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Ringen um Konzepte und Strategien

„Forward2Business: Die Magie der dritten Dimension“ war der Zukunftskongress zur stereoskopischen Medienproduktion Ende September in Halle/Saale überschrieben. Er ist das erste Resultat des Anfang des Jahres entstandenen Innovationsforums „3D-Cinema und Stereoskopische Medienproduktion“, das von den Initiatoren selbstbewusst als „Deutschlands innovativste 3D-Denkfabrik“ bezeichnet wird. Höhepunkt der Kongressveranstaltung war die Live-Übertragung eines Konzerts der Hip-Hop-Band Die Fantastischen Vier in 3D.

Das Thema 3D-Produktion in Film und Fernsehen hat in diesem Jahr enorme Schubkraft entwickelt. Es ist zum großen Hoffnungsträger der gesamten Medienwirtschaft avanciert. In Halle/Saale will man die allgemeine 3D-Euphorie nun in konkrete Geschäftsmodelle umwandeln. In der Thüringer Landeshauptstadt wurde deshalb das lnnovationsforum 3D-Cinema und Stereoskopische Medienproduktionen als Thinktank und Verbindungsglied zwischen regionalen Unternehmen und der technischen und kreativen Forschung im 3D-Bereich ins Leben gerufen.

Mitteldeutschland möchte damit zu einem Zentrum für die Weiterentwicklung von stereoskopischen 3D werden. Das Innovationsforum wird von einer 13-köpfigen Steering Group geleitet und durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der Initiative Unternehmen Region sowie von über 50 Unternehmen, Universitäts- und Forschungseinrichtungen unterstützt. Durchgeführt wird das Innovationsforum vom Mitteldeutschen Multimediazentrum Halle (MMZ). Ziel ist, so heißt es zusammenfassend in einer Informationsbroschüre des BMBF: „Sich über Innovationspotenziale des europäischen Kinos im 3D-Zeitalter auszutauschen, gemeinsame Strategien zu entwickeln und potenzielle Geschäftsmodelle der unmittelbaren Medienzukunft auch für verwandte Branchen wie Spiele, Musik, Werbung oder TV herauszuarbeiten.“ Oder wie es Katerina Hagen, Geschäftsführerin des MMZs, in ihrer Begrüßungsansprache formulierte: „Beim Umgang mit 3D geht es um das Ringen um Konzepte und Strategien.“

Wieviele 3D-Leinwände sind nötig?

Treiber dieser Konzepte und Strategien ist unbestritten die Einnahmeseite, mit der 3D lockt. Torsten Koch, Geschäftsführer des Constantin Film Verleih, skizzierte zu Beginn des Hauptpanels „Die Magie der dritten Dimension“ den wirtschaftlichen Status Quo von 3D für Constantin Film. 90 Prozent des Umsatzes eines 3D-Films erfolgen nach seinen Worten mit der 3D-Version. In Deutschland stehen knapp 700 3D-Leinwände zur Verfügung. Zu wenig, wie Koch betont, denn dadurch können Filme unter Umständen nicht lange genug laufen, um ihr Potential voll auszuschöpfen, da der nächste bereits in den Startlöchern steht.

Auch für Johannes Klingsporn, Geschäftsführer des Verleiherverbands, eine zu niedrige Zahl. Zwar berichtete er auf dem Panel Filmwirtschaft „Die Revolution frisst ihre Kinder“, dass die Zahl der 3D-Leinwände bis Ende des Jahres auf 800 bis 900 wachsen würde, aber im Grunde müssten sie sich verdoppeln, denn zurzeit, so Klingsporn, „könnten die Kinobetreiber den Kampf um die 3D-Leinwände noch wunderbar ausnutzen.“ Allerdings scheint bei knapp 1.000 Leinwänden der Punkt erreicht, wo sich ein Betreiber genau überlegen sollte, ob und wenn ja, mit welchem Saal er auf den 3D-Zug springt. „Man sollte die Kinos nicht nach der Spitzenauslastung ausrichten, sondern durch eine intelligente Planung die Säle so auswählen, dass man mit zwei, in großen Häusern mit drei 3D-Leinwänden auskommt“, erklärte Kim Ludolf Koch, Geschäftsführer der Cineplex-Gruppe, deren Mitgliedkinos nach dem Zusammenbruch des Solidarmodells zur flächendeckenden Digitalisierung über den Drittanbieter XDC komplett durchdigitalisiert werden.

