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Starthilfe für Produzenten-Pioniere

Die Idee hatten einst Venture Capital-Geber in den USA aus der Taufe gehoben. Als Inkubatoren – wörtlich übersetzt: „Brutkästen“ – wollten sie Rahmenbedingungen für junge Start-Up-Unternehmen schaffen, die zwar eine viel versprechende Geschäftsidee, aber noch keine Ahnung vom Business haben. Sie sollten von erfahrenen Managern hochgepäppelt werden, von deren Know-how und Kontakten profitieren und von Anfang an die gesamte logistische Infrastruktur – von Räumlichkeiten über Kommunikations- bis zu Produktionsmitteln – zur Verfügung haben, um ihre neue Geschäftsidee auch möglichst schnell umsetzen zu können.
Genau das ist das Förderprinzip, das dem „Haus der jungen Produzenten“ in der schönen Jugendstil-Villa auf dem Gelände von Studio Hamburg in Tonndorf zugrunde liegt. Dort hatte weiland Professor Gyula Trebitsch im Nachkriegs-Hamburg den Aufbau einer neuen Filmindustrie für den Standort begonnen.

Wer als junger Produzent die Chance erhält, im gemachten Nest – im Brutkasten eben – seine eigenen Geschäftsvisionen nach vorne zu treiben, entscheidet ein neunköpfiger Beirat. In dem sind nicht nur zwei Geschäftsführer von Studio Hamburg, sondern auch prominente Profis aus verschiedensten Bereichen der Hamburger Medienwirtschaft, von Rechts- bis Marketingexperten.

Strikte bürokratische Vorgaben, wer sich wie bewerben darf, gibt es nicht, weiß Gabriele Gillner, Leiterin Nachwuchsprogramme Studio Hamburg. Es werde „Unternehmensgeist“ erwartet, die Bewerber müssten „für ihre Sache brennen“, eine „gute Geschäftsidee“ haben und – das ist die einzige echte Restriktion – dürfen nicht älter als 35 Jahre sein.

Egal, wie sich die an der ungewöhnlichen Förderung Interessierte bewerben, sie müssen von Anfang an davon überzeugen können, dass sie nicht nur kurzfristig mal Nestwärme haben wollen, sondern Power entwickeln wollen, sich langfristig auf einem schwierigen Markt als audiovisuelle Produzenten durchsetzen zu wollen: als Pioniere, die sich nicht scheuen, in dynamisch fließenden Mediengewässern frische Fische in Form von handfesten Neugeschäften dingfest zu machen.

Dabei behält der Beirat die dynamische Medienmarktentwicklung im Internetzeitalter im Blick. Einerseits kommen ungewöhnliche Talente für die Produktion klassischer Fernsehinhalte und Kinofilme in Frage. Andererseits geht es auch um die Produktion von Inhalten für neue multimediale Plattformen, wie sie sich aktuell zum Beispiel unter den Begriffen Mobile-TV und IPTV entwickeln.

Und auch diese Schwerpunktsetzung hat sich aufgrund der nun fast 19-monatigen Projekterfahrung als noch zu eng erwiesen: „Junge Talente lassen sich nicht in Schachteln packen, kreative Projektentwicklungen passen in keine Schubladen“, meint Dr. Robin Houcken. Er ist Beirats-Vorsitzender im Haus der jungen Produzenten und Mitglied der Geschäftsführung der Studio Hamburg GmbH. Seit Anfang August dieses Jahres wurde das Stipendiaten-Angebot auch für junge Werbefilmer geöffnet, die sich mit neuen Geschäftsideen durchsetzen wollen. So „verfügen wir nun mit dem „Haus für junge Produzenten“ über ein in Deutschland einzigartiges Ideen-Cluster, das vom Kinofilm bis zum Werbespot reicht“, ist Houcken überzeugt.
Womöglich hat der 29-jährige Stipendiat Philip Pratt die Öffnung des „Haus der jungen Produzenten“ in Richtung Werbung mit angestoßen. Werbebegriffe wie „Branded-Entertainment“, „Consulting“, „Sales“ gehören mittlerweile zu seinem Geschäftsalltag. Mit der Telekom zum Beispiel ist er längst im Geschäft, mit Vivendi führt er aussichtsreiche Gespräche. Ursprünglich aber hatte Pratt ganz andere Pläne. Damals, als er für seinen Kinofilm „Preußisch Gangstar“ den klassischen Nachwuchspreis von Studio Hamburg 2007 erhalten hatte und damit gleichzeitig die Option für ihn möglich wurde, die „Brutkasten“-Förderung zu nutzen.

Auf den Filmfestivals von Kanada bis Indien heimste Pratt zwar alle möglichen Renommierpreise für den Kinofilm ein. Doch dann kam für ihn die große Enttäuschung: Nur 5.000 Zuschauer wollten seinen Film im Kino sehen. „Und ich bin kein Einzelschicksal“, sagt er heute.

Sich im klassischen Filmgewerbe zu tummeln, hielt Pratt von da an für keine gute Geschäftsidee, zumal es dort genügend gute Leute gebe. Er schwenkte auf Neuland um, wollte sich „im Feld neu positionieren“. Dafür hat er den „Brutkasten“ von Studio Hamburg mit dem großen Know-how und den Kontakten erfolgreich genutzt: von Studio Hamburg und den anderen am Beirat beteiligten Institutionen wie „Digitas“, der digitalen Marketing- und Medienagentur der französischen Werbeagentur Publicis.

