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Riesenaufwand

News: Produktion

Riesenaufwand

Die TVN Group aus Hannover hat am 26. Mai 2018 für die UEFA das Hostbroadcasting des Champions League Endspiels Real Madrid gegen FC Liverpool übernommen. Bei der Weltbild-Produktion im NSC Olimpiyskiy Stadion in Kiew wurden mit einem Ü-Wagen-Set-up HD- und 4K/UHD-Signale simultan erzeugt. 50 Kameras kamen dabei zum Einsatz.

Das UEFA Champions League Finale gilt als größtes Vereinsspiel der Welt. Der technische Aufwand für die TV-Produktion ist riesig und übertrifft sogar den des Fußball Europameisterschaft Endspiels. Beim UEFA Champions League Finale 2018 in Kiew standen sich der 1. FC Liverpool und Real Madrid gegenüber. Madrid siegte mit 3:1. Vor Ort in Kiew waren 71 TV-Sender vertreten, 19 davon mit unilateraler Produktionstechnik.

Das Spiel wurde von rund 350 Millionen Zuschauern weltweit gesehen. In Deutschland wurde es vom ZDF und von Sky live übertragen. Ab der kommenden Spielzeit (2018/2019) gibt es die UEFA Champions League nur noch im Pay-TV. Sky Deutschland sicherte sich 2017 die Übertragungsrechte für alle Verbreitungswege. Die Perform Group wird als Sublizenznehmer ihre Spiele über ihren Streaming-Dienst DAZN verbreiten.

Die UEFA nutzte das Finale in Kiew auch zur produktionstechnischen Vorbereitung auf die Euro 2020. So wurden neue Dinge ausprobiert, wie die Einführung eines separaten Clip Channels, der Einsatz neuer Spezial-Kameras und die Produktion von Zusatz-Footage am Spieltag. Getestet wurden in Kiew zudem zwei verschiedene 360 Grad VR-Workflows mit Nokia Ozo- und InstaPro-Kameras.

Beim Champions League Finale in Kiew arbeitete die UEFA mit bewährten Partnern und Dienstleistern zusammen. Die TVN MOBILE PRODUCTION aus Hannover war als Hostbroadcaster für die Produktion des Weltbildes zuständig und stellte dafür das Technikteam. Das Produktionsteam kam von Sunset & Vine.

Die Firma Mahlzeit sorgte für die Verkabelung. Gearhouse Broadcast baute das Technical Operations Centre (TOC), kümmerte sich um die Signal-Distribution, FANTV und Commentary. Deltatre war für Grafik Gfx und VR zuständig, Incast lieferte Kommentatoren- und Medien-Monitore, Heusser TV aus Zürich realisierte die FANTV Production und Hawk-Eye stellte die Torlinientechnik bereit. Die Übertragung und Archivierung der Signale machte die EBU.

Als Ausstatter aller TV-Einrichtungen zeichnete die Michaelis GmbH verantwortlich. Sie baute acht gläserne Studios, fünf Tribünen-Präsenter und 20 Kameraplattformen. 50 Tonnen Material wurde von Michaelis dabei verbaut.

TV Skyline stellte 19 Kommentatoren-Kameras auf der Pressetribüne bereit und sorgte für die dafür nötige Glasfaserinfrastruktur und Signalwandlung zum TOC, von wo aus die zentrale Steuerung dieser Kameras passierte und die Übergabe der Bilder an die jeweiligen unilateralen Rechtehalter. Insgesamt gab es im Stadion von Kiew 126 Kommentatoren-Plätze.

 

Hostbroadcasting von TVN

TVN war in Kiew mit seinen drei Ü-Wagen Ü2, Ü3 und Ü5 mit jeweils einem Rüstwagen vertreten. Der Ü3 war ausschließlich für das ZDF vor Ort und beim Hostbroadcasting nicht involviert. Der Mainzer Sender nutzte ihn für die nationale Regie. Haupt-Ü-Wagen beim Hostbroadcasting war der Ü2. Der Ü5 lieferte die nötige Unterstützung und war mit ihm gekoppelt. Ü2 und Ü5 verfügen über jeweils 24 CCUs. TVN nutzte bei der Weltbild-Live-Übertragung des Spiels je 20 CCUs in den beiden Ü-Wagen. Das Hauptfeed wurde im Ü2 geschnitten. Der Ü5 diente zusätzlich als Service-Feed-Ü-Wagen für vier verschiedene Service-Feeds. Diese werden bei Champions League Spielen Sendern ohne eigenen Ü-Wagen vor Ort zur Verfügung gestellt. Mit einer Service Feed-Kamera können sie zum Beispiel von den Kommentatoren-Plätzen oder vom Spielfeldrand aus live via Satellit zu einem buchbaren Timeslot auf Sendung gehen. Auch andere Beiträge werden vom Service Feed Ü-Wagen aufgezeichnet und als Highlightschnitte täglich angeboten. Dazu zählen Pressekonferenzen der Mannschaften, Interviews et cetera. „Wir haben unser Ü-Wagen-Konzept mit dem Ü2 und dem Ü5 also auf zwei Säulen gestellt. Wenn einer der beiden Wagen ausgefallen wäre, hätten wir mit verkleinertem Service Feed-Angebot in jedem Wagen das Weltsignal abbilden können. UHD wäre mit dem Ü5 allerdings nicht möglich gewesen“, betont Christoph Moll, technischer Leiter Außenübertragung bei TVN. Das wäre heute anders. Der Ü5 ist gerade bei Broadcast Solutions in Bingen für den UHD-Einsatz umgebaut worden.