Cineplex hat mit seinen 84 Kinos mit ca. 450 Leinwänden einen Marktanteil am deutschen Kinomarkt von 12 bis 14 Prozent. Michael Spreemann, Filialleiter Berlin des Technikdienstleister Cine Project sprach gar von einer Marktsättigung bei 3D. Andererseits ist es nach Ansicht von Christian Sommer, Geschäftsführer der CineMedia Film, so, dass 2D-Vorstellungen von 3D-Filmen nur deshalb stattfinden, weil es noch nicht genügend 3D-Kinos gibt. Das sieht Torsten Koch differenzierter.

Er ist zwar der Überzeugung, dass der Zuschauer innerhalb bestimmter Genres 3D-Filme erwartet, doch möchte er diese Filme sowohl in 3D und 2D anbieten. „Dann kann der Konsument selber entscheiden“, begründet er dieses Vorgehen. Ein Aussage, die nicht ganz mit dem zuvor verkündeten Credo der Constantin zusammen passt ausschließlich 3D-Filme zu produzieren, die als solche konzipiert, geschrieben, gedreht und geschnitten sind. Wie spezifisch die Erfordernisse für 3D sind, lässt sich sehr gut an der Constantin-Produktion „Resident Evil – Afterlife“ sehen, die weitestgehend auf jene Schwenks, Fahrten, Großaufnahmen und Schnitte verzichtet, die 2D dynamisch machen, aber bei 3D dazu führen, dass man sich im Bild nicht mehr zurecht findet oder Bewegungen unscharf werden. Gleichzeitig lässt der Film die kreativen Möglichkeiten von 3D erkennen, wenn man sich vom 2D-Denken verabschiedet.

Wertigkeit von 3D erhalten

Noch ist der Kinomarkt der einzig reelle Auswertungskanal für 3D. „Für das Kino wird 3D auf längere Zeit ein Alleinstellungsmerkmal sein“, erklärte Thomas Menne, Geschäftsführer der Walt Disney Studios Motion Picture Germany auf dem Hauptpanel. „Die 3D-Auswertung im Home Entertainment-Bereich entwickelt sich langsamer als gedacht, weil die Endgeräte zu teuer sind. Das wird noch zwei bis drei Jahre dauern bis es sich ändert.“ Und solange das Kino die Hoheit über 3D hat, ist es Menne extrem wichtig, dass damit kein Schindluder getrieben wird. Kim Ludolf Koch berichtete von einer Mail, die Menne an alle Kinobetreiber geschickt hatte und in der er dies einforderte. Konkret heißt dies, keine Filme zu zeigen, die nicht als 3D-Filme konzipiert und im Nachhinein schlecht konvertiert wurden, weil diese Filme die Wertigkeit und Vermarktbarkeit von 3D zerstören würden.

Insbesondere ein Film hatte die Kinogänger im Frühjahr durch eine aus Zeitgründen mangelhafte Konvertierung verärgert: „Kampf der Titanen“ des Verleihs Warner Bros.. Eine Erfahrung, die wahrscheinlich dazu geführt hat, dass der im November startende „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Teil 1“ aus dem gleichen Haus, der zuerst in 3D angekündigt war, nun in 2D startet, da die Konvertierung nicht rechtzeitig fertig wird. Auch Disney hat mit „Alice im Wunderland“ einen konvertierten Film in die Kinos gebracht. Der war allerdings auch von vorn+herein als 3D-Film geplant.