Im allerersten Schritt brachte Pratt bei MySpace Teile seines renommierten Kinofilms in Form von neun Folgen à drei Minuten unter. Zusammen mit zwei Mitstreitern gründete er unter dem Dach des „Haus für junge Produzenten“ die Firma „Jakun Media“, die aktuell zwei Dienstleistungsstränge anbietet, nämlich „Content Aggregation & Licensing“ und „Branded-Entertainment Consulting & Sales“. Im ersten Bereich recherchiert Jakun Media „mit branchenspezifischem Know-how“ weltweit nach Content und der rechtlichen Verfügbarkeit, die man zum Beispiel Telekommunikationsunternehmen für ihre neuen digitalen Plattformen im Internet und mobil zur Verfügung stellen kann.

Draht bis nach New York
Dank Houcken hat Jakun neuerdings auch einen heißen internationalen Draht nach New York. Im zweiten Bereich versteht sich, wie Pratt erklärt, Jakun als „Knotenpunkt zwischen Video und Communitys“ im Internet und berät Werbetreibende, welche neuen Video-Formate zum Beispiel für Cross-Plattform Kampagnen geeignet sind.

Es ist ein sehr filigranes Geschäft, wie aus der Unternehmensbeschreibung von Jakun hervorgeht, aber es floriert. Kein Bereich, wie Pratt einräumt, wo man heute schon „gut Geld verdient“. Aber, so ist er überzeugt, „in drei Jahren“ werde es interessant. Und Pratt hat nicht die Absicht, sich von Studio Hamburg als „Brand im Hintergrund“ zu verabschieden, auch wenn er zusätzlich in Berlin, wo Studio Hamburg ja auch rege ist, ein zweites Büro eröffnet hat.
Klar profitiert auch Studio Hamburg umgekehrt vom Engagement der jungen Pioniere. Nicht nur, weil sie dem etablierten Unternehmen eine neue Sicht auf den Medienmarkt eröffnen, sondern weil damit heute junge Talente für die Zukunft an das Unternehmen gebunden werden.
Henning Kamm, studierter Kulturwissenschaftler, hatte zusammen mit seinem Kollegen Fabian Gasmia, einst versiert in Werbefilm-Produktion, einen ganz anderen Zugang als Stipendiat zum Studio Hamburg-Projekt gefunden. Mit der Teilnahme an der Masterclass Ludwigsburg/Paris legten die beiden gebürtigen Hamburger den Grundstein für ein internationales Filmschaffen. Wo sollte man sich danach stationieren – „Berlin oder Hamburg?“, erinnert sich Kamm rückblickend. Weil in Berlin bereits „so viele Firmen“ engagiert waren, waren beide, die auch gerne in ihrer Heimatstadt bleiben wollten, sehr empfänglich für ein Rundschreiben an die bundesweiten Filmhochschulen, in denen angeboten wurde, sich als Stipendiat für das „Haus der jungen Produzenten“ in Hamburg zu bewerben.

„Das ist genau der Weg, der uns in die Selbständigkeit hilft“, war Kamm gleich klar. Mittlerweile haben beide die Firma Detailfilm gegründet und beispielsweise mit ihrem Dokumentar-Kurzfilm „Wagah“ über den einzigen pakistanisch-indischen Grenzübergang höchst renommierte Preise wie den „Chrystal Globe“ als Produzenten abgesahnt. Kamm hebt zu den Gegebenheiten die „tollen Räumlichkeiten“ mit „Schnittplatz, schönem Kino“ und vor allem „tollen Kollegen“ hervor, die man auf dem Flur in der Trebitsch-Villa trifft. Er schwärmt von dem „Netzwerk mit den Kollegen“ von den Kontakten, die der Beirat verschafft habe, wie Medienanwälte, Zugang zu Zwischenfinanzierungsmöglichkeiten oder zur Filmförderung: „kurze, effektive Wege“.
Als Filmproduzent, so meint Kamm, könne „man nicht reich werden“. Aber: „Wir können davon leben!“ Was er erstaunlich findet in der kurzen Entwicklungszeit, seit rund 18 Monaten der Firma.

Weil man gerade zwei große Filmproduktionen am Laufen habe, habe man eine Verlängerung als Stipendiat beantragt – und die sei bewilligt worden. Das Besondere, was Detailfilm anstrebe, sei, dass man von Hamburg aus, Co-Produktionen mit Sendern und Produzenten aus der ganzen Welt verwirkliche. Mit dem Know-how von Studio Hamburg und den beteiligten Institutionen des Beirats im Rücken.

Zurzeit sind im „Haus der jungen Produzenten“ noch die Firma „ico moving bytes“ (Entwicklung, Forschung und Produktion von neuen interaktiven Unterhaltungsformaten), die Firma „York Street Productions International“ und Beleza Film (Produktion von hochwertigen Spiel- und Dokumentarfilme für den internationalen Markt), aktiv. Demnächst kommt miko-film hinzu. Gründer Faysal Omer bereitet einen Kinofilm mit europäischen Partnern vor.
Der „Brutkasten“ ist offen für weitere Ideen und Pioniere. (MB 09/09)

Erika Butzek

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