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Schritt für Schritt

Mit leistungsstarker Servertechnologie hat sich das 1994 gegründete belgische Unternehmen EVS Broadcast Equipment S.A. in den letzten Jahren eine Schlüsselposition in der Live-TV-Produktion von großen Sportevents erarbeitet. Jetzt ist es dabei, seine Aktivitäten auch auf den Studiobereich auszubauen. MEDIEN BULLETIN besuchte EVS am Firmensitz im Liège und schaute dort hinter die Kulissen.

Der Sience Park von Liège-Ougrée liegt am westlichen Hochufer der Maas in einem ausgedehnten Waldgebiet. Weit verstreut, finden sich hier, gut abgeschirmt durch viel Grün, Büros und Fertigungsstätten zahlreicher High-Tech-Unternehmen. Hier ist auch EVS Broadcast Equipment S.A. zu Hause.

Liège (Lüttich) ist das Zentrum der französisch sprechenden wallonischen Region in Belgien, eine Stunde Autofahrt von Aachen oder vom niederländischen Maastricht entfernt. Die Stadt am Zusammenfluss von Ourthe und Maas hat knapp 190.000 Einwohner.
Liège war Ende des 18. Jahrhunderts die Wiege für Kohle- und Stahlindustrie auf dem europäischen Festland. Von hier aus breitete sich die Industrialisierung über den gesamten Kontinent aus. Durch den Zusammenbruch des Kohlebergbaus und die anschließende Stahlkrise im Lütticher Becken geriet die Region in starke finanzielle Probleme mit einer hohen Arbeitslosigkeit. Die Hightech-Firmen im Sience Park gehören deshalb zu den großen Hoffnungsträgern der Region. Sie bieten neue Perspektiven und Arbeitsplätze für junge, gut ausgebildete Fachkräfte.
Das gilt auch EVS. Das Unternehmen sucht Mitarbeiter. „Wir wollen in nächster Zeit weitere Einstellungen vornehmen. Insgesamt haben wir derzeit 35 offene Stellen“, berichtet Henry Alexander, Generalmanager EMEA von EVS.
Das 1994 gegründete Unternehmen ist auf Wachstumskurs. Das ist unschwer zu erkennen, auch wenn das Management sich gerne in Bescheidenheit übt. „Wir wollen keine Expansion um jeden Preis und setzen lieber auf homogenes Wachstum“, betont Alexander.
Die Umsatzzahlen von EVS sprechen da für sich. 2004 lagen sie bei 45 Millionen Euro, 2005 bei 53 Millionen Euro und 2006 schon bei 85 Millionen. „2007 ist für uns ein eher Übergangsjahr. Aber wir wollen mindestens wieder soviel Umsatz machen wie 2006“, sagt Alexander. Den Erfolg des letzten Jahres führt er insbesondere auf die zahlreichen Sport-Großveranstaltungen zurück, die EVS mit seiner Broadcasttechnik unterstützen konnte.

Engagement bei großen Sport-Events
EVS profitiert von der anhaltenden Digitalisierung der TV-Welt und hat sich ein wichtiges Nischengeschäft mit Live-Slomotion-Serversystemen (LSM) für die Sport-TV-Produktion aufgebaut. Erste Kunden die ein LSM-System von EVS erwarben waren 1995 BBC und Canal+ France Sportproduktion. Der große Durchbruch gelang schließlich 1996 bei den Olympischen Spielen. Dort brachte EVS zusammen mit Panasonic ein Supermotion-System zum Einsatz. 2000 unterstützte EVS die erste Superslomo-HD-Produktion von NHK anlässlich der Sommerolympiade in Sydney. 2001 führte das Unternehmen die dritte Generation seiner XT-Produktionsserver ein, 2003 das Speichersystem XStore. Zur Fußball-Europameisterschaft 2004 in Portugal brachte EVS erstmals eine HD-Superslomo an den Start. Im gleichen Jahr zeichnete das Unternehmen für Live Slomo und Live Edits bei den Olympischen Spielen in Athen verantwortlich. 2005 wurden auf der NAB mit dem HD XT2 eine neue Serverserie eingeführt, außerdem die Media-Management- und -Logging-Software IPDirector. Sie verbuchte ihren ersten größeren Einsatz beim US Open (Tennis) in York im gleichen Jahr.