Regisseur Tim Burton war es nur zu lästig mit der 3D-Technik zu drehen, weshalb er für die Konvertierung optionierte, die vom technischen Aspekt her eine reelle Option darstellt. „Es geht bei 3D um die Verantwortung aller Marktteilnehmer – der Kinos, Produzenten und Verleiher“, appellierte Menne nachdrücklich an die Zuhörer. Das zieht sich hin bis zur grundsätzlichen Überlegung ob Kinderfilme in 3D heraus gebracht werden sollen. So hatte man sich bei Disney überlegt den Kinderfilm „Hexe Lili – Die Reise nach Mandolan“, der im Februar startet, zu konvertieren, hat sich aber dagegen entschieden. Grund sind die Eltern. „Eltern schauen genau hin, was sich ihre Kinder ansehen“, erklärt Menne. „Wenn sie 3D für ungeeignet halten, dann erlauben sie ihren Kindern den Besuch nicht, auch wenn die es gerne so hätten.“ Koch stimmt seinem Verleihkollegen zu: „3D muss vernünftig eingesetzt werden und gerade bei Kinderfilmen muss man besonders aufmerksam sein.“ Daher wird Constantin Film „Wicki auf großer Fahrt“ sowohl in 3D als auch in 2D heraus bringen – jeweils in einer auf das Format angepassten Fassung. „3D hat Einfluss auf die Schnittfassung, jedoch nicht auf den Film an sich“, erklärt Koch das Vorhaben.

„Tanzt, sonst sind wir verloren“

Im Rahmen des Kongress' stellten die Produzenten von „Tanzt, sonst sind wir verloren (Pina)“ (Regie: Wim Wenders) ihr Projekt mit vier Tanzstücken von Pina Bausch vor, die vor ihrem Tod noch an der Konzeption des Films beteiligt war. Die Inszenierung konzentriert sich auf die Tiefe des Raums, was zu beeindruckenden Bildern führt. Der Raum vor der Leinwand hingegen wird nicht genutzt. „Der Kopf in Großaufnahme, der leicht aus der Leinwand ragt, ist schon eine der extremsten Einstellungen“, antwortete Produzent Erwin M. Schmidt nach der Präsentation des Trailers auf eine Frage nach der Nutzung des Raums. Der bisher unter seinem Arbeitstitel „Pina“ bekannte Film gilt als erster 3D-Arthouse-Film.

Etwas, was eine kreative Herausbringung erfordert, da Arthäuser in der Regel noch nicht einmal über die Voraussetzungen für eine 3D-Projektion verfügt. Der mit drei Millionen Euro Budget vergleichsweise günstige Film hatte vor allem mit einem Problem zu kämpfen, das bereits der belgische 3D-Filmemacher Ben Stassen (s. Interview in MB 10/2010) beklagt hat: die Limitierung der DCI-Norm auf 24 Bilder die Sekunde. Dadurch entsteht bei der Umwandlung des Films in das Digital Cinema Package (DCP) in schnellen Bewegungen ein Shuttereffekt, der bei einer Projektion mit 48 Bildern nicht auftreten würde. Wolf Siegert von Iris Media berichtete, dass sich die DCI des Problems bewusst sei und sich auch etwas ändern würde. Kommer Kleijn, Kameramann und 3D-Stereografer, der der SMPTE-Gruppe „Additional Frame Rates for D-Cinema“ vorsteht, hat den Standard SMPTE 428-11-2009 vorgeschlagen, der eine Bildrate von bis zu 60 Bildern die Sekunde erlaubt. Da die DCI grundsätzlich keine Ankündigungen macht, sondern Änderungen lediglich veröffentlicht, wenn sie fertig sind, kann über den Zeitraum und die Art der Änderungen keine Aussage getroffen werden. Doch trotz dieser Einschränkungen sind die Erfahrungen der Produzenten durchweg positiv. „Wenn Sie eine Idee haben, für die eine Umsetzung als 3D-Film sinnvoll ist, dann machen sie es“, empfahl Produzent Gina-Piero Ringe nachdrücklich.

