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Sehr sportlich

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Sehr sportlich

Die WDR mediagroup digital GmbH ist seit zwei Jahren dabei, das Bandarchiv des Westdeutschen Rundfunks (WDR) zu digitalisieren. Zum Einsatz kommt dabei das Roboter-System A.D.A.M. Nun ist ein ähnliches System in Berlin in Betrieb genommen worden, welches die Digitalisierungsarbeiten des Rundfunks Berlin Brandenburg (rbb) und anderer Sender übernehmen soll.

Die WDR mediagroup digital GmbH ist ein gemeinsames Tochterunternehmen des Westdeutschen Rundfunks (WDR) und seiner kommerziellen Tochter WDR mediagroup GmbH. Sie verfügt über eine enorme Bandbreite an Services im Bereich digitaler Medien. Der Bereich Internetservice bietet das komplette Leistungsspektrum von Beratung, Konzeption und Verwertung bis zur technischen Umsetzung von multimedialem Content oder digitalen Kommunikationslösungen und der Bereich Video- und Audiotechnik bietet umfassendes Know-how in Sendetechnik, Videoschnitt, Trailer- und Audioproduktion. Am Standort Köln-Ossendorf werden im Bereich Archivdienstleistungen für den WDR und andere öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten und deren Einrichtungen audiovisuelle und Print-Medien digitalisiert. Darüber hinaus wickelt die WDRmg digital hier exklusiv für den WDR den Mitschnitt-Service für die Zuschauer und Zuhörer ab. Das Geschäftsfeld Videotext-Untertitelung für Hörbehinderte und Gehörlose rundet das Leistungsportfolio der WDR mediagroup digital ab. Innerhalb des Geschäftsfeldes Video werden analoge Videobänder in den Formaten 2-Zoll, 1-Zoll, U-matic und Betacam SP digitalisiert und Kopien in den Consumerformaten DVD und Blu-ray angefertigt. Darüber hinaus werden Formatwandel sämtlicher gängiger Videoformate durchgeführt. Um bei der Digitalisierung optimale Ergebnisse zu erreichen, werden die Quellbänder vor dem Überspielen gereinigt. Dabei wird für jedes Band die im Hinblick auf unterschiedliche Alterungs- und Zersetzungsprozesse schonendste und gleichzeitig effektivste Methode gewählt. Hierbei kommen aufwendige Restaurationsprozesse wie das Aufbacken zum Einsatz. Zum Erhalt der analogen Videobestände werden diese auf Videobänder in gängige, digitale Formate (Digital-Betacam oder IMX) überspielt und in einem 1:1-Überspielprozess Ersatzoriginale angefertigt. Während der Digitalisierung wird die Ton- und Bildqualität der Originale und der Ersatzoriginale ständig kontrolliert und das Ergebnis in einem Überspielbericht dokumentiert. Im Kopierbetrieb werden Kopien von Fernsehbeiträgen auf DVD erstellt. Es werden sowohl der Mitschnitt-Service als auch die Programm- und Produktionsabteilungen des WDR (überwiegend) mit Ansichtskopien bedient. Zwei Multiformat-Kopierinseln erlauben neben dem Kopierbetrieb auf Consumerformate auch Kopien in den Broadcastformaten Digital Betacam, IMX und Beta-SP. Neben diesen SD-Formaten bedient die WDR Mediagroup die HD-Formate XD-Cam HD, HD-Cam und HD-Cam SR. Ausgenommen HD-Cam SR Format realisiert sie Cross-Converting (up- and downscale) auf der Basis Tape-to-tape. HD-taugliche Videoserver ermöglichen den file-basierten Ingest von Bandmaterial. Hierbei steht das WDR-Hausformat MXF IMX50 im Vordergrund.

Robotergestütztes Archivierungssystem

Um das bestehende Videoarchiv des WDR in ein digitales, filebasiertes Archiv zu überführen hat die WDR mediagroup digital in das robotergestützte Archivierungssystem A.D.A.M. (Automated Digital Archive Migration) investiert. Mit dem System lassen sich große Mengen von Videobändern, die auf Kassetten der Betacam-Familie vorliegen, automatisch in IT-taugliche Files umwandeln. Konkret ist es möglich, Bänder in den Formaten Betacam, Betacam SP und Betacam SX, Digital Betacam und IMX zu übertragen. Das A.D.A.M-System basiert auf einem Standard-Industrieroboter, was das System enorm kosteneffizient und leistungsfähig macht. Ein komplettes A.D.A.M-System kann bis zu 740 Kassetten zwischenlagern. Dies ermöglicht einen autonomen Betrieb des Systems von bis zu drei Tagen ohne Eingriff durch Personal.

Der Regelbetrieb von A.D.A.M. am Standort Köln-Bocklemünd – in unmittelbarer Nachbarschaft zu den WDR-Archiven – wurde im Februar 2011 gestartet. „Im Jahr 2011 sind rund 32.000 Stunden Video mit ADAM digitalisiert worden. Im Jahr 2012 werden wir mit der Anlage rund 42.000 Stunden digitalisieren, was unsere Erwartungen sogar übertrifft. Demnach werden Ende 2012 insgesamt ca. 74.000 Stunden digitalisiert sein“, berichtet Reinhard Stöckmann, Geschäftsleitung Archiv- und Produktionsservice. Er zeigt sich von der Zuverlässigkeit des Roboters begeistert. „Wir hatten bislang keine Ausfallzeiten“, erklärt er. Man habe nicht damit gerechnet 42.000 Stunden Material in einem Jahr digitalisieren zu können. „Wir fanden schon 40.000 Stunden sehr sportlich“, meint er.