„Beide Autos waren mit dem TOC verschaltet, von wo sich jeder Rechtehalter die Signale holen konnte. Für die UEFA war auch eine SNG am Stadion, die sowohl die HD- als auch die UHD-Signale via Satellit gesendet hat“, berichtet Moll.

 

Kameras und Workflow

UHD-Produktionsstandard in Kiew war Quad 3G SDI SDR Rec709. UHD- und HD-Signale wurden parallel mit einem Ü-Wagen-Set-up erstellt. „Dabei galt das Prinzip, möglichst kein Signal hoch zu konvertieren. Ausnahme waren einige Spezial- und Superslomo-Kameras“, erklärt Moll.

Zur Produktion des Weltsignals wurden von TVN insgesamt 40 Kameras eingesetzt, darunter hauptsächlich Sony HDC 4300-Modelle. Als Bild-Mischer diente ein Sony MVS-8000X. Für den echten UHD-Signalmix sorgten 22 Kameras inklusive der Spidercam-Seilkamera, der Helicopter- und Goal Rail-Kamera. Die nicht via CCU gesteuerten Kameras, dazu zählen sechs Drahtlos-Kameras, waren über Stageboxen mit den Ü-Wagen verbunden. „Unser Bildmischer wurde so eingesetzt, dass der Regisseur im Prinzip auf HD schneiden konnte. Wir haben da sowohl die Quellen in HD 1080p/50 aufgelegt als auch in UHD. Der Regisseur konnte so einzelne Kamerapositionen in HD und UHD schneiden. Und wenn er irgendeine Quelle geschnitten hat, die nicht in UHD vorhanden war, dann wurde sie für das UHD-Feed hoch konvertiert. Das UHD-Signal ging allein den UHD-Sendeweg und wurde nicht mehr down konvertiert für HD. Das 1080P HD-Signal mit den 50 Vollbildern wurde auf das finale 1080i HD-Sendeformat konvertiert. Somit konnten wir über ein Bildmischpult beide Signalwege in UHD und HD synchron bearbeiten, ohne dabei einen Qualitätsverlust zu haben“, erklärt Moll. Inklusive Rahmenprogramm lieferte der Hannoveraner Übertragungsdienstleister fünf Stunden Programm. Bereits elf Tage vor dem Top-Spiel in der Königsklasse hatte sich der TVN-Tross auf den Weg nach Kiew gemacht. Fünf Tage vor dem Champions League-Endspiel startete man bereits mit den Proben und drei Tage vor der Partie mit der Produktion von Footage für die UEFA (Team-Ankunft, Rahmenprogramm, Pressekonferenzen, etc.). Die Crew von TVN bestand aus insgesamt 73 Personen. Hinzu kamen die Helicopter- und die Drahtlos-Crew. Hierbei setzte TVN wieder auf die bewährte Zusammenarbeit mit der Berliner rentevent GmbH.

 

EVS-Server und Slomos

Sämtliche Signale wurden von 15 EVS XT3-Servern aufgezeichnet. TVN setzte als Superslomo- und Highspeedkameras die HDC-4300 ein, zeichnete die Signale mit 50 Vollbildern in HD 1080p50 auf XT3-Servern auf und konvertierte dieses Signal für die UHD-Slomo-Wiedergabe im Mischer hoch. „Im Vergleich zu bisherigen 1080i-Superslomo-Aufnahmen verbessert sich die Qualität der Slomos erheblich, wenn die Kamera in 1080P betrieben wird“, so Moll. Weitere Vorteile: Es lassen sich die vorhandenen HD-Optiken wie gewohnt nutzen, und für die Zuschauer sei die sichtbare Qualität gegenüber Slomos mit Halbbildern deutlich besser. „Wenn die 1080P-Slomos dann über einen sehr guten UHD-Upkonverter laufen, und den hat der Sony-Bildmischer, sehen die Slomos hochkonvertiert auch im UHD-Signal richtig gut aus“, betont Moll. Der integrierte Sony-Konverter sei nicht nur brillant in der Auflösung und im Flimmerverhalten, sondern auch in der Geschwindigkeit. Zur Signalkonvertierung wurden von TVN auch die „Green Machine Titan“-Konverter des Weiterstädter Herstellers LYNX Technik eingesetzt.