2006 schließlich war für EVS das Jahr mit den meisten Aktivitäten auf großen Sportveranstaltungen. Digitale Produktionssysteme von EVS kamen unter anderem bei den Commonwealth Games, beim Afrika Cup der Nationen, bei den Olympischen Spielen in Turin, bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland, bei der Tour de France und bei den Asien Spiele in Doha zum Einsatz.
„Groß-Events, auf denen sich EVS beweisen konnte, waren immer Antrieb für uns, neue Produkte zu entwickeln und sie neuen Märkten anzupassen“, betont EVS-Marketing Manager Nicolas Bourdon. „Wir sehen Sport als Triebfeder für viele technische Entwicklungen in der Broadcast-Industrie. Es ist für uns deshalb ideal, so eng mit diesem Markt verbunden zu sein. Hier existieren die höchsten Anforderungen im Broadcast-Geschäft, und es ist eine besonders anspruchsvolle Aufgabe, die Erfordernisse der Industrie in diesem Marktbereich zu erfüllen“, erklärt er.

Weltweite Präsenz
EVS ist seit 1998 an der Börse gezeichnet (Brüssel und Euronext) und verfügt heute neben der zentrale in Liège über Niederlassungen beziehungsweise Büros in Fairfield, New Jersey, Los Angeles, Hongkong, Peking, Paris, London, Brescia, Dubai und Madrid. Für Ende des Jahres ist auch die Eröffnung einer Niederlassung in Deutschland geplant. Auf Frankfurt oder München könnte die Wahl fallen.
Die größten EVS-Auslandsniederlassungen befinden sich in Fairfield (15 Mitarbeitern) und in Peking (10 Mitarbeiter). Die 2005 in China eröffnete Niederlassung dient der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2008. „Natürlich sehen wir auch mit Interesse die rasante Entwicklung auf dem chinesischen Broadcast-Markt. Dort gibt es eine riesige Zahl TV-Sender, die schon bald bandlos arbeiten wollen“, sagt Bourdon.

Weltweit hat EVS heute 170 Mitarbeiter. Davon sind 130 in Belgien beschäftigt. „Um ein Maximum an Feedback zu bekommen, wollen wir möglichst nahe beim Kunden sein. Das ist auch unsere Stärke. Nur so können wir unsere Lösungen den Notwendigkeiten des Marktes kontinuierlich anpassen“, erklärt Bourdon.
EVS arbeitet auch mit zahlreichen Händlern in den verschiedenen Märkten, insbesondere in Asien, Südeuropa und Südamerika, eng zusammen. „EVS-Systeme sind heute in rund 380 Ländern im Einsatz. Die Zahl der EVS-Nutzer schätzen wir weltweit auf 5.000. Die Mehrheit davon ist im Sportbereich“, sagt Bourdon.

Expansionskurs
EVS sehe sich als wachsende Firma mit horizontalem Marktzugang. „Wir kommen zwar aus dem Bereich der Live-Sportproduktion, bewegen uns heute aber auch immer stärker in andere Produktionsbereiche“, berichtet der EVS-Marketing-Manager.
Bourdon: „Von Beginn an sahen wir unser Hauptziel darin, im Ü-Wagen- und Live-Sportproduktionsbereich mit unseren Systemen einen MAZ-Ersatz zu bieten. Das wollen wir jetzt auch im Studiobereich machen. Wir schätzen, dass dort noch bei Live- und Near-Live-Produktionen immer noch zu über 80 Prozent MAZen eingesetzt werden. Es besteht hier ein großer Bedarf, den Akquisitionsprozess zu digitalisieren. Wir mit unseren Server-Produkten und verwandten Applikationen wie IPDirector können da zuverlässige Systeme bereitstellen, um den Ingest zu managen und den Transfer zur Postproduktion, zu Archivierungs- und Speichersystemen, die dann wiederum von Media-Asset-Management- oder Automationssystemen kontrolliert werden.“

