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Shipping Container statt Ü-Wagen

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Shipping Container statt Ü-Wagen

Der technische Dienstleister China TV Services (CTVS) von Gernot Kuntze hat sein Angebot mit einem nach europäischen Standards ausgerüsteten Shipping Container für Außenübertragungen von Live-Events erweitert. Die eingesetzte Technik findet sich hierzulande so auch in jedem HD-Ü-Wagen. Der Shipping Container mit zwei Regien, der gleichzeitig für das Weltbild als auch Für eine unilaterale Produktion eingesetzt werden kann, ist das erste Produktionsmittel dieser Art in China. Genormte Übersee-Container als Gehäuse zu nehmen, ist der effizienteren Transport-Logistik geschuldet.

Gernot Kuntze begann 2006 als technischer Dienstleister für Journalisten von ARD, ZDF und etwas später auch für den ORF in Beijing tätig zu werden. Zu Beginn beschränkte sich dies darauf ein EB-Team mit einer SX-Kamera zu organisieren. Kuntze organisierte aber auch SNGs für die Sender, was aufgrund der politischen und umweltrechtlichen Vorgaben in China immer eine echte Herausforderung ist. Der Boost kam 2008 mit den Olympischen Spielen und führte zur Gründung von CTVS, die heute rund 30 fest angestellte Mitarbeiter und eine Genehmigung zum Betrieb eigener SNGs hat (MB 2/2016, S. 46). Nach Olympia begann Kuntze 2009/10 mit dem Hostbroadcasting, wodurch Auftraggeber aus China, Japan, Korea, Thailand, Malaysia sowie den USA hinzu kamen. Ständige Partner sind hier die Sender Fox Sports und Star Sports, die beide für ganz Asien produzieren und LETV, ein großer chinesischer IPTV-Anbieter. Eine der ersten Übertragungen, die Kuntze verantwortete, war 2010 das Länderspiel Deutschland-China in Schanghai für die ARD. Im März diesen Jahres produzierte CTVS den 8. BMW IBSF Bob + Skeleton Weltcup im Auftrag von Infront aus dem südkoreanischen Pyeongchang, wo im kommenden Februar die Olympischen Winterspiele stattfinden. Dadurch, dass ARD und ZDF erst sehr kurzfristig Übertragungsrechte von den Spielen erhalten haben, sind hier die Auftragsvergaben an technische Dienstleiter noch nicht abgeschlossen. 

In Pyeongchang dabei ist CTVS auf jeden Fall. Für Schmidt Media betreut die Firma die Technik des Deutschen Hauses, außerdem unterstützt CTVS Non-Rights-Holder aus den USA mit Kamera- und Übertragungstechnik. Kuntze sieht sich und seine Firma in erster Linie zwar als Dienstleister für westliche Broadcaster, die in China und Asien den von zu Hause vertrauten Standard nutzen wollen, aber inzwischen vertrauen auch chinesische Sender, wie das staatliche CCTV, auf CTVS als Dienstleister, der für sie im Ausland tätig wird. „Die Container dienen auch dazu unser Standbein für Produktionen für asiatische Anbieter auszubauen“, sagt Gernot Kuntze. „Bisher haben wir in diesen Fällen Ü-Wagen angemietet, doch in Zukunft nehmen wir eigene Technik.“

Über die Jahre konnten Kuntze und seine Mitarbeiter nicht nur viele Erfahrungen sammeln, sie beobachteten auch wie der chinesische Markt für Sport-Übertragungen beinahe explosionsartig wuchs. „Der Markt wächst immer weiter, weil gerade IPTV-Anbieter Rechte kaufen, um sich zu positionieren“, erzählt Kuntze. So konnten im Windschatten von LETV, der vor noch kaum zwei Jahren der Quasi-Monopolist im IPTV-Bereich war, fünf, sechs weitere Anbieter wachsen. Darunter sind Youku und Tudou, die beide zu Alibaba gehören und vergleichbar sind mit YouTube und Amazon Video. Alibaba entspricht in diesem Zusammenhang Amazon. LETV musste im Zuge dieses Prozesses Federn lassen indem es einerseits Rechte verlor, anderseits seine breit über viele Geschäftsfelder angelegte Strategie nicht aufging. Im Bereich der Sportübertragungen ist LETV jedoch nach wie vor stark. Die Chinesen sind allgemein sehr sportbegeistert und sie lieben es ihre Athleten bei Übertragungen zu begleiten. „Die wachsende Mittelschicht hat mittlerweile Zeit und Geld für Sport“, stellt Kuntze fest. „So kommt nach Auto und Wohnung Sport als nächstes Statussymbol hinzu.“ Das betrifft nicht nur die Begeisterung für Sport-Übertragungen und die Leistungen einzelner Athleten, denen man folgt, sondern auch der Ausübung von Sport. Dazu gehören Laufen, Golf, Tennis und natürlich die Mitgliedschaft in Sportstudios. Als Live-Events sind Fußball und Basketball ungeschlagen. Stark im Kommen sind Marathon, Radrennen, alle großen Events, die auch im Ausland interessant sind, wie etwa Motorsport, und seit neuestem Wintersport. Dies liegt daran, dass Peking 2022 die Olympischen Winterspiele ausrichtet und die Führung ein politisches Interesse daran hat die entsprechenden Sportarten zu fördern, auch indem sie ihnen Sendezeit verschafft. Neben den privaten IPTV-Sendern ist Sport vor allem auf dem staatlichen Sender CCTV5 zu sehen, dessen Angebot am populärsten ist. Daneben gibt es in jeder Provinz einen staatlichen 24-Stunden-Sport-Sender, die auch Live-Übertragungen anbieten. 

