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Talentförderung im Medienlabor

Im November 2009 startete die UFA-Film und TV-Produktion mit dem UFA Lab als Plattform für die digitale Entertainmentbranche mit einem Förderprogramm für junge Talente, die mit Leidenschaft, Engagement und neuen Ideen ungewöhnliche Inhalte und Formate für die neuen Medien entwickeln.

Zehn ausgesuchte Talente, die aus Bereichen wie beispielsweise Drehbuch, Regie, Kamera, TV-Journalismus, Interface-Design, Softwareentwicklung oder Mediengestaltung kommen, eine oder mehrere Ausbildungen abgeschlossen haben und praktische Erfahrungen mitbringen, nutzen die Chance des neuen UFA-Entwicklungslabors, um ihren Horizont zu erweitern und sich an neuen Spielarten des Enter- und Infotainments auszuprobieren. Die 400 qm große Loftetage in den ehemaligen Sarotti-Höfen im Herzen von Kreuzberg, wo sich eine aufblühende Medienszene ansiedelt, ist mit modernem IT- Film- und Kommunikations-Equipment ausgestattet. Das Lab in diesem Umfeld ist ein ideales Sprungbrett, um sich zu vernetzen und Kontakte aufzubauen.
Entwickelt werden Inhalte und Programme für soziale Netzwerke und Onlineportale oder Endgeräte wie dem iPad oder diverse Spielekonsolen, crossmediale Formate für Produzenten und klassische Sender sowie ein ehrgeiziges sozial vernetztes zeitgeschichtliches Projekt mit den UFA Lab Partnern. Der Leiter dieser Talentschmiede im Szenebiotop Berliner Hinterhöfe ist Jens-Uwe Bornemann, der als Leiter der strategischen Unternehmensentwicklung bei der UFA auch dafür sorgen soll, dass sich Film- und Fernsehproduzenten zu crossmedialen Bewegtbild-Produzenten entwickeln, die Inhalte für möglichst viele Nutzungsszenarien kreieren und produzieren können.
Den Talenten stehen nicht nur Arbeitsräume mit professionellem Kamera, Licht und IT-Equipment zur Verfügung, sie profitieren auch von der großen Film- und Fernseherfahrung der UFA sowie vom Know-how und den Sachleistungen starker Industriepartner wie Google, YouTube, Apple, Sony, JVC und Sennheiser. Auch das Medienboard Berlin-Brandenburg ist als Partner für die Projektfinanzierung mit im Boot.
Im Zentrum der lichten Loftetage stehen die 27-Zoll iMac-Arbeitsplätze, einschließlich mehrerer Schnittplätze (Final Cut Pro) und zusätzlichen Editing-Suites. Ein geplantes kleines Greenscreen-Studio soll demnächst dazu kommen. Die Talente arbeiten dort an den Projekten im Lab, tauschen sich in der Praxis sowie in den wöchentlichen Meetings aus und erhalten Schulungen. Es werden Projektteams zusammengestellt, um Inhalte mit den UFA Lab Partnern zu entwickeln. Die Talente können den Arbeitsplatz auch für eigene Projekte nutzen, deren IPs auch bei den Talenten verbleiben.
In den wöchentlichen Teambesprechungen wird geklärt, wer an welchen Projekten mitarbeiten möchte. „Unser Ziel war, hier eine Plug-and-Play-Struktur aufzubauen, damit diese kreativen Talente direkt loslegen können“, sagt Bornemann. Für ihn ergibt sich daraus eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. „Die Talente finden einen kostenlosen Arbeitsplatz vor für drei bis sechs Monate mit professioneller Infrastruktur und interdisziplinärem kooperativem Team. Sie können sich vernetzen, profitieren vom Know-how der beteiligten Partner und erhalten obendrein monatlich 400 Euro“, betont er.