Dass der Studiomarkt für EVS wichtiger wird, spiegelt sich auch an den Zahlen wider. 2006 lag der EVS-Geschäftsanteil dort noch bei 20 Prozent. In diesem Jahr soll er bereits auf 40 Prozent anwachsen. „Wir rechnen in den nächsten zwei bis drei Jahren dort mit einem Digitalisierungsboom“, meint Bourdon. Neben den Sportproduktionen würden für EVS zudem auch Entertainment-Produktionen zunehmend interessant. „EVS-Systeme werden zum Beispiel heute schon gerne zur Produktion von Realty Show-Formaten eingesetzt“, sagt er.

Integrierte Lösungen
Spätestens mit der 2005 begonnenen Neuausrichtung auf das Studio-Geschäft hat sich auch die Produktstrategie von EVS gewandelt. „Anfangs verfügten wir vorwiegend über Insellösungen. Heute, wo unsere Technik verstärkt auch in Studios eingesetzt wird, muss sie aber integrierbar sein in Lösungen anderer Hersteller, wie zum Beispiel in Media-Asset-Management- und Speicherlösungen. Wir haben dafür im Bereich Hard- und Software eine Menge Forschungs- und Entwicklungsarbeit geleistet. Unsere XT2-Server und alle Lösungen darum herum bieten heute ein Höchstmaß an Integrationsfähigkeit. Kein anderer Live-Produktionsserver auf dem Markt kann uns da das Wasser reichen“, betont Bourdon.

EVS verfolge bereits seit Jahren eine Politik der offenen Technologie. Ein gutes Beispiel dafür sei die auf der XT2-Serverplattform laufende SpotBox-Applikation. „Sie kann nicht nur durch eigene, sondern auch durch Systeme von Drittherstellern gesteuert werden“, betont Bourdon. Die SpotBox bietet sich als idealer MAZ-Ersatz bei Studio-Live-Produktionen an. „Sie wird heute bereits von vielen US-Studios für das Playback auf dem Studio-Monitor hinter dem Moderator genutzt oder auch nur für Jingle-Playbacks. Das System ist sehr zuverlässig bei solchen Aufgaben, schnell und reaktiv“, betont Bourdon.
Zudem würde die SpotBox auch für Delay-Kontrolle genutzt, zum Beispiel bei NBC in den USA zur Steuerung die Zeitzonen-Unterschiede im Sendegebiet. „EVS will sich anderen Key-Playern auf dem Markt öffnen“, sagt Bourdon. Dazu gehöre natürlich auch Avid. „Die von Avid auf der NAB 2007 vorgestellte DNxHD-Codec ist für uns vor dem Hintergrund unserer Integrationsbemühungen sehr wichtig“, erklärt er. „Wir bieten deshalb auch die native Unterstützung dieses Codecs.“ Mittlerweile haben EVS und Avid schon das Funktionieren des nahtlosen Austausches von HD-Material zwischen der EVS-XT2 und Avid-Interplay-Plattform via IP Ethernet-Glasfaserkabel gezeigt. Die Avid-EVS-Integration erlaubt aus der Avid-Umgebung heraus das direkte Recording von HD-Material auf XT2-Servern und die sofortige Verbindung zu allen EVS-Applikationen, die am XNet2-Netzwerk von EVS (1,5 Gb/s SDTI Netzwerk) hängen. Die EVS XFile-Server-Software agiert als Zugangssystem und erlaubt allen Avid-Editoren den einfachen, direkten Zugang zu dem auf der EVS-Plattform verfügbaren Material.