Die Anlage ist speziell auf die Digitalisierung des WDR Videobestandes ausgelegt, konkret die 1/2" Sony-Formate, welche den größten Anteil des WDR-Videoarchives ausmachen. Es handelt sich um rund eine Million Kassetten mit mindestens 280.000 Stunden Material. „Dieser Bestand wird mit Hilfe von A.D.A.M. und unserem Mitarbeiterteam in gut sieben Jahren komplett digitalisiert sein. Es wird als Zielformat IMX50 D10 erzeugt, welches der WDR als Archivfile in seinem HiRes-Archiv ablegt. Von diesen Files wird in A.D.A.M. eine LoRes-Version (MP4, H264) erzeugt, welche dem WDR als Vorschau-File dient“, berichtet Stöckmann.

A.D.A.M. 2 ist gestartet

Am 21. November hat mit A.D.A.M. 2 nun auch ein zweites digitales Archivierungssystem in Berlin seinen Betrieb aufgenommen. Es steht beim Informations-Verarbeitungs-Zentrum (IVZ), das für den rbb (Radio Berlin Brandenburg) die digitalen Archive betreibt. Das IVZ ist eine Gemeinschaftseinrichtung der Rundfunkanstalten Deutschlandradio, Deutsche Welle, MDR, NDR, RB, rbb, SR und WDR im Rahmen einer öffentlich-rechtlichen, nicht-rechtsfähigen Verwaltungsgemeinschaft mit Sitz beim rbb in der Masurenallee. Das Unternehmen ist EDV-Dienstleister für medienspezifische SAP-Leistungen und für Archivsysteme der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Es bietet ferner Rechenzentrumsleistungen für ARD übergreifende IT-Dienstleistungen. Für A.D.A.M. 2 stellt es seine Räumlichkeiten zur Verfügung. Betrieben wird das System auch in Berlin von der WDR mediagroup digital.

A.D.A.M. 2 unterscheidet sich in einigen Punkten von A.D.A.M. 1. „Der Kern der Anlage ist gleich, allerdings ist die Anlage in Berlin von vornherein in Sachen Ausgabeformate flexibler gestaltet, um auf verschiedene Kundenanforderungen eingehen zu können. Bezüglich der Quellformate ist neben den in der ARD weit verbreiteten Sony-Formaten der Einsatz zum Beispiel von Panasonic DVC-Pro MAZ-Maschinen möglich – auch im Mischbetrieb. Bei den Zielformaten sind alle gängigen Videofileformate erzeugbar, beispielsweise XD-Cam HD. Hier ist eine hochgradig flexible Anpassung an die Kundenwünsche möglich“, erklärt Stöckmann.

Die entscheidende Qualitätssicherungsmaßnahme beider Anlagen ist die Überwachung der Videomaschinen während des Abspielvorganges und die intelligente Auswertung der hierbei gewonnen Daten, die genutzt werden, um sicherzustellen, dass bei der Digitalisierung keine Fehler in das File gebracht werden, die ihre Ursache im Abspielprozess haben und nicht gegebenenfalls vorher schon auf dem Band vorhanden waren. Eine spätere Überprüfung des Files ist bei A.D.A.M. 2 ebenfalls vorgesehen.

Bevor die digitalisierten Files in die Archive wandern, werden sie nun in Berlin zunächst auf eine SpycerBox von DVS zwischengelagert. Die WDR mediagroup digital archiviert das HighRes-Material nicht auf LTO-Bändern, sondern nutzt als Zentralarchiv IBM-Anlagen mit Jaguar-Tapes. „Jaguar ist ausgereifter was die Stabilität angeht und kann in ein und derselben Tapelibrary mit LTO-Tapes verwendet werden, wenn entsprechende Drives installiert sind. Somit können Daten, die auf dem einen Trägerformat vorliegen, auch auf dem jeweils anderen Medium geschrieben werden. Das erhöht die Zukunftssicherheit, falls ein Format irgendwann das andere verdrängt.“, sagt Stöckmann. Allerdings seien die Jaguar-Kassetten mit 5TB Speicherplatz auch teurer als LTO-Bänder. Neue Drives würden es jedoch schon bald ermöglichen auf den gleichen Bändern ein Vielfaches der jetzigen Datenmenge abzulegen. „Die neuen Drives erlauben eine deutlich größere Schreibdichte“, berichtet der Archiv- und Produktionsservice-Chef der WDR mediagroup digital.

A.D.A.M. 2 arbeitet zunächst mit sechs von der Jordi AG modifizierten Sony Recordern vom Typ IMX MSW 2100EP und lässt sich bei Bedarf umrüsten. „A.D.A.M. ist derzeit das beste System auf dem Markt zur Überführung unserer umfangreichen Bandarchive in die filebasierte Welt. Dafür haben wir schon eindrucksvoll den Beweis angetreten“, betont Stöckmann. Die WDR mediagroup digital mache mit ihrem A.D.A.M.-Service ein marktneutrales Angebot und sei damit in der Lage, mehrere Kunden gleichzeitig zu bedienen – auch solche außerhalb der ARD-Anstalten.
Eckhard Eckstein
(MB 12/12_01/13)

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