Keine losgelöste Satelliteneinheit
Für die UFA und ihren Partnern ist dieses Content-Labor nicht nur Talentschmiede sondern auch Plattform, um den ein oder anderen eigenen Inhalt einen kreativen Zusatzdreh zu geben. Schließlich entwickeln und produzieren alle Firmen der UFA-Gruppe schon seit langem Content für alle möglichen neuen Plattformen. Bornemann will keine losgelöste Satelliteneinheit schaffen, die auf einer anderen Umlaufbahn kreist als die Produzenten im nicht weit entfernten Mutterschiff in Potsdam: „Die Idee ist, dass dieses Lab auch in die UFA-Struktur eingebunden ist. Es muss ein gegenseitiger Transfer stattfinden, um das vernetzte Potential aus Talenten verschiedenster Kreativdisziplinen, aus dem Technologie-Know-How der UFA Lab Partner und aus dem Kreations- und Produktions-Know-How der UFA- Gruppe heben zu können.“ Die Partner unterstützen das Lab mit ihrem Know-how und Sachleistungen. Und sie sind auf der Suche nach Inhalten für ihre jeweiligen Technologie-Plattformen und Portale. Da sie aber in der Regel kein Geld zur Projektfinanzierung zur Verfügung stellen, muss das Lab nicht nur Ideen generieren, sondern auch „kreative Geschäftsmodelle“, wie es Bornemann nennt. Hier müssen neben der UFA Dritte ins Spiel kommen, wie zum Beispiel Förder- oder Markenpartner. Die Laboranten experimentieren nicht nur an zukunftsweisenden Medienformaten, sondern entwickeln parallel dazu die Reichweiten-Konzepte als Finanzierungsbasis, damit sich die Ideen tragen können, vergleichbar der Realisierung von „Größer als groß“, Ein Projekt der Grundy UFA für die Social Network Community My Space, bei der Mars als Sponsor gewonnen werden konnte und für den eigens ein Zielgruppen und Reichweitenkonzept erarbeitet wurde.“
Das Lab reflektiert die Situation des Marktes, wo derzeit zahlreiche Ideen zirkulieren, aber es an tragfähigen Geschäftsmodellen fehlt. Im Markt um New TV, New Media oder auch IP-TV treten viele neue Player auf den Plan; es herrscht derzeit durchaus Gründerzeitstimmung. Einfach, weil hier viel Bewegung hinein gekommen ist und Strukturen aufbrechen. Vieles scheint möglich, doch die eierlegende Wollmilchsau wird auch in diesem Umfeld keiner finden. Für Bornemann bietet das Lab ein Sprungbrett für die jungen Nachwuchskräfte in einen Markt, der sich in Aufbruch befindet: „Das Lab ist kein Profit-Center für die UFA und auch kein Business Case. Schön, wenn es sich trägt“.
Den Anstoß für das Lab haben mehrere Überlegungen gegeben, erläutert Bornemann. Es liefen zum Beispiel bereits mehrere Gaming-Projekte auf, die mit den Strukturen des Fernsehfilmproduzenten, der weitestgehend auf das Kerngeschäft fokussiert ist, inhouse nicht realisierbar waren. „Hier benötigten wir weitere Kompetenzen und eine ergänzende Umsetzungsstruktur“, sagt Bornemann. Mit der Produktion von Web-Soaps kann der erfahrene Serienproduzent Grundy UFA bereits einige Erfolge vorweisen. Vor einem Jahr war man mit der ersten Staffel der beliebten „Pietshow“ für den International Digital Emmy Award nominiert, in diesem Jahr mit der zweiten Staffel. Mit der Onlinesoap „Pietshow“ für das Netzwerk StudiVZ hatte der Serienfabrikant den Nerv der Zielgruppe in der Studenten-Community getroffen. „Aber wir haben auch gesehen, dass diese sehr gut gemachten Serien noch einen klassischen Touch besitzen. Wir fanden, dass wir noch eine weitere Basis benötigen, auf der noch radikaler und freier mit frischen und innovativen Ideen an die Projekte heran gegangen wird.“ Hinsichtlich der Talentförderung ist die UFA schon lange aktiv und finanzierte unter anderem einige Semester auch den Studiengang „interaktive Medien“ in Ludwigsburg mit. Doch es habe noch eine Förderstruktur gefehlt, die auch im lokalen Sinne näher am Produktionshaus dran ist. Die Auswahl der Talente nimmt Bornemann mit den zwei Kreativdirektoren von Grundy UFA, Guido Reinhardt, und Grundy Light Entertainment, Jens Bujar, vor. „Alle Interessenten haben Bewerbungsvideos oder ähnliche Arbeitsproben ihres Talents als Motivationsbekundung eingereicht und viele von ihnen bringen Erfahrungen aus praktischer Projektarbeit mit.