Die Voraussetzungen für technische Dienstleister entwickeln sich gerade also ideal. Doch nicht die Masse bestimmt die erforderliche Technik, sondern die Internationalität des Wettbewerbs. Denn erst wenn es ein Weltbild gibt oder ein westlicher Sender unilaterale Bilder für sein Publikum benötigt, wird die Technik benötigt, wie man sie in Deutschland kennt – und dann muss sie von externen Anbietern hinzu geholt werden, denn chinesische Sender halten sie nicht vor. Sie haben in der Regel einen HD-Ü-Wagen mittlerer Größe von der Stange, die zwar mit der neuesten Technik, einer EVS und acht Kameras ausgerüstet sind, was aber nur für eine kleine Show- oder Sport-Übertragung ausreicht. Auch lassen sich diese Ü-Wagen nicht erweitern. In diese Lücke stößt CTVS. Bisher hat CTVS in erster Linie mit Flightcases gearbeitet. Jetzt wurde ein HD-Ü-Wagen ohne Räder in zwei Übersee-Container gebaut und nachdem diese erfolgreich bei einer Rennserie in Asien mitgereist sind, haben die Arbeiten an einer zweiten, größeren Einheit begonnen. Kein einfaches Unterfangen, wie Kuntze rasch feststellen musste: „Was bewährt ist, wird wieder gebaut“, sagt er. „Das haben wir dann gemerkt, als wir unsere Container haben bauen lassen. Unser Hersteller ist ein erfahrener Ü-Wagenbauer in Peking, aber unser Konzept war total neu für ihn, so dass wir ständig hinter her sein mussten, dass er machte, was wir wollten. Wir waren richtig anstrengende Kunden!“ 

Es gab stundenlange Diskussion darüber warum die Technik mit Glasfaser verbunden werden sollte, warum es so viele Außen-Steckfelder geben sollte, und, und, und. „Und wenn man dann hinter die Verkleidung geschaut hat, war doch wieder alles Standardmäßig verarbeitet und dann musste es behoben und neu verkabelt werden, wodurch der Bau etwa drei Monate länger dauerte, als geplant“, so Kuntze. 

Ihren ersten Härtetest bestanden die Container bei der Blancpain Asia Rennserie in Japan und Korea für den Motorsportveranstalter SRO. Übertragen wurde die Rennserie in erster Linie von Fox Sports. Bis auf den Ausfall der Klimaanlage im Container für den Ton (in dem auch noch ein Kommentator Platz findet) gab es keine größeren Probleme. Grund für den Ausfall waren wahrscheinlich die unterschiedlichen Stromspannungen in Japan und China von 110 Volt/60 Hertz bzw. 220 Volt/50 Hertz. Zwar sind genau dafür Wandler in die Container eingebaut worden, doch in dem einen Fall hat dies wohl nichts genützt. Bisher hat sich das Konzept der Shipping Container nicht nur bewährt, sie wurden bereits für weitere Einsätze gebucht. 

Kuntze hat sich aus ganz praktischen Beweggründen für die Ü-Wagen ohne Räder entschieden: „In Asien sind Flight Cases sehr beliebt, um Equipment über große Strecken zu transportieren. Doch sind Auf- und Abbau immer mit Zeit verbunden und das Risiko, dass dabei etwas beschädigt wird, ist nicht zu vernachlässigen. Lufttransport ist zudem recht teuer. In Asien sind der Land- und Seeweg jedoch echte Alternativen. Container kann man immer auf einen Sattelschlepper packen oder zwischen andere Container auf ein Schiff.“ Im Falle der Rennserie gab es noch einen weiteren Vorteil: der Weitertransport von Rennstrecke zu Rennstrecke übernahm der Veranstalter inklusive aller Zollformalitäten. Die Kosten für den Transport der beiden Container von Peking nach Japan betrugen rund 1.000 Euro. Die ausziehbaren Shipping Container von CTVS sind der Versuch einen europäischen Ü-Wagen nachzubauen, so Kuntze. Dementsprechend verfügt der erste Doppel-Container über zwölf an Glasfaser angebundene Kamera-Kanäle mit 2500er-Kamerazügen von Sony, die auf 16 ausbaubar sind, zwei EVSen, vier EVS-Arbeitsplätze sind vorgesehen. Der Bildmischer und die Kreuzschiene sind so ausgelegt, dass man mit ihnen den nächsten Schritt zu 3G und 4k machen kann. Zwei der Kamerazüge sind Supermotion-Kameras, zehn sind Standard-HD-Kameras. Der zweite Shipping Container, der sich gerade im Bau befindet, wird aus drei Containern bestehen. Der Bildcontainer wird über bis zu 24 Kamerakanäle verfügen; der Ton wird seinen Container nun komplett belegen und als Lager wird ein dritter Container mitgeführt. Zur weiteren technischen Ausstattung von CTVS gehören unter anderem Snell&Wilcox-Bildmischer, Harris Platinum Kreuzschienen für bis zu 188 Punkte sowie einem MVS-8000X SD-/HD-Videomischer von Sony, die Arri Amira, Sony F55 und Sony PDW 700. Da der Markt wächst, wächst auch CTVS. Allerdings ist das, so Kuntze, nicht ganz so einfach, da mindestens die Hälfte der Belegschaft Chinesen sein müssen. Weil aber das Geschäft von CTVS international sei, seien Englischkenntnisse ein absolutes Muss. Die Personalsuche würde dadurch oft erschwert. 

Thomas Steiger

MB 4/2017

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