbesondere die Werbekunden von diesen neuen Werbemöglichkeiten profitieren werden.

Funktioniert Ihrer Einschätzung nach mobile Werbung besser als Online-Werbung?
Wir haben bei Nokia-Geräten Spitzenklickraten bei Mobilwerbung von vier bis fünf Prozent. Das sind außerordentlich gute Ergbnisse. Die Gefahr ist, die mobilen Nutzer durch die Schaltung von Billig-Kampagnen wie Klingelton-Werbung zu nerven. Wir müssen auf hohe Qualität achten. Der mobile Werbemarkt ist noch jung, aber einige unserer Radiokunden haben zumindest ihre gesamte App-Entwicklung schon mit Werbung refinanziert. Das macht den Radiosendern natürlich nicht nur Spass, sondern es lohnt sich, neue Anwendungen auf den Markt zu bringen.

Arbeiten Sie bereits an iPad-Apps für weitere Radio-Anbieter?
Ja, an vielen. Die iPad-Plattform ist momentan die gefragteste Plattform bei uns. Wir machen auch TV-Apps für große Unternehmen in Europa. Und im Sommer bringen wir ein System für Tageszeitungen auf den Markt, so dass diese mit ähnlicher Leichtigkeit innerhalb einer Woche ihre iPad-App anbieten können.

Wird der herkömmliche Internetauftritt der Medienhäuser irgendwann durch Apps ersetzt?
Ganz klar ist, dass die Apps ein absolut attraktives User-Interface haben und
damit eine bessere User-Experience ermöglichen als der Web-Browser.
iPad-Apps lassen Browser ganz schön alt aussehen.
Das Internet wird natürlich nicht ersetzt werden, sondern die Webauftritte werden eher an das Design und die Funktionalität der Apps angepasst, die schick, schnell und einfach zu bedienen sind. Nach Web 2.0 sind Apps die nächste Internet-Welle, die vor allem mit Location-based-Funktionalitäten glänzen. Der Nutzer wird nicht mehr vorrangig die Suchmaschinen benutzen, sondern er hat für jedes Thema eine eigene App. Das sind spannende Zeiten.
Sandra Eschenbach
(MB 06/10)

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