Horizonterweiterung
Barbara Banse zum Beispiel besitzt Erfahrung als TV-Redakteurin für verschiedene Produktionsfirmen im Auftrag öffentlich-rechtlicher wie privater Sender unter anderem auch für das Magazin „Polylux“. Als Autorin, Cutterin und Videojournalistin hat sie für die UFA das Web-TV-Format „Juh-Show“ mit entwickelt. Henning Schulze, ein anderer Labor-Mitarbeiter, hat die journalistische Grundausbildung als Videojournalist beim Lokal-Sender Hamburg 1 durchlaufen, Beiträge für das Regionalprogramm von Sat.1 produziert und auch schon für Agenturen und Produzenten aus dem Bereich Neue Medien gearbeitet. Beide haben ihr Handwerk schon gelernt, bringen Erfahrung mit, suchen aber neue Herausforderungen, die sie in den alltäglichen Redaktions- und Produktionsroutinen nur selten finden können. Eine „Horizonterweiterung“ verspricht sich Schulze, der einen Reiz darin sieht, innovative Erzählformen zu entwickeln, die vor allem auch durch die Interaktivität angestoßen werden und sich fortschreiben.
Erzählstrukturen bekannter Erfolgs-Soaps wie GZSZ lassen sich nicht 1:1 in die Bewegtbild-Welt des Internets übertragen, ist er überzeugt, für diese Nutzer müsse ein passendes Format komplett neu erfunden werden. Spannend findet er, dass er im Lab den Freiraum genießt, in alle Richtungen zu gehen, eben nicht, wie bisher, nur TV-Beiträge zu schaffen. sondern nun an der Gestaltung einer Spiele-Funktionalität oder an einer Webserie mitzuwirken, die sich als eigenes Plattform-Format im Web inszeniert. Auch Banse sieht in dem Experimentierfeld des Labs die Chance, für einige Monate einmal in einem Projekte bezogenen Umfeld, alles das auszuprobieren, was sonst im Produktionsalltag nicht geht. Innovative Konzepte sieht sie vor allem in den kontextuellen Nahtstellen aus narrativen Erzählformen, Daten-Visualisierungen und interaktiven Strukturen.

Große Projektvielfalt
Derzeit laufen im UFA Lab bereits mehr als 50 Projekte, erklärt Bornemann. „Wir haben hier eine hohe Aufmerksamkeit. Das ist jetzt der Punkt, wo wir uns fokussieren und konzentrieren müssen.“ Das Portfolio reicht von innovativen dreiminütigen Folgen für Websereien, Bewegtbild-Apps und Games für das Apple-iPhone und -iPad oder 3D-Inhalte-Prototypen für die T-Labs.
Gearbeitet wird im Lab auch an einer crossmedialen Formatstruktur für einen großen TV-Sender, angefangen von der originären Filmidee, die in den digitalen Medien begleitet, fortgeschrieben und weiter entwickelt wird. Die klassischen Sender suchen kontinuierlich nach Szenarien, um neue Nutzergruppen in den Bewegbildwelten des Webs zu erreichen. Ebenfalls im Laborstadium befinden sich Nutzungskonzepte, die Gaming-Plattformen und -Technologien mit Erzählinhalten verknüpfen sowie für das iPad von Apple. Ein ambitioniertes Projekt steht unter anderem mit Hilfe der UFA Lab Partner an. Geschaffen werden soll eine Plattform, auf der ein jeder seine persönlichen Erinnerungen und Erlebnisse zu einem historischen Ereignis wie zum Beispiel den Mauerfall und die Wiedervereinigung hochladen kann: in Form von Texten, Fotos, Videos oder auch Audiodateien. Bornemann denkt daran, bei diesem Projekt mit Bildungseinrichtungen eng zusammen zu arbeiten. Weil dadurch auch eine historische und medienpädagogische Begleitung gegeben ist, die auch zur Vermittlung von Medienkompetenz dient. Das Web als ein großes Netzwerk von individuellen Erinnerungen. Hier schließt sich ein Kreis. Zukunft trifft Vergangenheit – die Zeiten, als es noch keine Medien gab und die Menschen die Ereignisse und Erlebnisse noch unmittelbar unter-einander weiter trugen. Bernd Jetschin (MB 05/10)

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