3D-Übertragung eines Live-Konzerts

Seinen Höhepunkt fand der dreitägige Kongress dann an seinem zweiten Tag, als aus dem Steintor-Varieté in Halle das Konzert der „Fantastischen Vier“ live in 3D in 90 Kinos in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Belgien und Luxemburg übertragen wurde. So konnten bis zu 30.000 Zuschauer erreicht werden. Für Fanta Vier-Frontmann Thomas D eine faszinierende Vorstellung: „Durch die 3D-Übertragung spielen wir ein intimes Club-Konzert aber es können uns so viele Menschen sehen, als ob wir in einer großen Arena auftreten und dennoch hat jeder von ihnen durch den 3D-Effekt den Eindruck bei uns auf der Bühne dabei zu sein. Der Zuschauer ist emotional näher bei uns.“ Als die Veranstalter Anfang 2010 die Band ansprachen, waren sie schnell bereit bei dem Pilotprojekt mitzumachen. „Die Fantastischen Vier haben sofort verstanden, dass 3D eine andere Bildsprache ist, die kreative Kräfte frei setzt“, sagt Josef Kluger, 3D-Regisseur und Geschäftsführer der 3D-Produktionsfirma KUK Filmproduktion.

Für die Live-Übertragung gab es drei Kernherausforderungen: die Berücksichtigung technischer Zwänge, die die kreative Aussage des Konzerts nicht stören durfte; das Zusammenspiel, der in seinen Einzelkomponenten erprobten Technik und zu guter Letzt eine 3D-kompatible Inszenierung.

Gedreht wurde mit fünf 3D-Kameraeinheiten. Links von der Bühne wurde ein 3D-Kamera-Rig auf einem Stativ fest installiert. Rechts der Bühne war Platz für einen Dolly auf Schienen. Der Hauptkamera-Rig wurde auf einen Kran montiert, mit dem ein Gutteil der Fahrten realisiert wurde. Auf der Bühne wurde mit Steadicam und einem eigens gebauten Handheld-Rig gearbeitet. Beim Handheld-Kamera-Rig waren die Objektive im Side-by-Side-Verfahren angeordnet. Die MicroHDTV-Kameras des Fraunhofer Instituts Erlangen haben eine Größe von 6 x 6 x 8 cm und eine volle 1080p-HDTV Auflösung. Die hauptsächlich eingesetzten Kran- und Dollygestützten Kameras wurden für Fahrten eingesetzt.

Das ersetzte auf überzeugende Weise Zooms, die bei 3D nicht möglich sind. Für die Übertragung in die Kinos wurde noch ein 5.1 Dolby-Ton erzeugt.
Über die Kosten für das Projekt wollten die Veranstalter keine Angaben machen. „Der Mehrwert übersteigt bei weitem die Mehrkosten“, erklärte Josef Kluger und Alexander Schaefer, Projektleiter des 3D-Innovationsforums fügte hinzu: „Das Schöne an dem Projekt ist, dass wir hier Pionierarbeit leisten und uns viele Posten kostenlos zur Verfügung gestellt werden.“

Zu den Unterstützern gehören unter anderem KUK-Film, Carl-Zeiss-Jena mit DigiPrime-Objektiven, DELL, Sony mit Kameras, das Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut mit dem Stereoskopic Analyzer STAN, das Fraunhofer Institut in Erlangen IIS mit Kameras füpr die Handheld-Rigs, DVS mit seinen VENICE-Servern, HD SIGNS mit seinem Ü-Wagen, P+S Technik mit Kamera-Rigs sowie der Satellitenbetreiber Eutelsat und sein Distributionspartner Bewegte Bilder Medien AG, die bereits die 3D-Liveübertragungen der Fußball-WM aus Südafrika sicherstellten. Gemeinsam mit OpenSky haben die beiden Letzteren die Kinos mit eigenen Receivern für den Empfang des Satellitensignals ausgestattet.

Bei der IFA Anfang September hatten Kluger und sein Team sechs Tage auf dem Sony-Stand Veranstaltungen vor Ort in 3D auf die große Leinwand übertragen. Die dort gemachten Erfahrungen in der Live-Regie und -Übertragung floss in die intensive Vorbereitung für die Konzertübertragung ein. „Eine 3D-Live-Übertragung ist die Königsklasse, weil hier alles in Real-Time geschieht und nichts mehr korrigiert werden kann“, benennt Kluger, den Knackpunkt der Unternehmung.