EVS-Produktion
EVS verfügt im Sience Park von Liège-Ougrée mittlerweile über zwei Gebäudekomplexe. Im zweigeschossigen älteren Gebäude ist Verwaltung, Vertrieb, Support, Marketing, Trainingszentrum und Herstellung untergebracht, im eingeschossigen neuen Gebäude gegenüber der Bereich Forschung und Entwicklung.
Die Produktion ist in einen Hardware- und einen Software-Bereich aufgeteilt. „In der Hardware-Produktion arbeiten sieben Mitarbeiter. Drei davon sind auch im After Sales-Einsatz tätig“, erzählt EVS-Produktionsleiter Thierry Delbrock.
EVS baut nach seinen Angaben mittlerweile 800 XT2-Server pro Jahr und zusätzlich 400 Server für IPDirector und Xfile. „EVS hat heute 3.000 XT-Server auf dem Markt, und die Serverproduktion expandiert stark. Wöchentlich werden in Liège 15 bis 20 XT2 gebaut. Die Hälfte dieser Maschinen geht in die USA“, berichtet Delbrock. Dort liege der Anteil der HD-Server von EVS bereits bei 50 Prozent, in Europa hingegen erst bei 20 Prozent.
Das neuere EVS-Gebäude wurde 2002 erstellt. „Wir sind damals davon ausgegangen, dass der Platz nun bis 2013 reicht. Da haben wir uns aber gewaltig verschätzt“, berichtet General Manager Alexander. „Wir brauchen schon jetzt dringend ein neues Bürogebäude.“ Das soll in nächster Zukunft in der Nähe gebaut werden. Platz dafür ist im Wald des Science Parks von Liège Ougrée genug vorhanden.

EVS-Trainingszentrum
Platz brauchte EVS auch für sein neues Trainingszentrum. Das wurde im vergangenen Jahr gegründet. „Unsere Produkte werden immer komplexer. Wir wollen damit sicherstellen, dass die Kunden unsere Systeme möglichst optimal nutzen können“, erklärt Bourdon.

Forschung und Entwicklung
Eine besonders wichtige Rolle für das EVS-Geschäft spielt die Abteilung Forschung und Entwicklung (R&D). Kein Wunder, dass EVS 30 Prozent der Einnahmen hier wieder investiert. Ein Drittel der EVS-Belegschaft im Science Park arbeitet in Forschung und Entwicklung. „Wir haben hier zurzeit 36 Software-Entwickler und zehn Software-Supervisor“, berichtet Philippe Latour, Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung. Hauptaufgabe der Software-Supervisor besteht darin, alle Software-Produkte intensiv zu testen und zu validieren. „Wir legen großen Wert darauf, dass alle Produkte, die das Haus verlassen, auch absolut fehlerfrei funktionieren“, betont Latour. Die Software-Supervisor und –Entwickler würden viel Kunden-Feedback über die Support-, Sales- und Marketing-Mitarbeitern von EVS erhalten, um sich jederzeit der aktuellen Kundenwünsche bewusst zu sein. Um möglichst effizient und adaptiv zu sein, sei eine ständige Kommunikation zwischen den Abteilungen nötig. „R&D bei EVS ist viel Entwicklung und wenig Forschung“, räumt er ein. „Wir haben eher die Markterfordernisse im Fokus als die Forschung. Natürlich pflegen wir dabei auch engen Kontakt zu den Universitäten in der Gegend.“

Auch Latour sucht neue Mitarbeiter. „Wir wachsen sehr schnell und brauchen in den nächsten Monaten in unserer Abteilung allein zehn weitere Software-Experten.“ Bei EVS arbeitet man in der Software-Entwicklung laut Latour nur mit den neuesten und am Markt bewährten Software-Plattformen. „Wir sind zurzeit sehr stark auf Microsofts .net Entwicklungsumgebung fixiert“, sagt er.
Zurzeit arbeitet man in der R&D-Abteilung von EVS unter anderem an der Version 9 des XT2 Servers. „Die wird dann andere Schnittstellen haben wie zum Beispiel ein Gigabit-Interface, um Medien zwischen XT-Server und PC-Welt austauschen zu können, und viele interne Modifikationen, um noch mehr Robustheit und noch mehr Reaktivität zu gewährleisten“, betont Latour. „Der XT2 hat noch reichlich Evolutionspotenzial.“
Neue Produktlinien seien bei EVS indes derzeit nicht geplant. „Wir wollen nichts überstürzen und gehen lieber Schritt für Schritt voran“, sagt Latour.
Eckhard Eckstein (MB 09/07)





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