Zukünftig wird man mit EVS XT-VIA arbeiten. Diese Maschinen ermöglichen die Aufzeichnung von bis zu vier UHD-Signalen pro Maschine. In Kiew war es notwendig, im EVS Netzwerk sämtliche aufgezeichneten Signale auszutauschen – das war ebenfalls ein Grund, warum man die Slowmotions ausschließlich in HD aufgezeichnet hat. „Man hat im EVS-Netzwerk den Vorteil, auf sämtliche Clips aller Maschinen zuzugreifen. Sobald man HD und UHD mischt, sehen HD EVS die aufgezeichneten Clips der UHD EVS nicht, und umgekehrt“, meint Moll.

 

Dolby Atmos und Ton-Bild-Synchronität

Der Ton wurde beim Champions League Endspiel 2018 in Stereo, 5.1 und 3D Audio/Dolby Atmos erstellt. Dazu wurden im Stadion und unter dem Stadion-Dach 50 Mikrofone installiert. Bei den Mikros unter dem Dach handelte es sich um 3D Surround Mikrofone von Schoeps. Auf Höhe der Führungskamera wurden Ambeo VR-Mics von Sennheiser eingesetzt. Am Spielfeldrand kamen zur Abbildung des Fan-Sounds fünf Sennheiser Esfera zum Einsatz, auf den Kameras Sennheiser Stereo-Richtrohr-Mikrofonen vom Typ MKH 418-S und zum manuell gemischten Close Ball-Sound Sennheiser-Richtrohrmikrofone vom Typ MKH 60 und 70. Alle Audiosignale wurden über Stageboxen an die beiden Ü-Wagen geliefert und über deren Lawo-Nova 73-Audiokreuzschiene zusammen geführt. Die Stereo und 5.1-Live-Mischung erfolgte im Haupt-Ü-Wagen Ü2 auf einem Lawo mc2 56 Pult von Lawo. Im Ü5 stand ein Lawo mc2 66 für die Tonmischung der Service-Signale und als Backup für den Ü2 bereit. Der Dolby Atmos-Ton, der unter anderem von BSkyB abgenommen wurde, wurde über einen abgesetzte Audiomischer Lawo mc2 36 in einem speziell dafür eingerichteten Container. Der war gut gedämmt und bot Top-Abhörmöglichkeiten. Die Atmos-Mischung erledigte TVN Leiter Audio Stephan Thyssen. „Die Infrastruktur beider Ü-Wagen war mit der 3. Tonregie im Container komplett vernetzt. Und so konnten die Toningenieure auf alle Signale zugreifen und ihre individuelle Mischung machen. Das funktionierte alles reibungslos“, berichtet Senior Audio Engineer Jörn Lüders von TVN.

Um die optimale Ton-Bild-Synchronität zu gewährleisten, nutzte TVN in Kiew das Audio/Video-Synchronisationstool MatchBox von Hitomi. Das System unterstützt alle Videoformate von SD bis UHD und lässt sich mit vorhandener Messtechnik kombinieren. „Die MatchBox ist ein integraler Bestandteil unserer UHD-Ü-Wagen. Bei der Vielzahl an Signalwandlungen und Outputs unterschiedlichster Formate im Ü-Wagen-Bereich sind wir damit in der Lage, Signal-Laufzeiten perfekt zu messen und schnell und einfach sicherzustellen, dass der interne und der ausgehende Signalfluss zwischen Video und Audio immer synchron ist“, sagte Moll. TVNs Zusammenarbeit mit Hitomi läuft seit der IBC 2017. Die Hitomi-Ingenieure waren ehemals bei der Firma ProBel Vistek für die Entwicklung des sogenannten VALID Generators zuständig. Das Unternehmen wurde später von Snell übernommen und die VALID-Weiterentwicklung eingestellt. Sender wie ARD und ZDF arbeiten noch heute mit dem VALID Generator, um automatisch Bild und Ton zu synchronisieren, wenn es da Versatz gibt. Das System kann man allerdings nur bei HD 1080i-Produktionen einsetzen. Die Ex-ProBel Vistek-Entwickler haben sich jedoch mit der Firma Hitomi selbstständig gemacht und zur IBC 2017 ein weiter entwickeltes VALID-Modell für 1080p und UHD präsentiert. Moll hat die Ingenieure dort getroffen und mit ihnen seine produktionstechnischen Anforderungen und Wünsche diskutiert. „Die haben alles erfüllt. Das System kann heute alles und ist sogar voll abwärtskompatibel. Wir können so weiter arbeiten, wie wir das in der Vergangenheit gewohnt waren. Für mich ist das ein Traum“, begeistert sich Moll.                                 

Eckhard Eckstein

MB 3/2018

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