Selbst bei dem Konzertfilm „U2 3D“ der Produktionsfirma 3ality von Steve Schklair, ebenfalls eine Pionierarbeit, die an drei aufeinander folgenden Abenden unter Live-Bedingungen aufgezeichnet wurde, bestand die Gelegenheit im Nachhinein Fehler auszugleichen. Damit dem Zuschauer im Kino nicht schlecht wurde, war nicht nur eine sehr gute Vorbereitung und exakte Kalibrierung der 3D-Kamerasysteme notwendig, man bediente sich dem Stereoscopic Analyser der Heinrich-Hertz-Instituts, STAN, auch einem wichtigem technischen Hilfsmittel. Viele Parameter, wie Farbanpassung, Stereogeometrie oder die Ausrichtung der beiden Kameras können sich von Szene zu Szene in Abhängigkeit von Motiv, Inhalten, Nah- und Fernpunkt sowie Konvergenz- und Fokusebene ändern. Das Assistenzsystem erkennt Regelverletzungen bei der 3D-Aufnahme, wie Rahmungsregel, Einhaltung des verfügbaren Tiefenbudgets oder Vermeidung von Augendivergenz, und sorgt unter anderem dafür, dass die bei der Aufnahme berechneten Werte direkt an beide Kameras weitergegeben werden, so dass falsche Einstellungen ermittelt und korrigiert werden können.

Im Ü-Wagen kontrollierten während der Übertragung drei Stereografer das Stereobild und bedienten die STANs. Im Ü-Wagen war auch erkennbar, ob eine der Kameras in einem der Rigs und damit das 3D-Bild, ausfällt. „Es gibt mathematische Berechnungsformeln“, sagt Kluger zur technischen Unterstützung. „Aber Nichts toppt Erfahrungen in der Gestaltung eines solchen Events und die muss man sich erst einmal erarbeiten.

Es ist nicht möglich neues Personal für die 3D-Technik in kurzer Zeit auszubilden.“ Da dies auch für die Regie von Konzertübertragungen bzw. Aufzeichnungen gilt, teilte sich Kluger die Arbeit mit Sven Offen, der die Band sehr gut kennt und schon mehrere ihrer Konzerte als Regisseur mitgeschnitten hat. Bei der Bildgestaltung orientierte man sich an den Erfordernissen einer Kinoleinwand, nicht an denen eines Displays obwohl es von dem Konzert eine Blue Ray geben wird, für die zwei Full-HD-Bilder aufgezeichnet wurden. Für die Kinoübertragung wurden die beiden Bilder jedoch Side-by-Side in ein Bild integriert, per SNG an den Satelliten übertragen und im Kino wieder getrennt.

„Wir haben uns gegen die Übertragung auf jeweils einer eigenen Leitung pro Bildstrom entschieden, um Laufzeitlatenzen zu vermeiden, die unweigerlich dazu führen, dass die Bilder nicht mehr parallel sind und dem Publikum schlecht wird“, meint Schaefer. „Für die Zukunft wünschen wir uns, dass wir einen Weg finden die Begrenzung für die Übertragung von 1080i pro Bild aufheben zu können.“ Auch Sky 3D hat das Konzert in sein Programm aufgenommen. Dafür gab es ein paar Anpassungen im Schnitt, Farbe und Kontrast. Außerdem wurden Standbilder aus der Aufzeichnung entfernt, deren Herkunft noch unbekannt ist. Wahrscheinlich aber wurden sie von einem STAN verursacht. Diese Fassung entspricht auch der BR-Fassung, die am 5. November in den Handel kam.

Generalprobe und Übertragung

Für die Inszenierung des Konzerts galt: keine seitlichen Bewegungen, um Bewegungsunschärfen zu vermeiden, keine Sprünge zwischen den Schnitten, nicht zu nah an die Kamera kommen, da das Bild sonst unscharf wird sowie eine sinnvolle Platzierung der Protagonisten vor der Kamera – aber das gilt bei 2D ebenfalls. Die Entfernung der Kameras von den Sängern variierte zwischen einem halben und 15 Metern. Das ist einerseits den eingesetzten Festbrennweiten geschuldet, zum anderen dem 3D-Effekt, der hinter der Leinwand stattfindet, wodurch der gezeigte Gegenstand größer aufgenommen werden muss, um Präsenz zu entfalten.

Am Abend vor dem Konzert wurde eine Generalprobe unter Live-Bedingungen abgehalten. Ausschnitte wurden noch nach dem Konzert im Kinosaal des MMZ begutachtet. Beim Song „Krieger“ konnte man sehr schön einen Fehler beobachten: Thomas D war etwas außerhalb der Leinwand zu sehen. Doch als er die Arme hoch riss und sie aus dem Bildfenster verschwanden, fiel das ganze Bild in sich zusammen. Solche Fehler waren am Tag darauf nicht mehr zu sehen.
Überhaupt verlief das Konzert erstaunlich perfekt. Es gab keine „Window-Violations“ wie eben beschrieben und auch der 3D-Effekt war immer vorhanden. Gelegentlich war er nach einem Schnitt verschwunden und man sah das Bild ein, zwei Sekunden wie durch eine Gaze-Gardine. Dann wurde sie „weg gezogen“ und das Bild war perfekt vorhanden. Beim Begutachten der Tests Montagnacht hatte sich Fanta Vier-Sänger Michi Beck noch Sorge gemacht, als Kaspar dazustehen, da er seiner Ansicht nach zu übertrieben mit der Kamera agiert hatte.

Doch dieses Spielen mit dem neuen Medium wurde durch die Generalprobe offenbar abgerieben, denn bei der Übertragung war die Interaktion mit dem Publikum in den Kinos dem Medium angemessen und ohne Übertreibungen. Während der Übertragung war man immer eng auf der Bühne mit dabei, wenn die Steadicam auf der Bühne zum Einsatz kam oder eine der anderen Kameras nah an den Personen war. Der Einsatz der Steadicam wurde aufgrund der Erfahrungen während der Probe erhöht. Es wurde kurzfristig ein zweiter Steadicam-Operator hinzugeholt, damit die Steadicam bei jedem Song und nicht mehr nur bei jedem zweiten zur Verfügung stand.

Mit dem Ergebnis des Projekts war Schaefer sehr zufrieden: „Die Zielmarke den Zuschauer als fünftes Bandmitglied auf der Bühne zu haben, hat funktioniert, wie man Kommentaren auf der Website der Band und in verschiedenen Blogs entnehmen kann.“ Bei der Übertragung gab es keine Probleme. Zwar gab es besagten Standbildfehler, doch ansonsten konnten die letzten Fallstricke schon während der Generalprobe entdeckt und behoben werden. In den 90 Kinos gab es lediglich in zwei Kinos Probleme, die mit der Falschausrichtung der Satellitenschüssel respektive mit einem defekten SDI-Kabel zu tun hatten.

Das Echo aus der Musikbranche, die nach immer neuen, nicht raubkopierbaren Einnahmequellen sucht, war positiv und erste Gespräche über weitere Events sind in die Wege geleitet. Im UCI-Kino in Berlin-Friedrichshain war die Stimmung während der Übertragung sehr gut. Es wurde mitgesungen, kommentiert und geklatscht. Dennoch war deutlich zu spüren, dass ein Kino nicht der richtige Ort für eine Übertragung eines Hip-Hop- oder Rockkonzerts ist. Die multiplextypische Sitzanordnung verhinderte das Aufkommen einer Konzertatmosphäre, zu der Mittanzen essentiell dazu gehört. Zudem war das Kino gerade einmal zur Hälfte voll. Vielleicht ist es Besser Veranstaltungen dieser Art in Konzerthallen zu verlegen, die man mit einer gigantischen IMAX-ähnlichen Leinwand ausstattet. So könnte sich eventuell auch ein Live-Charakter einstellen. Aber selbst wohl dosierte Veranstaltungen aus der Konserve stellen immer noch einen Event dar. Und sie haben den Vorteil, dass die Bugs der Live-Aufzeichnung entfernt werden können und man nicht auf eine Satellitenverbindung angewiesen ist.
Thomas Steiger
(MB 11/10)

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